Ausgabe 
11.12.1912
 
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Nopserkden HerzönZ a6> tun zu fehien, VV sie ihre Türe öffnen würve. Augenscheinlich nicht. Doch als ich immer noch stehen blieb, horte ich endlich den Schlüssel drehen, und «rauf den Klang eines gemessenen, aber beschleunigten Schritts auf dem Gange. Rasch eilte ich ans meinem Schlupfwinkel und kam gerade noch rechtzeitig auf den Hauptgang, nm Fräulein Murray auf der Meppe verschwind den $n sehen. Nunmehr war ich befriedigt und wollte ihr eben folgen, da bemerkte ich zu meinem Erstaunen Dutton in der Türe, durch die sie eben hinausgegangen war; er starrte verwunderten Micks auf den Boden.

Sie hat die Briefe nicht aufgehoben, rief er erstaunt Ms. Sie ist sogar darauf getreten. Was soll ich jetzt tun? Hab' noch nie so was Merkwürdiges erlebt!

Dann tragen Sie sie ins kleine Boudoir über deut Hauptportal, Ivies ich ihn. an. Herr Sinclair ist dort, und wemr sie ihn nicht gleich dort aufsruht, so wird sie es sicher i n Bälde Lun.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm Dutton die Briefe an sich und ging zur Treppe.

Hier wollte ich mm das Ergebnis abwarten. Ich fühlte mich derart erschöpft, daß ich mich verwundert fragte, wie lange ich noch diesen Wechsel der Gefühle und die fort- loährend sich wiederholenden Pansen anstrengendsten Har­rens und Bangens würde aushalten können. Um meinen eigene» quälenden Gedanken zu entgehen oder möglicher­weise um irgend' eine Idee davon zu erhalten, wie Dorothea diese Prüfungszeit erduldete, die beinahe meine eigene .Selbstbeherrschung zugrunde richtete, schickte ich mich an, Mnunterzilgeheu. Wie groß !oar mein Erstaunen, als ich am kleinen Boudoir im zweiten Stocke vorüberging unb durch seine weitgeöffnete Türe erkannte, daß das Zimmer leer sei. Entweder war demnach die Unterredung zwischen Sinclair und Gilbertine nur von sehr iürzer Dauer ge­wesen, oder hatte sie überhaupt noch nicht stattgesunden. Mit einem von Borahnungen beschwerten Herzen suchte ich dies nicht länger zu erraten, sondern begab mich vollends hinunter und kam gerade auf der untersten Stufe her Treppe an, als ein halbes Dutzend Mädchen von verschie­denen Teilen der Diele auf die gewichttige Gestalt Herrn -Armstrongs zueilten, der eben aus seinen: kleinen Privat­zimmer hieraustrat.

Sie bestürmten ihn von allen Saiten mit Fragen. Mit einer gutmütigen Handbewegung wehrte er sie ab und sprach, seine Stimme erhebend, zu den versammelten Gästen:

Fräulein Murray hat entschieden, daß es unter den gegebene:: Umständen klüger für sie.sein wird, die Feier rhrer Hochzeit auf einige Zeit hinauszuschieben. Auch soll sie an einen: Orte stattfinden, der keine so traurigen Er- innerungen weckt. Soeben wurde an den Bischof ein Tele- gramm dieses Inhalts abgesaudt, und trotzdem wir alle von dieser Entscheidung in Mitleidenschaft gezogen werden, bin ich überzevdgt, daß sich, niemand unter den Anwesenden befindet, der nicht die .Berechtigung ihres Entschlusses entsteht.

Als er eben schloß, erschien Gilbertine hinter ihm. Im selben Augenblick bemerkte ich, wie Sinclairs Auge aus einer Ecke des Zimmers jenseits der Diele hervorglänzte, pder ich glaubte dies wenigstens zu sehen. Aber ich. konnte nnch nicht von der Richtigkeit meiner Beobachtung über­zeuget:, da Gilbertines Benehn:ei: und Miene meine volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Mit allerlei nicht näher defmierbareu Gefühlen beobachtete ich sie, wie sie sich einer: Weg. durch die Menge ihrer Freunde bahnte, in einer ge­hobenen Stimmung, die sie blind gegen ihre arrsgestrecktei: Hände und taub gegen das Murmeln des Interesses unb der Sympathie machte, das sie instinktiv- verfolgte. Sie ging ans die Treppe zu; und welcher Art ihre Gedanken, und ihre Stimmung fein mochten, sie bewegte sich prächtig vorwärts, in ihrer bleichen, doch scheinbar glänzenden Er­scheinung. Ich folgte ihr .ganz gefesselt mit dem Blicke; gls sre indes die letzte Gruppe verließ und den kleiner: viereckigen Teppich kreuzte, der uns allein noch trennte, wandte ich mich beiseite, da ich fühlte, daß es grausam für sie und fast unerträglich für mich sein müßte, in dieser Stunde ihrem Blick zu begegnen, ohne zu wissen, was zwischen ihr und Sinclair vorgegangeu war.

Sie bemerkte die Bewegung und schien einen Augen­blick zu zaudern, daun wandte sie sich einen kurzen Moment nach der Richtung, wo ich stand, und lächelte. Großer

Gott! so konnte nur eine Unschuldige lächeln ! So schnell es über ihr^ Gesicht huschte, so war doch der Stolz, die liebst liche, Sicherheit und die Freude, die darin lag, unzweh- deutig. Ich hatte ein. Gefühl, als sollte ich- in meiner! Erleichterung zu Sinclair eitet:, aber es blieb n:ir keine Zeit dafür übrig; eine andere Türe unten auf der Diele tvar aufgegangen, eine andere Person hatte die Szene be­treten, und Fräulein Murray'erkannte so gut wie ich selbst gus der Aufmerksamkeit, mit de: augenblicklich jedermann nach jener Seite blickte, daß etwas von noch größerer Be- deutnng unser harrte.

Herr Armstrong und' meine Dante::! begann der Fremde; denn daß es ein Fremder war, erkannte ich so­fort an der studierten Fraglichkeit seiner Verbeugung. Ich habe eine kleine Untersuchung angestellt in der kurzen Zeit, seitdem ich angekontmen bin, und ich fand, daß in diesem Hause sich eine junge Dame befindet, die mir besser als irgend sonst jemand mitteilen könnte, unter welchen Um­ständen Frau Lansing verschieden ist. Ich. spiele hiebei auf ihre Mchte an, die in: anstoßenden Zimmer schlief. Ist diese junge Dame hier? Sie heißt, wenn ich mich recht erinnere, Fräulein Eamerden Fräulein Dorothea Cam erden.

Eine ve>rneineirde Bewegung lief von einer Gruppe zur anderen. Während niemand nach der Bibliothek, aber einige nach oben blicktet:, hätte ich die kühne Befürchttmg! oder war es Hoffnung, Dorothea mochte ihren Namen Höven, aus dem Palmengurtett herauskommen und stolz dem Redner das gunze Unrecht seines verdächtigenden Gebarens ins Antlitz schleudern. Mer Dorothea erschien nicht. Im Gegenteil, es war Gilbertine, die sich nmwandte und in einer gebieterischen Haltung, auf die niemand vorbereitet war, mit vor Erregung bebender Stinune fragte:

Hat dieser Herr das offizielle Recht, zu fragen, wer bei meiner Tante war, als sie starb, und! wer nicht?

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer der Brigadier Gerard.

Bon C. Doyle.

(Fortsetzung.)

Wie sich der Brigadier seine Medaille holte.

Der Herzog von Tarent, oder Macdonald, wie seine alten Kameraden ihn nanntet:, befand sich augenblicklich in der abscheu­lichsten Laune. Sein grimmiges Schotteitgesicht erinnerte stark an einen jener grotesken Türk'lopser, welche man an der Vor­stadt St. Antoine zu sehen bekommt. Wie wir später erführen-, hatte der Kaiser scherzweise zu ihn: gesagt, er würde ihn gern gegen Wellington geschickt haben, könnte ihm' aber nicht quer über den Weg trauen. Wir beide, der Ma;or Charpentier und ich, bemerkten gar wohl, wie ihn die innerliche Wut beinahe verzehrte.

Der Brigadier Gerard von den Hüsaven?" fragte er mit der Miene eines Feldwebels, der seine Rekruten vor sich hot.

Ich salutierte.

.Der Major Charpentier von den Grenadieren?"

Wein Gefährte bejahte.

Der Kaiser hat einen Auftrag für Luch!"

Ohne weitere Umstände öffnete er die Tür, um uns anz-u- ntelden.

Ich habe Napoleon Wohl zehnmal häufiger zu Pferde als Ku Fuß gesehen und meine, er tat wohl daran, sich seinen Truppen in dieser Weise zu präsentieren, denn im Sattel gab er eine sehr gute Figur ab. Wie wir ihn jetzt sahen, war er um eine gute Handbreit kleiner, als einer von uns sechs im Zimmer, und doch bin ich selbst Tein sehr großer Manu, wenn auch immer noch ziemlich groß, für einen Husaren. Dazu kam noch, daß fein Oberkörper zu lang für seine Beine war. Wer ihn mit den ge­krümmten Schultern, den: große:: Kopse und glattrasierten Ge- sichite zum ersten Male sah, mochte wohl, versucht sein, ihn eher für einen Professor an der Universität, als für den ersten Soldaten Frankreichs zu halten. Jedermann nach seinem Geschmacke, aber ich sollte meinen, es wäre eine große Verbesserung genieselt, wem: man ihn: einen schönen, lichten Schnurrbart hätte auzaubern können,so ungefähr, wie mein eigener. Aber er besaß einen energischen Mund, und seine Augen waren wunderbar. Und ich muß das am besten wissen ich hübe sie ein einziges Mal nn! Zorne auf mich gerichtet gesehen und habe Zeit meines Lebens genug daran gehübt, obgleich es kein leichtes Ding war, mir Furcht emzuflößen.

Er stand eben an der Wand und blickte aus eine große Land- tarte, bte dort aufgehängt war. Neben ihm befand sich Bert hier und schaute klug darein; aber in deml Montente, da wir eintraten, entrtß thm Napoleon seinen Degen und deutete damit an! der