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Men, Hatte mich Jeanine jemals" geliebt? Damals "hoffte ich es — totb wir waren beide jung!
Ein unbedeutender Streit trennte uns" plötzlich,- ich fuhr erbittert fort und habe Jeanine nie wiedergesehen.
Um den Tisch herum, an "dem Jeanine saß und arbeitete, standen schwere Gartensessel. Von Zeit zu Zeit strich das Mädchen lachend die blonden Haare zurück, die sich eigenwillig um die Stirne krausten. Wie anmutig war die Gebärde, wie zierlich die Hand!
. Ich war am Tage vor meiner Abreise besonders reizbar gewesen und hatte ihr harte Worte gesagt. Ihr Schweigen erbitterte mich noch mehr; rauh griff ich nach ihrer Hand. Jeanine stand rot vor Empörung auf; sie warf mir zischend ein „Feigling!" rns Gesicht. Ich hatte ihr nicht wehe tun wollen — die Eifersucht — der Schmerz über die bevorstehende Trennung —
Ich hätte über ihre Empörung lachen sollen; aber ich war jung ■— zu jung! Wütend warf ich meinen Sessel zur Erde.
Jugendeseleien — holde Jugendtorheit! Hätte ich sie wahrhaft geliebt, wir wären nicht unversöhnt geschieden! Ich wäre, als ich bald darauf den Tod Frau Durandhs, ihrer Tante, erfuhr, zu ihr geeilt. Wie deutlich ich das alles noch vor mir sehe; jetzt, nach vollen fünfzehn Jahren!
„Heben Sie den Sessel aus!" sagte Jeanine, und ihr Mund zückte. Ich schwieg und starrte zu Boden.
„Wenn Sie sich nicht augenblicklich wegen Ihres unerhörten Benehmens entschuldigen und den Sessel aufheben, sind wir geschiedene Leute!"
Ich lachte höhnisch; ein hölzernes, gezwungenes Lachen. Sie stürmte an mir vorbei, dem Hause zu.
Am nächsten Morgen fuhr ich nach Paris zurück. Ich verabschiedete mich von meiner Wirtin und reichte Jeanine kalt die Hand. •
„Auf Wiedersehen, gnädiges Fräulein!"
„Auf Wiedersehen!"
Wie lange ist das schon her! Oft ünd oft an einsam-trüben Abenden habe ich gedacht, daß ich "heute — vielleicht — schon längst glücklicher Gatte und Vater wäre, hätte ich mich damals gebückt, um den Sessel aufzuheben.
Seltsam, wie das Leben mit den Menschen spielt! — —
Wir waren bis ans Ende des Parks gekommen, und ich wendete mich an meine rundliche Begleiterin:
„War nicht früher hier herum ein Laubgang?"
„Ja — ich glaube —"
>,Darf man auch den sehen?"
„Oh — der dürfte kaum mehr zugänglich sein!"
Ich bog mit Mühe zähe Zweige zur Seite, trat auf mannshohes Unkraut und Haufen trockenes Holzes. Das reine Dorn- röschenschloß. Die Frau folgte mir schweigend, sie wollte dem sonderbaren, aber offenbar sehr erwünschten Käufer nicht zuwider sein.
Da war ja auch der Laubgang!
Die Erde mit dichtem Moose bedeckt, der Tisch von zähem Efeu überwuchert. Und dort, auf der Erde ■— mir stockte der Atem — lag ein unförmliches Etwas, von tausend Schlingpflanzen umstrickt. Mein Herz klopfte rasend, ich beugte mich hinunter — er war es >— es war der unglückliche Sefsel!
Noch liegt er dort, wohin ihn mein zorniger Arm warf — fünfzehn Jahre ist's her! Das Eisen verrostet, eine fleckig braune Farbe überzieht die Stäbe. Efeu rankt sich um Füße und Lehne. Seit fünfzehn Jahren hat niemand mehr den Laubgang betreten. Der jähe Tod der Frau Durandy — die Streitigkeiten der Erben ■— das Schloß wurde verlassen — nur die Gebäude vor dem Verfall geschützt — ja, so läßt es sich erklären! ;
Ich starre schweigend auf den stummen Zeugen meiner ersten Liebe — meiner Torheit — hernieder. Vergebens versuche ich meiner Begleiterung eine Erklärung meines Benehmens zu geben. Aber auch sie ist merkwürdig erregt und fixiert mich anhaltend, erstaunt.
Wieder sehe ich meine kleine Jeanine vor mir. Ich bin eben zwanzig geworden, sie knapp sechzehn. Ich greife rauh nach ihrer Hand. Sie springt empört auf: „Wenü Sie diesen Sessel nicht aufheben und sofort "Ihr unerhörtes Benehmen entschuldigen, dann sind wir geschiedene Leute!"
„Wollen wir nicht weiter?" fragt die kleine Frau an meiner Seite.
Ihre Stimme zittert, ihre Angen trüben sich. Mechanisch hebt sie die Hand und streicht das blonde, krause Haar aus des Stirne.
„Wenn es" jetzt gefällig wäre —
Ich hasche nach ihren Händen. Leise, reumutig bitte ich: „Verzeih' mir, Jeanine, vergib!"
Die kleine Frau flüstert: „Sie sind — du bist es — du!
Die Kehle ist mir wie zugeschnürt. Auch fte hat nnch erkannt — auch sie! Aber keiner von uns beiden findet das ev- lösende Wort.
Schweigend beuge ich mich nieder, schiebe den Efeu zur Seite Itnb fasse die Lehne des Sessels, Er scheint im Boden zu wurzelst.
Ich rüttle, ich reiße — vergeblich" — zu lange ist's her — ’iit lange!
»Laß es gut "sein!" sagte Jeanine müde. „Das ist vorbei!"
Tor, ber. ich war, zu glauben, baß ich wieber aufheben konnte, was ich vor fünfzehn langen Jahren verwarft
wie Amundsen feinen Kameraden dar Siel seiner Expedition nach dem Südpole mitteilte.
Als Roalb Ainunbsen im Mai bes Jahres 1910 mit der „Fram" Norwegen verließ, ahnte die Welt nicht, daß diese Unternehmung hur Entdeckung, des Südpoles führen sollte. Ein anderes Ziel der Expedition war öffentlich angegeben worden, und außer Amundsen selbst wußte nur sein Bruder und der Erste Offizier der „Fram" um das große Geheimnis. Aber um so mehr verlangte es Amundsen, die Kameraden, die er auf der nicht leichten Fahrt durch den Kanal und dann Bei der Reise südwärts als durchaus zuverlässige und wackere Männer erfunden hatte, über das wahre Ziel der Expedition aufzuklären.
Diese Stunde schlug erst, als der Besuch von Madeira — wo die Expedition zum letzten Male an Land ging, bevor sie am' Rande der großen südpolaren Eisplatte ankerte — hinter ihnen lag.. Der Verlag von I. F. Lehmann in München, der Amundsens hochinteressantes Reisewert „Die Eroberung des Südpols" vorbereitet, hat uns freundlichst die hübsche Erzählung Amundsens, wie er seinen Kameraden die Wahrheit über das erstrebte Ziel eröffnete, zur Verfügung gestellt. Es war am Nachmittage des 9. September 1910; die „Fram" war endlich von allen handelslustigen Gesellen, die sie umschwärmten und umwarben, gesäubert und außer der Expeditionsmannschaft war nur noch Amundsens Bruder an Bord. „Nachdem wir uns (so erzählt Roald Amundsen) so von der Außenwelt vollständig abgeschlossen hatten, war nun auch der langersehnte Augenblick gekommen, wo ich meinen Kameraden den nun schon ein Jahr alten Entschluß, nach dem Süden zu fahren, mitteilen konnte. Ich glaube, daß alle, die an Bord waren, noch lange jenes heißen Nachmittags auf der Reede von Funchal gedenken werden. Alle Mann tourbeit auf Deck gerufen. An was sie gerabe dachten, weiß ich nicht, aber es wird wohl kaum die Antarktis oder der Südpol gewesen sein. Leutnant Nilsen brachte eine große zusammengerollte Karte mit, und ich benterkte, daß diese Karte manchen fragenden Blick auf sich lenkte.
Viele Worte brauchte ich nicht zu machen, bis jeder einzeln^ begriffen hatte, von welcher Seite der Wind blies und welchen Kurs wir von nun an steuern würden. Dann entfaltete der erste Offizier seine Karte der südlichen Halbkugel, und ich legte in großen allgemeinen Zügen den erweiterten Plan dar, mitsamt meinen Gründen, warum ich ihn bis zu diesem Tage so sorgfältig ver- schwiegen hatte. Von Zeit zu Zeit beobachtete ich verstohlen den Ausdruck der Gesichter. Zuerst drückten alle, wie zu erwarten gewesen war, nur das unzweideutigste Erstaunen aus; aber dieser Ausdruck machte bald einem andern Platz, und noch ehe ich ausgeredet hatte, strahlten alle vor Freude. Ich hegte nun keinen Zweifel mehr über die Antwort, die ich bekommen würde, wenn ich nachher jeden einzelnen fragen würde, ob er mitgehen wolle, und als die Namen aufgerufen wurden, hatte auch richtig jeder.Mann sein „Ja" fix und fertig. Obgleich ich, wie schon erwähnt, nichts anderes erwartet hatte, wird es mir doch schwer, die Freude zu beschreiben, die mein Herz erfüllte, als sich meine Genossen bei dieser wichtigen Veranlassung so bereitwillig in meinen Dienst stellten. Uebrigens war ich augenscheinlich nicht der einzige, der vergnügt war. Es herrschte an jenem Abend so viel Leben nnd Frohsinn an Bord, daß man eher hätte denken können, wir hätten unsere Aufgabe schon glücklich hinter uns, als daß sie, kaum begonnen, noch vor uns liege.
Vorläufig hatten wir freilich nicht viel Zeit, die große Sache zu erörtern, denn jetzt galt es in erster Linie, das Schiff klar zu machen. Später hatten wir ja dann für diese Besprechung est viele Monate vor uns. Es wurde eine ^rist von zwei Stunden gesetzt, in der jeder den Seinen zu Hause mitt eilen konnte, was sich ereignet hatte. Diese Briese wurden gewiß nicht sonderlich umfangreich, jedenfalls aber waren sie zur gegebenen Zeit fertig. Tie eingesammelte Post wurde meinem Bruder übergeben, der sie mit nach Christiania nahm un.d von dort an ihre verschiedenen Bestimmungsorte weiterbeförderte. Tas geschah jedoch erst, nach- bem die Veränderung unseres Plans der Oeffentlichkeit durch die Presse mitgeteilt worden war. , . r
Meinen Gejährten die Neuigkeit mitzuteilen, war ja nun nicht schwierig gewesen, und es hätte ihr^auch keine bessere Aufnahme zuteil werden können; eine andere Frage aber war, was man tn der Heimat dazu sagen würde, wenn die Nachricht bekannt wurde? Später erfuhren wir, daß dabei gute und böse Worte gefallen waren In jenem Augenblick konnten wir uns jedoch mcht lehr um diese Seite der Sache kümmern. . Mein Bruder hatte es uber- nommen, den Leuten mitzuteilen, wohin wir den Weg genommen hätten, und ich beneidete ihn nicht um diese Aufgabe. Nachdem wir ihm alle zum letztenmal kräftig die Hand geschüttelt hatten, verließ er das Schiff, — damit war unsere Verbindung mit der geschäftigen Welt abgebrochen und wir auf uns selbst gestellt. Aber es soll sich doch niemand einbilden, daß uns unsere Lage sonderlich bedrückt hatte. Unsere große Reise wurde angetieten, als ginge es zum Tanz, und von der mehr oder minder gedruckten


