Ausgabe 
11.9.1912
 
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Und auch Wamberg hatte ja nicht den leisesten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern über die Schranken Pflicht- Mäßiger Liebenswürdigkeit des geladenen Gastes hm-

J Das Feuerwerk bedeutete den Schluß des Abends das war ja klar.

Noch eine halbe Stunde wurden die Gaste beim Bier verweilen... dann war's zu Ende... dann würden die Herren aus dem Dorf sich in ihre Quartiere zuruckbegeben; denn morgen stand ein heißer Tag in Aussicht: das ganze Armeekorps gegen den markierten Feind, morgen abend Biwak des ganzen Korps ...

Morgen abend inr Biwak wurden die Herren sehr er­müdet und schonungsbedürftig sein... Fritz hatte sich den Besuch der Damen ausdrücklich verbeten ...

Und übermorgen Manöverschluß, Entlassung der Re­serveoffiziere auf dem Uebungsseld, Rückfahrt in die Heimat aus dem kürzesten Wege... . .

Also es war wirklich zu En'de.m einer halben stunde ... unwiderruflich zu Ende...

Ihr grauste '---

Und ihre Freundinnen ... wo steckten die? Seit einer halben Stunde verschwunden! natürlich beim Flirt!

Glückliche. Kinder, die noch wählen durfteii... die noch eine Zukunft hatten... iioch hoffen konnten auf ein Leben zu zweien, in dem man zusammenwachsen würde zu immer tieferenr Durchdringen ... iminer innigerem Verstehen...

Cäcilie fror

Sie schauerte plötzlich zusammen, so heftig, daß der Oberst, der neben ihr stand, sich überrascht zu ihr neigte.

Gnädige Frau, Sie sollten sich in acht nehmen es ist nicht Mehr Sommer! Sie finb zu leicht gekleidet! Es kommt verdammt kühl von den Bergen herunter!"

Die Leutnants drängten sich heran, bereit, der Haus­frau eine wärmende Umhüllung zu holen.

Danke Ihnen tausendmal, meine Herren, Sie würden doch nicht finden, was ich brauche! Uebrigens muß ich Mich ohnehin 'mal um die Damen bekümmern ich weiß gar nicht, 'wo die eigentlich stecken! Verzeihen Sie einen Moment, meine Herren!"

Gott sei Dank, daß sich ein Anlaß sand, einen Augen­blick zu verschwinden! 'Nur ein paar Minuten allein sein... nur rasch einmal die schmerzende Stirn, die bren­nenden Lider 'mit einem feuchten Tuch kühlen... nur ein paar Minuten still im Dunkeln sitzen und die Augen schließen ...allein sein... ganz allein...

Cäcilie schritt durch den Speisesaal, wo die drei dienst­freien Burschen leise mit den beiden Mädchen schwatzten, befahl, daß Bier herumgereicht werden solle, und stieg lang­sam, schleppenden Schritts, zum Oberstock empor.

Es trieb sie, sich langhin aufs Bett zu werfen und den Kopf tief, tief in die Kissen hineinzuwühlen.

Mit müdem Griff öffnete sie die Klinke zu ihres Maunes Zimmer und fuhr nervös zusammen, als statt der erwarteten Dunkelheit der volle Glanz des elektrischen Lüsters ihr entgegenströmte, der sie für einen Augenblick blendete.

Natürlich hab' ich vergessen, das Licht auszudrehen vor­hin, dachte 'sie und griff mechanisch nach dem Schalter rechts von der Tür

Auf einmal fuhr zur Linken aus der Tiefe des Klub­sessels in der Nische die Gestalt eines Mannes empor...

Martin und 'Cäcilie standen einander gegenüber...

Starr standen sie beide... beider Augen schlossen sich einen Augenblick lang...

Noch hier Herr Flamberg?" sagte Cäcilie matt und heiser.

Wie Sie sehn, gnädige Frau...!"

Sie... legen keinen Wert auf das Feuerwerk :?"

Nur ein 'zuckendes Lächeln, eine entschuldigende Hand­bewegung brachte Martin zustande.

Und Sie, gnädige Frau?"

Ich ... ich wollte mich einen Augenblick ausruhn!"

"Nein ... nicht... ich hab' Sie hent ja noch gar nicht recht begrüßt... Sie sind mir ja... förmlich ausgewichen.."

Sie mir 'nicht, gnädige Frau?"

Cäcilie senkte die Augen und schwieg.

Durch die halbe Zimmerbreite getrennt, standen d.ie beiden Menschen 'regungslos... >,

Das Knattern des Feuerwerks draußen schwieg ... ma­gisch leuchtete das ruhige Licht bengalischer Flammen'au'

in den Gartcnboskctts und zeigte das Ende des bunten Schauspiels an.

In unverwelklicher Glorie thronte droben Martin Flam­bergs Bild... Unergründlich tief und ruhevoll schauten die Augen des gemalten Weibes da droben hernieder aus die zitternde Hand, die schweratmende Brust seines lebenden Ur­bilds drunten, auf die znsammengepreßten Lippen, die straffi angespannte Gestalt seines Schöpfers...

Leben Sie wohl, Martin 'Flamberg" flüsterte Cäcilie.

Tief gesenkten Hauptes wandte sie sich zur Tür des Ehegemachs.

Cäcilie!" schrie Martin auf.

Da zuckte sie jäh zusammen... staüd mit hängenden! Armen abgewandt einen Augenblick...

Dann kam der Sturm, warf ihre Leiber zusammen, stieß ihre Lippen zusammen ...

Und wie sie sich küßten, da hatte jedes von ihnen Pi6 Vision eines bleichen, todesstarren Menschenangesichts.

Cäcilie sah Fritz, wie sie ihn gesehen hatte im Traum der vorletzten Nacht, im Manöveranzug, die Linke aus die Brust gepreßt, 'ein zähes Naß rieselnd zwischen den braun­behandschuhten Fingern hindurch...

Und Martin war's, als hielte er Agathe im Arm wie beim letzten Wiedersehn daheim, als sie sich leise stöhnend an seine Brust geworfen hatte... jetzt aber erstarrte, ,er- kaltete sie an seinem Herzen... schwand hin... sank in sich zusammen... eine jählings welkende bleiche Rose...

Mit einem wilden Schluchzen befreite sich Cäcilie aus Martins Arm.

Leb wohl, Martin... leb wohl"

Sie hastete zur Tür, ihre Röcke raschelten... aus dem' Dunkel des Nebenzimmers blinkten die gelben Messing­stangen, und der weiße Spitzenhimmel...

Die Tür fiel ins Schloß.

Und Martin strich mit dem Handrücken über die Stirn... kalte Tropfen standen daraus...

Dann wandte er sich bewußtlos der Korridortür zu... seine Schritte wurden Flucht... er riß die Tür auf und prallte im Rahmen mit Fritz von Brandeis zusammen, (Fortsetzung folgt.)

Der §essel.

Skizze von Louis R o u b a u d.

Einzig berechtigte Uebertragung von G- K a tz.

Die Besitzung ist zu verkaufen?"

Ja, mein Herr!"

Ich möchte sie gern ansehen!

Ich kann Sie herumführcn, wenn Sie wünschen!

Ich dachte, Herr Derbay ..." .

Jawohl, mein Mann ist berechtigt, einen etwaigen Kauf abzuschließen. Er ist eben mit dem Gärtner in die scheuer ge­gangen, muß aber bald zurückkommen. Wenn Sie sich die Sache inzwischen ansehen wollen..." , _

Die kleine, rundliche Frau, halb Bauerm, halb Dame, war aus dem Gärtnerhäuschen zu mir getreten.

Das Schloß scheint unbewohnt?" fragte ich- r

Ja, seit etwa fünfzehn Jahren! Es ist an mehrere Erbest gefallen, die sich nicht recht vertragen konntest.. Mer die Bast- lichkeiten sind gut imstande."

Fünfzehn Jahre! Damals war ich Gast der Frau Durandh gewesen, der Schloß und Park zugehörte. Unter diesen schattigen Bäumen habe ich viele glückliche Tage verlebt. Jetzt ist das emst so leuchtend gestrichene Gitter farblos, die Blumeneinfas ung der Beete verwildert; in den Mleen wächst Gras, Efeu und Klematis wuchert auf morschenden Stämmen. Die Terrasse gleicht emer Wiese, die Gartenmöbel sind zerfallen. Das Bassin ist ohne Wasser. Da stehen auch noch die leeren Kübel( Wo sind die mach?- tigen Oleander hin? Nur der Heine Fußweg unter den Lmdest ist erhalten geblieben.

Kein Mensch scheint seit fünfzehn Jahren den Fuß hierher g« setzt zu haben. Und die rastlos schaffende Natur hat Park und Garten umgestaltet. Was Menschenwerk war, ist vermodert, dw Mauern gestürzt, die Wege zerstört. Jetzt graben sie sich gleich feinen Runzeln in das Gras.

Hier hinaus?" _ <

Der Weg führt nirgends hm; Wenn Sie aber wimschen.- ,* Ich weiß es besser; weiß wohl, wohin dieser Weg fuhrt! Oh, wie genau entsinne ich mich noch seiner! Dort, hinter den Hecken, im ßaubgang saß Jeanine jeden Nachmittag mit ihrer Stickerei, und ich saß neben ihr und las ihr vor. Wv ist U« hingekommen? Was ist -ans ihr geworden?

Ein Hauch der Vergangenheit umschwebt diesen Laubgang, Dort glaubte ich einst, eine Gefährtin fürs; Leben gefunden zu