Ausgabe 
11.1.1912
 
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Donnerstag den Januar

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Glückslasten.

Bl'onian von Hanns von ZoboltiK. (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.)

Diese infame Bock mit der goldenen Leibbinde wollte auch gar nicht brennen.

Er hielt die Zigarre in der Hand und betrachtete sie. Völlig schief war sie gebrannt, und auf der einen Seite kohlte das Feuer durch das Deckblatt. Kam nämlich vom unaufmerksamen Rauchen. Früher brannte eine der Achtpfennig-Skinkadores-Kanaillvres-Minorcs glatt bis zum Schluß. Jawohl, man war eben hübsch bei der Sache und gewann gerade ans dem letzten Stümpflein noch seine besonderen Reize. Jetzt lenkten diese ewigen dummen Ge­danken die Achtsamkeit selbst vom elenden Doback ab.

Da drüben, mitten auf dem gräßlichen Aktenstoß, lag Viktor Kalteneggs Brief ...

Dieser Bengel! Nichts als Aerger hatte man von ihm, solange inan ihn kannte. Und das Aergerlichste war: gern hatte inan ihn dennoch. Zu gern lieb hatte inan ihn! Diesen frischen hübschen Jungen mit den glänzenden Blau­augen, aus denen so viel beneidenswerte, Tatfreudigkeit sprach. Diesen herzensguten, grundanständigen Menschen, der, ohne auch nur einen Moment zu zögern, seine ganze Laufbahn hinter sich geworfen hatte. Um Signes willen

Kenn einer Signe aus!

Den ganzen Vormittag über schleppte der Major den einen Gedanken mit sich herum. Er tauchte unter, er kam immer wieder nach oben. Wenn man ihn zurückdrängte, stets taiichte er von neuem auf.

Es half ja nichts. Schließlich mußte Signe selbst ent­scheiden. Entscheiden ja, und das war das Fatalste: zugunsten von dem armen braven Jungen entschied sie kaum. Freilich, kenn einer die Signe aus. . .>

Der Major sog und zog noch ein Weilchen an seiner Importe. In der hoffnungsvollen Erwartung, es möchte, könnte ihm doch ein guter Einfall kommen. In der ver­steckten Feigheit vor dem Entschluß,

Dann sprang er auf und schellte und ließ die Tochter zu sich bitten. Aber Signe war ausgefahren. Anstatt ihrer kam Eberhard. Natürlich wieder in Zivil. Wie aus der Modezeitnng herausgeschnitten. Ganz kurzes, enges, graues Jackett, rotes Hemd, rotseidene Krawatte um den mordshvhen Stehkragen, gelbe Stiefel. Man sah den Jungen im Elternhause kaum uoch anders als in Zrvrl, und jedesmal ärgerte sich der Major. Es war doch nun 6unncil fttcng verboten. StnSbriicEIic^er ocfcf)! be^ Und jedesmal dachte er auch daran, daß er als junger Dachs wohl manchmal im Kleide des friedlichen Burgers ausgegangen war, aber ganz heimlich, ganz verstohlen. Ganz ausnahmsweise. Und zu dritt hatten sre einen Ueber-

zieher gehabt, der reihum seine Dienste tun mutzte.Rauck bernvil" trug der liebe Leutnant damals, heilte markierte er den Gigerl.

Na, Eberhard, hoffentlich sperrt dich der Oberst end­lich einmal ein."

Eberhard lachte über das ganze hübsche Gesicht.Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn," meinte er und setzte sich an den Schreibtisch, während Vater un­ruhig aus- und abgtng.Du lebst immer noch in den Vorstellungen von Anno dazumal, lieber Papa. Verzech! So wie die Verhältnisse jetzt liegen, kann man sich Heer in Berlin ja kaum noch in Uniform bewegen, ohne sich irgend einer frechen Rempelei auszusetzen."

Ach Unsinn. Den Rock Seiner Majestät respebj tiert jeder. Ihr wollt nur den Engländern nachäffen. Lange wird's nicht dauern, danil zieht ihr gerade noch zum Dienst Uniform an. Der alte Fürdinger hat mtr erzählt, daß bei einem Kavallerieregiment einer der ver­heirateten Herren sogar schon zu einem Balle die Karne-i raden im Frack eingeladen hat."

Und wenn schon. . ." Eberhard halte den rechten! Fuß über das linke Knie geschlagen und besah sich auf­merksam die Spitze des gelben glänzenden Schuhs.Ich will das übrigens nicht gerade verteidigen, Papa." Dann stellte er die Füße wieder gerade, rückte sich den Sessel zurecht, spielte mit den Papieren auf der Schreibttisch-j platte.Darf ich mir eine Zigarette anzünden?"

Nimm dir lieber eine von deinen berühmten Bocks. Da drüben steht die Kiste, gerade vor dir. Ich kann dest süßen Zigareltendnnst nicht leiden."

Danke, alter Herr." Eberhard langte über die Schreib­tischplatte hinweg nach der Zigarrenkiste. Dabei fiel sein Blick auf den Bries Kalteneggs. Er erkannte die Hand-! schrift, und während er die Bock anzündete, sagte er leicht­hin, spöttisch:Was will denn der Klempnermeister? Er toittert wohl Morgenluft."

Eberhard!" Vater war am Mitteltisch stehen, ge­blieben Und fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum. Er schien ernstlich erzürnt.Du solltest dich schämen, Eber­hard. Du weißt recht gut, von Egoismus steckt keine Spur in Kaltenegg. Mitgiftjäger ist er zu allerletzt. Gründe anständiger Kerl war er, ist er. Lies du nur! Mir ist es sehr recht, wenn du den Brief lieft."

Der Sohn blies mit spitzen Lippen das Streichholz ans, /legte es in den Aschenbecher, tat ein paar Züge, lehnte sich weit zurück und las halblaut den Brief:

Hochverehrter Herr von Gudarcza!

Durcb meine Eltern erfuhr ich von dem Umschivung, der, wie sie schreiben, durch eilte unerwartete große Erlch schäft für Sie eingetreten ist. Erlauben Sie mir, Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch auszusprechen. Ich glaube dies ohne Bedenken tun zu dürfen, da es ja kein näherer Verwandter ist, dessen Vermögen Ihnen zufiel.