Ausgabe 
10.10.1912
 
Einzelbild herunterladen

636

Kürze seine Koffer; obenauf lag die Partitur z'u seinem^ Orchester- Werk, von dem er gerade die ersten Sätze vollendet hatte:Gehe aus Deinem Vaterlande und aus Deiner Freundschaft und aus Demes Katers Hause . ,," __________

Kriege aus -er BalkanWbinsel.

Die Balkanhalbinsel ist an Krieg so gewöhnt, dast.eS geradezu ein Wunder ist, wenn sie einige Jahre in friedlicher Entwicklung verlebt. Insurrektionen, räuberische Einsülle, Grenzkümpfe mit Ohren-- und Nafenabschneiden und sonstige blutige Abenteuer sind schon seit Jahr und Tag ettvas Selbstverständliches.

Schwerwiegender als der chronische Kleinkrieg!var der Aufstand der Griechen vom Jahre 1821, da er im folgenden Jahre auf dem Kongrest zu Epidaurus die Unabhängigkeitserklärung herbeiführte. Sechs Jahre später folgte für die Türken der,Krieg mit dem Erb­feinde Rußlands. Schon von 1807 bis 1812 hatten sie mit ihm gekämvft, aber endlich zu Bukarest Friede geschlossen. Rußland erhielt damals als Grenze den Pruth. Nun war der Krieg aufs neue entbrannt. Der russische General Tiebitsch überschritt den Balkan und drang mit fünfzehntausend Mann im August 1829 bis Adrianopel vor. Jedermann in der kleinen Armee freute sich auf den Weitermarsch bis Konstantinopel, aber die Herren Diplomaten legten sich ins Mittel und brachten den Frieden zustande. Die Russen gewannen das Protektorat über Serbien, Moldau, Wal­lachei und die Inseln der Donaumündung. Noch besser schnitten die Griechen ab, denn ihre Unabhängigkeit wurde von der Pforte anerkannt.

Später sind die Türken mit den Russen noch zweimal zu- sanimengestosten. Ihre Gegner haben dabei das Pech gehabt, wohl soldatischen Lorbeer, aber wenig materiellen Nutzen zu ernten. Tie fogenannte orientalische Frage führte zum Krimkriege. Sein Prä­ludium bildeten die Konferenzen zwischen Rußland, Frankreich und der Türkei betreffs des Heiligen Grabes und das Begehren Rußlands nach dem Protektorat über die griechische Kirche in der Türkei. Den Türken, die Rußlands Verlangen schroff ablehnten, erstanden als Bundesgenofsen Franzosen, Sardinier und Eng­länder, alle vom heißen Drange beseelt, der Großmacht des Ostens, hinter deren frommen Wünschen man noch sehr viele weltliche witterte, gründlich den Pelz zu waschen. Das Kriegstheater bil­dete in diesem Falle weniger die Türkei, als die russische Krim. Am 20. September 1854 schlugen die Verbündeten die Russen an der Alma, wonach sie am 9. Oktober desselben Jahres mit der Be­lagerung Sebastopols begannen. Drei russische Entsatzversuche blieben erfolglos, ebenso Pin Sturm der Belagerer. Erst der Sturm vom 8. September 1855, den 63 000 Mann vollführten, und zwar 33 000 Mann unter Mac Mahon gegen den Malakow-TurM, brachte nach blutigem Ringen Sebastopol zu Fall. Elf Monate hatte die Belagerung gedauert. die Festung war ein Trümmer­haufen geworden. Im Pariser Frieden 1856 mußte Rußland auf das Protektorat über die Donausürstentümer Verzicht leisten. Dann rollte 1877 wiederum die Kriegswoge über den.Balkan. Abermals rückten die Russen heran. Ans beiden Seiten wurde heldenmütig gekämpft. Die Verteidigung Pletvnas durch Osman Pascha ist eine ebenso glänzende Waffentat gewesen, wieder hart­näckige Widerstand Radetzkis im Schipka-Pafse und der Uebergang der russischen Armee im Winter über den 1400 Pieter hohen Etropol-Balkan. Am 30. Januar 1878 waren die russischen Heer­säulen bis in die Nähe von Konstantinopel gelangt und wieder gebot die Diplomatie Halt. Tie Türkei kam beim.Berliner Kongreß mit einem blauen Auge davon, mußte Kriegsent­schädigung leisten, die aber jetzt noch nicht völlig getilgt ist, die Dobrudscha abtreten, Zugeständnisse zugunsten Rumäniens und Bulgariens machen, auch Serbien und Montenegro mit einigen Brocken entschädigen, während Rußland herzlich wenig einheimste.

Saunt zwanzig Jahre später zogen türkische Truppen wieder gegen Griechenland. Das Land der Hellenen mußte den leicht­sinnig begonnenen Krieg empfindlich büßen, denn der am.18. Sep­tember 1897 unterzeichnete Präliminarfriede sicherte der Türkei eine Grenzberichtigung und eine Kriegsentschädigung von 75 Mil­lionen Mark. Griechenland wurde auch eine internationale Kontrolle für Verwaltung der zur Verzinsung der älteren.Anleihen und der Kriegsentschädigungsanleihe erforderlichen Einkünfte auf- xrlegt. Daß aber diese bittere Pille lange gewirkt hätte, läßt sich nicht behaupten, denn in Griechenland dauerten, wie in den anderen Balkanländern die Treibereien gegen die Türkei fort, bis nun der große Brand sich zu entzünden scheint. . ; "

VermLschtsr.

* Die ständig steig enden Fleischpreise,- welche allen Minderbemittelten den Genuß dieses wichtigen Nahrungs­mittels nur noch in Seltenheitsportionen gestatten und die Schlecht­bemittelten sogar zwingen, das finnige oder sonstwie unappetitliche Fleisch von der Freibank zu beziehen, sollten Veranlassung geben, ernstlich an den Verbrauch des Pferdefleisches zu denken. , Es ist rin Vorurteil, daß nur alte, abgetriebene Mähren zum Schlachten kämen; es werden doch auch verunglückte oder junge wegen körper­licher Unschönheit zur Aufzucht nicht geeignete Pferde geschlachtet/

und das Fleisch von diesen Tieren ist tadellos. , Wer nicht ddst billigsten Preis anzulegen braucht, kann Pferdefleisch von vor- trefflicher Güte bekommen, welches dann immer noch weit billiger als Rind- oder Schweinefleisch ist. Was den Nahrungswert .des Fleisches betrifft, so steht das magere Roßfleisch mit 23,30 Proz. Eiweiß sogar obenan; denn mageres Ochsenfleisch hat nur 20,71' Prozent Eiweißgehalt, das Kalbfleisch 19,86 Prozent, mageres Schweinefleisch 20,25 Prozent. Der Ekel vor dem Pferdefleisch ist unbegründet. Zahllose Menschen haben, ohne daß sie ..es ahnten, schon Pferdefleisch gegessen. Gesottenes Pferdefleisch kann von dem auf gleiche Weise bereiteten Rindfleisch durch den Geruchs­und Geschmackssinn nicht unterschieden werden. Natürlich ist es für die Zartheit ein Unterschied, ob das Fleisch von alten oder von jüngeren Pferden stammt; aber dies ist mit anderem Fleisch derselbe Fall. Eine alte Gans oder eine alte Kuh haben auch kein saftiges und mürbes Fleisch. Sicher würde eine bedeutende! Zunahme des Roßfleischverbrauches als Gegengewicht gegen die immer weiter hochgeschraubten Fleischpreise dienen, und das Geld bliebe dabei im Lande, statt nach Amerika für Gefrierfleisch zu wandern. Wenn der Roßfleischverbrauch zunimmt, so wird zwar der Preis desselben auch etwas steigen; aber dies ist daun gerade eine Ursache, daß mehr Pferde in noch nicht zu hohem Alter zum Schlachten bereitgestellt werden, weil dann aus dem Erlöse.sich die Besitzer leichter ein anderes Pferd kaufen können. Es gibt außerdem eine Menge von Pferden, die, obwohl gesund, dennoch wegen schwächlicher oder unansehnlicher Gestalt, schlechter Gangart, wilder Gemütsart, örtlicher Fehler nsw. sich weder zur Aufzucht noch zur Arbeitsleistung eignen, aber trotzdem gehalten werden. Hat sich ein Markt für junges saftiges Roßfleisch geöffnet, so werden alle diese Tiere künftig als Fohlen geschlachtet. Es wäre, dies für die Hebung der Pferdezucht außerordentlich wichtig. Den größten Vorteil von der Einführung des Roßfleisches als allge­meines Nahrungsmittel aber hätte das Pferd selbst, dieser treue Arbeitsgenosse des Menschen, dem bei rechtzeitiger Schlachtung die letzte, schwerste Stufe, das Elend im Alter, erspart bliebe. Für die, welche nicht wissen, wie Roßfleisch zubereitet wird, sei erwähnt, daß der Berliner .Tierschutzverein, Berlin SW. 48, Wilhelmstraße 28, ein besonderes Flugblatt:Die Lösung der Fleischnotfrage" mit einem Anhänge, enthaltend Roßfleischkoch­vorschriften, herausgegeben hat und. dieses Blatt unentgeltlich versendet.

kf. Die Kunst, einen Gassenhauer ein zu führen. Es hält schwer, Gassenhauer populär zu machen. Ja wenn sie erst sich schon ein Hein wenig die Gunst der Menge erobert haben, dann ist das Spiel gewonnen. Tann hört man denSchlager" an allen Ecken und Enden. Aber die Geschichte erst so weit zu bringen, das ist die Kunst. Tie Amerikaner haben das Problem gelöst, wie folgende Geschichte zeigt: Durch die Wall Street in New Bork fuhr letzthin ein Karren, auf dem' ein Piano, drei junge Leute und ein außerordentlich hübsches junges Mädchen zu sehen waren. Schon der ganze Auszug erregte die Neugier der Vorüber­gehenden, und diese wuchs, als der Wagen gerade zu der Zeit, als die Geschäftshäuser sich um die Mittagsstunde entleerten, anhielt. Der eine der drei Herren ersuchte das Publikum, ihnen einige Minuten Gehör zu leihen, setzte sich dann an dieDraht­kommode" und begann zuhämmern". Mittlerweile hatte die Schöne sich erhoben, und während der Pianist sie begleitete, schmet­terte sie mit allen Künsten einer Brettldiva den neuesten Schlager hinaus. Als sie geendet, verkündete sie schelmisch, daß jeder Gent­leman und jede Lady für 5 Pence das Lied erstehen und sich damit Freundinnen und Freunde schaffen könne. Im Nu hatte sie ein gutes Geschäft gemacht. Tann begann sie ihren Singsang von neuem', andere Neugierige kamen, und die Goldernte Hub wieder an. Erst einunmusikalischer" Schutzmann machte der Szene ein Ende; der Karren fuhr weiter, um an der nächsten Ecke von neuem für das Schauspiel Halt zu machen,.

Charade.

Den ersten Zug hörst du beim Exerzieren, Er fesselt wie im Bann das ganze Heer;

Zwar tönt er nur, wenn dieses muß marschieren, Und doch, wer ihn vernahm, marschiert nicht mehr.

Das zweite Wörtchen dient, uns anzufeuern, Erlahmte Kratt zu wecken, zu erneuern.

Die Eigenschaft, die beide Wörter künden, Wirst du bei vielen Menschen leider finden.

Auslösung in nächster Nummer,

Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummert PAK r P 1 o f a

Professor Apfelsine Kl assiker s i k o n e r e r

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»