Ausgabe 
10.8.1912
 
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Gatten und wegen Ihrer schmeckte mir wirklich immer

liebenswürdigen Häuslichkeit. Es sehr gut bei Ihnen! Aber jetzt

heißt cs die Menschheit vor Schaden bewahren, und da erscheint wir kein Opfer zu groß.

Das Manuskript schicke ich Ihnen mit gleicher Post zurück. Befolgen Sie meinen Rat: machen Sie ein Feuer davon und kochen Sie Fhr heutiges Mittagbrot darauf. Es dürfte sonst nichts und niemand erwärmen!

Ihr ergebener

Reinhold Hugo Martin Fuchs."'

*

Nein! Das war denn doch zu stark! Ich ließ das Früh- siück zur Hälfte liegen und ging eilig zum Telephon. Die Mutter, die Gute, Treue, sollte mich besänftigen! Sie erschien auch bald am Draht,

morgengruß heute?" fragte sie auf meinen Guten-

Mr Ä- butter, das ist doch ganz gleichgültig! Ich habe dir Nichtigeres zu erzählen!"

."So ?" Die Gute schien verletzt.Ich wüßte noch heute nichts, was wichtiger für mich wäre! Und um dich und deme Ehe stunde es vielleicht auch besser, wenn es so wäre. Au- statt zu schriftstellern, solltest du dich mehr um die Wirtschaft, um Mann und die Kinder kümmern. Nur ein Mädchen halten

Rrrr die Verbindung war unterbrochen. Ich hatte auch genug gehört. Wäre es nicht besser, ftagte ich mich voller Ver- zweifliing, gleich wieder das Bett aufzusuchen? Niemand in meiu Zimmer zu lassen? Ich hatte doch ganz entschieden meinen schlechten Tag heute! Warum soll man dem noch Vorschub leisten, indem man sich in Gefahr begibt?

Doch nein! Die Pflicht ries. Mein Schneider erwartete rurch um 12 Uhr.och klingelte nach Hut und Mantel. Als da» Kindermädchen mir beides brachte, wollte es schon wieder den Mund öffnen. Ich winkte energisch ab:

Schweigen Sie!"

tIch lasse mir aber den Mund nicht verbieten!" schrie das kleine Ding mich an.Aber wenn's gnä' Frau nich wissen wollen, daß die Anna ihr Schatz jeden Abend in die Küche kommt und die Rester auf ißt, denn kann ich's ja auch für mich behalten!"

, Wortlos verließ ich das Zimmer, mein Haus, und war äußerlich wie innerlich so benommen, daß ich sofort an ein kleines Menschlein rannte.

Olle Hexe!" rief das Kind im Davonlaufen, und ich konnte gerade noch erkennen, daß cs einer unsrer Portiersjungen war, die sich sonst in Höflichkeiten mir gegenüber erschöpften. Denn diese schätzten die abgelegten Spielsachen meiner Kinder sehr.

Der Schneider hatte die Anprobe wie stets noch nicht fertig, und ich mußte warten. Das erhöht die Stimmung auch nicht gerade. Als es endlich so weit war, saß die Jacke nicht. Wie konnte sie denn heute sitzen? Der Schneider mochte streichen und glätten, soviel er wollte, sie saß nicht.

Sie sitzt nicht", sagte ich schließlich mißmuttg.

Oh, das wäre zuviel gesagt, Frau Doktor!" entgegnete der Schneider und warf das Dutzend Stecknadeln, das er zwischen die Zähne geklemmt hielt, aus einem Mundwinkel in den andern. Sie säße schon, wenn nur Frau Doktor nicht die eine schiefe Hüfte hätte!"

Das ist mir noch nie vorgeworfen worden!"

Nein?" er lächelte boshaft und jonglierte wild mit seinen Nadeln im Munde.Dann sind eben die Kollegen alle nicht so aufrichtig, wie ich."

, Mehr tot wie lebendig kam ich nach Hause. Wie gut, daß mein Mann inzwischen antelephoniert hatte, er käme nicht zu Tisch! So nahm ich schweigend mit den Kindern die Mahlzeit ein. Sie schienen bedrückt wie ich. Warum sprachen sie nicht und verscheuchten durch kindliches Geplauder meine bösen Geister? Warum erzählt ihr mir nichts aus der Schule?" fuhr ich Fritz, meinen Aeltesten au, der gerade nach seines Vaters mir so verhaßten Art das Brot auf dem Tisch zerbröckelte.

Er fuhr zusammen, schien sich gleich seines Unrechts bewußt. Aber dann warf er trotzig die Lippen auf:

Wir mögen dich nicht leiden, Mutter, tvenn du so bist, nicht, Gerda? Andre Mütters sind viel vergnügter, du zankst gleich immer, und" mit einem Seitenblick auf das zerkrümelte Brot,und Vater tut's doch auch!"

Nun sah ich ein, daß mir nichts übrig blieb, als ein möglichst ehrenvoller Rückzug.

Ich fühle mich heute sehr elend und lege mich hin", sagte ich den Mädchen.Lassen Sie niemand zu mir."

Nachdem ich die Tür verschlossen hatte, kam ein wenig Ruhe über mich. Wie gut das tat, so allein zu sein! Niemand, der mir etwas Unangenehmes sagen konnte--.

Im Begriff, eilt wenig einzudrusseln, hörte ich jemand an die Tür klopfen. Erst stellte ich mich schlafend, doch das Pochen wurde lauter, drohender. War das nicht die Stimme unseres lieben, alten Hausarztes?

Mochte er kommen!

Sie müssen schon entschuldigen, daß ich so stürmisch Einlaß begehre!" sagte er, sich an meinem Bett niederlassend.Aber Ihr Gatte schickt mich zu Ihnen."

Mein Mann???"

Ja, gewiß. Die Mädchen sagten ihm, als er mit Ihnen telephonieren wollte, daß Sie sich hingelegt hätten, weil Sie sich nicht wohl fühlten, und der Gute bat mich, sofort nach Ihnen zu sehen. Es scheint ja aber nichts von Bedeutung, ein bissel Nerven, was?"

O, doch nicht allein".

Ja, wo fehlt's denn sonst? Sie sehen aus, wie das blühende Leben!"

Und muß doch krank sein!"

Der Arzt fuhr ungeduldig auf.

Bitte teilte mysteriösen Andeutungen, gnädige Frau, damit fängt man mich nicht, wie Sie wissen! Was Ihnen fehlt, will ich Ihnen gleich sagen: ein Mann, der Sie ärgert, fehlt Ihnen, Max ist viel zu gut. Und Sorgen fehlen Ihnen, Kämpfe! Sie haben ein viel zi; bequemes Leben, sind viel zn gesund. Und.

Fort mit der Lüge! Ich will Wahrheit! Wahrheit will ich! Nur einen Tag ohne Lüge und Heuchelei!"

. Dio Kinder liefen erschreckt hinaus, die Dienstmädchen neu- gtertg herbet, und mein Mann sagte, was er seit den zehn Zähren unserer Ehe auf jeden Verzweiflungsschrei meiner emp- findsamen Seele , zu antworten pflegt:

/'.ruhige dich doch, Kind! Du bist ja sonst eine so ver­nünftige Frau! Morgen steht sich das ganz anders an."

"jn diesem Augenblick haßte ich ihn und feine ständige Be- Tumgungäiotmel, rannte hinaus und begrub meinen Schmerz Jin ett.

wirklich am nächsten Morgen, als ich etwas spat aufstand, alles ganz anders an. Ich hätte es auch meinem Mann gesagt, denn nachtragend bin ich nicht, aber er war schon !2r!;ri ®,° führte ich denn, während ich mich anzog, ein längeres Selbstgespräch, aus dem meine verwundete Seele durchaus ge­tröstet und resigniert hervorging.

Im Korridor begegnete mir mein Kindermädchen. Es sagte etwas unfreundlichGuten Morgen". Ich wies sie zurecht. Doch ste schwieg Nicht etwa, wie sich das gehört, sondern begehrte auf:

., »Wenn nun schon meinGuten Morgen" der gnä' Frau nicht mehr paßt, denn dank' ich schön für die Wirtschaft! Hier wird den ganzen Tag an einem 'rumerzogen, als ob man eben vierzehn Jahre wär'" (zn ihrer Ehre muß ich hinzufügen, daß ne das sechzehnte sogar schon überschritten hatte)!Erziehe doch 0na <Jv,rU 8>hre Kinder, da hätten Sie auch genug zu tun."' , Anständig überrumpelt durch diesen über mich hereinbrechen- den Redeschloall, ließ ich das Mädchen in die Stube entwischen, ohne ein Wort der Entgegnung. Uebrigens fiel mir auch gar .keines ent, ntetn Geist war wie gelähmt.

An der Küche vorüberkommend, lief ich der Köchin freund- uch zu:

Sie können gleich mal nach vorn kommen, Anna, ich möchte noch etwas andern an unserem heutigen Menü."

Es dauerte nicht lange, so brachte sie mir meinen Kakao sollte ihn mit Nachdruck vor mich hin. Nanu? Ich sah jn ihr Gesicht. Düstre Gewitterstimmung!

,,^ch dachte nämlich", begann ich stockend. Aber schon siel sie mir ms Wort:

Hiermit künd'je ich zum ersten März! Sone Herrschaft, wo egal alleus geändert wird, kann ich nich verknusen. Da suchen Se sich man sone Jrüne, die sich noch in allens reinreden laßt! Mtr paßt das nich. Ich jeh!"

,r Das sehe ich! dachte ich bei Mir. Und höre ich! fügte rch tu Gedanken hinzu, als das gewichtige Mädchen die Tür hinter sich zuknallte. Himmel, welch ein Geist des Aufruhrs war in meine sonst so bescheidenen Dienstboten gefahren!

Vor Aufregung vergaß ich ganz zu frühstücken. Plötzlich fiel mir ein: wo war denn Herta, mein kleiner Liebling, der noch nicht zur Schule brauchte. Ihr liebes Gesicht sollte mich aufheitern.

Herta!"

Zögernd kam nach einer Weile das Kind aus Vaters Stube angetrippelt.

Du hast ja Mütterchen noch nicht begrüßt!" rief ich ihr zu.

Will ich auch nicht!" entgegnete sie in ungezogenem Ton.

7,Immer wenn man so schön spielt, rufst du mich!" Damit verschwand sie wieder in Vaters Zimmer. Jetzt aber nahm ich mein Frühstück energisch in Angriff.

Noch mehr solche Abfälle bei nüchternem Magen, das verträgt der stärkste Mensch nicht! Viel weniger ich. Gleichzeitig langte ich nach meiner Korrespondenz, um mir den Aerger aus dem Sinn zu schlagen. Aha! Ein Brief von Fuchs', meinem besten lite­rarischen Freunde, der sich erboten hatte, ein größeres Manuskript von mir zu lesen. Seine Briefe waren immer ein Genuß, so liebenswürdig und so voll feinen Verständnisses für meine Ar­beiten. Ich lehnte mich ein wenig zurück. Dann laß ich:

Geehrte Frau!" (so hatte er mich noch nie angeredet).

Es ist wirklich an . der Zeit, daß ich Ihnen reinen Mein über Ihre Begabung einschänke! Der sogenannte Roman, den Sie mir leider zur Prüfung gegeben haben, dürfte nur gegen hohe Entschädigung einen Verleger finbeit. Es war allein schon eine Prüfung für mich, dies literarische Stammelit Ihrer sonst nicht üblen Seele zu prüfen. Was ich bisher für Sie getan, geschah mit Rücksicht auf ihren gänzlich unbescholtenen