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Uber nein . . . das war ein häßlicher Gedanke... Er war ihr wirklich von Herzen ergeben ... na, das konnte sie schließlich ja doch auch Wohl verlangen . . .!
Sie trat Vor den großen, bis zum Fußboden hdrabl, gehenden Spiegel. . . reckte ihre Arme. . . und freute sich des flimmernden Widerscheins, den ein verirrter Sonnenstrahl in ihrem rötlich braunen Haar weckte. . .
O ja — Cäcilie Imhof wäre auch ohne ihre halbe Million des heißen Umwerbens würdig gewesen, das Fritz von Brandeis ihr zu Füßen gelegt hatte. .
Das Fräulein meldete die Schwestern Sassenbach.
Die schlanken Mädels, beide fast um einen ganzen Kopf größer als Cäcilie, stürmten herein, voran mit Dragonerschritten die smarte Nelly, um die es immer witterte wie ein leiser Hauch von Stallparfüm.
Träneulachend versetzten die Schwestern der Hausherrin die Geschichte von dem Landwehrleutuant im Froschpfuhl... da lachte auch Cäcilie laut und herzlich mit.
Dann aber, als die Mädchen den Namen des Unglücksraben nannten, wurde sie stutzig . . . „Haben Sie eilte Ahnung, was der Herr seines bürgerlichen Zeichens ist ?
„Irgend so was bei der Universität, hat Papa gesagt!" „So, vielleicht in — Bonn?" <»
„Ganz richtig- ja, icfy glaube wohl," meinte Nelly.
Schweigend ging Frau Cäcilie aus dein Salon in ihr anstoßendes Damenzintmerchen und holte einen stattlichen Folioband aus ihrer Bibliothek; beit schlug sie auf und hielt den Titel den Besucherinnen hin:
Schiller.
Ein Gedenkbuch für das deutsche Volk zu des Dichters hundertjährigem Todestage von
Wilhelm Frobcnius.
Fünfzehntes bis zwanzigstes Tausend.
„Donnerwetter!" sagte Nelly erstaunt, „ist Las von dem Herrn aus dem Froschtümpel?"
„Na, jedenfalls werden wir uns danach erkundigen müssen!" erklärte Frau Cäcilie.
Mit einer seltsamen, unverstandenen Empfindung entsann sich Nelly in diesem Augenblick des heißen Leuchtens, das plötzlich aufgeglüht war hinter den großen Brillengläsern, als der fremde Mann sie angeschaut, den sie heute zum ersten Male gesehen . . .
Ihr war's in der Erinnerung, als habe sie La hineingeschaut in eine Welt, die ihr ganz unbekannt geblieben war bis auf diesen Tag . . . ihr, dem Soldatenkinde, das von nichts wußte als von hartem Dienst . . . von eiserner Pflichterfüllung . . . von engumzirkelter Gesellschaftsfron . . .
In diesem Augenblick erschollen lustige Klänge aus der Promenade, die rasch näher kamen . . .
Die Pfeifen schrillten . . . rasselnd knarrten die taktmäßigen Wirbel des Tambours . . .
Wie der Blitz waren die Majorstöchter am Fenster, zogen die Rolläden auf und schossen auf den Balkon hinaus — langsamer folgte die schöne Frau —
Aha, der Papa und hinter ihm der Herr dieses Hauses . . . den Säbelknauf auf der Hüfte . . . die gleißende Stahlklinge, dicht neben dem scharfgeschnittenen Profil.. . und dahinter glitzernd und blinkend der Heerwurm, . .
Aus seiner Mitte aufragcud, hoch zu Roß wie die Herren an der Tete, die unfrohe, nüchterne Gestalt des Hauptmanns Goll . . . ganz hinten noch zwei andere berittene Offiziere, jetzt noch nicht erkennbar. . 4
Die erste Kompagnie, vom stumpfen Graugrün der schilffarbenen Helmbezüge überlagert . . . dahinter die zweite, überflirrt von den leuchtenden Reflexen der Helmspitzen . . .
Tütt tüttelü tütt tüttütü. . .
Rum, plum, plumbidibum . . .
so gellte, so schmetterte das die lindenumsäumte Promenade hinab . . .
Nun hatte der Major die drei Damen auf dem Balkon erblickt und Leutnant Blowitz auch, sein getreuer Adjutant, der zu feiner Linken ritt . . . die rostbraunen Handschuhe flogen an die Mützenschirme — lächelnd nickten die Damen ...
Hauptmann von Brandeis hatte natürlich schon längst dte Herrin seines Hauses erspäht . . . die gleißende Klinge fuhr in die Luft und senkte sich. daun grüßend an der Flanke des Braunen nieder... mit strahlendem Lächeln winkten
die wasserblauen Augen unter der blinkenden Helmschientz herauf . . J
Und hinter dem Hauptmann fuhr noch eine andere Klinge in die Luft und senkte sich. . . rechts neben dem baumlangen Flügelmann der Königlichen Ersten marschierte ein stattlicher Offizier, den Frau Cäcilie nicht kannte! . . *.
„Wer ist denn das?"
Nelly wußte Bescheid: „Was ist der Leutnant der Ne-< serve Flamberg '— ein Maler aus Düsseldorf!"
Ein Maler aus Düsseldorf . . welch ein Heimatklang . . - welch ein Klang aus der blühenden, sprühenden Welt ihrer Jugend in die nüchterne, kaltglänzende ihrer Gegenwart hinein.
Vorüber . . . vorüber zog mit raschem, taktmäßigem Schritt die gewaffnete Schar... es grüßte der puppenzierliche, kleine Carstaujeu... es grüßte mürrischen Gesichts der struppig umbartete Hauptmann Goll. . . es grüßten am Schluß des Zuges von ihren Pferden der Oberleutnant Menshausen und der Leutnant Quincke. Vorüber, vorüber, und fernhin verhallte der Trommelschall, der taktmäßige Schritt der Kompagnien.
Das ist deine Welt — das heißt eine Welt — — so klang's in der Seele der jungen Frau . . . und dazwischen Ein Maler . . . ein Maler ans Düsseldorf. . .
Wieder saßen die drei Damen im gründämmerigen Salon und schwatzten. Das ganze Festprogramm wurde durchgcsprocheit, ein Rollenverzeichnis für die lebenden Bilder aufgestellt ... So verrann eine halbe Stunde; da erschien Leutnant Blowitz: „Melde mich ganz gehorsamst zur Stelle, gnädige Frau, Und bitte tausendmal um Eutschuldi- guug! — Gnädige Frau haben ja selbst gesehen--!"
„Allerdings, Herr Blowitz ;— sehr erfreut, Sie nun auch persönlich kennen zu lernen j— nun, wann kommt denn der Dichter?"
„Gnädige Frau meinen den Einjährigen — ja, das wissen die Götter — der ist abhanden gekommen!"
Sensation!
Und Blowitz berichtete.
„Na, er wird sich beim Kehren schon wiederfinden!"
„Vielleicht ist er auch in den Froschtümpel geraten," meinte Nelly.
Die Hausfrau servierte Portwein und Gebäck, und munter plätscherte das Gespräch . . die neue Kommandeuf e . . . das Fest ... feie Verlobungen, die etwa darauf zustande kommen könnten . . .
In Fran Cäciliens Herzen aber klang's immer wieder wie eine frohe, verheißungsvolle Heimatweise: Ein Maler . . . ein Maler ans Düsseldorf . . . und er steht bei Fritzens Kompagnie ... er wird seine Aufwartung machen. . .
Daß Fritz ihr davon noch gar nichts erzählt hatte! Aber freilich, als er früh um fünf aufgestanden, hatten die Gatten ja nur wenige Worte gewechselt. . .
Auch Nelly war nicht ganz bei der Sache; von Zeit zu Zeit schlug sie, wie spielend, den Deckel des Buches aus, das vor ihr auf dem Tischchen liegen geblieben war. . , Sie dachte an den Mann im Froschtümpel, und wie seltsam feine Augen geleuchtet hatten hinter den goldenen Brillengläsern. Daß vielleicht er dies Buch geschrieben hatte, das in ztrmnzigtausend Exemplaren hinausgeflattert war in die Welt, Ium dem deutschen Wolke zu erzählest von der Herrlichkeit eines Dichters, dessen sie selber sich, nur noch dunkel entsann aus ihrer Schulzeit her . . .
Ein Klassiker! Sie selber war seit zehn Jahren nur noch in Operetten und Schwänke gegangen.
Schiller! — Was war ihr Schiller?!
Und über den hatte man ein Buch schreiben können, nach dem zwanzigtausend Hände gelangt hatten!?
(Fortsetzung folgt.)
§ott mit der Lüge!
Eine tragikomische Geschichte von H., Wega (Friedenau)-
. Angewidert und in tiefster Seele verletzt durch die Verlogenheit meiner lieben Mitmenschen kam ich nach Haus. Immer wieder mußte ich erfahren, daß die, auf die man am meisten gebaut, falsch sind, daß sie einen gegebenenfalls verraten, verkaufen für einen Judaslohn. Daß aber die Trudel, meine Freundin aus schönen Kindertagen, auch von der Sorte sein mußte, daß auch sie mich angelogen und betrogen, hinter meinem Rücken häßliche Klatschereien angezettelt hatte, überstieg denn doch bald das Maß desien,- was ich ertragen konnte! Schluchzend warf ich mich daheim in einen Sessel., und schrie verzweifluugsvoll:


