Ausgabe 
10.7.1912
 
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Einen schönen Tod hat er gehabt, der stolze Kerl, aus b'etri vollen Liebeswerben heraus dirett in die ewigen Jagdgründe!"

Ihr besonderes Kennzeichen erhalt diese Lust an der Jagd je­doch durch das tiefe Naturgefühl, das alle Schilderungen bewegt. In seiner Schlußbetrachtung spricht sich der Kronprinz direkt darüber aus:

Das große Buch der herrlichen Gottesnatur öffnet sich willig und ganz von selbst dem echten Weidmann. Jin glühenden Auf­gehen der Sonne oder im Müden, lautlosen Mittagsschlaf der Natur, int sanften Abend, der seinen Frieden über Wald und Feld breitet, int wilden, stöhnenden Föhn int Gebirge redet die große, herrliche Natur mit immer verschiedenen, immer gewaltigen Stimmen zu uns einsam pirschenden Jägern und singt uns das hohe Lied des Schöpfers." Und im Anschluß daran liest man dieses bemer­kenswerte Bekenntnis:

Ueber religiöse Gefühle und Auffassungen zu sprechen ist eine diffizile Sache. Ich weiß nur das eine: ich, dem die Maxime des großen Ahnherrn:In meinem Staat kann ein jeder nach seiner Fasson selig werden", aus innerster Seele gesprochen ist, hab mich meinem Gotte nie näher gefühlt, als wenn ich die Büchse über den Knien in der goldenen Frühe des einsamen Hochgebirges oder in der rührenden Stille des abendlichen Forstes saß."

Das bescheidene Gefühl der eigenen Kleinheit und Nich­tigkeit im Vergleich zur ewigen, unendlichen Natur und im An­gesicht der Werke unseres Schöpfers nenne man ihn, tote man wolle, das träumerisch Ausruhende und die Gelegen­heit zu stiller Betrachtung im Wechsel mit ehrlicher Anstrengung nnb Anspannung des Körpers und Geistes zur Ueberlistung des Wildes, dies alles erfährt vielleicht keiner schöner und besser als der.echte Jäger. . ."

Dieherrliche, wilde und großartige Alpenlandschaft" ^ent­zückt bett Kronprinzen ebenso wie dieanheimelnde, liebliche Hügel- landschaft" am Fuß der Sudeten. Er schildert einen Sommer- morgen int Hochgebirge:Sie Luft ist so klar und leicht, und tausend bekannte Kräuter und Blumen geben ihr ein ganz be­sonders würziges Aroma. Und dann übergießt die liebe Sonne wundervoll alle Spitzen der Berge mit Gold. Tief unten aber die Täler sind itoch in nächtliches Dunkel gehüllt. Der Nebel liegt in dicken Wolken auf den Wiesengründen, und der Rauch steigt senkrecht in dünner Säule aus den Hüttenschloten. . ." Da predigts ihm die Natur eindringlich:Es ist eine Freude leben." Ober wie er ein ander Mal sagt:An so einem' hellen Morgen auf gutem Pferde fühlt man sich zum Bäumeausreißen aufgelegt." Nachdenkliche und fromme Gedanken steigen in ihm! auf:Und ich grüße ihn jedesmal, dankbar meinem Schöpfer/ daß er mich dies alles schauen und empfinden j^t., Wieviel Tausende armer Menschenkinder sind doch verurteilt, ihr Leben hinter den Mauern der Städte und Fabriken zu verbringen! Ach, könnte man ihnen ab und zu die Frische eines solchen jungen Gebirgsmorgens in ihren ernsten Beruf hineintragen, tote gut würde das Leib und Seele tun!"

Besonders starke Natureindrücke hat in dem Kronprinzen seine unvergleichlich schöne Reise" insfarbenreiche Märchenland" Indien hinterlassen, aber die Bilder des bunten Orients stehen in einem anmutigen Gegensatz zu den idyllischen von seinemge­liebten Jagdhaus" in Klein-Ellgut. ,

Als Junggeselle hab ich mir's gebaut vor einer Reche von Jahren aber doch schon im Gedanken, einmal die eigene Fran hineinführen zu können."Ganz einfach, aber sehr ge­mütlich ist das Häuschen eingerichtet, und ein tiefer, unstör- barer Friede umgibt den, der sich abends am Kaminsener behag- lich im tiefen Kochstuhl niederläßt, den Rauch einer Zigarette gegen die rohgezimmerte Balkendecke bläst und seinen Gedanken nach- hängt. "Und die Gedanken hier am Kamin kehren immer wieder zu der Einsicht zurück: tote herrlich doch eine solche Waldes- einsamkeit ist im Vergleich zum' nie ruhenden Getriebe und der nervösen Hast der Großstadt."

Alljährlich fährt er mit der Kronprinzessin und mit einem guten Freunde hinaus.Oftmals begleitet mich Weile zur Pirsch. Sie teilt meine glühende Verehrung für Natur und Jagd, und ihre scharfen Augen stehen denen des Försters nicht nach." Hier kennt der Kronprinz jeden Baum und Strauch: mit dem Oberförster spricht er eingehend über alle Einzelheiten der Verwalinng. Unter den Bauern, denen er begegnet, tstManch lieber alter Bekannter". Die Jagd ist dem' Kronprinzen auch em Band der Freundschaft.Wenn am Abend das helle Kamiitseuer brennt, und wenn dann, tu großen Lederstuhleu behaglich hingestreckt, fröhliche Weidmänner, eine Zigarette zwischen bett Zahnen, die Blicke auf 'bie Trophäen an den Wänden gerichtet, sich gegenseitig erinnern:Weißt du noch, wie wir damals auf den Hirsch pirschten?", so gibt das eine selbstverständliche Kamerad­schaft und, ich kaun's nicht anders ausdrücken, ein starkes unteres Glücksgefühl zugleiche . ." ,

Vielgestaltige und farbenreiche Bilder drangt so der Kron­prinz auf den Blättern seines Jagdtagebüches' züsamMen, alle zur Einsicht geschlossen dttrch die helle und echt fühlende Persön­lichkeit des Erzählers.

' ' Und dann kommt Set Heintritt durch die abendliche Stille! Eine angenehme Kühle erfüllt die klare Luft. Die Sonne ver­sinkt in einem' Meer von violetten und 'rosa Wölkchen. Und aus unzähligen Hütten steigt der friedliche Rauch des jüdischen Nacht- Ntahls.

Solchen Ritt, solche Bilder, solche Stimmungen vergißt man Nicht. Und das zieht einen wie Heimweh wieder zurück.

Der Engländer nennt dasthe Call ofthe East". Auch i ch kenn' ihn jetzt, den Ruf. . ."

Das ist ein knappes, scharf umrissenes Bild. Eine starke Empfindung ist einprägsam ausgedrückt. Dieser Eindruck bleibt, solche Töne sind ost angeschlagen in bem Buch, reich und mannig­faltig, von dichterischer Anschaulichkeit getragen, bald von einem markigen Ernst durchweht, bald von humoristischen Lichtern glück­lich belebt. Bekenntnisse sind darin, die über das Sachliche hinans- fiehen und die stärker fesseln wegen der Persönlichkeit, die daraus pricht. Man forscht weiter in dem Buch nach solchen Zügen, Und man gewinnt eilt Bild, das Man gern nachzeichnet . . .

Gibt es auf Erden ein Paradies, so ist es hier, so ist es hier!" Mesen Spruch, den die Mogulkaiser über ihre Burg in Agra schrie­ben, führt der Kronprinz an, um' die Gefühle anzudeuten, die ihn bei abendlichen Ptrschgängen durch die schöne Gottesnatur oft beseligten. Nicht daß er sein Jägerparadies in schwärmerischen Tönen besingt! Das sachliche Interesse des passionierten Sports- Mannes steht an erster Stelle und so mancher Eindruck verrät den Fachmann, verrät auch den Soldaten, der oft auch wie auf dem Manövergelände schnell ein erläuterndes Kroki auf das Blatt wirft Die starke Freude am Weidwerk gibt den Grundton des Buches. Wer der Kronprinz versteht unter Jagd eigentlich nur diePirsch", und diese ist ihm einewunderbare Verbindung von Kampf, Naturgenuß, Selbstbetrachtung". Bei dieser Auffassung hat eine Treibjagd für ihn nie denselben Reiz; erspricht ihr Nur eine Berechtigung als Schießübung, aber keine weidmännische" zu. Mit Bedauern schreibt er davon, daß der persönliche gefährliche Kamps mit dem Tier durch unsere stetig wachsende Kultur fast ausgeschaltet ist.So muß die der Jägernatur eingeborene Freude am Kampf in der körperlichen Anstrengung der Pirsch, im Ertragen der Unbill der Witterung, im Ueberlisten des Wildes nnb schließlich int guten Schuß einen Ersatz finden." Frischfröhlicher Wage­mut kommt in diesen Blättern oft zum Ausdruck. Das Gefähr­liche und Spannende gefällt ihm an einer Reitjagd, wie dem englischenPigsticking", daskein eigentliches Weidwerk" ist, aber:weiß Gott, das ist Sport! Und kein Sport für alte Jungfern". Gilt es die Verfolgung des Zieles, da hört er nur ungern von Rücksichten, die er eigentlich auf sein Leben nehmen müßte. Der erste Elefant ist angeschossen, aber er hat sich auf ,unb davon gemacht. Der eine Begleiter will den Kronprinzen nicht geitergehen lassen;denn ein angeschweißter Elefant sei kein paß. Wir erwiderten ihm ruhig, er könne dann Zurückbleiben, was er ablehnte. So zogen wir alle auf der Schweißfährte nach. . ." Ein erlegter Gemsbock ist auf eine alte Lawine ge­stürzt und es ist höchst gefährlich, da hinabzusteigen. Der begleitende Jäger macht ein bedenkliches Gesicht:Ich quäle ihn; es wird schon gehen," und so geht denn die Wanderung wirklich über die trügerische Schneedecke, nahe am Tod vorbei.

Auf einmal es kommt urplötzlich gibt es einen polternden, knirschenden Ton... Ich sehe, wie mein Jäger tote der Blitz zurück unter mich hinspringt, und vor meinen Füßen, nicht mehr als drei Meter vom Platz, wo ich stehe, rutscht die ganze Schneemasse zu Tal. Eine weiße Fläche, so groß tote der Fußboden eines großen Zimmers. Es war eine hohlgefrorene alte Lawine. Ganz fest schien sie, und doch war die ganze Geschichte restlos abgerutscht. Der graue Grasboden des Berghanges lag bloß.

Tas war der Tod, der weiße Tod, der da wenige Meter von uns vorbeigefahren war und uns gegrüßt hatte.

Ich glaube, jeder von uns hat ein 'kurzes, aber echtgemeintes Gebet für sich gesprochen. . ."

Seine Auffassung der Jagd, die ihn auf dieverachtenswerten Schießer" herabblicken läßt, läßt ihn auch noch andere Reize erleben; er freut sich über daswundervolle Training", wenn er stundenlang völlig durchnäßt, nur im Hemde durch den hüft- tiefen Schnee aufwärts geht, so ist er beglückt, wenn er nach der langsamen Folter des Wartens und Lauschens", nach mancher Enttäuschung oder einem bitter empfundenen Fehlschuß einen guten Treffer macht; erumarmt fast" feinen Schikari, er schüttelt dem .Forstmeister gerührt die Hand. Prägnant ist die Stimmung beim Erlegen des ersten Auerhahns geschildert:

Plötzlich zeigte mir der Jäger mit wortlos vorgestrecktem Arm' etwas Dunkles. Einen schwarzen Klumpen, so schien wirs, her auf dem Schnee einen absonderlichen Tanz auffuhrte.

Der Hahn!

Stumm und vorsichtig schlichen wir weiter, mit großer Mühe Ms durch den tiefen Schnee arbeitend. Dann zwei- bis dreimal tief 'Atem geholt, die Flinte entsichert, der Schuß kracht, und der dien noch so tolle Tänzer, der lebenslustige Minnesänger sinkt zusammen int Schnee.

Noch im Tode bietef et einen stolzen Anblick in der Pracht seines bunten Gefieders, umrahmt von bett purpurnen Flocken, ftie sein Schweiß auf die glitzernde Schneedecke verstreut hat.