Ausgabe 
10.6.1912
 
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Wer da jxrte er sich. Für einen Augenblick Mr sie Wollt verlegen geworden. Dann aber Machte sie uber- tnütig auf:Sie kennen wich ja noch gar mchr, Herr Baron. Daß ich hübsch bin, hat man mir schon so oft gesagt- daß ich's schließlich glauben muß, - aber Sie rennen ja das alte Wort:es ist nicht alles Gold, was " JB>ei Ihnen doch wohl, Komtesse." Das klung so ehr­lich, so warm, daß sie verwirrt den Blick zn Boden senkte.

Sind Sie mir böse, Komtesse?"

Er hielt ihr seine Rechte hin. Und sie schlug mm Dazu habe ich doch gar keine Veranlassung ab« trotzdem sind s olche Gespräche zwischen ein ent Herrn und einer jungen Dame gefährlich."

Sie sagte es scherzend, aber er hörte ihren Ernch heraus.

Du großes Kind, du, dachte er. Und abermals über­kam ihn der Wunsch, sie .an sich zu ziehen, ihr dichtes, schönes Haar zu streich^eln und Hand in Hand mit ihr dazusitzen und zu plaudern.>

VI.

Hans, der Sohn und Erbe des Hauses, wär da, und der Baron mußte heimlich gestehen, Haß er auf Grund der vielen Gespräche, die sich um Hans gedreht hatten, ein ganz falsches Bild von diesem empfangen hatte. Er hatte geglaubt, einen blasierten Leutnant kennen zu ler­nen, der keinen anderen Gedanken hatte, als seinen Adel und seine stolze Uniform, der trotz seiner Jugend vom Leben übersättigt war, der mit Verachtung vom Geld« sprach, der sich hier als Held fühlen und es als etwas e Selbstverständliches betrachten würde, sich von seiner

ter und den Schwestern anschwärmen, trösten und pflegen zu lassen.

Statt dessen lernte er in ihm einen jungen Menschen kennen, der die frische Natürlichkeit selbst war. Nichts an ihm wargemacht", er war lustig, liebenswürdig und heiter, tollte mit Alexa herum itnb war der Typus jenes jungen Offiziers, der sich stündlich seines Lebens freut Und dem Himmel jeden Tag dafiir dankt, daß er Leut­nant ist.

Sein Wesen hatte einiges Befremden und bis zu einem gewissen Grade auch eine Enttäuschung hervorgerufen.

Die Gräfin hatte geglaubt, ihr Sohn tönte, an ge­ekelt und angewidert von den Genüssen der Großstadt, zu ihr sie hatte angenommen, er wäre, wie schon so ost, einmal wieder mit seinem Magen nicht in Ordnung und bedürfe der Pflege. Aber Hans war kerngesund, es sehlte ihm gar nichts, er wollte sich, über die erste Wassersuppe! toi lach en: aber er sie dennoch, um seiner Mutter eine Freude zu machen.

Die Gräfin war enttäuscht, daß sie ihren Hans nicht pflegen fonnte, und auch darüber, daß er nicht so viel bei ihr saß und ihr sein Herz nicht so ausschüttete, wie sie es nach seinem Briefe erwartet hatte.

Die Gräfin konnte aus Hans -licht klug werben, und der Gras erst recht nicht. ,

Die Heiterkeit ist nicht echt hinter der verbirgt sich etwas das kenne ich ans eigener Erfahrung," sagte sich der Gras.Je lässiger und heiterer ich meinen El­tern anscheinend gegenübertrat, desto größer waren meine Sorgen, desto schlechter mein Gewissen." Aber nach und nach mußte er einsehen, daß er sich doch wohl irrte; so glücklich und zufrieden lacht kein Mensch, den wirklicher Kummer drückt.

Und als Hans eines Tages bei dem Grafen im Zim­mer war und diesem, der mit dem Verwalter abrechnete, einen Tausendmarkschein wechselte, da sah! der Graf seinen Sohn an, als wäre ein Wunder vom Himmel hernieder^ gefallen.

Du hast mit Glück gespielt?" erkundigte er sich; als sie allein waren.

Nein, Papa, ich! spiele überhaupt nicht mehr." Hatte der Graf schon vorher auf dem Stuhl gesessen, oder dort ganz plötzlich Platz genommen? Das konnte er selbst nicht entscheiden. Auf jeden Fall saß er da und sah seinen Hans mit großen Augen verwundert alt.

Du spielst nicht mehr int spielst gar nicht mehr? Darunter verstehe ich natürlich das, was man sogar nicht" nennt! Ich meine: nur noch so 'mal hin und wieder, wenn sich das gerade so macht, aber sonst spielst du wirklich nicht mehr?"

Ich spiele überhaupt nicht mehr, Papa. Auch dann nicht, wenn sich 'mal die Gelegenheit dazu bietet."

Die Zigarre war dem Grafen aus dem Mund gefallen und wollte ein Loch in den Teppich brennen, aber er merkte das gar nicht, bevor Hans sie aufhob.

Er versuchte, sich über feinen Sohn klar zu werden, ein Inneres mit Röntgenstrahlen zu photographierend Wer es gelang ihm nicht.

Der Graf wußte selbst sehr genau, daß er nicht her intelligenteste aller Menschen sei, obgleich er weit davon entfernt war, dumm ober beschränkt zu sein. . Aber er wußte, daß es naturgemäß viele Männer ber Wissenschaft gab, die ihn mit ihrem scharfen Verstaub weit überragten. So hatte er in seinem Leben schon oft kopfschüttelnd da- geftanben utfb mit der ihm eigenen Offenherzigkeit unb Ehrlichkeit erklärt:Das verstehe ich nicht, bas geht über mein Fassungsvermögen."

Und doch war ihm in diesem Augenblick, als wäre er noch nie 'einer Sache begegnet, die für ihn so unbegreiflich, so nnsaßbar wär, wie sein Sohn Hans.

Der spielte nicht mehr, ber hatte noch mehr als tausend Mark bar Geld in der Tasche, und kam trotzdem auf Urlaub!

Der Graf bekam Respekt vor seinem Hans. Und mit einer gewissen Beschämung mußte er sich eingestelstn, baß ber Sohn in mancher Weise besser war als sein Vater. Der hatte solange er noch tausend Mark besaß, jtie daran gedacht, nach Hanse zu fahren. Da hatte er noch herumgetollt und -getobt, bis der letzte Pfennig zum Teufel' war. Und bann erst hatte ihn bas Heimwes übermannt.

Mit sorglos lachenben Mienen ftaub Hans noch immer seinem Vater gegenüber, unb nicht ohne Stolz betrachtete ber Graf seinen Sohn unb Erben, dessen schlanke, vor­nehme Gestalt auch in dem tadellosen Zivil bas sekst- verstänblich in Bonbon gearbeitet war zur vollsten Gel­tung kam. Und wie sah ber Bengel erst in Uniform aus! Das Helle Blau paßte famos zu seinem bunklen Teint und seinen dunklen Haaren. Er hatte eigentlich noch ein Knaben- gesicht, mit dem kaum bemerkbaren Anflug eines Schnurr­barts, und wenn man ihn sah, begriff man, daß in seiner Garnison für ihn alle jungen Mädchen schwärmten.

(Fortsetzung folgt.)

Die Reformation und Gegenreforrnation in herWln und den ehemals landgräsiichen und ntterschaMchen

Orten des östlichen und südsstiichen Vogelsbergs.

Bon Pfarrer Zinn in Herbstein.

(Fortsetzung.)

4. Die Einführung der Reformation im ehemals fuldischeü Städtchen Herbstein.

Auch das ringsum von Riedeselschen und landgröflichen Orten umgebene fuldische Städtchen Herbstein wurde schon früh von der evangelischen Bewegung erfaßt. Die Mauern, mit denen 1261 Abt Heinrich das Städtchen zum Schutze seiner Interessen und Rechte in dortiger Gegend umgab, haben im1 Laufe der Jahr­hunderte manchem Stürme getrotzt, aber dem Sturme der Be­geisterung für das durch Luther wieder entdeckte Evangelium/ der in der ersten Halste des 16. Jahrhunderts die Mewchem herzen in Deutschland ergriff, konnten sie nicht standhalten. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ist auch in Herbstein das Evangelium im reformatorischen Sinn gepredigt und das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert worden. Aber während die Einführung der Reformation in den umliegenden landgräflichen und Riedeselscheu Orten vielleicht mit alleiniger Ausnatznre von Alsfeld mit Willen und unter Mitwirkung der weltlichen Obrig­keit geschah, ist die Bevölkerung tion Herbstein damals mck der gesamten Bevölkerung der Fürstabtei Fulda gegen den Willen ber katholischen Obrigkeit und trotz aller Hindernisse, die die katholischen Aebte der Reformation bereiteten, esärtgehw worden, bis sie dann 1604 wieder mit Gewalt zum katholsinM ftauben zurückgestihrt wurde. Die Geschichte dieser wcchselvoUen chicksale des Evangeliums in Herbstein ist besonders intcresMl und kann nicht ohne einleht Blick aus die Geschichte der Reso^ mation und Gegenreformation der Fürstabtei Fulda üb^hanm dargestellt werden. Während von manchen Orten, f. B. der Stadt Lauterbach, uns nur dürftige Notizen überliefert sind, standen dem Verfasser hier wieder reichere gedruckte Nachnchreii und ungedrucktes Quellenmaterial zur SSerfügung, das '« Großh. Haus- und Staatsarchiv zu Darmstadt und im Komgl.