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Die von Gründingrn.
Roman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
als sie zum ersten Male mit ihm spielte, da hatte sie um ein Haar verloren, wenn er nicht im letzten -Äugenblick — von ihr unbemerkt — absichtlich einen Fehler gemacht hätte.
Er schien sehr ärgerlich zu sein: „Ich hatte mir fest vorgenommen, Komtesse, Sie zu besiegen, um Ihnen dadurch zu beweisen, welch- gute Lehrerin Sie mir gewesen
„Vielleicht gewinnen Sie dieses Mal," tröstete sie ihn, und aufs neue nahmen sie die Schläger zur Hand.
Sie hatte wirklich gefürchtet ,zu verlieren; nun war sie sehr stolz- und glücklich, daß- sie doch Siegerin geblieben war.
Und auch bei dem zweiten Spiel- verlor er, durch seine SchtM
Sie bemerkte seinen Unmut: „Sie haben glänzend gespielt, Herr Baron! Kein Mensch würde glauben, daß Sie kaum zwei Dutzend Male das Racket bisher in die Hand nahmen, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie früher Vom Tennis keine Ahnung hatten, und es nicht mit angesehen hätten, wie unglaublich ungeschickt Sie waren, dann Wiirde ich es selbst nicht glauben. Mer ich spiele nun drei Fahre, Herr Baron, und da ist es natürlich, daß Sie unterliegen mußten. Seien Sie deswegen nicht traurig —, vielleicht haben Sie morgen mehr Glück."
Wie so ost, verglich er auch jetzt die beiden Schwestern miteinander, sowohl ihr Aeußeres, wie ihre Charaktere: in dem einen waren sie so grundverschieden wie in dem anderen. Alexa gefiel ihm von Tag zu Tag besser; es war eigentlich mehr die Liebe des Bruders zu einer Schwester, als eine andere Neigung. Und doch hatte er so oft — ohne daß er sich dies zu erklären vermochte —, wenn sie neben ihm ging, den Wunsch, seine Arme um ihre Schultern zu legen, sie zu sich heranzuziehen und ihre Hand zu fassen. Und etwas.wie Neid erfüllte ihn, wenn er sah, wie sie sich zärtlich an ihren Vater schmiegte und mit ihren Händen liebkosend über seine Stirn fuhr oder sein Haar streichelte. Das Kindliche, Frische, Natürliche ihres Wesens nahm ihn gefangen und ließ ihn -eine reine, aufrichtige Freude empfinden, wenn er sie sah. Er war glücklich, wenn er ihr einen Gefallen erweisen konnte; er war froh, wenn er ihr helles, glückliches Lachen hörte.
Aber wie grundverschieden war diese Zuneigung doch von der, die er für Dagmar empfand: die liebte er um ihres Stolzes willen. Es reizte ihn, sie als Besiegte zu seinen Füßen zu sehen; ihre Schönheit ließ den Wunsch, sie zu besitzen, iprmer leidenschaftlicher entbrennen, und
oft mußte er sich mit aller Gewalt beherrschen, um nicht zu verraten, wie die Flämme in ihm loderte. Er hatts in seinem vielbewegten Leben Frauen genug kennen gelernt, uitb damit zugleich „die Frauen". Wie viele hatten in seinen Armen gelegen und ihm heiße Liebesworte zugeflüstert. Er hatte im stillen darüber gelacht: was sie heute dir sagt, sagt sie schon morgen einem Anderen« wenn er ihr noch besser gefällt. Das waren seine Gedanken gewesen, während die Schwüre ewiger Treue und storben, Schwestern hatte er nie gehabt; so hatte er sich über die Frauen seine eigenen Ansichten zurecht- Lsich über die Frauen seine eigenen Ansichten zurecht- gelegt, und er hatte gesehen, daß er vielleicht mit seinen Anschauungen hin und wieder etwas zu weit ging, daß er im allgemeinen aber doch recht hatte.
Da sah er Dagmar.
Woran es lag, wußte er selbst nicht zu sagen: war es ihre Schönheit, ihre vornehme Ruhe, das Aristokratische und Selbstbewußte ihres Wesens, die etwas absichtliche Kälte, die sie zur Schau trug? —. Er fand keine Antwort auf diese Fragen.
Ec hätte jeden ausgelacht, der ihm noch vierundzwam zig Stunden vorher gesagt hätte, daß auch für ihn noch einmal die Stunde w-iederkömmen würde, in der er sich nicht nur mit den Sinnen, sondern auch mit dem Herzen verlieben würde, — und doch war es nun geschehen.
„Worüber denken Sie so ernsthaft nach Herr Baron?" Lachend stand ihm Alexa gegenüber, und noch bevor er sich gesammelt und eine Ausrede gefunden hatte, fuhr sie fort: „Seit wenigstens fünf Minuten haben Sie ganz vergessen, daß ich hier bin! Was beschäftigte Sie —,? Ich ivill es wissen."
„Wirklich? Man kann zuweilen nicht nur Worte, sondern auch Gedanken Übelnehmen."
„Ich bin doch kein Kind mehr, Herr Baron."
Das klang so stolz und selbstbewußt, daß er unwillkürlich lächelte. „Auch Erwachsene haben sich schon manchmal erzürnt und sich dann hinterher sogar duelliert."
„Ich schieße mich nicht mit Ihnen, Baron, da können Sie ganz ruhig sein," sagte sie lustig. „Und nun heraus mit der Sprache!"
Der Baron wußte nicht recht, was er sagen sollte: die Wahrheit konnte er ihr unmöglich gestehen; irgend eine gleichgültige Ausrede wollte er nicht gebrauchen, und die würde auch nicht geglaubt werden, nachdem er gesagt hatte: daß man einander auch Gedanken Übelnehmen könne. So meinte er denn schließlich: „Wenn Sie es denn wissen wollen, Komtesse — — aber Sie dürfen nicht böse sein, — ich dachte darüber nach, wie glücklich und beneidenswert der Manu ist, dem Sie einmal Ihre Hand reichen.^
Bis zu einem gewissen Grade entsprach das ja auch seinen Gedanken, aber nun, da er es ausgesprochen, fürchtete er fast, er werde die Wahrheit — wie schon so oft! — zu bereiten haben. > ,


