Ausgabe 
10.4.1912
 
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Von einem Disziplinarverfahren wurde wegen der Wertlosig­keit des Sarges abgesehen. Den Vorgesetzten Fürchtenichts war bei dieser Melung ja auch das Mitleid ins Herz ge­krochen ....

Saulus Fürchtenicht wurde zum Paulus. In Kollegenkreisen sprach er davon, daß der Finanzer im Nachtdienste Episoden er­leben könne, die man für unmöglich halte, die aber doch aus Wahr­heit beruhen.... Und fünf Liter Wein bezahlte er den Kame­raden, aber erst ant nächsten Gehaltstage.

Ludwig VIII. und die Zigeuner.

Tie Zigeunerplage ist in Hessen ein sehr altes Uebel. Die Hess. Landgrafen gaben sich schon alle erdenkliche Mühe, die braunen Gesellen aus ihrem Lande zu entfernen. Besonders der Landgraf Ludwig VIII. (17391768) ging streng mit den Zigeunern ins Gericht. Ter gerechte, aber strenge Fürst hatte allen Amtleuten befohlen, jeden Uebergriff der Zigeuner unnachsichtlich zu be­strafen, und dieser Befehl wurde auch gebührend ausgeführt. Hier­durch hatte sich der Fürst natürlich den ganz besonderen Haß der Zigeuner zugezogen, der noch gesteigert wurde, als man den Hauptmann einer Bande auf einem Jahrmarkt bei einem Taschen­diebstahl abfaßte und ihn an einem Galgen aufknüpfte. Die Genossen des Gerichteten brüteten Rache und beschlossen, dem Landgrafen im Walde aufzulauern, wenn er abends von seinem Jagdschloß Kranichstein nach Darmstadt zurückkehre.

Ludwig VIII., der ein großer Jäger war, weilte fast täg­lich in seinem der Residenz Darmstadt so nahen Jagdschloß, wo Jich eines Tages in der Frühe ein hübscher Zigeunerbub ein- and, der den Fürsten zu sprechen wünschte. Anfänglich versuchte man den Burschen abzuweisen, aber er bestand dringend auf seinem Wunsch, so daß man ihm Meldung erstattete. Ludwig befahl, den Zigeuner vorzuführen und dieser verkündete dem Landes­herrn in orakelhafter Weise, daß er noch am selben Tage sterben werde, daß er ihn aber retten wolle, wenn ihm erlaubt würde, sich im Lande niederzulassen. Ter Landgraf blickte den braunen Gesellen an und erklärte, sein Leben stehe in Gottes Hand. Gr glaube wohl, daß er heute noch sterben könne, wenn es Gott gefalle, und bedeutete ihm, daß er seiner Wahrsagung keine Be­deutung beimesse; er fügte hinzu, daß er im übrigen die Bitt« erfüllen wolle, wenn der Zigeuner verspreche, als ehrlicher Christ im Lande zu leben. Vor allen Dingen müsse er dann seine dummen Wahrsagereien lassen.

Ter junge Zigeuner sah den Fürsten treuherzig an Und sagte:Herr Landgraf, verachte meine Worte nicht, weil ich ein Zigeuner bin. Wahrsagen will ich dir nicht, sondern ich will dir die Wahrheit sagen. Tu hast gestern den Hauptt- mann unserer Leute an den Galgen hängen lassen. Die ganze Bande, die sich an der Landstraße nach Darmstadt im Walde verborgen hält, hat dir dafür den Tod geschworen. Wenn du heute abend heimsährst, wird man dich überfallen, um dich tot zu schießen, so wahr als ich jetzt vor dir stehe."

Ter Ernst, mit dem der Bursche dies sagte, Machte Ludwig betroffen. Er befahl, den Zigeuner im Schlosse festzuyalten, es ihm aber an nichts fehlen zu lassen und im übrigen das strengste Stillschweigen zu bewahren.

Während im Schlosse Kranichstein tagsüber alles ruhig blieb, wurde nach Darmstadt der Befehl gegeben, bei Anbruch der Dunkelheit eine Abteilung Soldaten ohne Aufsehen den Ort im Walde einkreisen zu lassen, den der Zigeuner als SchluPswinkÄ der Bande bezeichnet hatte. ,

Um 8 Uhr abends fuhren 2 Wagen ruhig aus dem Schlosse Kranichstein. Ter erste Wagen war leer, im zweiten, dem in angemessener Entfernung ein Trupp Kavallerie folgte, saß Ludwig Mit 3 bewaffneten Begleitern.

Als die erste Kutsche an die bezeichnete Stelle des Waldes kam, drangen 4 Zigeuner auf den Wagen ein und feuerten zugleich ihre Gewehre auf ihn ab. Die Kugeln durchschlugen sämtlich die Wände des Wagens. Darauf wollten die Mörder schleunigst wieder in den Wald zurück, aber der Landgraf und seine Be­gleiter vertraten ihnen den Weg, und schon waren auch die bewaffneten Reiter zur Stelle, denen es ein leichtes war, die Täter zu strecken und zu fesseln. Durch die Schüsse aufmerksam gemacht, hatten auch dis Darmstädter Soldaten ihre Schuldig­keit getan, tote das Geheul der überfallenen Zigeuner und der Siegesjubel der Mannschaften bewies. Tie Bande war gefangen.

Ter Landgraf stürnrte mit seinen Begleitern in den Wald, auf den Schlupfwinkel der Zigeuner los. Aber noch nicht 300 Meter war er vorgedrungen, als er an einer mondbeschienenen Lichtung stehen blieb. Zu seinen Füßen spielte ein Zigeunerbüblein mit einem Hunde; unbekümmert des tosenden Lärmes, der ringsum ertönte. Es war ein schönes Kind, und als man die Gefangenen nach den Eltern des Knäbleins fragte, erfuhr der Landgraf, daß die Eer des Kleinen nicht mehr lebte, der Vater aber einer der vier Manner war, die ihm nach dem Leben getrachtet hatten, zu s, ^grinen von den Ereignissen der Stunde, ergriffen von dem Gedanken an seine wunderbare Rettung hob der Fürst das Kind

empor, liebkoste! es und schwur, ihm Vater und Versorger zstz sein, um sich dankbar gegen Gottes Gnade für das gerettet? Leben zu bezeigen.

Tie vier Mörder traf die ganze Schwere des Gesetzes: sitz wurden gehängt.

Tie Zigeunerbande aber wurde über die Grenze gebracht Und gleichzeitig angekündigt, daß jeder Zigeuner, der sich wieder auf hessischem Boden einsinde, ohne weiteres sein Leben verwirkt habe. Das Bübchen ließ Ludwig väterlich erziehen und unterrichten, und als es ein Mann geworden war, wurde es Förster in demselben Walde, in dem einst sein Vater nach dem Leben des Fürsten getrachtet hatte.

Seinem Retter aber, dem jungen Zigeuner, kaufte Landgraf Ludwig in dem Städtchen Gernsheim Haus und Gut.

Es wird noch erzählt, daß der Landgraf dem Bübchen den Namen Nievergelter gegeben, einen Namen, den heute noch eine Försterfamilie führt.

Vermischter.

* D ie Riesenschlange im Hause. Von neuem beschäf­tigen sich die Londoner mit dem Hause Hilldrop-crescend 3«, dem Hause, in dem der berüchtigte Dr. O r t p p e n lebte und seine Frau, die Belle Elmare, ermordete und verscharrte. Seit einiger Zeit hat der bekannte schottische Komiker Sandy Mo-Nab, der kürzlich von einer südasrikaniichen Kunstreise zurückgekehrt ist, die Stätte des Verbrechens vorurteilslos gemietet, denn er ist alles andere als abergläubisch. Trotzdem erlebte er Montag nachts in seinem mit zahllosen südafrikanischen Relseerinnerungen geschmückten neuen Heim eine böse Stunde. Er kehrte nachts um '/,! Uhr nach Hause zurück und wollte sich zur Ruhe begeben, als er plötzlich durch geheimnisvolle Geräusche aus der Küche geiveckt mürbe.Ich habe gesunde Nerven", so erzählte der Schauspieler,sonst hätte ich dieses Haus wohl nicht bezogen. ' Aber ich machte mich doch mit einer gewissen unheimlichen Beklemmung auf die Suche, ich mutzte in das Kellergeschoß hinunter, und um in die Küche zu kommen, den be­rüchtigten Kohlenkeller durchqueren, wo die Ueberrefte der Belle Elmare gesunden wurden." Mo-Nab öffnete die Küchentür: der Boden war über und über mit zerbrochenem Geschirr bedeckt. Im Widerschein des Lichtes aber erkannte man smart die Identität des nächtlichen Einbrechers: in der Nähe des Warmwasserbehälters lag auf einem Brettergerüst zusammengerollt eine große, über 4 Meter lange Riesenschlange, die zornig über die Störung zischte und dem Schauspieler ihre unheimlich glühenden Augen zuwandte. Mo-Nab hatte die Schlange aus Südafrika mitgebracht, sie war in einer von einem Drahtgeflecht umsponnenen Kiste verwahrt gewesen, aber das gefährliche Reptil hatte sich schließlich doch einen Ausweg ge­bahnt, mit dein Kops das Drahtnetz zerrisfen und eine Wanderung durch das Haus angetreten. Der Schauspieler versuchte die Schlange in ihren Kasten zurückzubringen, aber er merkte sofort, daß er der gewaltigen Muskelkraft des Tieres nicht geivachsen war, und brachte sich noch im letzten Augenblick schleunigst in Sicherheit, indem er aus der Küche flüchtete und die Tür verschloß. Am Morgen erbat er vom Zoologischen Garten Hilie, und der Cberroärter der Reptilien­abteilung, Collins, zeigte dem Komiker dann, wie man mit Riesen­schlangen zu verkehren hat. Eine junge kleine Katze, die sonst ge­wöhnlich in der Küche schlief, war verschivunden. Ter Zweiiel über ihren Verbleib wurde durch einen Blick auf die Schlange beteiligt: an einer Stelle war ihr Körper zu einem Klumpen ausgedehnt. Hier ist Ihre Katze", konnte der Wärter Collins dem Schau­spieler erklären. Sie war seit zivei Monaten die erste Mahlzeit der Schlange.

* Kühner S chluß. Wachtmeister:Sie gehören wohl dem! Tierschutzvevein an, Einjähriger?"Nein, Herr Wachtmeister." Na, zum Teufel, warum kommen Sie dann nur mit einem Sporn zum Dienst?!"

Skat-Aufgabe.

Mittelhand spielt Grand auf folgende Karte:

Vorhand hat 13 Augen in ihren Karlen mehr als Hinterhand. Der Spieler verliert sein Grand. Wie war die Kartenverteilung und der Verlauf des Spieles?

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Gute Schulen, am rechten Platz

Sind für die Gemeinden ein großer Schatz; Aber zu Hause gute Zucht, Die bringe erst die rechte Frucht.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lang«, Gietr»