Ausgabe 
10.4.1912
 
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Die drei Finanzer biteben im Unstern am Tische sitzen, mit kalten Tabakspfeisen, her Stunde harrend, die sie -nur Dienstantritt längs der Grenze rufen werde. Des drohenden Gewitters wegen schien der Nachtdienst diesmal mißlich werden zu wollen. Der Gelbschnabel maulte:Das Naßwerden hab ich dick! Ist mir das Zwiderste auf der Paß! Uh, wie's blitzt! Ich bitt, Herr Furchte- nicht, wie lautet das Sprüchl von wegen der Bäume, in die der Blitz gern einschlagt?"

Fürchtenicht wartete das Verhallen des Donners ab und gab bann Auskunft:Von den Fichten sollst du flüchten, die Buchen aber suchen!"

Die Uhr in der Stube verkündete die zehnte Abendstunde, den Tienstbeginn für die Mnanzer. Rasch wurden die Fenster geschlossen.

Im Hausflur leuchtete trüb ein Oellämpchen über dem Ge­wehrständer. Jeder der Finanzer ergriff seinen Karabiner, gürtete die Patronentasche um; unter dem Schutze des Radmantels ging es bann hinaus in die Gewitternacht.

Dem Dienstturuus für diese Nacht entsprechend, hatte der Finanzwachmann Fürchtenicht am weitesten zu gehen, um mitten im Walde den Posten an der Reichsgrenze zu besetzen. Und kaum war er im Walde angelangt, entlud sich das Gewitter mit aller Kraft; ein schwerer Regen ging nieder, ihm folgte alsbald kttat- ternd heftiger Hagelschlag. Zeitweilig flammten fahle Blitze, die gräßliche Finsternis gespenstisch erhellend für wenige Augenblicke. Der Donner brüllte schauerlich.

Groß war des Gewitters wegen die Gefahr eines Sturzes im felsigen Terrain für den Greirzaufseher Fürchtenicht, der das Blitz­licht schnell nützte, um unter den nächstbesten Felsvorsprung zu schlüpfen und Schutz vor dem ärgsten Hagelschlag zu suchen. Trotz des Radmantels durchnäßt bis auf die Haut, hieß es nun geduldig harren auf Wachtposten um so aufmerksam feine Tienst- pfncht erfüllen, als erfahrungsgemäß just während schwerer Ge­witter in der Nacht Schmuggler gern die Grenze überschreiten.

Fürchtenicht wußte aus der Praxis dieser Station, daß der von ihm bezogene Wachposten von besonderer Wichtigkeit war der Grenzzug durch den Wald sehr entlegen, völlig abseits vom Stationsgebäude, dafür die kürzeste Verbindung der Reichsgrenze mit dem nächsten österreichischen kleinen Dorfe, einem in Finanzer­kreisen wohlbekannten Schmugglerneste.

Von dem Unterschlupf, wo Fürchtenicht frierend hockte, war der Grenzpfad kaum sechzig Schritte entfernt. Jeweils im Mo­mentanen AufslamMen der Blitze konnte der Finanzer erkennen, daß der Pfad von nußgroßen Hagelkörnern tote übersät war.

Schaurig schön, in furchtbarer Majestät vollzog sich im Hoch- walde das Naturspiel dieses wuchtigen Nachtgewitters. Arg miß­lich war für den Wächter die Erfüllung der Dienstpflicht, weil vom' Blitzlicht die Augen stets geblendet waren, int Donnerlärm das Gehör versagte. Fürchtenicht konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß ein längeres Verbleiben unter dem Felsvvrsprunge einer Pflichtverletzung gleichkomme, etwaigen Schmugglern im Schutze der Finsternis die Grenzüberfchreitung ermöglichen werde. Steht der Posten mitten im Pfade, so muß ein Schmuggler in der Finsternis auf den Wachmann prallen; der Angriff ist ermöglicht.

So entschloß sich Fürchtenicht denn, den schützenden Unter­schlupf zu verlassen, diensttreu sich dem Gewitterregen auszu­setzen unb den Gangsteig zu verstellen.

Gottlob hörte der Hagelschlag auf. Dafür prasselte der Regen schwer hernieder.

Mus etwa dreißig Schritte hatte sich Fürchtenicht dem Grenz­pfade genähert, als plötzlich abermals fahles Blitzlicht den nacht- nmfangeneit Wald erhellte. Ein Blick voraus zum Grenzsteig. Entsetzt fuhr Fürchtenicht zusammen, wie unter einem Peitschen­hieb. Was die ^Cugen im Blitzlicht gesehen hätten, glich einem weißen Sarge, der mitten im Pfad stand.

Im Dunkel der Nacht war alles zauberschuell wieder ver­schwunden. Seltsame Sinnestäuschung. Anderes konnte ,mcht denkbar sein. Ein Irrtum der Augen. Fürchtenicht war völlig nüchtern, er unb seine Kollegen Hatten des anstrengenden Nacht­dienstes wegen am Abend keinen Tropfen Alkohol genossen. Von Betrunkenheit also nicht die leiseste Spur.

Wie konnte aber ein völlig ausgeschlafener, ganz nüchterner Finanzer mitten im Walde, auf dem Grenzpfade, einen weißen Sarg erblicken? An Gespenster und Geisterspuk hatte Fürchte­nicht seither nie geglaubt. Mit rechten Dingen konnte aber der weiße Sarg nicht auf den Grenzsteig gekommen fein!

Für einen Moment dachte der diensterfahrene Wachmann an die Möglichkeit eines Schmugglerkniffes. Der Trick, Leichen­begängnisse zu Veranstalten, in Särgen Konterbande über die Grenze zu bringen, ist Von respektablem Alter und jedem Grenz­aufseher gut bekannt. Fürchtenicht blieb stehen und fragte sich, warum der weiße Sarg ohne Begleiter auf dem Waldwege stand? Sollten die Begleiter den Finanzer im Blitzlichte gesehen und schleunigst die Flucht ergriffen haben? War dem so, dann muß der Sarg Konterbande enthalten! Und im Laufe der Nacht werden bte S chmuggler zurückkehren, den Sarg'holen wollen!

Fürchtenicht wartete auf neues Blitzlicht, und im Moment des Aufslammens blickte er scharf auf den weißen Sarg. Und der Finanzer gewahrte zu seinem Schrecken, daß sich der Sarg­deckel bewegte.

Wieder umfing nachtschwarze Finsternis das Waldgelände.

Was ging da vor? Sinnestäuschung war unmöglich! Deut­lich, haarscharf hatte Fürchtenicht abermals den weißen Sarg gesehen, ganz genau wahrgeuommen, daß sich der Sargdeckel bewegt hatte..... Eine unheimliche Situation! Kalt lies es Über den

Rücken, den Finanzer gruselte es! Ein erschreckendes Novum im Grenzdienste! Unb biefeS unheimliche Novum muß ausgerechnet bem Wachmanne Fürchtenicht passieren, ber vor wenigen Stunden in der Greirzkaserne erklärt hatte, daß es. im Dienste nichts Neues geben könne!

Für einen Moment fühlte sich Fürchtenicht stark versucht, den Dienst Dienst sein zu lassen und die Flucht zu ergreifen. Stärker als die Furcht vor Gespensterspuk erwies sich das Gewissen die Dienstpflicht im Moment, da des Finanzers Hand den Gewehr­schaft berührte.

Ter bewaffnete Finanzer kann und muß den Kampf auch gegen rätselhafte Wesen anfnehmen, so der Mann sich im Dienst befindet. So dachte Fürchtenicht, warf den Radmantel ab, machte das Ge­wehr schußfertig unb wartete auf das nächste Blitzeszucken. Ein gewaltiger Sprung brachte Fürchtenicht näher hin zum weißen Sarge.

Wie der Balzjäger sich dem liebestollen Urhahn sprungweise nähert, so sprang der Finanzer bei jedem Blitzlicht bett Sarg an. Jeder Zweifel war nun ausgeschlossen: auf bem Grenzsteig stand wirklich und wahrhaftig ein weiß angestrichener ©arg. Zwar klopfte bas Herz fast hörbar, aber Fürchtenicht war zum streng dienstlichen Einschreiten mit Waffengewalt nun fest entschlossen. Auf etwa zehn Schritte stand er vor dem weißen Sarge auf knirschenden Hagelkörnern, schußbereit.

Wieder ein flammender Blitz. Im Nu schrie Fürchtenicht: Halt! Wer da?" Ein Gepolter erdröhnte. Nachtschwarz ward es ringsum.

Fürchtenicht spürte, wie ihm die Zähne anfeinanberschlugen.

Wieder ein greller, langanhaltender Blitz.

Vom Sarge hob sich der Deckel. Ein ärmlich gekleideter, alter kleiner Mann entstieg bem Sarge ....

Durch die nachtschwarze Finsternis schrie bet Finanzer:Halt! Wer sind Sie? Was soll das bedeuten! Antwort, oder ich schieße!"

Beim nächsten Blitzlicht sah Fürchtenicht, wie das Männlein auf ihn mit flehend erhobenen Händen zusprang und niederkniete. Unb in der Finsternis heulte der Mte flehentlich die Bitte, es wolle der Finanzer ihn mit dem Sarg unbehelligt über die Grenze lassen.Ich bin ein arm« Holzknecht von. . ., mein Weib ist gftorben!"

Im gespenstischen Wechsel von bfenbenbebn Blitzlicht unb nacht- schwarzer Finsternis vollzog sich die .dienstliche Erledigung des seltsamen Falles, indem der Grenzaufseher auf vollstänbiger Auf­klärung bestand, der alte Schmuggler ehrlich antwortete und dabei seine bittere Not schilderte.

Fürchtenicht spurte deutlich, wie ihm bas Mitleid ins Herz kroch, da der alte, bettelarme Mann berichtete: Im Dorfe seien die Särge unerschwinglich teuer, die wenigen Heller, die bem' Manne nach bes Weibes langer Krankheit und endlich erfolgtem1 Tobe übrig geblieben waren, reichten bei weitem nicht hin, einen Sarg auf österreichischem Boden zu kaufen. Jenseit der Grenze sind die Särge billiger; daher habe der Witwer drüben einen Sarg billigster Sorte gegen Anzahlung gekauft und heimlich in der Nacht über die Grenze zu schmuggeln versucht. Unterwegs überraschte bett Pascher das schwere Gewitter mit Regen und Hagelschlag im Walde; um Schuh zu finden kroch der Mann in den Sarg und zog den Deckel zu. Unb gegen alles Erwarten sei nun der Herr Finanzer gekommen. . .

Beim nächsten Blitzlicht in aller Eile besichtigte Fürchtenicht den mit Kalkwasser angestrichenen Sarg, der von schlechtester Qualität, aus leiclsten, wertlosen Brettern hergestellt war. Fest saß bas Mitleid, bas Erbarmen jetzt im Herzen des Finapzers, ben dies bittere Elend, die namenlose Not rührte.

Einen wertlosen Sarg schmuggeln ans Not...........

der nächste Blitz und der von seinem fahlen Licht erhellte Wald sah etwas Neues, noch nie Dagewefettes: der Grenzaufseher! reichte dem bettelarmen Sargschmuggler beit sehr bescheidenen Inhalt der Unanzerbörse, Tabak, Wurst unb Brot.

Weinend dankte der Schmnggler, und ben Segen Gottes für den Finanzer erbittend, nahm der alte Mann den Sarg auf die Schultern unb verschwaub im Dunkel der Nacht....

Fürchtenicht suchte feinen Radmantel, hing ihn um und staub Passe" auf bem Grenzpfad bis zum Morgen, der hell und klar mit dem schönsten Sonnenlicht begann, und bem Finanzer bie Ablösung brachte.

lieber dasNovnnt im Dienst", das Fürchteincht trotz aller Negation erlebt hatte in der schaurigen Gewitternacht, sprach er zunächst nicht. Wohl aber suchte er in dienstfreier Zeit den armen Holzhauer auf, um sich über die Wahrheit der Aussage des Sargschmugglers zu vergewissern. Die Sache stimmte.

An bem Begräbnisse des Weibes beteiligte sich zur Verwunde­rung der Leute der Finanzer Fürchtenicht....

Und Fürchtenicht erstattete dann Anzeige gegen sich selbst unter Meldung des erlebten Novttms im gruseligen Nachtdienste.