M - Nr. 57
Donnerstag den April
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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern,
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mit geängsteten Augen starrte sie in das furchtbare, keere Grau um sich her. Wie ein Schwindel packte es sie plötzlich. Ihr war, als hätte alles um sie her aufgehört, Boden, Luft, die ganze Erde — als wäre sie, losgelöst Vom Raum, draußen in der Unendlichkeit, im Nichts — haltlos, im Begriff, im nächsten Moment ins Bodenlose Ku versinken.
Unwillkürlich riß ihre Hand am Zügel, so daß ihr Pferd einen Schritt zurücktrat. Diese Bewegung brachte sie wieder zu sich. Gottlob, noch hatte sie ja festen Boden unter den Füßen! — Wer wo blieb ihr Begleiter, ihr Führer durch die Einöde? Wie lange mochte sie schon auf ihn geharrt haben? Sie hatte keme Uhr bei sich, und es schien ihr schon eine endlose Zeit verstrichen zu sein seit seinem Weggehen. Wie, wenn er sich nun verirrt hätte, den Weg zu ihr nicht mehr zurückfände, wenn sie hier verlassen, verloren —?
Ter kalte Angstschweiß trat ihr auf die Stirn. Ihre Rechte wollte in krampfhafter Bewegung nach der Sckiäse fahren, da fühlte sie plötzlich etwas Hartes tn der Hand. Sie öffnete die. Finger — die kleine Pseise, die er ihr gegeben hatte! Sie hatte in ihrer Aufregung gar nickt daran gedacht.
Wie ein Gefühl der Erlösung kam es über sie, und eilends setzte sie das Instrument an die Lippen; schrill gellte der helle Laut hinaus in die Weite. Er mußte ihn ja hören. Gespannt lauschte sie — aber alles blieb still. In neu erwachender Angst pfiff sie noch einmal, diesmal aus Leibeskräften, daß ihr der Schall schmerzhaft in die Ohren schlug, und wieder horchte sie hinaus.
Da! War es nicht, als ob ihr von fern, fern her ein ganz matter, dumpfer Ruf antwortete?
Wieder ihr Pfiff, und wieder die Antwort, diesmal schon von näher, und noch einmal — und dann vernahm sie den Hufschlag seines Pferdes.
„Hier — hier!"
Ein erlösender, freudiger Schrei war es, mit dem sie ihn zu sich rief. Gott sei Dank, da war er wieder! — Aus dem Nebel tauchte die Reitergestalt plötzlich wieder vor ihr auf.
Sie trieb ihm ihr Pferd entgegen.
„Gottlob, daß Sie wieder da sind."
Mit warmem Blick sah er sie an:
„Sie haben sich doch geängstigt?"
„Schrecklich!" gestand sie, und, tote jetzt noch Schutz bei ihm suchend, lenkte sie ihr Tier dicht neben ihn.
Ein eigenes Gefühl beschlich ihn. Mit einem fast zard« lichen Blick umfaßte er ihre Gestalt. Es machte ihn froh, daß sie sich so vertrauend zu ihm flüchtete und an seiner Seite so geborgen fühlte.
„Nun bin ich ja wieder bei Ihnen," tröstete er. „Nun sollen Ihnen die Schreckensgespenster nichts mehr anhaben I"
Dankbar sah sie ihn an. Wie gut er zu ihr war.
„Und haben Sie den Weg gefunden?"
„Den richtigen, den ich suchte, allerdings noch nicht; aber doch überhaupt einen Weg, der vermutlich zu irgend einem Gehöft führt. Da müssen wir dann weiter sehen. Sie können wirklich ganz ruhig sein — ich bringe Sie wohlbehalten wieder heim."
„O, wenn Sie nur bei mir sind! Dann habe ich keine Furcht mehr. Nur nicht noch einmal allein lassen —'bitte!"
Mit warmem Aufleuchten tauchte er seine Blicke in die ihren. Am liebsten hätte er ihre Hand an sich gedrückt, wie sie so bittend sich gleichsam an ihn schmiegte mit ihrer weichen Anmut. Sie senkte unter seinem fast liebkosenden Blick die Augen; so hörte sie nur noch leise, aber sehr ausdrucksvoll seine Worte an ihr Ohr schallen:
„Nein! Ich bleibe jetzt bei Ihnen. Sie sollen sich nicht mehr ängstigen."
Eine zärtliche Sorge um sie klang deutlich aus seiner Stimme. Sie vernahm es nur zu wohl, und ein wohlig- süßes Gefühl überkam sie. Wie gut das tat, diese zarte Fürsorge, dies tröstliche Bewußtsein, sich in starkem, sicherem Schutz zu befinden! Träumend vor sich hinblickend, gab sie sich im Weiterreitelt ganz diesem sanft einlullenden Gefühl hin.
Amthor hatte richtig gemutmaßt; der schmale, aber ziemlich begangene Pfad führte in der Tat zu einem kleinen Bauernhof. Nach einigem Verhandeln bewogen zwei voit Amthor verheißene Kronen den Bauern, den Reisenden seinen halbwüchsigen Sohn als Führer mitzugeben. Der Junge griff nach einem Zaum und der Peitsche, holte sich von der nahe gelegenen Weide fein Pony, schwang sich auf dessen, nackten Rücken, und dann jagte der kleine Zug in donnerndem Galopp davon, daß die Funken stoben.
Es war wirklich erstaunlich, was die doch schon stark verbrauchten Pferde der beiden hergaben. Mit zäher Ausdauer hielteit sie sich dicht hinter dem voraufgehenden ganz frischen Kameraden, der die Führung übernommen hatte. Ein fast ununterbrochener Galopp brachte so die Drei nach Reykjavik zurück.
Vor den erften Häusern entließ Amthor den Führer mit seinem Solde, und in gemäßigtem Tempo trabten sie nun wieder zu zweit dem Hafen zu. Er zog die Uhr: „Sechs — Sie kommen also noch rechtzeitig zum Diner an Bord."
„Ja — Sie haben Ihr Wort eingelöst," lobte sie. „Und es war doch wundervoll — nun, wo alles glücklich überstmtden ist. Dieser Ritt wird mir unvergeßlich sein!"
Ihre Worte brachten ihm mit einem Male wieder zum Bewußtsein, tote nahe ihr Abschied bevorstand.


