dis Pupillen

(Fortsetzung folgt.)

Ums Ureuz.

von Fritz Sänger (München).

Wir faßen alle in der behaglich warmen, Stube. Plötzlich hörte ich einen Pfiff; ich kannte das unb, ging I)tnau§.

Draußen stand der Willi und sagte, ich sollte doch _ mit- kommen. Ich war einverstanden, ging wieder hinein ^nd tagte: Ter Willi hat wich gerufen." Tann ging ich fort. ^Mutter riet mir etwas nach, ich hörte es noch aus der Ferne, verstand aürr^nicht^r eirte mondhelle Winternacht. Ser Sefmee knirschte unter den Schuhen, und ein eisiger Wind strich durch bie Der^Willi ging voran, ich folgte; und erst als wir draußen vor dem Dorf waren, fragte ich ihn, was es gäbe.

Wir wollen ums Kreuz fahren," sagte er,

$6; rieb mir die Ohren.Hast du einen Schlitten?Nein,

Icl^ wußte, daß er keinen besaß, das war aber nicht schlimms Ich ging zum letzten Haus zurück, da, standen immer einige stn Hausflur. Ich nahm schnell einen heraus und brachte ihn auf die Stelle, von wo man abfuhr. Nun fragte ich aber doch beit ^arum^w'illst du setzt Ums Kreuz fahren? Du kanust e| hoef) uichtz Die Maria soll mich nicht mehr auslachen."

Ich stand eine Wefle und überlegte und sah den Willi an; er stand ganz ruhig, mrd feine! großen Augen sahen in die fterne^ in die Berge, die so eigenartig gespenstisch dalagen in der Winter^ nacht. Sie schienen .näher als sonst, Gipfel an G^Ml reiMe sich und dazwischen die dunklen Täler, hinter Un^ das Dorf/ alles in eisiger Totenruhe.

Ich war nicht ganz frei von Furcht und wäre lieber wwoer nach Hause gegangen; meine Phantasie bevölkerte die dunklen Tannenwälder. Am Tage suchte ich sie gern auf, doch naasts vermied ich den alten Weg, der mitten hindurch führte; aber gerade vor Willi wollte ich nicht zurückstehen, obwohl ich ein Jahr jünger war. _ r

Der Willi war der Sahn einer Lehrerswitwe, groß, hager und blaß. Er hatte ein paar erliste Augen und schien immer iurchtsam. Es fehlte ihm vielleicht weniger die Kraft, als bet.

Was wäre dabei Merkwürdiges, Herr von Braun­stein?" gab sie zurück.Wir tonnten. un§ doch schon, sei es hier, sei es anderswo, in Italien vielleicht, begegn eh sein."

Nein, so meine ich das nicht"

Er brach ab, sprach von etwas anberem'. Aber nach geraumer Zeit kam er wieder daraus zurück:Ich weiß! jetzt, wo ich freilich nicht Sie^ aber Ihr Ebenbild sah. Es ist doch merkwürdig. Es war auf Lesbos. Die Festland- griechen sind im allgemeinen kein schöner Menschenschlag, aber unter den Jnselgriechen trifft man nicht selten aus Gestalten, zumal Fraueugestälten, die den hellenistischen: Typ, wie ihn die Antike uns zeigt, auffallend rein bewahrt haben. Es war ein Fischermädchen, das ich meine, eut schlichtes Kind aus dem Volke. Aber sie Mr schon, P schön verzeihen Sie, wenn es plump klingt, so schon wie Sie, .gnädiges Fräulein. Und sie trug ihr elendes Gewand mit der Würde einer Königin."

Indem er das sagte, sah- er sie an, und die Bewun­derung sprach so deutlich aus seinen Augen, daß ihr daZ Blut in die Wangen schoß. Da wurde er verlegen ^und sagte noch einmal:'Entschuldigen Sie bitte'

Sie versuchte mit einem Scherz über die Peinlichkeit fortzukommenSie wissen ja, Herr von Braunstem, wir Frauen sind alle für ein Schmeichelwort nicht unzugäng­lich" aber er warf sofort ein:O . . . ich wollte so gar nicht eine Schmeichelei aussprechen." Und sie sah! wieder, wie feine Hände, die eine große Photographie hiel­ten, leicht bebten. Es war ihr lieb, daß das Brautpaar grade in diesem Augenblick Arm in Arm an ihnen vor-

© xief bßn )8vubßr ein niib frcißtß bic ^iT^toü.51 geriu nach irgend einer Mchtigkeit.

Man sah sich in de» nächsten Zeit häufiger. 'Aber es wollte Signe scheinen, als ob HarUvig Braunstein ihr aus­wiche. Meist war er angeblich bei den Famklienzilsammen- künfteu irgendwie anderweitig in Anspruch genommen, uw toenn er zugegen war, mied er ein direktes Gespräch mit Signe Aber dann und wann sah sie doch, wie seine Augen ihr folgten. Sie hatten daun etwas Unruhiges, Flackerndes, und immer senkten sich gleich die gelblichen Lider jibefl

schlichter, als Water sich ihn vorgestellt chatte. Aus seinen neuen Adel schien er nicht besonderen Wert zu legen. Am Vater ihm gratulierte, sagte er Nemlichskurz:Seme Maje­stät hatte die Gnade. Ein Ablehnen, Herr von Giidarcza, würde mir undankbar und kindisch erschienen fern. ^gch habe kein Verständnis für den sogenannten Burgerstolz vor . Fürstenthronen !" Alles in allem : ein vernünftiger Mann, mit dem sich verkehren ließ. Eine 9iote bedenckicher er­schien Frau von Braunstein. Sie mußte einst eine schone Fran gewesen fein, war aber s ehrin die Br eite gegangen, ihre großen Augen hatten etwas Suchendes, durchdringend Forschendes; die Art, wie sie ihre Steine trug, war ein wenig herausfordernd, und sie sprach gar zu vielvon dem Glück unserer Kinder", und sprach auch zu bald von der Trauung in der Dreifaltigkeitskirche. Aber selbst Signe, die sich sehr reserviert verhielt, mußte zugeben: im all­gemeinen wußte sie sich merkwürdig gut zu bewegen, Ver­stöße zu vermeiden.

' Sowohl auf Vater wie auf Mutter machte das Braun- steinsche Haus in der Tiergartenstraße großen Eindruck. Keine Villa, tote es genannt wurde, sondern em kleines Palais, und der ganze Zuschnitt dementlprechend-. Man konnte nicht umhin, zuzugestehen: oyne Jeden Schein von Parvenutum. Sehr luxuriös, aber ebenso gediegen; nicht nur eine kostbare Einrichtung, sondern auch erlesene Kunst­werke, überall bester Geschmack. Das Verlobungsdiner rela­tiv einfach. Die Dienerschaft brillant geschult.

Dodo war mit der festen Absicht hingegängen, sich lustig zu machen, und fand keine Veranlassung. Eberhard, der zur Verlobung des Bruders schweigend die Achseln gezuat hatte, war sichtlich erstaunt. Und Signe hatte sich zu ihrer Ueberraschung sehr gut unterhalten. Der einzige Bruder der neuetl Schwägerin führte sie zu Tisch und zeigte sich als ein Mann von umfassendster Bildung, der Weck und Menschen kannte und ausgezeichnet zu plaudern verstand. Es war nicht in Abrede zu stellen: dieser junge Herr von Braunstein, der ihrer Schönheit sofort die offenbarsteil Hnl- diaunqen entgegenbrachte, war eine interessante Persön­lichkeit. Erst im Laufe des Gefprächs erfuhr Signe, daß er nicht im Geschäft des Vaters tätig, sondern Kunsthistoriker sei Er war vor kurzem aus Kleinasien zurückgekehrt,. wo er sich an Ausgrabungen beteiligt hatte; das Johanuiter- kreuz des Majors lenkte die Unterhaltung auf Rhodus, und er gab eine packende Schilderung der dort noch erhaltenen Reste einstiger Ordensherrlichkeit. Dabei brachte er alles sehr bescheiden vor, mit ein wenig gedämpfter,, angenehmer Stimme, die etwas unwillkürlich Einschmeichelndes für Sig­nes musikalisches Ohr hatte. Er gefiel ihr mehr und mehr. Auch persönlich. Sein stark gebräuntes, scharfgeschnittenes, von einem spitzgehaltenen, dunklen Bart umrahmtes Gesicht hätte auf einen Südländer, einen Nomanen schließen lassen. Die Augen blickten gescheit, aber ohne Schärfe. Erst nach Tisch bemerkte Signe, daß er den linken Fuß starr nachzog.

Der Kaffee wurde im Wintergarten genommen. Und hier hörte Signe, während Hartwig Braunstein sich ent­fernt hatte, nm ein paar Photographien von Rhodus zu holen, wie der alte Herr zu ihrem Vater sagte: ,,^a es war mir freilich zuerst eine arge Entlauschung, daß mein Einziger nicht in meine Tätigkeit chineinpaßte. Nun, man soll keinen jungen Menschen gewaltsam du einen Beruf Sen. Jetzt freue ich mich, daß er in einem anderen.

ich geworden ist. So glücklich, wie es bei seinem etwas schwermütigen Temperameiit nur möglich ist." Und Frau von Braunstein bemerkte dazu:Wir sind sehr stolz auf den Hartwig. Er wird ein berühmter Gelehrter werden."

Dann kam der Sohn zurück, und Signe betrachtete ihn noch interessierter. Sie suchte nach dem Zeichen der Schwermut in seinem hübschen Gesicht. Vergeblich anfangs. Aber allmählich glaubte sie doch zu bemerken, daß bann und wann ein Schatten über seine Züge huschte und daß die langbewimperten Lider sich bisweilen fast wie scheu über die Augen senkten. Dann, so schien es, bedurfte es jedesmal einer gewissen Kraftanstrengung des jungen Mannes er mochte Ausgang der Zwanzig stehen um seiner selbst Herr zu werden. Er sprach gewaltsam leb­hafter, wurde leicht erregt, und seine schöne schlanke Hand zitterte ein wenig. 1

Einmal sagte er:Es ist sehr merkwürdig, gnädiges Fräulein, mir ist's, als müßte ich Sie schon einmal im Leben gesehen haben."