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Dieser Mann Hut mir mm mitgeteilt, fuhr Herr Armstrong fort, daß er, gerade fünf Minuten bevor die Be- wohner des Hanfes in der vergangenen Nacht geweckt wurden, auf der oberen Diele Schritte vernahm, sodann das Geräusch eines leichten Fußes, der die kleine'Wendeltreppe bei den Tieustbotenkammeru. hierunterschlich'. Da. er neugierig war, ausfindig git machen, was diese Person zu so später Stunde tut Sinn habe, schraubte er die Gasflamme herunter, zog seine Türe zu und lauschte. Die Schritte gingen bei ihm vorüber. Befriedigt über seine Entdeckung, daß es ein weibliches Wesen war, das er vernominen, drückte er leise wieder die Türe auf und blickte hinaus. Ein junges Mädchen stand nicht weit von ihm im Gange, von einem dünnen Mondstrahl beleuchtet, der durchs Fenster hereinfiel. Sie blickte aufmerksam auf einen Gegenstand, den sie in der Hand hielt, und dieser Gegenstand besaß eine violette Farbe. Der Mann ist bereit, dies unter Eid auszusagen. Im nächsten Augenblick, von einen: Geräusch erschreckt, floh sie zurück und verschwand wieder in der Richtung nach der kleinen Wendeltreppe. Bald, sehr bald darnach ertönte der Schrei. Nun, Herr Worthington, was soll ich mit dieser Kenntnis anfangen? Ich habe den Detektiv angewiesen, sich ruhig zu verhalten, bis ich Untersuchungen anstellen kann. Aber Ivie soll ich dies tun? Ich kann doch nicht denken, baß Fräulein Camerden —
Ohne daß ich es wollte, entfuhr mir ein Ausruf. Ihren Nanren zum zweiten Male in Verbindung mit dieser Geschichte zu hören, war mehr, als ich ertragen konnte.
Sagte er, daß es Fräulein Camerden gewesen, sei? fragte ich eilig, als er mich einigermaßen erstaunt anblickte. Wie sollte er Fräulein Camerden denn kennen?
Er beschrieb sie, lautete die Antwort. Außerdem wissen wir, daß sie um jene Zeit im Hanse herumwandelte. Ich mutz schon sagen, ich habe noch nie eine unangenehmere Aufgabe gesehen, jammerte der liebenswürdige alte Herr. Wir wollen Sinclair holen lassen; ihn geht die nahe Verwandte Gilbertines in allererster Linie an;.oder — warten Sie! — soll ich Fräulein Camerden selbst bitten, zu kom-- men? Sie könnte uns am besten mitteilen, wie fie in den Besitz des Juwels 'gelangte.
Es gelang mir, meine eigenen Gefühle zu unterdrücken, die mich dazu trieben, Dorothea auf der Stelle verteidigen ; und so antwortete ich derart, Ivie es Sinclair am liebsten sein mußte.
Es ist eine ernste und sehr verwickelte Angelegenheit, sagte ich, aber wenn Sie nur kurze Zeit warten wollen, glaube ich nicht, daß Sie Fräulein Camerden werden stören müssen. Ich bin überzeugt, daß die Erklärung für all das nicht auf sich warten lassen wird, Geben Sie doch dem Mädchen Gelegenheit, sich zu rechtfertigen, stammelte ich. Denken Sie doch, was sie empfinden würde, wenn man sie über einen so peinlichen Gegenstand befragen müßte. Es würde ihr eine Wunde schlagen, die nie mehr geheilt werden könnte. Nachher, wenn sie nicht selber redet, erst dann wird es Ihr gutes Recht sein, sie um beit Grund dafür zu befragen.
Sie kam aber heute morgen nicht herab.
Natürlich nicht!
Wenn ich nur meine Frau um Rat fragen, könnte! Mer sie ist in viel zu nervöser Stimmung. Ich werde mir alle Mühe geben, diese neue Verwickelung so lang als möglich vor ihr geheimzuhalten. Glauben Sie, ich kann Fräulein Camerden aufsuchen, damit sie ihre Erklärungen macht, bevor die Aerzte zurückkehren, oder bevor der Hausarzt Frau Lansings, dem ich telegraphiert habe, ans New Uork anlangt?
Ich bin überzeugt, daß Sie vor Ablauf von drei Stunden den wahren Sachverhalt erfahren werden. Ueberlassen Sie! es mir, die Lage aufzuklären. Ich verspreche Ihnen, daß, wenn mir dies nicht zu Ihrer Befriedigung gelingt, ich Sinclair um seine Hilfe angehen werde. Sorgen Sie nur dafür, Herr Armstrong, daß der gute Name Fräulein Camerdens nicht durch müßiges Geklatsch Schaden leidet. Oft werden in einem unglückseligen Augenblick Worte gesagt, die auf lange Jahre hinaus nicht vergessen werden. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß ihr etwas derartiges wioerfahren könnte.
Kein Mensch weiß, daß man die Brosche in ihrer Hand gesehen hat, bemerkte er. Mer wahrscheinlich weiß um diese Stunde jedermann, daß man über die Todesursache Frau Lansings gewisse Zweifel hegt. Sie können einen
Verdacht dieser Art in einem Häufe nicht geheim halten, das so' viele Leute beherbergt, wie das meinige.
Ich wußte dies. Durch sein Benehmen und auch seine Worte ein wenig erleichtert, verabschiedete ich mich fürs Erste von ihm und begab mich sofort znin Speisesaal. Würde ich Fräulein Lane, noch dort finden? Mein erster Blick belehrte mich, daß dies der Fall sei. Und ein glücklicher Zufall wollte es, daß der Platz neben ihr nicht besetzt war.
Als ich mich gerade dorthin begeben wollte, fiel mir die ungewöhnliche Stille auf, die plötzlich eintrat, als man mich bemerkte. Als ich das Zimmer betrat, summte auf allen Seiten das Gespräch, nud nun hörte ich nicht eine Stimme mehr, und kaum ein Auge begegnete dem meinigen. Ich warf rasch einen Blick über den Tisch, aber kein Mensch schien mich zu erkennen oder bewillkommnete mich.
Was sollte das bedeuten? Hatte man über mich geredet? Möglicherweise; und zwar auf eine Art, die, wie mir schien, für meine Eitelkeit keineswegs schmeichelhaft war.
Unfähig, meine Verwirrung über die Verlegenheit, die mein Erscheinen hervorgerufen hatte, zu verbergen, ging ich auf den leeren Sessel, den ich bemerkt hatte, zu und ließ einen fragenden Blick auf Fräulein Lane ruhen. Auch sie starrte, die anderen nachahmend, auf ihren Teller; aber als ich sie mit einem ruhigen „Guten Morgen" grüßte, schaute sie auf und erwiderte meinen Gruß mit einem schwachen, sympathischen Lächeln. Mit einem Male nahm der ganze Tisch wieder das Geplauder auf, und so tonnte ich rnhig die Frage stellen, von der mein Inneres so voll war.
Wie geht's Fräulein. Murray? fragte ich. Ich sehe, daß sie nicht hier ist.
Erwarten Sie sie hier? Die arme Gilbertine! Auf einen solchen .Hochzeitstag hatte sie sich nicht gefaßt gemacht! Dann fügte sie, in unwiderstehlicher Naivität, die ganz int Einklang mit ihrer elsenhaften Gestalt nnd ihrem Backfischgesichtchen stand, hinzu: Ich finde, es war fürchterlich von der alten Frau, gerade in der Nacht vor dem Hochzeitstag zu sterben; finden Sie nicht auch?
Gewiß, gab ich mit Emphase wieder, indem ich ihr bei- pflichtete in der Hoffnung, das zu erfahren, was mir int Sinne lag. Hegt Fräulein Murray immer noch die Erwartung, heute zu heiraten? Kein Mensch scheint das zu wissen.
Ich auch nicht. Ich habe sie seit heute nacht nicht mehr gesehen. Sie kam nicht in ihr Zimmer zurück. Mau sagt, sie weine sich vor Schrecken und Enttäuschung in irgend einem Winkel ans. Mein Gott, daß das Gilbertine treffen mußte! Aber sogar das ist noch besser, als —
Der Satz verschwand in einem unverständlichen Murmeln und dieses in Schweigen. Kam es daher, daß ein erneuter Stillstand in der Unterhaltung ringsum eingetreten war? Ich glaube kaum, denn trotzden: das Gespräch alsbald wieder in Lauf geriet, verhielt sie sich jetzt schweigend und gab nicht im geringsten zu erkennen, daß sie bei diesem Thema verharren wolle. Ich trank meinen Kaffee so rasch als möglich aus und verließ den Saal. Viele hatten, das bereits vor mir getan, und daher war die Diele so voll mit plaudernden Gruppen wie vorhin.
(Fortsetzung folgt.)
Das große Los.
Eine Geschichte aus dein Neapolitaner Volksleben,
Von N m b e r t o B a j o n e.
Berechtigte Uebersetzung von K. Bombe.
„Nun, wie ist's?"
„Schön, einverstanden, um Mitternacht; kommen auch die anderen?"
„Ja, alle vier, je mehr wir sind, desto besser; es wäre wirklich unvorsichtig von uns beiden, so allein in die einsame Gegend; zu wandern, und überdies zu den Toten..." .
„Ich verstehe schon," unterbrach ihn der andere, den es eiskalt bei diesen Worten über den Rücken lies, „Ihr habt recht daran getan. Auf Wiedersehen heute Nacht, aber kommt nicht zu spät!
„Verlaßt Euch auf mich!"
Die beiden sprachen leise und ängstlich miteinander, wobec sie scheu umherblickten, um vor neugierigen Lauschern sicher zu sein. Dann sagten sie sich hastig Lebewohl, wie Leute, die etwas auf dem« Gewissen haben. Pietro, der Schuster, trat in den Hausflur, wo sein Arbeitstisch stand, und hämmerte auf einer Sohle herum.


