Ausgabe 
9.12.1912
 
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Msntaa, den 9- Dezember

M

Das Amethyst-Fläschlein.

Gitte Erzählung von A. K. Green.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

DieS erfüllte mich mit einer nicht näher bestimm­baren Unruhe. Irgend etwas mußte vorgegangen sein etwas, das Sinclair wissen mußte. Ich fühlte eine große Beängstigung und beobachtete daher scharf die Türe, durch welche Herr Armstrong verschwunden war. Plötzlich ging sie wieder auf, und ich erkannte, daß er ein Telegramm abgefaßt hatte. Er reichte es einem der Diener und winkte dem Mann, der mit ausgestreckter Hand bei dem großen chinesische Gong bereitstand. Das letzte Zeichen zum Früh­stück tönte durch das Haus. Alsbald verstummte das Stim­mengewirr, und alt wie jung begab sich nach dem Eßzimmer. Aber der Gastherr trat nicht mit ihnen ein. Ehe die jün­geren und lebhafteren jeiner Gäste ihn erreichen konnten, mar er in das Zimnrer geschlüpft, das, wie früher ertyähnt, der Schaustellung von Gilbertines Hochzeitsgeschenken diente. Sogleich verlor ich alle Neigung, mich zum Früh­stückstisch zu begeben. Ich trieb mich auf der Diele herum, bis mich alle überholt hatten, selbst das kleine Fräulein Lane, die unbemerkt heruntergekommen war, ivährend ich die Türe zu Herrn Armstrongs Zimmer beobachtete. Ich Mar ärgerlich, als ich bemerkte, daß ich diese eine Ge­legenheit verpaßt hatte, die mir hätte von Nutzen sein können, und fragte mich eben, ob ich ihr nicht folgen und einen Versuch machen sollte, wenn auch nicht einen großen Esser, so doch einen guten Gesellschafter abzugeben, pls Herr Armstrong aus dem Gang auf mich zukam und mich mit der Frage begrüßte, ob Herr Sinclair bereits herunter­gekommen sei.

Ich erklärte ihm, daß ich ihn nicht gesehen habe und nicht glaube, daß er beim Frühstück erscheinen werde, da er durch die Vorkommnisse der vergangenen Nacht sich sehr angegriffen fühle und mir gesagt habe, er wolle sich auf sein Ztnuner begeben, um auszuruhen.

Herr Armstrong gab sich damit nicht zufrieden, son­dern. bemerkte:

Es tnt mir leid, aber ich muß sofort eine Frage an ihn richten. Sie betrifft ein kleines italienisches Schmuckstück, das er, wie mir berichtet wurde, den Damen gestern nach­mittag gezeigt hat.

7. Kapitel.

Also war unser schreckliches Geheimnis nicht, Ivie wir angenommen hatten, unter uns geblieben, sondern auch unserem Wirte bekannt; zum wenigsten hatte er einen ge­wissen Verdacht.

Ich war dem Geschicke dankbar, daß ich und nicht Sinclair es war, der diesen Schlag aushatten mußte. Mit der möglichsten Ruhe. über die ich verfügt, antwortete ich:

So so' Sinclair hat mir davon erzählt. Wenn Sie etwas über diesen Gegenstand zu erfahren wünschen, werde ich Sie wahrscheinlich ebenso gut wie er aufklären können.

Herr Armstrong warf einen Blick zur Treppe, über­legte einen Augenblick und zog mich dann in sein Privatzimmer.

Ich bin in einer sehr unangenehmen Lage, begann er. Eine eigenartige und ganz unverständliche Veränderung ist in den letzten paar Stunden mit dem Leichnam Frau Lansings vor"sich gegangen eine Veränderung, die den Aerzten Bedenken eingeflößt und sie zu unglücklichen Ver­mutungen geführt hat. Was ich wissen möchte, ist, ob Herr Sinclair immer noch das Juwel in seinem Besitze hat, das ein Gläschen mit einem tödlichen Gift enthalten soll, oder ob es in irgend eine andere Hand übergegangen ist, nachdem er es gewissen T-amen in der Bibliothek zeigte.

Aus einem Fenster, das nach Osten ging, traf unS das Morgenlicht. Etwas zu verheimlichen war unmöglich, selbst wenn, ich dies im Sinne gehabt hätte. In Sinclairs Interesse, wenn nicht in meinem eigenen, beschloß ich, unserem Wirte gegenüber so freimütig zu sein, als unsere Stellung es erheischte, und doch, zu gleicher Zeit, Gilber- tine, so lveit es möglich war, gegen übereilten ober gar endgültigen Verdacht zu. schützen. t

Daher erwiderte ich:

Diese Frage kann ich so gut wie Sinclair beantworten. Wie ich glücklich ivar, ihm dieses Kreuzverhör ersparen zu fönnen! Während er dieses Juwel vorzeigte, fuhr ich fort, betrat Frau Armstrong das Zimmer und schlug einen Spaziergang vor. Dies veranlaßte alle die Damen, aus der Bibliothek wegzugehen. Da auch er gebeten wurde, teilzu­nehmen, legte er, ohne an die Gefahr zu denken, die in seiner Handlungsweise sich möglicherweise verbergen konnte, das Juwel in eine hohe Schublade am Wandschrank nnbi verließ mit den anderen das Zimmer. Als er wieder zurück- kam, um es zu holen, Ivar es verschwunden.

Die gewöhnliche gesunde Gesichtsfarbe unseres Wirts wurde noch dunkler. Er ließ sich in dem großen Lehnsessel nieder, der vor seinem Schreibtisch stand.

Das ist ja fürchterlich! murmelte er, mein Gott, welch unglückliche Folgen kann das für mein Haus und das arme Mädchen haben!

Das Mädchen? wiederholte ich fragend.

Da wandte er sich mir mit großem Ernste zu.

Herr Worthing ton, sagte er, es tut mir leid, dies sagen zu müssen. Aber es "hat sich wirklich in der vergan­genen Nacht etwas so Eigentümliches, etwas Unerklärliches in diesem Sian je ereignet. Eben ist es ans Licht gekommen. Sonst hätten die Schlüsse der Aerzte wohl anders gelautet. Sie wissen, es ist ein Detektiv hier int Hause. Die Ge­schenke sind wertvoll, und so hielt ich es für angezeigt, eineu Mann hier zu haben, der sie int Auge behalten würde.

Ich nickte; ich hatte keinen Atem, um sprechen zu könueu.