Ausgabe 
9.11.1912
 
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ganze Ordnung auszuzählen, die in den meisten anderen Vara- graphen nichts anderes ist, als eine Summe von Vorschriften, die das Zusammenleben als nützlich erwiesen hat und deren Nach­wirkungen sich heute noch im Zusammenleben z. T. noch zeigen. Erwähnt seien hier nur noch die Warnungen, nach Abendläuten sich nicht im Felde finden zu lassen, nach 9 Uhr abends ohne erheb­liche Ursache auszugehen,' ferner, daß den Leinwebern, den Weiß- bäckern und Müllern zur Pflicht gemacht wurde, richtig Maß und Gewicht zu halten, die schon erwähnten Maßregeln, Brände zu verhüten, endlich zahlreiche Gebote der Regierung, die Einkünfte aus Jagd, Fischerei, Tranksteuer und Hansbeede sicher zu stellen.

Alle Verfehlungen gegen diese Stadtordnung, lute auch kleinere Vergehen, Beleidigungen, Schlägereien kommen im Stadtgerichte zur Verhandlung, während schwere Vergehen und Verbrechen vor dem peinlichen Richter, dem Amtsschultheiß oder Obcrschultheiß und der Gerichte in Gießen ihre Sühne finden. Die Dörfer haben an Stelle des Stadtgerichts dafür ein Centgericht, das mehrere Ortschaften immer zusammenfaßt. Wir sind in der glücklichen Lage, die Formeln noch mitteilen zu können, mit denen die Ver­handlungen auf dem Stadtgerichtshause, dem Rathause zu Großen- Linden eingeleitet wurden, auf dem, nebenbei gesagt die beiden Wetterfahnen noch die im Stadtgerichtssiegel enthaltene Linde zeigen. Zu. Beginn der Tagung erhebt sich, so sagt eine Urkunde in der Stadtgerichtslade, der älteste Schöffe und spricht: Es wird gefragt, ob es am Tage und an der Zeit sei, das hoch- fürstliche Stadtgericht zu halten. Nach Der Antwort:Ja", fuhr er fort: Ferner fragt es sich, wie das Gericht gehegt und gehalten wird, daß es Kraft und Macht habe und inö Rechte bestehen könne. Darauf wird geantwortet, daß es tut Namen des Landgrafen von Hessen geschehe, dessen sämtliche Titel und Würden nun aufgezühlt werden.

Es erübrigt noch der Geistlichkeit zu gedenken. Großcu- Linden hatte, wie noch heute, 2 Pfarrhäuser, das Pastorat und das Diakonat. So verlockend es nun wäre, auf Grund des reichen Materials das Verhältnis der Geistlichkeit zur Gemeiude darzu­legen und einerseits zu zeigen, wie Sitte und Brauch auch ihre Tätigkeit bestimmen und anderseits mit welcher Treue und mit welchem Eifer sie darauf aus sind, Zucht und Ordnung wieder einzuführen, ich muß dieser Lockung hier widerstehen.

(Schluß folgt.)

Die Wasiereismbahn.

Uc6cr_etn neues Verkehrsmittel für die Flußschiffahrt schreibt Dr. Scheffer in der Deutschen Techniker-Zeitung folgendes: Der Erfinder derWassereisenbahn" ist der Regierungs- und Baurat Kotz aus Münsteri. W., derselbe, der seinerzeit die Elektrisierung der Berliner Stadtbahn als Direktor der Union-Elektrizitäts- Gesellschaft vorbereitet hat: jetzt, nach zwölf Jahren, wird der Vorschlag durchgeführt! Die elektrische Straßenbahn ist in Deutsch­land erfunden, aber von Amerika aus zu uns gekommen. Die neue Wasscreiseubahn findet hoffentlich nicht erst den Weg übers große Wasser, um dann als amerikanischer Triumph bei uns einzuziehen.

Am 5. Februar hat Koß über seine Eisenbahn im Berliner Architekten-Verein ausführlich berichtet. Es sei vorweg genom­men, daß dem Vortrag maßgebende höhere Beamte bcigewohnt haben und daß die Versuche mit d'ern neuen System die Unter­stützung der Behörden gefunden haben. Würden die Dauerversuche noch in diesem Jahre unternommen, würden sie günstig aus­fallen (woran kaum zu zweifeln ist) und würde die Einführung des Systems dann in den Jahren 1913 und 1914 erfolgen tonnen, so würde das Resultat für die Verfrachter sein, daß die Fracht nur noch 3/t des bisherigen Satzes betragen würde.

Das System besteht in folgendem: dem Schleppzug vorauf fährt dieSchlepplokomotive", nämlich ein Motorboot von en 10 Meter Länge und 3 Meter Breite. Im Boden dieses Bootes befindet sich ein rechteckiger Ausschnitt, der, mit einem Blech­mantel umgeben, einen unten und oben offenen Schacht dar­stellt (in dem das Wasser innen also genau so hoch steht tote außen um das Boot herum). In diesen Schacht hineingehängt ist die Betriebsvorrichtung, welche unten vier flachliegende Rollen trägt. Diese Rollen schweben etwa y2 Meter über dem Kanal­boden. Auf dem Wassergrunde hingestreckt liegt ein Eisen­stab, die Schiene; an einer Eisenkrücke verankert. Diese Krücke ist ein langer beweglicher Arm, dessen Ankerglied (wie der Schlägel beim Dreschflegel) dort eiubetoniert ist, wo Uferböschung und Kanalsohle in stumpfem Winkel zusammenstoßen. Das Gewicht der Schiene drückt den ganzen Schienenstrang auf die Kanalsohle, wo der Strang also ähnlich so liegt, tote die Kette, die den Kettendampfern dient. Auch geschieht die Fortbewegung des Schleppbootes ähnlich so: es zieht sich an dieser Schiene weiter, indem die flachstehenden Rollen die Schiene zwischen sich klemmen. Die Klemmstärke (Reibung) kann nach Maßgabe der zu schlep­penden Last verschieden eingestellt werden, so daß also der Kraft­verbrauch reguliert werden kann. Die Zuglast selbst greift un­mittelbar an dem Räderwerk an, nicht am Boot selbst, das da­durch vor Erschütterungen bewahrt bleibt. Dieses Book ist viel­

mehr nur wie eine Tragschale des Räderwerkes, das ins Wasser hineinhängt; die Räder werden durch einen Dieselmotor int Boot getrieben; auch ist elektrische Stromzuführung möglich. Damit das Boot sich auch ohne die Schiene bewegen kann, ist es mit einer Schraube ausgestattet.

Die Versuchsanlage im DortmundEmsKanal bei Münster hat die praktische Brauchbarkeit der Neueruug erwiesen. In dem Gutachten, das von den Kommissaren des Ministers über die Versuchsergebnisse erstattet wurde, heißt es u. n.:

Die Fahrten des Treidelbootes an der Schiene verliefen im allgemeinen einwandfrei und zufriedenstellend. Das Boot zeigte nur geringe Schwankungen und passierte die am Ufer deutlich gemachten Unterstellen stoßfrei und fast unmerklich. An einer für die Versuche hergeftellten Luftleitung fuhr das Boot an­standslos nach Belieben vor- und rückwärts. Das Aufsuchen und Einheben der Schiene bis zur Betriebsbereitschaft dauerte sechs Minuten. Zum Ausrichten des Stromabnehmers und Anlegen an die Luftleitung waren fünf Minuten erforderlich."

Kurz, es scheint eine Verbesserung des Wassertransportes bevorzuslehen, die nach verschiedenen Seiten hin von Bedeutung ist. Das ergibt sich wenn das Koßsche Verfahren erst Ein­gang gefunden hat durch Vergleich mit den jetzigen Trans­portarten. Von den S ch r a u b e n d a m p f e r n ist bekannt, daß ihre Fortbewegung ein so starkes Wallen des Wassers nötig macht, daß dem Kanal aus dieser Wasserbewegung die schwersten Nachteile erwachsen. Die Uferböschungen werden infolge der von den Schraubenflügeln der Dampfer verursachten Wasserbewegung ausgewaschen und müssen repariert werden; das Bodenprofil, bei der Ausschachtung trapezförmig angelegt, wird allmählich muldenförmig, so daß die Fahrbreite an den Rändern sich ver­ringert. Dann die Kettenfahrerei: in engen Kanälen ist sie gar nicht anzuwenden, weil die Kette in den Kurven nicht fest­gelegt werden kann und daher vom herankommenden Schiff in die grade Linie" gezogen wird. Sie ist nur im großen Strom brauchbar, hat aber auch da ihre Nachteile. Die neueste Errungenschaft knüpfte an die älteste Form der Schleppschiff­fahrt an, an die Treidelei, indem sie die treidelnden Menschen und Tiere durch die elektrische Lokomotive ersetzte, ein System,^ dessen Anwendung zuerst beim Teltow-Kanal.durchgeführt wurde. Dies System tvirb sich auch so lange halten lassen, als die Ufer des Kanals noch schwach besiedelt, von Seiten- und Stich­kanälen zu Hafenbassins hin noch wenig durchbrochen sind. Dann aber machen sich die Nachteile nachdrücklich geltend, die durch die Treideltrosse entstehen. Diese Trosserasiert" das Ufer: es darf ihr kein Baum, kein Hans, keine Unterbrechung durch Seitenkanäle im Weg sein. Diese Hindernisse zu überwinden macht heute schon Schwierigkeiten. Diese fallen aber alle weg, wenn die Zugkraft, wie bei der Wasserlokomotive, in grader Linie v o r den Schleppkähnen angreifen kann, ohne daß sie auf den festen Neibungswiderstand zu verzichten braucht, . also die ins Wasser verlegte Schiene. Und ferner fällt dann die Notwendig­keit weg, an beiden Ufern einen besonderen Eisenbahnunterbast zu erhalten. Die Ufer werden für jegliche Art anderer Anlagen frei.

Man wird also der neuen Erfindung und ihrer Einführung in den öffentlichen Verkehr mit besonderem Interesse entgegen sehen können,

humoristisches.

* Eine Seele von einem Menschen. Ehemann (zn feiner Fran):Fein! Für deine Hand, die du in der Wagentür gequetscht hast, bietet mir die Eisenbahn 1800 Franks Schaden­ersatz! . . ."'.Für den Preis machte ich die Geschichte gleich noch einmal!"

Bilderrätsel.

Auflösung in nächster Nummer.

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Auflösung des -- t voriger Nummer: HEBE EPOS KOSS MUSE AUCH NEUN

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»