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Allerlei Gedanken schossen ilym durch den Kops. Nun wollte er noch einmal das Schicksal auf die Probe stellen, wollte ans den Kirchhof gehen, uin die Nummern für das Lotto zu erfahren. Warum sollte er nicht einmal ein Terno gewinnen, ein einziges Mal nur! Vielleicht gewährte ihm die heilige Jungsrau ein Änadeuzeichen, vielleicht verrieten ihm die Toten die glückbringenden Nummern. Sein Herz- weitete sich in seliger Zuversicht. Wenn er dann reich wäre, wollte er einen schönen Lade» mieten und Nunziata, die Tochter der Obsthändlerin, heiraten. Sie war das schönste Mädchen im ganzem Stadtviertel, und ihre schwarzen, heißen. Augen machten ihn rasend. Er schloß die Augen und fühlte, tvic ihm das Blut zu Kopfe stieg, seine Nerven zitterten und immer schneller sauste der Hammer auf den Schuh hernieder. Da er arme war, hatte er ihr seine Liebe niemals gestanden. Er schämte sich seiner Dürftigkeit, während sie eine Aussteuer und viele Schmucksachen besaß. Um mit einem Schlage reich und ihrer würdig zu werden, gab es kein anderes Mittel, als das Glück zu versuchen. Er hatte schon auf das Rauchen und das Kartenspiel verzichtet, um den Einsatz, int Lottospiel erhöhen zu können. Früher oder später mußte, auch für ihn das Glück einmal kommen, das hatte ihm Meister Ciccio, der Anstreicher, versichert, der sich benr Neuling gegenüber einer langjährigen Er- fahrung im Spiel rühmte. Obgleich er in der langen Zeit vielleicht 200 Frs. in kleinen Gewinnen ein geheimst, hatte, wartete auch er geduldig aus das große Glück, damit er nicht mehr Häuser zu weißen brauchte. Gerade jetzt schien der große Gewinn sicherer denn je zu sein, denn ein Camaldulenser Mönch hatte ihm geraten, nach dem Kirchhof zu gehen, nnr die Nummern für den Einsatz, zu erfahren. Zwar hatte mich das Horoskop nicht den ersehnten Erfolg gebracht, aber er tröstete sich mit dem Gedanke», daß eben beim erstenmal selten etwas gelingt, daß es ihm vielleicht am nötigen Glauben oder an der Kraft zum Gebet gefehlt habe. Jetzt wollte er in guter Gesellschaft noch einmal nach dem Kirchhof gehen, so konnte es nicht mißlingen., Diesesmal wollte auch Antonio, der Student, mitkommen, der, für einen Neapolitaner geradezu unglaublich, nie den Fuß über die Schwelle einer Loltobauk gesetzt hatte. Wie konnte es dem mißglücken! Es ist eine bekannte Tatsache, daß der erste Versuch im Lottospiel einen Gewinn einbringt. Der Anstreicher überlegte die Tinge hin und her und legte die rechte Hand breit wie einen Fächer auf den Kopf. Die zugekniffenen Augen und das pfiffige Lächeln verrieten klar seine Gedanken.: ,-Teufel auch, 30 Jahre Hebung im Lottospiel, ich verstehe mich daraus!" Pietro hörte glückberauscht den Worten des Gefährten zu, so daß die Arbeit seinen Händen entglitt. Seine Gedanken gaukelten ihm eine glückliche Zukunft im Wohlleben vor. Er sah das Schlafzimmer hinter dem schönen Laden, das breite Brett mit dem gewaltigen Baldachin und den dicken, blanken Messingstäben, die Glasschränkcheu mit den Heiligenfiguren und die Hängelampe in der Mitte des Zimmers, mit tausend glitzernden Glas Prismen und bunten Lichtern, lind Nunziata war Königin in diesem Reiche. Sie ließ die Tür immer ettvas offen stehen, damit die Vorübergehenden die schmucke Einrichnmg bewunderten und die Nachbarinnen vor Neid vergingen. . .
„Das Lotto ist eine mcck;anische, ja fast eine mathematische Sache," fuhr Meister Ciecio fort, und dann wiederholte er Wort für Wort eines Nicklameaussatzes int „Mattino", ohne sich um feinen Zuhörer zu kümmern. Nur dieser Zweifler, der Antonio, will uns nicht glauben, die Bücher haben ihn verdorben, Und trotzdem will er spielen; kaum hat er von Gaötano gehört, daß wir nach dem Kirchhof gehen wollen, da ist er auch dabei. Pietro hörte kaunr zu, er weilte mit seinen Gedanken bei dem unglücklichen Gaötano. Sein Freund hatte jung, fast »och als Bursche, geheiratet, jedoch der bescheidene Wochenlohn zusammen mit dem seiner Frau, die als Handschuhmacherin arbeitete, genügte für ihren Lebensunterhalt. Seine Concetto verstand alles, kaum von der Fabrik heimgekehrt, machte, sie sich an die Hausarbeit. Sie waren glücklich und liebten sich wie ut den Flitterwochen, und am Sonntag leisteten sie sich eilte Wagenfahrt und ein Gericht Maccarom in Poggio Reale. Aber dann kam ein Sohn und bald ein zweiter, und' Concetta mußte nach einer schweren Geburt die Arberts- stelle aufgeben. Gaötano begriff nicht, daß er jetzt doppelt arbeite« und sparsamer wirtschaften müßte und auch auf die sonntäglichen Spazierfahrten verzichten müßte. Er hatte es sich tu den Kopf gesetzt, sein früheres Leben weiter zu führen. Ta er ai^ Gottes Hilfe glaubte, so ergab er sich dem Lottospiel; doch seine schulden häuften sich. Ein schönes Onaterno hätte ihnen aufgeholfen und das Leben "wieder angenehm gemacht. Schüchtern hatte er nut einem kleinen Einsatz 'von 12 Centesimi begonnen zu spielen,, dann hatte er immer mehr daran gewagt, bis er schließlich fast, seinen ganzen Wochenverdienst hingab. Er sah nicht, daß er sich ms Verderben stürzte, er schloß die Augen vor dein wachenden Elend, er wurde hart gegen die klagende Frau und ärgerte sich über ihre Teilnahmslosigkeit, während er des zukünftigen Gewinnes zu sicher Ivar... *
„Verzeiht, aber das Theater ist soeben erst aus," entschuldigte sich Antonio Bartoli und trat zu den drei Mannern, die ihn erwarteten. Mit einem leisen Fluch trabte Meister Ciccio voran und murrte: „Bei Zusatnmcrtfiinften muß man pünktlich fein. „Schölt gut," beruhigte ihn der Student ut leicht spöttelndem Kone, wir wollen lieber einen heißen Punsch trinken, der ist gut
bei 8er Kälte." „Nein, besser nicht," entgegnete der Anstreicher, „wenn wir zu-spät kommen, ist vielleicht alles umsonst."
„Nun, alle so stumm," scherzte Antonio, „geht's denn zum kerben?" „Das' nicht," meinte Pietro mit gezwungenem Lächeln, ,aber diese Straße ist ewig lang, und was sollte man auch so ägeii?" „Stellt Ihr Euch nicht den Geldschrank vor, den Ihr kaufen mußt, daß es nötig sein wird, Pferde oder ein Automobil bereitzuhalten," höhnte der Student. „Don Antonio, scherzt nicht," tadelte ihn Meister Ciccio, „dies ist ein heiliger Augenblick, wir »Uten lieber ein Requiem beten."
Der Himmel flimmerte von Sternen, totenstill lag das Land da, fern hob sich die dunkle Masse des Kirchhofs ab. Die Gesellschaft bewegte sich langsamer vorwärts, tödliche Angst lähmte hre Schritte. Antonio fühlte mit Widerwillen, wie sich auch in eine Seele ein geheimnisvolles Unbehagen einschlich, und wie ihn die Todesangst jener Männer ansteckte. Meister Ciccio blieb tehen und gebot seinen Freunden, zu schweigen. Er war aschgrau im Gesicht und starrte angsterfüllt auf das Kirchhofsgitter. Plötzlich, erscholl ein Bellen, erst undeutlich, dann klar und wütend, dann dumpf knurrend, und schließlich verlor es sich in einem klagenden Geheul. „Hört, die erste Nummer," murmelte Pietro, der Schuster. „Hund bedeutet drei," belehrte sie Gaötano. „Eine gute Zahl," versicherte Meister Ciccio. Wie ein Blätterrauschen ging es über ihre Häupter. Antonio fühlte sich immer unbehag- licher, warum? war er nur hierher gegangen! Der Aberglauben jener Leute, über den er im Anfang gelächelt hatte, wurde ihm unheimlich. Er hörte ihre Herzen pochen. Langsam, undeutlich, vom Lufthauch getragen, kam das Schlagen einer Uhr herüber. Eins, zwei, drei, vier — vier Uhr. „Jesus, Jesus, habt Ihr gehört! Ja, vier, das ist die zweite Zahl. Nun fehlte noch die dritte Nummer, doch die Seelen im Fegefeuer werden uns die letzte zu dem Terno nicht versagen. Geduld!" Zehn Minuten vergingen, eine Viertelstunde, eine halbe, nichts regte sich. Die Versammelten sahen sich! zweifelnd und unruhig an. Wurde ihnen das Guadenwunder versagt? Der Student, rauchte und tagte nichts, auch er war enttäuscht. Was ging nur in ihm vor, hatte er beim den Verstand verloren, daß er hier mit diesen Leuten wartete, da er gierig seine Sinne anspanute und angstvoll ein Ereignis suchte, das ihm die letzte Zahl verrate? Da, em gellender Pfiff, ein Rasseln und Schnauben. Endlich, endlich, das Gnadenwunder war geschehen. Zug bedeutet 32. Gott sei gelobt! Und die Jungfrau Maria! Ein Stein fiel ihnen vom Herzen, ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen, und Pietro ttimmte fein Lieblingslied von den Fischen, die sich lieben. Der ©tubent begriff nicht, warum dieser kindliche Glaube sich noch in unfern Tagen erhalten könne und ein Vorrecht des Süditalieners Jet. Nie hatte er in Florenz gesehen, daß sich die Leute an den Lottobänken stauten, nie hätte er brutale Schlägereien oder Raufereien um den Vorrang dabei beobachtet, freut Bettler drangt sich dort in die Reihe der Wartenden. Warum das alles, warum? Der Morgen dämmerte. . .
Antoiiio schritt langsam über Piazza Plebisctto, trat unter die Bogengänge, betrachtete neugierig die Ansichtspostkartcn, stieg nach Via Roma hinab, doch seine bitteren Gedanken folgten ihm auf Schritt und Tritt. Wie konnte es nur so viel menschliches und seelisches Elend geben! Gaötano war auf dem Leihamt gewesen und hatte, um spielen zu können, ein paar Laken versetzt Als Concetta ihn von seinem Vorhaben abbrtngcn wollte, hatte er sic Mutig geschlagen. So wenigstens berichtete Pietro mit allen Einzelheiten. Nunziata scherzte unterdes,cm laut, mit einem Anbeter auf der Ladenschwelle und zeigte ihre meinen Zähne zwischen den korallenroten Lippen. Antonw ging verstört davon. Vor seinen Augen stieg das Bild Concettas auf. Er hatte sie eines Abends an der Ecke von Via S.> Lucia auf jemanden warten sehen. Bleich, schweigend, ein Taschentuch vor dem Munde, stand sie da. Jetzt wußte er, daß sie auf ihren Mami wartete und ihm das Geld abbetteln wollte, das er jur Lottobank trug. Und doch, die beiden hätten sich geliebt, liebten sich vielleicht noch, aber seine wüste Leidenschaft für das Lotto und fein blöder Aberglaube brachten sie auseinander. Zwischen ihnen stand der dumpfe Groll, in dem schon der Haß garte. Die Liebe war vebblüht, vielleicht auf ewig.dahin.
In Piazza Santo Spirito versammelte ein Glockenzeichen dw Leute vor der Lottobank. Mau wartete auf btc Ziehung Auch Antonio stand unter ihnen. Er wollte gE wisstn, ob ftina Gefährten gewonnen hatten, ob nun endlich Wohlstand m das Hans des unglücklichen Gaetano zuruckgekchrt wäre. Em Murmeln kündete ihm das Bekaimttverden der Nummern an, er blickte hin, die Heiligen im Fegefeuer hatten ihren Spott
Da^Bttd^Concettas stieg in ihm auf, jene bleiche, schweigende Fran, die ein Taschentuch vor ihre bebenden Lippen PreM. . -
Der Uesftistein.
Werden in einem Gefäß größere Mengen Was,er erhitzt ober verdampft, so findet inan schon nach kurzer Znt au deil Jnnenwandeii desselben einen steinartigen Ueberzug, was rm kleinen bei zum Erhitzen von Wasser benutztem Mchengeschirr und in größerem


