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UM Bataillon nach Beni-Qunif zu marschieren. Hier wurde das Bataillon geteilt. Meine Kompagnie zog zur Hälfte nach Bou- Bala, zur Hälfte nach Ben-Zireg. Ich gehörte zur zweiten Abteilung, die nach zwei Ruhetagen als Bedeckung einer Karawane von 6000 Kamelen abrückte. Seither waren wir immer der Bahnlinie entlang marschiert Nnd hatten so die Gewißheit, bei den Bahnwärterblockhäusern Wasser zu finden. Das hörte jetzt auf- denn die Eisenbahn ging damals nur bis Beni-Qunif. War Man den ganzen Tag mit schwerem Gepäck marschiert, so mußte man Noch auf die Suche nach Wasser gehen- bevor man den glühenden Durst löschen Nnd die müden Glieder ausruhen konnte. Hatte man Nun glücklich einen Brunnen gefunden, den die Araber nicht verschüttet hatten, dann bekamen erst die Tiere zu saufen, denn die Tiere kosten Geld und der jLegionär, — Gott, wer fragt nach ihm?
Ben-Zireg, unser neuer Bestimmungsort, liegt an dem' Karawanenweg, . als dessen Stützpunkt eg' jetzt eine Befestigung haben sollte. Die UrnfassungsUtauern waren bereits auf einem hochl- gelegenen Punkte angefangen, als wir zur Ablösung ankamen. Nach einem Ruhetag ging das Arbeiten los. Es wurden verschiedene Gruppen gebildet, die teils zum Backsteinmachen und Stembrechen, teils als Maurer und Wasserträger verwandt wurden. Ich ging freiwillig zu denen, die die Bausteine aus den Felsen zu sprengen hatten.
Den ganzen Tag saß uns der Kominändani im Nacken. Ausruh'en gab es nicht; gleich wurde mit Strafe gedroht, wenn ein M^N" einen Augenblick feierte. Wie viele wurden damals mit 15 Tagen Arrest bestraft. Die Strafe wurde hier aber nicht im geschlossenen Raume verbüßt, sondern unter freiem' Himmel, Wind und Wetter ausgesetzt, und wenn sich einer widerspenstig zeigte, wurde er kurzerhand gefesselt und in der glühenden Sonnenhitze liegen gelassen.
Auf die Dauer sagte mir die anstrengende Beschäftigung nicht zu, und ich bat daher den Adjutanten, mich anderweitig zu verwenden. Ich wurde zum Geschirr spülen und Holz spalten in die Offiziersküche geschickt und durch das Wohlwollen meines Oberleutnants bald als Kellner verwandt. Aus diese Art kam ich wenigstens zu einem anständigen Essen, denn die Kost der Mannschaften war einfach abscheulich. Die Herren Ofmiere dagegen hatten alles, was das Herz begehrte. Die besten Weine, feinsten Liköre und teuersten Konserven, ja selbst der Schaumwein fehlte nicht. — Da die Gegend ziemlich unruhig war, gingen täglich größere Patrouillen nach allen Richtungen der Windrose, und bisweilen wurde denn auch hier und da ein feindlicher Araber aufgegriffen, der dann bei nächster Gelegenheit nach Beni-Ounif geschafft wurde.
Sogar bis an unser Lager wagten sich die kühnen Wüstensöhne heran. Ich lag eines schönen Abends mit einem Kameraden plaudernd zusammen, Offiziere und Mannschaften schliefen schon, als plötzlich ein Schuß aus einem fremden und gleich darauf noch einer aus französischem Gewehre fiel. Im Nu war alles aus den Zelten und mit Gewehr und Patronentaschen an der Mauer in Bereitstellung. Wie sich bald herausstellte, hatte sich eine Bande Marokkaner durch die Postenkette geschlichen und auf den Pferdewächter geschossen. Die Außenposten kamen bis aus einen sofort in das Lager. Bald danach hörte man von außen rufen: „Nicht schießen, wir sinds, Posten 4!" (Der Posten 4 fehlte nämlich noch.) Die Leute brachten den Wächter mit. Ter arme Kerl sah furchtbar aus. Ter Schuß war aus nächster Nähe auf ihn abgegeben worden und hatte ihin die rechte Brustseite vollständig ausgerissen, so daß der Magen zutage trat. Er war trotz der schweren Wunde bei vollem Bewußtsein und murmelte seine Sterbegebete. Am Morgen war er verschieden. Unter, militärischen Ehren begrub man ihn abends, als erstes Opfer.
Die Zeit verging und meine Kompagnie bekam den Auftrag, die Straße von Ben-Zireg nach Tagda .(jetzt Colomb-Bechar) zn bauen. Man denke sich die Herstellung einer solchen Straße nicht etwa so umständlich wie in Deutschland. Jeden Tag wird eine Strecke von 2—2i/r Kilometer ab gesteckt, auf eine Breite von 4 Meter das Gras ausgerupst und die Steine bei Seite geworfen. So entsteht eine Straße in dortiger Gegend. -
Auf der Hälfte des Weges wurde ich von einem Skorpion gebissen und mußte zu Pferd zurück. Am neunten Tage konnte ich als geheilt den Ort wieder verlassen und meiner Kompagnie nachreiten. Als die Straße nach Tagda glücklich vollendet war, gings wieder nach Ben-Zireg, um von da eine Straße nach Bon-Aich zn Bauen. An dieser Strecke arbeiteten wir 22 Tage.
Da wir immer und immer arbeiten mußten, wurden die Leute unwillig, unb Strafen kamen auf Strafen. Da war es denn auch gar nicht zu tounbern, baß eines Morgens 3 Mann mit Gewehren, Munition unb Lebensmitteln von 4 Mann verschwunden waren. Unglücklicherweise waren ihrer zwei aus meiner Korporalschaft, und so mußte ich halt, wohl oder übel, mit meinen Leuten auf die Suche gehen. Wir zählten 16 Mann, jeder bekam 200 Patronen unb Lebensmittel für 6 Tage. Unter den Leuten waren zum Glück 11 Deutsche, so daß ich wenigstens keinen Aufruhr zu befürchten hatte. 1 .
Nachdem wir 5 Tage vorgedrungen waren, machten wir uns wieder auf den Rückmarsch, wobei wir uns stets nach dem'Stand der Sonne richteten. Meiner Berechnung nach konnten wir nicht Mehr weit von Bou-Aich fein. Ta wir jedoch in den Ausläufern
M Atlasgebirges Bet Nacht nicht fortkoMM'en konnten, beschlossen wtr> auf einer Arthohe zum letzten Male zu lagern ... Gegen 2 "F morgens wurden wir vom Posten geweckt, da er Hilferufe au Boren glaubte. Wir lauschten angestrengt unb hörten eben- Ms in der Ferne rufen. Wir malten uns bei dem unsicheres Morgengrauen auf und erblickten, als es völlig Tag wurde, etwa 1200 Meter vor uns' ein etwa 5—6 Zelte zählendes Araber- dorf. Bor den Zelten drängten sich die Wüstenteufel um drei Menschen, tn denen wir sofort unsere Deserteure erkannten. Wir eilten bis auf etwa 300 Meter heran und gaben Feuer. Tie Kerle flohen und ließen ihre Opfer zurück, von denen allerdings schon zwei tot waren, als wir hinzukamen. Der dritte Mann lag tm Sterben. Wir konnten uns nicht um ihn kümmern, denn der ganze Schwarm kam wieder auf uns zu. Es entwickelte sich ein Feuergefecht, das schließlich mit der Flucht der Gegner endete. Zch bekam bei dem Kampf mit diesen Mordbrennern einen Schuß ms Kme, der mich am' Gehen hinderte. Außerdem hatten noch 6 oder 7 Leute mehr oder weniger schwere Streifschüsse. Wir zogen uns zu den Toten zurück — der dritte war mittlerweile ebenfalls gestorben ■— unb verbanden uns notdürftig. Aber was sollte nun weiter werden? Wir hätten kein Wasser und kerne. Lebensmittel. Jeden Augenblick konnten wir wieder angegriffen werden. _ Unsere Lage war verzweifelt. Langsam zogen wir. uns auf unfern alten Lagerplatz zurück, um die Gegend, wenigstens besser übersehen zu können. So lagen wir von Freitag bis Samstag nacht, ohne Wasser, ohne Brot. Samstag morgens waren die Araber abgezogen, ohne uns noch weiter belästigt zu haben.
Von Zeit zu Zeit'gaben wir eine Salve ab, um in Bou-Aich gehört zu werden. Unb tatsächlich wurden wir durch unser Schießen gerettet. _ Gegen 10 Uhr hörten wir Pferdegetrappel. Einige Augenblicke später hielt unsere halbe Kompagnie vor uns. Klugerweise hatten sie Tragesel mitgebracht, auf denen wir nun den Heimweg begannen. Am! Sonntag morgen kamen wir auf unserer Station an. Nachdem man mich verbunden hatte, wurde ich nach Beni-Ounif gebracht, wo ich die Kugel herausgeschnitten bekam. Nach 17 Tagen war ich wieder geheilt und kehrte zu meiner Kompagnie zurück, die mittlerweile jum Bau neuer Baracken befohlen war. In der Nahe des Fleckens war ein Steinbruch entdeckt toorben, der bas zum Bau nötige Material liefern konnte. Um die erforderliche Anzahl Leute zu bekommen, setzte unser Komwanbant für den Quadratmeter 1 Frk. aus. Ta ich schon als Steinbrecher gearbeitet hatte, meldete ich mich mit noch mehreren meiner Kompagnie.
So gingen die Monate Juli, August, September unter harter Arbeit dahin, bis ich plötzlich tvphuskrank wurde. Ich kam mit der Bahn nach AirEefra ins' Lazarett und blieb dort 42 Tage. Als ich entlassen wurde, war meine Kompagnie noch in Beni- Ounif. Also wieder runter an die Arbeit. Zum Glück war unsere Ablösungsordre gekommen, die bestimmte, daß wir bis Ain-Sefra zu .'Fuß unb von dort per Bahn nach Sidi-Bel-Abbes zurückkehren sollten.
Unsere Tornister toaren schon gepackt, als wir die Nachricht erhielten, Ain-Sefra sei von schweren Wettern säst vernichtet und Tjenau-ed-dar sei von den Wassern bedroht. — Noch in der Nacht brachen wir auf — der Weg Beträgt etwa 30 Kilometer — und hörten schon von weitem das Anstürmen und Rauschen der Wassermassen. Wir machten bei Djenien-Bou Rezg Halt und warteten auf das Fallen der Wasser. Etwa 2 Kilometer vor diesem Ort führte eine schöne, zweibogige Brücke über einen Hohlweg. Durch das Stauen von Bäumen, Balken und Sträuchern' und die Wucht der nachdrängenden Wasserfluten, wurde die Brücke bis auf den mittleren Pfeiler vernichtet. Ein etwas höher gelegener Tamm war völlig unterspült, so daß die Eisenbahnschienen frei in der Lüft hingen. Diesen Schaden hatten wir zu beheben, und außerdem sollten wir eine Notbrücke über den noch immer Breiten Bach Bauen, da der Gouverneur in nächster Zeit die Unglücksstätte Besichtigen wollte. Da unsere Kompagnie allein nicht ausreichte, die Arbeit in der angesetzten Zeit burchzuführen- so wurden noch 2 Kompagnien Tirailleurs beordert, die Steine unb Saud herbeitragen mußten. Als der Gouverneur kam', war das Werk vollendet und fand sein ungeteiltes Lob. ■
Bon diesem Tage an wurde ich! Bursche bei meinem' Hauptmann, unb da er 2 Pferde hatte, konnte ich den Rückweg nach Sidi-Bel-Abbes zu Pferde machen. Später wurde ich fein Haus- bursche, war frei von jedem Dienst und wohnte tut Hause meines Vorgesetzten. Arbeit hatte ich in Hülle unb Fülle, aber ich tat es gern, denn ich verdiente mir im Monat 25 Franks nebenbei.. Der Sommer entschwand unb mit ihm meine gute Stellung. — Mein Hauptmann wurde nach Touking kornrnanbiert. — Aber gleich darauf wurde ick) Pferdepfleger und Bereiter des Bataillons- kommandeurs, deut ich einen dreijährigen Hengst zu seiner vollsten Zufriedenheit einritt. Vom 18. Oktober ab lag ich noch 14 Tagt im Lazarett, bis ich aM 2. November 1905 in die Schreibstube gerufen wurde, um anzugeben, wohin ich entlassen feilt wollte, Ich gab Songtot) an. Bon den 47 Leuten, die vo^ fünf Jahren nach Sidi-Bel-Abbes gefahren waren, trafen sich noch 4 ManU bei der Abreise. , ,
-Die Rückfahrt fand mich diesmäl in weit besserer Saunt- eg ging ja endlich der Freiheit entgegen. AnilO. November 1905 bestieg ich den Zug nach Songtot), um 12 Uhr mittags überfuhr


