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fetne Predigten hoch, sv daß Luther, als er sich im Jahre 1529 auf der Reise zum Marburger Religionsgespräch in Alsfeld aufhielt, rühmend sagen konnte: „Gott hat diese Stadt erleuchtet, daß sie die e rst e des' H essc nl a nd es i st, welche das'wahreEvan gelt u m a n geno m m e n." Schon im Jahre 1521, als Luther aus der Fahrt zum denkwürdigen Wormser Reichstage auf dem Hin- und Rückwege nach Alsfeld kam, war er dank der Tätigkeit Schnabels den Bewohnern dieser Stadt kein Fremder mehr. Tie Lehrer zogen mit der Schuljugend vor das Gasthaus zum Schwanen, wo er herbergte, um ihm singend ihre Huldigung darzubringen, und andern Tags mußte er unter dem Zulauf der ganzen Stadt eine Predigt halten. Wer diese Tätigkeit Schnabels war nicht nach dem Sinne des Landgrafen Philipp, der damals noch dem alten Glauben zugetan war. Im Jahre 1523 ließ er den Prediger nach Romrod, wo er gerade der Jagd wegen sich aufhielt, vorfordern und machte ihm mißbilligend Vorhaltungen, daß er durch seine Predigten das Volk errege. Schnabel nahm kein Blatt vor den Mund und scheute sich nicht, vor dein Landgrafen den Papst als den rönÄschen Baal und als eine scheußliche Bestie zu bezeichnen. 'Tie Folge war, daß ihm der Landgraf das Predigen untersagte. Kurz entschlossen legte Tilemann am Siechenhaus zur h. Elisabeth am Ingelbach vor den Toren Alsfelds seine Mönchskutte ab und ergriff den Wanderstab. Er wollte lieber von Amt und .Heimat als von seinem Glauben lassen. Durch Vermittlung seines teuren Lehrers und Freundes Luther tvurde er dann Pfarrer zu Leisnig an der Mulde. Aber die treuen Alsfelder haben ihren Provinzial nicht vergessen. Als sie 1525 infolge der dem Landgrafen im Bauernkriege geleisteten SEtenftc, die Erlaubnis erhielten, sich eine Gnade auszubitten, haben sie sich für alle Zeiten ein Ehrenzeugnis ausgestellt, indem sie wünschten, der Landgraf möchte ihnen ihren Tilemann Schnabel wieder geben. Gleichzeitig hatte dieser einen Ruf nach Danzig erhalten. Unschlüssig, welchem Rufe er folgen sollte, wandte er sich an Luther. Dieser, froh darüber, daß nun auch in Hessen für das Evangelium eine Tür aufgetan sei, schrieb ihm: .vocariis in Hassiam, sequere!‘ (Du wirst nach Hessen gerufen, folge!) So kam Schnabel wieder nach Alsfeld, wurde dort später Superintendent und hat als solcher auf die Einführung der Reformation in der Ilmgegend großen Einfluß gehabt. Ein Glück wars für die evangelische Sache, daß. der Landgraf selber im Jahre 1524 sich dem Evangelium zuwandte, nachdem er eine Bsgegnung mit Philipp Melanchton gehabt und dieser ihm ein Neues Testament in Luthers Uebersetzung nebst anderen reformatorischen Schriften zugesandt hatte, die er mit großem Eifer studierte. So fest überzeugte er sich in der Bibel lesend von dein guten Grunde der Lehre Luthers, haß auch die Greuel des Bauernaufstandes, die man mit der Sache des Evangeliums verquickt hatte, ihn nicht irre zu machen vermochten. Auch seinen katholischen Verwandten gegenüber wußte er seinen zugunsten der Reformation eingenommenen Standpunkt mit guten biblischen Argumenten zu verfechten. Aber seine Klugheit und Besonnenheit bewahrten ihn vor übereiltem Vorgehen. Er wüßte, daß man eine religiöse Bewegung nicht machen könne, sondern langsam werden, wachseiunnd reifen lassen müsse. Und so beschränkte er sich zunächst darauf, die von ihm zuvor vertriebenen und ins Gefängnis gesetzten evangelischen Prediger wieder in ihre Aemter zu setzen und die Neuberufung evangelischer Pfarrer zu fördern. Bon der allgemeinen Durchführung einer zu Homberg a. d, Lefze beschlossenen Resormationsordnung sah er auf den Rat Luthers ab und entschloß sich, durch allmähliche Abschaffung der katholischen Mißbräuche, durch Versorgung der Gemeinden mit evangelischen Predigern und Lehrern, durch Umwandlung der von den Mönchen verlassenen Klöster in Pfarreien, Schulen und Hospitäler, durch Jugendunterricht und solche zielbewußte langjährige Geduldsarbeit an der Seele des Volkes eine allmähliche Besserung der allgemeinen religiösen und sittlichen, der kirchlichen und sozialen Verhältnisse herbeizuführen. So konnte denn au ch bald in d e n a nd ern Alsfeld be na chb a rt en landgräslichen Orten unseres Gebietes die Reformation Eingang finden. Unmittelbar durch Tile- nianns Predigt angeregt, wurden die damals noch von Alsfeld aus pastorierten, später zu selbständigen Pfarreien erhobenen Gemeinden Hopfgarten und B r a u e r s ch w c n d evangelisch: Die Pfarrei Oberrod-Romrod bekam in Ni Höltscher 1527 ihren ersten evangelischen Pfarrer. In demselben Jahre wurde in Kirtorf die Reformation eingefiihrt, und bald darauf auch in Krainfeld und Ilbeshausen, das damals noch Filiale von ersterem Pfarrorte war. Als erster evangelischer Pfarrer von da wird Kleinschmidt und als sein Nachfolger Phäling genannt. Wenn gleichwohl an manchen landgräflichen Orten wie *. B. in Obergleen erst viel später evangelische Pfarrer erwähnt werden, so mag das, falls die betreffenden chronikalischen Notizen richtig sind, seine Ursache darin gehabt haben, daß an studierten evangelischen Predigern in der ersten Zeit Mangel war und daß. man alte Pfarrer, die sich in die neuen Verhältnisse nicht hineinsinden konnten, ruhig im Genuß, ihrer Pfründe ließ und einstweilen sich bannt begnügte, daß sie die ärgerlichsten päpstlichen Mißbräuche abtaten, das hl. Abendmahl in beiderlei Gestalt feiern und den Gottesdienst nach dem Muster der Marburger Gottesdienstordnung in deutscher Sprache, wenn auch zunächst ohne Predigt abhalten konnten.
Die Pfarrei Schwarz müßte sich noch bis zum' Jahre 1603
mit einem ungebildeten und unfähigen, dazu dem Trünke ergebeneu und sittlich anrüchigen Pfarrer, Namens Tilemann Nolthius, der vorher 14 Jahre lang im Stift Fulda katholischer Priester gewesen war, behelfen, bloß weil den Patronen der 'Kirche, den Finken und Liderbächern, ein akademisch gebildeter Pfarrer zu teuer war. Höhnisch schreibt darüber Superintendent Vietor an den Landgrafen: „Köpfern Geltt, köpfern Seelmeß".
3. Die Einführung der Reformation in den Riedeselschen Orten des östlichen und südöstlichen Vogelsbergs.
Ganz ähnlich wie im Landgräflichen entwickelten sich die Verhältnisse nun auch in den benachbarten R i e d e s e l s ch e n Pfarreien. Es war ein günstiger Umstand, daß der Senior der Familie, Hermann Riedesel, der Dritte seines Namens, Erbmarschall zu Hessen, ein treuer Diener des Landgrafen Philipp des Großmütigen und seit 1520 landgräflicher Statthalter von Oberhessen in Marburg, durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu Philipp dem Großmütigen schon frühe mit Luther und den Wittenberger Gelehrten bekannt und schließlich ein begeisterter Anhänger der Reformation wurde. Eine Riedeselsche Privatchronik, die der früh vollendete Hermann Riedesel (1573—1601) mit Hilfe seines Hauslehrers verfaßte und die der gegenwärtige Besitzer, Herr Erbmarschall Dr. Ludwig Riedesel Freiherr zu Eisenbach, dem Verfasser glitigst zur Verfügung stellte, weiß, zu melden, „daß der obengannte Hermann Riedesel zu Eysenbach, Erbmarschall zu Hessen und Statthalter an der Lahn, Hermann des Kriegsmanns ander (in Wirklichkeit: erster) Sohn die evangelische Religion in das Riedeselsche Gebiet gebracht und sortgepflanzt habe und daß fein älterer (in Wirklichkeit: jüngerer) Bruder Theodorus Riedesel zu Eysenbach mit ihm in Uneinigkeit gelebet habe darumb, daß sie nicht einer Religion, denn er katholisch, sein Bruder Hermann aber der Statthalter lutherisch gewesen"?) Von diesem Statthalter-) Hermann Riedesel wissen wir, daß er noch 1524 dem katholischen Priester Walther Dessenröder die Pfarrstelle zu Niedcrmoos anvertraute^) und daß er bereits 1527 dem von Herbstein vertriebenen evangelischen Pfarrer Kaspar Haun vom Landgrafen die Pfarrstelle zn Echzell verschaffte, damit er dem Evangelium fernerhin dienen könnte?) Da er tut Dienste des Landgrafen bereits am 24. Mai 1529 zu Marburg starb?) so ist anzunehmen, daß. er alsbald nach der Homberger Synode von 1526 im Riedeselschen Gebiet zu reformieren begann und in den Jahren 1527, 1528 und Frühjahr 1529 die Reformation in vielen Pfarreien einflihrte. Es ist sehr zn bedauern, daß die die Refürmationszeit umfassenden Akten- und Urknndcnbe- stände des Freiherrlich Riedeselschen Samtarchivs zu Lauterbach fast sämtlich im Revolutionsiahr 1848 verbrannt worden sind. Umfo dankenswerter ist es, daß Herr Pfarrer Knott-Wallenrod trotzdem noch einige Einzelheiten dort finden und dem Verfasser zur Verfügung stellen konnte. Dazu gehört die wichtige Tatsache, daß es nach dem Repertorium des genannten Archivs bereits. 1 5 2 7 eine Freiherrlich Riedeselsche Kirchen - und K o n s i st v r i a l o r d n u n g n e b st B e ft i in m unge n über eine privilegierte Pfarrwitwenkasse gegeben h a t. Diese Existenz dieser Riedeselschen Reformationsordnung beweist, daß die Einführung der Reformation Ende des Jahres 1527 bereits beschlossene Sache war. lieber den Inhalt der Kirch,en- und Konsistorialordnung läßt sich nichts Genaueres ausmachen. Es ist interessant, daß. sie damals schon mit Weitschauendent Blick und vorsorglichen Sinnes die Fürsorge für künftige Pfarrwitwen ins Auge faßte. Im Uebrigen dürfte bei den nahen Beziehungen des Erbmarschalls Hermann zum Landgrafen Philipp und zur landgräflichen Synodalstadt Marburg die Riedeselsche Kirchenordnung der damals in Hessen, besonders in Marburg, eingesührten Ordnung der Dinge nachgebildet gewesen sein. Auch LandchN nimmt ein solches Abhängigkeitsverhältnis der Riedeselschen von der landgräflichen Reformation an. Danach dürsten Abschaffung der katholischen Bräuche, vorab der Messe und des Heiligenkultes,- Einsührung des Abendmahls in beiderlei Gestalt, und Bestellung studierter evangelischer Prediger und Beseitigung untauglicher Pfarrer, Fürsorge für Jugendunterricht und Verwaltung des Kirchengutes die hauptsächlichsten Bestimmungen gewesen sein. Wie im Marburger Land, so wird auch int Riedeselschen Gebiet eine besondere Kommission mit der Durchführung der Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse betraut gewesen sein. Keine Chronik nennt uns die Namen der dabei beteiligten Männer. Aber ein Sekretär des Statthalters Hermann, ein ehemaliger katholischer Priester, dessen Namen uns nicht genannt wird, scheint au der Spitze der Riedeselschen Reformationskommission gestanden und bei den in allen Pfarreien vorgenommenen Kirchenvisitationen das Evangelium gemeinverständlich und erfolgreich gepredigt zu haben. Denn zweifellos dürfen wirs als eine Wirkung dieser
i) Aehnlich berichtet auch Landau in seiner Gesch. der Hess. Ritterburgen, Bd. IV, S. 34.
2) Sein Statthalter-Siegel trägt die Umschrift: S. Hermanni Riedesels Sculteti (Schultheiß) de Marpurg.
3) Nach einem Revers desselben im Freiherrlich Riedeselschen Samtarchiv zu Lauterbach, mitgeteilt von Pfarrer Knott in Wallcnrod.
4) Vgl. Beiträge z. Hess. K.-G., Bd. I, Heft 2, S. 159 s.
6) Er wurde im Deutschen Hause dort begraben.


