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Antlitz sah sie ja nur zu deutlich den schweren Seelenkampf, der ihn auswühlte.
Dann aber wehrte er mit festem Griff ihrem Ansturm.
„Nein, Eva — auch! das nicht!"
„Wie?"
Fast schrill kam es von ihren Lippen.
„Bitte — hör' mich ruhig an, einzig Geliebte, ganz ruhig! Ich habe das alles heut' nacht ja mit mir durch- geruugen: Es kann nicht sein. Es wäre Frevel, dich an mich zu fesseln; es ist das Ende meines GebundenseinS ja nicht abzusehen. Jahre noch können hingehen, ehe die Erlösung eintritt, und wer weiß, was dann noch von mir übrig ist. Sollst du die besten Jähre in aufreibendes Ungewißheit verzehren, nur um nachher einen gebrochenen Manir zu heiraten, der dir eine Last sein wird?"
Sie machte eine leidenschaftliche Bewegung zu ihm hin.
„Du niir eine Last? — Mein höchstes Glück wird es sein, dich zu heilen von allem Leid!"
Er dankte ihr mit einem leuchtenden Blick; aber dann ward seine Miene wieder ernst, und jener Zug unerschütterlicher Entschlossenheit trat auf seine Züge, den sie nun schon fürchten gelernt hatte.
„Und wenn es so wäre — es kann nicht sein! Eva, wollen !vir auf das Ableben eines Menschen warten, um unser Glück darauf zu bauen? Mit täglichem heimlichen Sehnen, er möchte den Abend nicht mehr erleben! Soll ich an der Seite meiner Frau leben und sie mit jedem Atemzug verraten? — Nein, nein, das rann ich nicht, Eva! Verlange das nicht von mir."
Einen Moment starrte sie ihn an, wie ohne Verständ- uis; dann kam tonlos ihre Frage:
„Also es soll aus sein zwischen uns — alles aus?"
Er gab keine Antwort; aber sein Blick sprach das grausame „Ja".
Da brach sie leidenschaftlich aus, besinnungslos vor Schmerz:
„So zertrittst du mich also ohne Erbarmen? Alles, was du aufgebaut hattest, was in mir wieder gut und groß werden wollte, du selbst reißt es nieder! Treibst mich zurück mitleidslos in die kalte, feindselige Welt — ohne Halt, ohne Schutz! Gut, gut, Hjalmar, ich gehe. Aber möge dich auch das nie reuen, was du heut an mir tatest!"
Ehe er noch ein Wort erwidern konnte, war sie da- vongeeilit.
Ec blieb zurück, im Herzen wie versteiucri; im Ohr immer noch den Klang ihrer letzten, furchtbaren Worte.
XVI.
Amthor lag in seiner Kahine angekleidet, wie er war, auf dein Lager. Nach der Unterredung vorhin mit Eva war es wie ein Zusammenbruch seiner Kräfte über ihn gekommen; nun ruhte er hier, aber ohne Schlaf, in einer dumpfen Betäubung, die keine klare Schmerzempfindung mehr zuließ, nur ein Gefühl völliger Vernichtung und Erschöpfung.
Es konnte noch gar nicht allzu lange Zeit verstrichen sein, seit er so lag, da klopfte es plötzlich an seine Kabinentür. Auf seinen müden Anruf antwortete die Stimme seines Kammerstewards:
„Herr Doktor entschuldigen, aber Frau Professor Söllnitz lassen Herrn Doktor doch sofort bitten. Sie erwarten Herrn Doktor auf dem Deckplatz, wö Sie heute morgen gesessen hätten."
„Gut — ich komme!"
Mit einem Sprung wär Amthor auf den Füßen. Ein jäher Schreck hatte ihn wieder aufgepeitscht. Was hatte das zu bedeuten? War da etwas geschehen?
Mit einem Griff nur ordnete Amthor das zerdrückte Haar, fuhr nach der Schiffsmütze und eilte hinaus. In zwei Minuten war er hinten am Heck.
Eva Söllnitz stand schon da. Mit furchtbar erregten Mienen rief sie ihm entgegen:
„Mein Kind ist krank — auf den Tod! — operiert worden."
Sie streckte ihm mit fliegender Hand einen Haufen Depeschen hin, die ihr da eben die an Bord gekommene Schifsspost gebracht hatte.
„Wie -?"
Selbst mit bebenden Fingern nahm Amthor die Tele- gramine und überflog sie der Reihe nach. Sie waren vom Pensionsvater des Knaben aufgegeben uni) datierten
zum Teil schon lange zurück; sie hatten hier auf das Schiff gewartet, das ja seit dem Verlassen der englischen Küste, also an vierzehn Tage, ohne jede telegraphische Verbindung mit der Außenwelt gewesen war.
Mit steigender Erregung las Amthor:
„Kurt seit einiger Zeit wieder nicht ganz wohl. Klagt über Schmerzen." — „Schmerzen gesteigert, namentlich in Weichengegend, auch Fieber aufgetreten." — „Krankheit anscheinend Blinddarmentzündung, doch leichterer Art." —i „Zustand ernster geworden, Spezialist Sicherheit halber hinzugezogen. Kurt verlangt nach Ihnen. Doch kein Grund zur ernsterer Besorgnis." — „Kurt leidet sehr, fragt viel nach Ihnen. Arzt hofft noch oüne Operation Besserung." — „Operation voraussichtlich leider nötig. Kurt große; Sehnsucht nach Ihnen. Erbitte im Interesse des Kindes, falls irgend möglich, Rückkehr." — „Operation nicht länger aufschiebbar, erfolgt morgen. 'Erbitte dringlichst Antwort. Kurt fragt ständig nach Mutter, unglücklich über Ausbleiben jeder Antwort."
Es war das letzte Telegramm, datiert von vorgestern.
„Um Gotteswillen!"
Verstört blickte Amthor Eva Söllnitz an.
„Mein Kind, mein armes, unglückliches Kind! Es schwebt in Lebensgefahr und ich rann nicht bei ihm sein —■ es ist vielleicht schon gestorben und hat vergeblich nach seiner Mutter geschrien."
Ein Laut, der ihm das Herz zerriß, entrang sich ihr. Verzweifelt streckte sie die ineinander gekrampften Hände vor sich hin.
'Fortsetzung folgt.)
Die Reformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landqraflichen und ritterschaftiichen Grten des östlichen und südöstlichen Vogelsbergs.
Von Pfarrer Zinn in Herbstein, (Fortsetzung.)
2. Die Einführung der Reformation in Alsfeld und den laudgräflichen Orten des östlichen Vogelsbergs.
„Wach ausf, es nahend gen den Tag, Ich hör fingen im grünen Hag Ein wuunigkliche Nachtigal, Ihr Stimb durchklinget Berg und Thal, Die Nacht neigt sich gen Occideut, Der Tag geht auff von Orient, Die rotbrünstige Morgenrot Gar durch die trüben Wolken geht. Daraust die liechte Soun thut plickcu, Dest Mondes Schein thut sich verdrückech Der ist worden bleich und finster."
. Hans Sachs in „Die Wittcmbergisch Nachtigall".
Was Jesaja weissagend im Geiste schaute und in Jesus, deut Zimmermannssohn von Nazareth, sich erfüllte, das erlebte die Welt zum zweiten Male durch den deutschen Bauernsohn und Mönch Von Wittenberg Dr. Martin Luther: „Das Volk so int Finstern wandelt, siehet ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Lande, scheint es Helle." Wohl als erster v!on allen Be- wvhnern des östlichen Vogelsbergs hat der Mönch D. Tilemann Schnabel aus dem Aügustinerkloster zu Alsfeld das durch! Luther wieder auf den Leuchter gestellte Helle Licht des reinen Evangeliums scheinen sehen und in seine nach Klarheit und Wahrheit durstige Seele ausgenommen?) Im Jahre 1512 hatte ihn sein Kloster an die neugegründete Universität nach Wittenberg geschickt, um zu den Füßen Luthers und Melanchtons zu studieren. Im Fortgang feiner Studien erwarb er sich alle akademischen Grade und zuletzt 1515 die theologische Doktorwürde. Aber was das Beste war, im Augustinerkloster zn Wittenberg schloß sich der nicht mehr junge Mann an seinen Lehrer Luther au und begeisterte sich für das von diesem verkündigte Evangelium. So innig wurde das Verhältnis beider zu einander, daß Luther später einmal erklärte, Schnabel sei „die erste Kxeatur", die er geschaffen habe, „da ein junger Doktor den andern macht". Im Jahre 1520 wurde Schnabel zum Provinzial der sächsischen Provinz des Aügustinerordens gewählt, zu der auch das Alsfelder Kloster gehörte. Wieder nach Alsfeld zurückgekehrt, begann er dort gegen das Papsttum, dessen Verderb er auf einer Romreise aus eigene^ Anschauung kennen gelernt hattet) im Sinne und Geiste Luthers, zu predigen. Der Erfolg seiner evangelischen Predigten war ein gewaltiger. Die ganze Bürgerschaft hing ihm an und schätzte
Z Die folgenden Ausstihrungen über diesen Reformator Alsfelds schließen sich an Herrmanns Reformationsbüchleiit an.
2) So nach Heppe, R. G. I, S. 119.


