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Kathinka tote ein Kind. Bei jedem Happen machte sie gehorsam das Mäulchen auf, und während sie kaute, schaute sie mit dankbarem Blicke dem Prinzen in die Augen.
Nun reichte ihr Hans Jochen den Champaanerkelch und stieß mit ihr an: „Auf gute Freundschaft, Kleines!"
Sie nickte und kaute schneller, dann trank sie in einem Zug das Glas leer.
„Bravo, das war brav gezecht."
„Gelt, ich kann's — das hab ich von Vating."
Nun waren mit einemmal die alten Erinnerungen wieder da. Heiß stieg es ihr in die Augen und zwei kleine Tränen perlten unter den seidenen Wimpern hervor. Der Erbprinz war einigermaßen bestürzt. Jetzt erst gewahrte er die Trauerkleidung seines unbekannten Gastes.
„Sie armes, armes Mädel," sagte er weich und strich ihr über die Hand. Da sprang Kathinka aus, und noch ehe der Prinz es hindern konnte, huschte sie zur Wohinaus
(Fortsetzung '
Stellvertretung.
Humoreske von Ernst Georgy.
Sie stand vor der Wohnungstür des Hausverwalters Und lachte: „Ja, nun geht es bald los. Vier Tage bleibe ich fort.. Wir wollen die Hochzeit meines Bruders gründlich feiern."
„Vier Tage?" wiederholte Frau Müller staunend. „Alle Achtung, Anna, was wird denn dg bwß aus Ihrer Herrschaft werden?"
Anna machte eine gleichgültige Bewegung mit der Hand, Und spöttisch lächelnd meinte sie: „Es ist ganz gut, wenn die mal sehen, was sie an unsereinem haben! Wenn man solche Leute zwölf Jahre lang verwöhnt hat, denken sie, es muß ihnen immer so gut gehen, und erkennen es gar nicht an, wie man sich für sie abrackert. — Na, nun können sie einmal den'Unterschied sehen! Die werden pfeifen lernen!"
Frau Müller nickte beifällig. „Das glaube ich auch. Man kann sich bie Kleinerts gar nicht ohne ihre Anna vorstellen. Was werden die bloß anfangen? Die Damen können doch bei 'ihren schweren Berufen nicht selbst kochen und ausräumen."
„I wo, unsere Frau hat an so ein Institut geschrieben Und läßt sich eine Aushilfe kommen. Ich bin ja man gespannt, wie ich meine Wirtschaft vorfinden tun werde? Wenn ich nicht ihnen zeigen wollte, was sie an mir haben, würde ich mich nicht weiter freuen, denn ich hab nachher bloß die viele Arbeit."
Während Anna unten mit der befreundeten Frau fröhlich £ atzte, saß ihre Herrschaft oben in der zweiten Etage in be- mrener Stimmung beim Tee mit einigen Gästen zusammen. Auf der Mutter wie auf den vielbeschäftigten Töchtern lastete die bevorstehende Abwesenheit des erprobten Faktotums wie ein Alpdruck. Was sollte wirklich werden? Anna wußte alles, machte alles und — beherrschte alles mit der bescheidenen Frechheit, die langjährige Dienstboten unwillWrlich annehmen. Die Mutter erklärte, daß sie sich absolut nicht mehr um die Küche kümmern könnte, da es sie krank mache. Und die Töchter, ohnehin mit Arbeitj überlastet, seufzten Bet dem Gedanken an Staubwischen, Klingel- Und Telephonbedienen und andere weitere Unerfreulichkeiten.
„Ich kann mir Sie alle ohne Ihre Anna nicht mehr denken," behauptete auch Frau Elise Franken, die Besucherin. „Solch jein Mädchen wie Anna gibt es auch gar nicht mehr."
„Na, na," schränkte die Hausfrau seufzend ein, „sie hat ihre glänzenden Seiten: aber auch ihre schlechten. Sie tyrannisiert üns und läßt oft fünf gerade sein. In der Arbeit hat sie recht: nachgelassen, schwatzt zu viel und macht sich ihr Leben so leicht wie möglich."
, „Dafür ist aber ihre Ehrlichkeit, ihre Treue Und ihre Kenntnis äller uns betreffenden Dinge unbezahlbar," widersprach die jüngste Tochter eifrig. „Anna ist für uns unersetzlich!"
Die anderen, mehr oder weniger überzeugt, schwiegen sich aus, denn sie alle ftirchteten die nächsten Tage. Und Anna, mit Reisestärkung und Letzgeld reichlich versehen, schüttelte jeder einzelnen aufgeregt und vergnügt dte Hand: „Auf Wiedersehen!" Bei sich aber erwog sie selig: „Ihr werdet die Stunde segnens wo ich wieder hier bin. Ich werde mich fein amüsieren und nachher auch wieder für euch sorgen, denn ohne mich sieht es hier bös aus!" — So zog sie ab.
Am nächsten Morgen, pünktlich um Wb acht Uhr, trat Mathilde, die Aushilfe, an, die sich schon am Abend vorher bei Unna gründlich Auskunft eingezogen hatte. Sie war eine stattliche, hübsche Person, die sich seK: nett kleidete und äußerst freunb- lich war. Ohne die Damen viel um Anweisungen zu bitten, sah !ie sich in dem Haushalte klug um und begann ihre Arbeit mit chneller, erfahrener Hand. Mathilde hatte keine Bekanntschaften m Hause oder in der Nähe, so mackste sie bei ihren Einkäufen! keine privaten Schwätzchen bei den Lieferanten, die Viertelstunden in Anspruch nahmen. Flink kehrte sie stets von jeder Besorgung heim und widmete die also ersparte Zeit der Wirtschaft, der dies sehr zugute kam. Als sie am ersten Abend sich fteundlich ver-
abschtedete, leuchtete die Küche in seltener Reinheit. Die Damen konstatierten es; aber noch ohne Nebenbemerkungen. — Am zweiten Tage leuchteten die Salons bis in die entferntesten Ecken in einer spiegelnden Blankheit, welche die brave Anna nur für Ostern und Weihnachten auffparte. Das Mittagessen schmeckte wie vom Koch, und das Abendbrot, zu dem sich mehrere Gäste eingefunden, brachte angenehmste Ueberraschungen, was Tischarrangement und Speisen betraf.
„Kinder, es geht auch ohne Anna!" erklärte Frau Kleinert vor der Nacht halb befreit, halb befremdet.
. .„Und wie!" entgegnete ihre zweite Tochter. „Alles funk- troniert tadellos! — Komisch!" Am dritten Tage erbarmte sich Mathtlde mit hingebender Leidenschaft der von Anna stets möglichst schnell erledigten Schlaftäume, ohne ihre Kocherei zu vernachlässigen. Abends behauptete daher das älteste Fräulein Kleinert, daß es ähnlich sauber noch nie gewesen sei, seitdem Ännaj tm Hauje sei. Selbst mit der bewährten Aufräumefrau zusammen errerchte sie mit ihrem ewigen Geschwatze nicht solche Reinlichkeit. Am vierten Tage erbat sich die immer fteundliche Aushilfe die Silbervorräte und putzte diese wie der gewiegteste Diener, nachdem ste Badezimmer und Speisekammer in einen wahren Ausstellungszustand versetzt hatte.
Das erschütterte die angewöhnte Treue der Kleinertschen Damen nun aber doch. Plötzlich zogen sie in erregter Unterhaltung alle still ertragenen Fehler und Schwächen ihrer Anna ans Tageslicht. Sie verglichen diese mit dem Juwel Mathilde und kamen, trotz aller Skepsis, im Gedenken des Wortes von den „gut» kehrenden neuen Besen" zu dem betrüblichen Resultate: „Zu schade, daß man Mathilde nicht gegen Anna austauschen kann!" Darum sah man auch der Heimkehr der Vielgepriesenen mit gemischten GeMlen entgegen. Anna traf ein. Uebermüdet, verschwitzt, tabaksduftend, aber schwatzbereit wie stets. Sie verabschiedete in eigener Person höflich herablassend ihre Stellvertreterin und übernahm sieghaft wieder das Zepter ihrer autokratischen Herrschaft. Schon der Lendemain dieses Ereignisses brachte unangenehme Ueberraschungen: „Sehen Sie sich mal den Gaskochherd und die Eimer ent, Anna! Warum sehen die bei Ihnen nie so aus?" fragte die Hausfrau.
„Bei Mathilde war das Speisezimmer fertig, die Fenster geschlossen, der Kaffee warm, wenn ich zum Frühstück kam," meinte die zweite Tochter, als sie hebend vor Kälte und empöft Anna noch beim Staubwischen am offenen Fenster mit der Köchin von drüben Reiseerlebnisse tauschend vorfand.
„Mathilde hat Flügel und Notenschrank nie so verstauben lassen. Sehen Sie einmal her," meinte die Aelteste, das Mädchen vor die Möbel führend.
„Anna, ich wünschte, Sie könnten ein Filet braten wie Mathilde!" seufzte die vierte im Vorbeigehen an der Küche.
Und die dritte zeigte dem erprobten Faktotum im Schlafgemache einige Neuerungen, die Mathilde cingeführt hatte und die ganz herrlich waren.
Anna sah selbst Reformen, die sie nachdenklich machten. Sie vermochte betm besten Willen nichts Tadelnswertes zu finden, so sehr sie auch suchte. Dagegen wurde sie schon förmlich nervös, wenn sie nur eine ihrer Damen sich nähern sah. Jede Begegnung wurde zum Anlaß eines Vergleiches. „Mathilde trug immer weiße Kragen." — „Mathilde kleidete sich viel adretter." — „Ach, Anna, wenn Sie bloß so eifrig und hintereinander arbeiten würden wie Matlsilde!" wurde immer wieder mit Seufzen geäußert.
Und die brave, von ihrer Unersetzlichkeit durchdrungene Anna wurde zuerst verstimmt, dann zornig und verlor schließlich ihr schönes Gleichgewicht ganz und gar. Das erwies sich durch eine unerhörte Mundfaulheit, durch Appetitlosigkeit und vor allem--
durch eine neue Arbeitslust. Obgleich sie es nicht zugab, kehrte sie plötzlich verschwiegene Ecken, wischte auch auf den Schränken Staub und erfiillte kleine Wünsche ihrer „Fräuleins", die sie seit langem hartnäckig überhört hatte. Der Name „Mathilde" wurde zu einem Menetekel, das wie eine moralische Peitsche wirkte.
Die Damen bemerkten den Wandel in ihrer getreuen Haustyrannin mit geheimem Schmunzeln und waren diplomatisch genug, sich nicht laut darüber zu äußern. „Die Reise war die beste Lehre für unsere Anna," bemerkte Frau Kleinert vergnügt zu Fran Franken. „Sie sieht, daß sie zu ersetzen ist. Ich wünschte nur, daß in einiger Zeit wieder ein Bruder von ihr äußerhalb heiraten würde!"
Anna jedoch erklärte fast zUr nämlichen Stunde unten bei Hausverwalters: „Nee, Frau Müller, wenn unser Paule heiratet, fahr' ich höchstens auf einen Tag hin und mache die Reisen nachts. Es tut nich gut, wenn unsereins zu lange wegbleibt. Das ist nichts für die Herrschaft und nichts für uns! Ich habe 'es ja mit unserer Aushilfe gesehen. So 'ne Weiber taugen alle nichts!"
Frau Müller gab ihr zwar recht; aber sie dachte sich ihr Teil, da sie mit Frau Kleinert selbst Wer die Stellvertreterin gesprochen hatte.
Die romantische Entdeckung eines Genies.
Durch eine Verkettung von Umständen, ja eigentlich nur durch einen Zufall hat der Leiter des' Colonne-Orchesters in Paris ein musikalisches Genie entdeckt, das seit mehr als dreißig Jahren in Paris in der Stille seine Werke schuf, ohne daß siemand ahnte, daß


