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Da lächelte der alte Haudegen müde:Sie Paßt nicht an den Hof, Wilhelm Ferdinand. Sie ist geradezu und« bieder wie ihr Vater. Aber wenn ich einmal die Augen eher schließen sollte wie du, dann nimm sie unter deine fürstliche Hut."

Der Herzog drückte dem Freunde stumm die Hand.

*

Zweites Kapitel.

Ein Jahr später, im Frühlinge, verunglückte Herr von Hämmerling auf der Jagd. Man brachte den Tod­wunden ins Schloß.

Ruft mir mein Kind."

Kathinka kniete an der Bahre nieder und vergrub ihren Kopf in die Kissen. Aber keine Träne löste ihren« Schmerz.

Kathinka?"

Vating?"

Nun ist es au§'." « Der Alte weinte herzzerbrechend und seine Zähren mischten sich mit dem Blute, das ans) der Todeswunde rann.

Nicht weinen, Vating, nicht weinen," flehte sie. /Mor­gen oder übermorgen bist du wieder gesund."

Der Vater schüttelte den Kopf.Bleib brav, Toch- ting, und so heiter und sonnig, und grüß mir den Herzog."

Da begriff das Mädchen, daß es dem Vater ernst war mit dem Sterben und sie begann zu bitten:Ach bleib bei deiner Tochting, Vater, was soll ich machen, wenn du nicht mehr bist?"

Der Alte richtete sich auf und legte seine Hand seg­nend auf des Mädchens Haupt:Du gehst zum Herzog, er wird oich hüten." 1--

Und nun war das Kind Vater- und mutterlos. Etliche Tage nach dem Begräbnis kamen allerhand Gläu­biger und Gerichtsbeamte. Wagen um Wagen voller Sachen wurden fortgeschleppt und Kathinka saß in ihrem Stübchen und merkte nichts davon. Und als eines Tages ein Herr bei ihr eintrat und sagte:Verzeihen, gnädiges Fräulein. Ich bin Kommerzienrat Liebert und seit heute Besitzer des Gutes," : stand sie ruhig auf und antwortete:Da kann ich ja gehen." :

Sie packte einer: Korb mit ihrer: Sachen und schritt nochmals durch die Räume, um Abschied zu nehmen. Doch das war alles so öde, so leer, daß sie wieder in ihr Zimmer zurückkehrte. Dort harrte ihrer Justizrat Thöruer, ihr Rechtsbeistand und Vormund. Der hielt ihr einen langer: Vortrag über ihre Zukünft und über das, was ihr geblieben. Sie hörte kaum hin, die Summe war ja auch gering ge­nug. Nur daß sie ins herzogliche Schloß kommen sollte, auf besonderen Wunsch Sr. Hoheit, blieb ihr be­wußt. Der Justizrat erbot sich, sie in seinem Wagen gleich mit zur Residenz zu nehmen. So saß sie nun steif neben den: alten, graubärtigen Herrn. Sie wollte ihn allerhand fragen, aber er zeigte ein so strenges, abweisendes Gesicht, daß ihr aller Mut entfiel.

In der Residenz herrschte buntes Leben. Die Häuser und Straßen waren prächtig geschmückt, von verschiedenen Seiten ertönte Musik, und in den Hauptstraßen wurde der Wagen angehalten und auf eine der Nebenstraßen ge­wiesen. Der Justizrat erklärte, daß heute der Erbprinz offiziell seinen Einzug halte. Er habe bis jetzt in Berlin bei der Garde Dienst geleistet und kehre nun zurück, um den alten Herzog bei den Regierungsgeschäften zu unter­stützen.

Jnstizrat Thörner ließ den Wagen an ein Nebentor des Schlosses fahren. Nachdem er einen Augenblick mit der Wache verhandelt hatte, ergriffen zwei Soldaten Kathinkas Korb und trugen ihn in das Schloß, und das Mädchen schritt hinterdrein.

So Fräulein," sagten die Soldaten und setzte:: den Korb nieder. Und nun war Kathinka von Hämmerling allein. Sie ging von einer der großen, weißpoliertenLlügel- tür zur anderen und klopfte, aber nirgends regte sich etwas. Da ward ihr bänglich zu Mute. Sie setzte sich auf ihren Reisekorb, stützte den Kopf in die Hände und sann nach, was sie nun tun solle, s So saß sie lange, lange Zeit, die Dämmerung brach ein, und sie merkte es nicht. Sie weinte leise und unter Tränen schlief sie ein. Ganz ferne Musik weckte sie aus ihren Träumen. Lauschend hob sie den Kops. Die Töne klangen so weich, so schmeichelnd, daß s:e augenblicks ihre Lage vergaß. Eine stille, süße

Sehnsucht packte sie, eine mächtige Sehnsucht nach Un­bekanntem und Unbewußtem. Sie wanderte den Korridor entlang, durch düstere Gänge und Säle, immer der Musik nach. So geriet sie in einen schmalen, finsteren Gang., Er mußte am Ende eine Tür haben, denn ganz schwacher Lichtschein fiel durch die Ritzen der vertrockneten Bretter., Kathinka tastete hochklopfenden Herzens nach dem Drücker. Sie öffnete leise und vorsichtig die Tür, prallte! aber erschrocken zurück. Berauschende Walzertöne, getragen von düfteschwerer Luft, umfluteteten sie.

Doch sie war auch schon entdeckt. Ein großer, noch lunger Herr in Offiziersuniform hatte an der Brüstung gelehnt und ging jetzt auf sie zu.

Na nun," sagte er lächelnden Antlitzes, als er das junge Mädchen erblickte.

Kathinka senkte verschämt die Augen, wippte aus Ver­legenheit mit den Fußspitzen und strich dabei mit beiden Händen ÜB er ihr schwarzes, bescheidenes Kleid. Sie er­kannte, daß sie sich in einer der Saalgalerien befand und sie erkannte auch^ daß der Herr, mit dem sie ein so un­freiwilliges Tete-ä-t§te hatte, belustigt lächelte. Das är­gerte und reizte sie, und als der Herr fragte:

So schüchtern, Sie kleines Fräulein?", antwortete sie:

Ich bin kein kleines Fräulein und übrigens ge­höre ich ins Schloß."

So das macht sich ja nett. Ich gehöre nämlich auch ins Schloß."

Katbinka bik sich auf die Lippen. Sie war wütend:,am liebsten wäre sie gegangen, aber sie fand nicht, wie sie sich auf passende Art zurückziehen sollte. Der Fremde in Uniform schob ihr jetzt einen Sessel hin und lud sie durch eine Hand­bewegung ein, sich zu setzen. Sie wollte ablehnen, doch in diesem Augenblick ergriff sie eine solche Ermattung, daß sie sich kraftlos in den Stuhl fallen ließ.

Was ist Ihnen?" fragte der Herr besorgt und neigte sich zu Kathinka. Seine Augen blickten so mitleidig, daß sie voller Vertrauen sagte:

Ach nichts, ich glaube, «nur etwas Hunger." Dann! verließen sie die Sinne.

Der Offizier drückte die elektrische Klingel und im Augenblick erschien in der anderen Tür der Galerie ein Lakai.

Ew. Hoheit befehlen?" Als er das wie leblos im Fauteuil liegende Mädchen erblickte, zeigte er ein erstauntes! Gesicht, doch nur euren kurzen Augenblick, dann schaute er wieder mit Gleichmut nach seinem Herrrr. Der Erbprinz Hans Jochen verhehlte sich nicht, daß er im Begriff sei, sich stark zu kompromittieren. Mit einem fremden, jungen Mädchen allein in der Hofloge des Bankettsaales das war zum mindesten etwas ungewöhnlich. Er blickte un­schlüssig nach der Ohnmächtigen. Aber das feine, durchsichtig blasse Gesicht, darin wie eine schwache, rote Linie der feingeschwungene Mund, die langen, tiefschwarzen Augen­wimpern, das engelhaft Reine Kathinkas rührten ihn wieder so, daß er lieber einen kleinen Hofskandal auf sich nehmen wollte, als das Mädchen einfach, den Händen der Dienerschaft zu überlassen.

Bringer: Sie schnell erwas Sekt, kaltes Fleisch und! Brot, aber nichts Saueres - > und diskret."

Der Lakai verbeugte sich und verschwand. Der Erb­prinz nahm Kathinka den Hut vorsichtig vom Kopfe und strich ihr mit der Hand das Haar aus der Stirn. Er trat) zurück und betrachtete das fremde Mädchen.Armes Kind, wie magst du hierherein gekommen sein," sagte er leise und mitleidig.

Der Lakai trat geräuschlos ein. Er stellte das Tablett aus ein kleines Bronzetischchen und den Kühler mit dem Sekt daneben, dann zog er sich ebenso geräuschlos zurück.

Seine Hoheit füllte einen Kelch mit >Sekt und kniete am Stuhle Kathinkas nieder. Mit der linken Hand richtete er sie ein wenig auf, während er mit der rechten den kühlen, perlenden Trunk zwischen die Lippen träufelte. Kathinka begann wieder zu atmen, die Farbe kehrte zurück und als Hans Jochten ihr sein seidenes Taschentuch, das! er in den Sektkühler getaucht hatte, noch auf die Stirn legte, schlug sie die Augen auf, die großen glänzendes Augen.

Ist Ihnen besser, mein Fräulein?"

S:e lächelte, und dabei zeigte sie eine Reihe Pracht» voller kleiner Zähnchen. Der Erbprinz war überglücklich. Er schnitt Brot und Fleisch in kleine Bissen und fütterte