U R
W
ganz, ganz leise kletterte das Mädchen in das Zimmeru Eine Katze hätte es nicht besser gekonnt.
Jetzt saß die Fliege ruhig auf des Herzogs Hand, „Warte du!" Sie holte vorsichtig aus und husch---*
saß der Brummer gefangen in ihrem kleinen Fäustchen und plumps — krach--lag die Vase mit dem Ziertischchen
am Boden. — Die Tür ward aufgerissen, der Kammer» diener stürzte verstört herein, und wie er das todbleiche Mädchen mit dem großen Messer in der Hand vor dem Herzog stehen sah, schrie er laut: „Hilfe — Mörder 1 Mörder."---
Welch ein Aufruhr im ganzen Hause! — Der Hofjägermeister mit dem bloßen Hirschfänger, die alte Exzellenz, der Hofmarschall mit einer Dessertgabel und Herr von Hämmerling mit dem scharfgeladenen Drilling alle waren jetzt'da, um ihren Gast zu schützen gegen beit Mörder.
Und der Mörder?--Kathinka stand mit gesenktem
Köpfchen und an allen Gliedern zitternd vor der bewaffneten Macht. Im rechten Fäustchen hielt sie immer noch bte Fliege gefangen. Eine große Träne perlte aus ihrem Auge, als der Hofmarschall sie anherrschte: „Wie kommen Sie hier hercin?"
Kathinka zeigte stumm auf das Fenster.
„Und was wollten Sie bei Sr. Hoheit?"
Das Mädchen wollte vor Scl)am und Angst in die Erde sinken. Da nahm der alte Herzog sie bei der Hand und fragte gütig: .
„Nun, mein Tochting, was wolltest Du von mir?" —
Sie sagte leise: „Ich wollte bloß die Fliege weg- fängen, Herr Herzog." — Sie öffnete die Faust und unter veränügtem Brummen flog das Insekt davon.--Man
war sprachlos — Dann brach alles in lautes Gelächter aus, selbst der Herzog ließ sein herzliches, mehr innerliches Lachen hören.
Herr von Hämmerling führte seine Tochter hinweg.
Als am Abend der Herzog nach der Residenz zuruckfuhr, huschte Kathinka mit einem großen Strauß Rosen hinter einem Busch hervor und überreichte ihn Sr. Hoheit.
„Sind Sie mir noch böse, Herr Herzog?" fragte sie Uait,‘,$in ich ja gar nicht gewesen, mein Tochting," lächelte der Herzog. Beglückt neigte sich das Mädchen über des Fürsten Hand und hauchte einen Kuß darauf.---
„Ein blühendes Kind, Dein Mädel. — Gott segne es," sagte der Herzog zu seinem Freunde, als sie allein im Wagen saßen. Herr von Hämmerling seufzte. „Ihr fehlt die sorgende Hand der Mutter. Das arme Kind hat nie gekannt, was es heißt, eine Mutter zu besitzen, unö nun wächst sie auf wie eine wilde Hummel."
„Gib sie mir, ich will sie Mr hegen und pflegen^ und wenn mein Sohn dereinst eine Braut heimführt, soll sie deren Schwester werden."
Eine Heldin.
Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
Erstes Kapitel.
Jin Herrenhaus des alten Rittergutes herrschte jetzt peinlichste Stille. Das tat wohl nach all dem Trubel am Vormittag.
Der alte Herzog Wilhelm Ferdinand hatte sich nach Beendigung der Tafel in das große Zimmer im Erdgeschoß zurückgezogen, um ein wenig zu nicken.
Die Herren vom Dienst saßen im kühlen Rauchzimmer, und Herr von Hämmerling, der Gastgeber und Jugendfreund des Herzogs überrechnete, was ihm der Besuch des Landesherrn kosten würde.
Nur Kathinka, des Hauses siebzehnjähriges Töchterlein, streifte müßig durch den Garten und überdachte die letzten Stunden, die sie in Gegenwart des Herzogs und des Hofstaates verlebte.
„Ein alter lieber Herr, die Hoheit," dachte sie.--1
„Aber der Hofmarschall — '— — ex" — Wie der aufpaßte auf alles, wie er das Tafelzeug musterte und wie er entrüstet pustete, als sie so ganz verstohlen das Fingerchen ableckte, weil es aus Versehen in die Pfirsichsauce geraten war. Da war der Hofjügermeister in seiner prächtigen Uniform ein anderer Mann. — Kathinka stand an einem Rosenstrauch und schwelgte in Erinnerung an Herrn von Merkwitz.
Ihr Blick fiel wieder auf den Rosenstrauch. „Die prächtigen Blumen, ich werde für den Herzog einen Strauß zurecht machen." — Sie schlich zur Küche, ließ sich von, Bertha, der alten Hausmamfell, ein großes Messer geben und nun ging sie wieder in den Garten, diesmal dicht am Hause entlang, damit die Herren vom Gefolge aus beim Rauchzimmer nichts sehen konnten. Unter dem breitem Fenster des Parterrezimmers blieb sie lauschend stehen. Da drin ist also der Herzog. Ob er schjläft? — — —i Ihr kam der Gedanke, sie wußte selbst nicht wie, sie möchte den Herzog schlafen sehen. — Sie stellte sich auf die Zehen, aber das Fenster war doch zu hoch. — „Na, dann klettern wir eben hinauf," —1 und eins — zwei — drei — stand sie im üppigsten Grün des Spaliers und lugte in das Zimmer. Der Herzog lag auf dem breiten Diwan und schlummerte. „Der liebe, alte Herr," sagte Kathinka mit inniger Stimme. In diesem Augenblick kam eine große Fliege, die die herzogliche Nase summend umkreiste. Sie störte den hohen Schläfer so sehr, daß er unwillkürlich das Haupt schüttelte, auch ein klein wenig die Hand zur Abwehr hob. c
Kathinka war äußerst empört über das Gebaren der Fliege. „Ich werde sie haschen," entschloß sie sich. Das Fenster stand offen. Mit staunenswerter Kunst, und dazu


