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Balthasar verhängke Absetzung Les evangelischen Pfarrers Johs. Blum zu Mich elrom'b ach führte zu einer Intervention des Landgrafen von HesseM-KasseU), und ähnlich mußten die in andere ritterschaftliche Orte von Balthasar eingedrängten katholischen Priester durch das Eingreifen des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen wieder entfernt werden. — Auch der Nachfolger Balthasars, der rn -gleicher Weise von jesuitischem Bekehrungseiser erfüllte Fürstabt Johann Friedrich von Sch Walbach (1606 bis 1622), fand keine Möglichkeit, die ritterschaftlichen Pfarreien für die katholische Kirche zurückzugewinnen. Umso eifriger ließ er sichs ungeregelt sein, in den unmittelbar ihm unterstellten Gebieten die letzten Reste des P r o t e st a n t i s m u s, die die Verfolgung Balthasars noch überstanden hatten, üuszu-- rotten. Besonders in und bei dem altevangelischen Hammel- b' u r g gabs in dieser Hinsicht noch viel Arbeit. Das zeigt ein im fuldischen Archiv zu Marburg aufbewahrtes Konzept eines Mandats, das Johann Friedrich am 11. April 1606, also gleich .nach seinem Regierungsantritt, an alle Untertanen des Stiftsamts Saaleck und zur Kellerei Haminelburg gehörig erließ, worin er erklärt, „der wenigste Teil habe den Mandaten seiner Regierung und dem Gedächtnis des' Balthasar gemäß gehorsamlich gelebt" und sich zur österlichen Beichte und Kommunion eingestellt. Solcher Ungehorsam dürfe nicht länger ungestraft bleiben. >,Deshalb sollen bis zu unsers Herrn Gotts Auffahrtstag zur Beichte und hl. Kom'munion sich gehorsamblich einstellen oder in abermaliger dessen unzuversichtlicher Verbleibung ein »der Hundert Thaler?) straf erlegen, wie auch ernster Unnachlassiger Leib- straf gewärtig stehen." —
Tie büchonische Ritterschaft hatte voM Kaiser die Erlaubnis erhalten, die aus dem Stifte Fulda Nm ihres evangelischen Glaubens willen Vertriebenen in ihrem Gebiete aufzunehmen. Auch darin lag die Anerkennung ihrer Reichsunmittelbarkeit und ihrer darin begründeten Glaubensfreiheit. Zwei Jahrzehnte lang blieben die ritterschaftlichen Gemeinden denn auch von weiteren Attentaten gegen ihren evangelischen Glaubensstand verschont. Aber es war kein wirklicher Friede. Es war die unheimlich el Stille vor dem Sturm, der bald im furchtbaren dreißigjährigen Kriege wie ein vernichtendes Ungewitter über sie dahin brausen sollte. Ter vielberusene Religionsfriede von Augsburg, der den Reichs stand en katholischer und augsburger Konfession, aber nicht den Reformierten und nicht den einzelnen Untertanen Religionsfreiheit zugestand, war eigentlich kern Friede aus Grund ehrlicher gegenseitiger Anerkennung, sondern ein durch die .damal igen politischen M achtverhäktnisse erzwungener Waffenstillstand. Von der Fortdauer dieser politischen Machtverhält- nifse hing die Fortdauer des Friedens ab. Nun aber hätten Unter dem kraftlosen, stubengelehrten Kaiser .Rudolf II. (1576 bis 1612) die Jesuiten fleißig gearbeitet, diese Grundlage des Friedens zu untergraben und das politische Machtver hältnisimMsrmehr zu gun st en der katholischenParteizuverschieben. Wie in dem Stifte gulda so arbeitete der in allen seinen „Provinzen" etwa 13 000 Mitglieder zählende Orden auch im Bistum Würzburg und auf dem Eichsfelde, im Erz st ist Köln und in Bayern und Oesterreich Mit dem größten Erfolge an der Ausrottung des Protestantismus. Ter Ruhm des Fürstabts Balthasar ließ auch die übrigen katholischen Reichsfürsten nicht schlafen, und so durfte bald auch der von den Jesuiten in Ingolstadt erzogene Habsburger Erzherzog Ferdinand sich rühmen, seine großenteils protestantischen Erbländer Steiermark, Kärnten und Krain wieder mit Hilfe der Jesuiten und der Lichtensteiner Dragoner zum katholischen Glauben „bekehrt" zu haben. Ein Gleiches Hatte er den Protestanten in Böhmen und, Ungarn zu- Sedacht, nachdem auch diese Länder ihm von seinem Vetter st a t t h i a s (1612—19) zugeschoben worden waren. Tie A e ch - tung der Reichshauptstadt Aachen Und die Vertreibung der dortigen Protestanten (1598) und die Vergewaltigung und Zwangsbekehrung der Reichsstadt Donauwörth durch den Jesuitenzögling Herzog Maximilian von Bayern (1607) zeigten, daß Man auf katholischer Seite sich nicht mehr scheute, den Augsburger Religions^- frieden gröblich zu verletzen, wo Man sich die Macht dazu zutraute. Durch die Not der Zeit gedrängt, schlossen sich die angesehensten evangelischen Reichsfürsten und Reichsstädte 1608 zu Ahausen im Ansbachischen als e v a n g e l i s ch e Union zusammen. Zweck ihres Zusammenschlusses war: Handhabung des Landfriedens, gegenseitiger Schutz und Aufrechterhaltung der R e i ch s fr eichei t. Haupt der Union gurde der reformierte Kurfürst Friedrich!^, v o n d er P falz. agegen begründete der energische und begabte Herzog Maximilian von Bayern, der von den Jesuiten unterrichtete Vorkämpfer des .deütschen Katholizismus, mit den geistlichen R e i ch s st ä n d e n S ü d d e u t s ch l a n d s die sogenannte k a t h o - l i s ch e Liga, der sich später auch die drei g e i st l i ch e n K u r - kür st en und Erzherzog Ferdinand, der nachherige Kaiser, EH—i---
’) Nach Akten des fuldisch. Archivs zu Märbürg, . . Nach unserem Gelbe etwa 2000 Mark!
»»schlossen. Um der durch die kaiserliche und päpstliche Macht gestützten Liga gewachsen zu fein, suchte die Union Anlehnung an Frankreich, wobei ihr die Rivalität dieses Landes gegen die Macht des Hauses Habsburg zustatten kam. Die Spannung der beide» Heerlager und die fortgesetzten Unterdrückungen der Evangelischen führten nach einem kurzen Waffengang im Julich-Kleveschen Erbfolgestreit zum bekannte» dreißigjährige» Kriege, in dem sich die Heere der feindlichen Kirchen von ganz Europa —r der Kaiser, die Liga, Spanier, und Süd-Niederläirder, Italiener und Polen gegen die evangelische» Reichsstände, nördlichen Niederlande, England, Dänemark und Schweden — kämpfend gegen über st anden. Die vom Papste und den Jesuiten ausgegebene Parole: „Lieber ein verwüstetes als ein protestantisches Deutschland" b^eichnet die Verbitterung, mit der dieser europäische Religionskrieg auf deutschem Boden ausgekämpft wurde.
Zum Ausbruch kam der Krieg in Böhmen, wo das Verbot des Weiterarbeitens am Bau zweier protestantischer Kirche» in Braunau und Klo st ergrab durch den Abt und den Erzbischof von Prag von den evangelischen Ständen empfunden werden mußte als eine Verletzung des kaiserlichen Maie- stätsbriefes, in dem Kaiser Rudolf 1608 den protestantischen Ständen sowie den königlichen und den diesen gleich zu achtenden geistlichen Städten religiöse Duldung zugesagt hatte. Da alle Vorstellungen beim Kaiser erfolglos blieben, schritten die Protestanten Böhmens zur Selbsthilfe der Revolution. Sie warfen kurzer Hand die für verantwortlich gehaltenen kaiserlichen Statthalter, die Grafe» .Martinitz und Slawata, samt dem kaiserk. Sekretär Fabrizius in ihrer'Residenz zu Prag zum Fenster hinaus und erwählten eine provisorische Regierung. Ten nach Matthias Tod 1619 zum König erwählten Protestantenverfolger Erzherzog Ferdinand erkannten die Böhmen nicht an und wählten statt seiner den jungen, erst 24jährigen, Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem König. Es war keine glückliche Wahl. Friedrich V. war nicht der Mann, der der Riesenaufgabe, den Protestantismus gegen die habsburgische und päpstliche Macht mobil zu Machen, gewachsen war. Es fehlte t@mr dazu jede politische. Begabung und jede persönliche Befähigung. Die Mitglieder der Union begegneten dieser Wahl denn auch z. T. mit großem Mißtrauen und zögerten, seine Sache zu ihrer Sache zu machen. Kursachsen, Polen, die Liga, Spanien und auch — Hessen-Darm- stadt hielten zum Kaiser, das letztere, weil dem Landgrafen Ludwig V. die Verfolgung seiner dynastischen Sonderinteressen gegen Landgraf Moritz von Kassel wichtiger schien als die Wahrung der allgemein protestantischen Interessen Deutschlands. Die Ratgeber Friedrichs, Christian von Anhalt, Ernst von Mansfeld und Gras von Thürn, waren uneinig. So kam es, wie es kommen mußte. Nach einigen vorübergehenden Erfolgen der aufständischen Böhmen und ihrer Verbündeten rückte der Führer der geeinigten Liga, der Hemog Maximilian von Bayern, in dessen Diensten der kriegskundige, von Jesuiten erzogene Niederländer General v. Tilly stand, in Böhmen ein und bereitete, von Ferdinands Truppen unterstützt, durch die Sch l a cht am w ei ßen Berge am 7. Nov. 1620 der kurzen Königsherrlfchkeit Friedrichs ein jähes Endet Ohne richterlichen Spruch vom Kaiserin die Reichsacht erklärt, flüchtete der Winterkönig, wie man ihn spöttisch nannte, in die Niederlande. Blutige Rache nahm nun Ferdinand an Böhmen. Mit eigner Hand zerschnitt er den Maiestätsbrief. Siebenundzwanzig der vornehmsten protestantischen Edelleüte bluteten auf dem Schafott. Hunderts andere mußten das Land verlassen. Ihre Güter wurden konfisziert und den Jesuiten geschenkt. Tie vertriebenen oder getöteten evangelischen Geistlichen wurden durch katholische Priester und Mönche ersetzt. Tas Rauben, Plündern und Mißhandeln nahm kein Ende. An 30 000 evangelische Familien mußten Heimat und Hof verlassen und ins Elend gehen. Die übrigen erlagen den Bd- kehrungskünsten der Jesuiten, die gute Ernte hatten.
Mit diesem Erfolge hätte nun Ferdinand zufrieden sein könne». Aber er war nicht per gebens Bei den Jesuiten in die Schhle gegangen. So gingen seine und ihre Plane dahin, die Erfolge auszunützen und nicht zu ruhen, bis die evangelische Union vollständig zersprengt, der Winterkönig mit seinen Anhängern gänzlich vernichtet, die Pfalz mit samt der Kurwürde in den Händen M aximt- l i a n s war, der für seine Verdienste belohnt werden mußte, und bis die Pfalz und alle in protestantischen Händen befindlichen ehemals g e i st l i ch e n Gebiete in Deutschland wieder der katholischen Kirche zurücke r ob ert waren. Man sollte denken, diese wettgehenden, schlecht verhohlenen Pläne Ferdinands hätten auf protestantischer Seite auf einmütigen energischen Widerstand stoßen müssen. Es handelte sich um Sein oder Nichtsein für das Evangelium in Deutschland. Aber die große Zett fand ein kleines Geschlecht. Die evangelischen Fürsten,- die die Macht 'gehabt hätten, für die evangelische Sache erfolgreich sich einzusetzkm, waren nur mittelmäßige Geister, denen der große ideale Schwung Mte und die in kleinlicher Wahrnehmung ihrer dynastischen und persönliche» Sonderinteressen mit des Kaisers


