Ausgabe 
8.7.1912
 
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Und diese Befürchtung wär Nicht so ganz grundlos/ denn in den letzten Tagen sprach die Grasm vrel davon, daß Hans eigentlich doch das Alter erreicht hatte, in dem es Zeit wäre, an das Heiraten zu denken.

Seitdem sie sah/ wie der Landrat Alexa den Hof machte, wie diese seine Huldigungen duldete, und ser - dem sie sich entschlossen hatte, fernem! Antrag rhre Zu­stimmung nicht zu verweigern, von der Stunde an hatte sie beschlossen, daß Hans auch herraten sollte.

Am liebsten hätte sie natürlich gesehen, wenn Dag­mar vor Alexa geheiratet hätte. Das kannte sie nrcht anders von ihrer Familie her; da waren dre sieben Schwestern streng nach der Anciennität an den Altar ge­treten, die älteste zuerst, die jüngste zuletzt. Aber M Dagmar jemals heiraten würde, glaubte sie selbst nrcht recht, und das war auch gut so; denn wo war der Mann, der diesem schönen, stolzen Wesen ebenbürtig war?

Aber wenn Dagmar schon Alexa den Vortritt ließ, so durfte Hans dies doch nicht tun; wie der Sohn auf dem Majorat in jeder Weise als erster kam, so muhte das auch hier sein.

So sprach sie denn des Wends immer wieder davon, wie sehr sie es sich wünsche, bald eine Schwiegertochter an ihr Herz drücken zu können. Und dann zählte sie dre Familien auf, die in Frage kamen. Die waren so stolz und vornehm, daß der Graf, wenn die Namen genannt wurden, jedesmal im Geiste eine Verbeugung machte und zu dem Frack, den er schon an hatte, noch einen zweiten anzog, nur um seinen Respekt auch nach auhen hin ge­nügend zu erweisen.

Der Baron bekam es bei diesen Gesprächen wirklich! mit der Angst: geschah nicht bald etwas Entscheidendes, so konnte Hans definitiv jede Hoffnung, jemals die Ein­willigung seiner Mutter zu erhalten, aufgeben, und die Konsequenzen, die aus einem dauernden Bruche zwischen Hans und der Gräfin und vielleicht dann auch mit dem! Grafen entstehen konnten, waren gar nicht abzusehen; denn wenn der Graf feine« Sohn auch noch so zärtlich liebte, so würde er doch schließlich auf die Seite seiner Frau treten, weil' er ihr das als Kavalier und Ehemann schul­dig zu sein glaubte.

Claire muß nachgeben, sonst darf sie auch der Gräfin keinen Vorwurf machen, wenn d i e es nicht tut."

Die Logik war zwar nicht ganz unantastbar, aber sie half dem Baron aus seiner Verlegenheit heraus und gab ihm den Mut, eines Nachmittags, als er mit dem Grafen und Alexa allein war, diese zu sich in sein Zim­mer zu bitten. Da sei man ganz ungeniert und vor jeder Störung sicher, und er habe ihnen eine Mitteilung zu machen, die sicher ihr höchstes Interesse erwecken ivürde.

Mit ganz erstaunten und sehr neugierigen Gesichtern fanden sich die beiden bald darauf bei, dem Baron ein.

Nun, was gibt's?" fragte der Graf.Offen gestan­den, Baron, seit jenem Augenblick, in der ich, als Leut­nant einmal einen wahnsinnig dummen Streich machte und nicht wußte, ob ich mit einem blauen Auge davonkäme oder den Abschied erhielte, seit jener Minute biu ich noch nie wieder so neugierig gewesen, wie jetzt! Also: was gibt's?"

Der Baron hatte seinen Gästen Stühle hingeschoben, er selbst war stehen geblieben, gleichsam um seinen Wor­ten dadurch mehr Nachdruck zu verleihen und um wenig­stens dem Grafen den Ernst des Augenblicks zu vergegen­wärtigen.

Bevor ich spreche, Herr Graf, muh ich Ihr Ehren­wort haben, daß Sie über das, was ich Ihnen sage, so­lange gegen jedermann, in erster Linie gegen die Frau Gräfin, schweigen, bis ich selbst Ihnen das Wort wieder zurückgebe."

Soll ich auch schwören?" rief Alexa. So sehr das Geheimnisvolle der Zusammenkunft sie amüsierte, etwas ängstlich machte es sie dennoch.

Nein, Komtesse, Ihnen glaube ich es so, daß Sie schweigen; aber bei oem Herrn Grafen ist das etwas anderes. Deine Pflicht als Kavalier und als Ehemann würde es ihm nicht leicht werden lassen, der Gräfin nicht gleich alles wiederzuerzählen. Und deshalb muß ich Von Ihnen, Herr Graf, eine bindende Zusage haben."

Ng. erlauben Sie mal," rief der etwas beleidigt. Das ist denn doch: 7 ich meine ich bin doch xin

derer Mann und kann tun und lassen, was ich will s ich sinn schwören, ich kann auch nicht schwören."

»Dann schwör' schon, Papa", bat Mexa, die brennend gern erfahren wollte, uim was es' sich- handelte. '

Der Graf sah! seine Tochter einen Augenblick etwsiZ überrascht an, dann sagte er:Du hast recht. Ich bin ein 'reier Mann. Ich kann schwören, aber auch nicht schwören, Und deshalb schwöre ich."

Und feierlich seine Rechte in die des Barons hinein- legend, gelobte er, eher zu sterben, als ein Wort über seine Lippen kommen zu lassen, bevor der Baron ihm nicht er­klärt habe: deine Stunde ist gekommen, nun rede.

Ich danke Ihnen, Herr Graf. Und so will ich Ihre Neugierde nicht länger auf die Folter spannen. Bei der Gelegenheit werden Sie auch erfahren, was Ihr Herr Sohn mir damals bei seinem offiziellen Abschied anvertraute. Graf Hans ist verlobt hier, Komtesse, haben Sie das! Bild seiner Braut, das Hans mir gestern sandte, und hier/ Herr Graf, haben Sie die Visitenkarte Ihrer zukünftigen Schwiegertochter Claire Glöckner." ;

Papa, sieh! nur," rief Alexa,Gott, ist die schön, ieh! nur mal, diese prachtvolle Figur, dieses wundervolle Haar, diesen entzückenden kleinen Mund und die großen Augen! Und die Hände, Papa, so schlank Und so fein. Aber 0 sieh doch!"

Aber der Graf sah nichts und hörte nichts.. Der saß da und starrte abwechselnd den Baron und die Visiten­karte an.

Das also wär es gewesen! Hans, der Schlingel, der Lümmel, den er am liebsten den ganzen Tag vor Liebe ge­küßt hätte, hatte sich verlobt. Nicht nur mal so vorüber-, gehend auf ein paar Wochen, sondern richtig mit dem Herzen. Und das hatte er dem Baron anvertraut, ihm selbst aber verschwiegen. Und warum er ihm gegenüber nicht gesprochen, das verriet ihm der bürgerliche Name.

Papa, aber fo sieh doch! Was soll Hans denken, wenn er hört, daß du auf deine Schwiegertochter gar nicht ein bißchen neugierig bist, daß es dir ganz einerlei ist, wie sie aussieht."

Und sie drückte dem Vater das Bild in die Hand und. nahm selbst dafür die Visitenkarte.

Dann aber hätte sie vielleicht doch einen kleinen Schrei der Ueberraschung ausgestoßen, wenn der Baron sie nicht durch einen Blick davon zurückgehalten hätte

(Fortsetzung folgt.)

Vie Reformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräflichen und ritterfchaftlichen

Grien des östlichen und füdöstlichen Vogelsbergs.

.Von Pfarrer Zinn in Herbstein. (Fortsetzung.)

8. Die kirchenpolitische Lage im Stifte Fulda und den zugehörigen ritterschaftlichen Gebieten von Balthasars, Tode bis zur Niederwerfung des Protestantismus ist

Deutschland durch Tilly und Wallenstein.

Der Erfolg Balthasars bei seiner so erfolgreiche durchgeführten Gegenreformation war kein unbeschränkter, so sehr er auch iM Ganzen geeignet war, die Jesuiten und die von ihnen beratenen! katholischen Fürsten und Prälaten zu ähnlichen Gewaltbekehrungen ihrer Untertanen zu ermuntern. Der Versuch, auch die unter ritterschaftlichem Patronat stehenden Pfarreien des Abteigebietes für die 'katholische Religion zurück zu gewinnen/ schlug vollständig fehl. Wir sahen schon, wie der im Jahre 1605 von Balthasar nach Freiensteinau eingedrängte katho­lische Priester Rübsaam wieder von den Riedeseln prompt ent­fernt und alles mit Hilfe des Pfalzgrafen von Heidelberg, des Vaters des Winterkönigs, auf den früheren Stand gebracht wurde. Weiteren Uebergriffen des Fürstabts ins Riedeselsche Gebiet wurde dadurch ein Riegel vorgeschoben, daß es den Bedrohten gelang/ in einem längeren Prozeß nachzuweisen, daß sie im unbeschränkten! Besitz des Kollatur- (Pfarrbesetzungs-j rechtes seien. Ter Prozeß wurde 1609 durch ein kaiserliches Dekret entschieden, wonach bte Riedesel als vom Religionsfrieden von 1555 betroffen (b._ h. als freier Reichsstand) anerkannt wurden. Einen ähnlichen Mißerfolg Hatte Balthafar bei dem Versuche, sich ein Einspruchsrecht in die Besetzung der Schlitz er Pfarreien mit evangelischen Pfarrern anzumaßen. Ta es den Herrn von Schlitz ebenfalls gelang, im Jahre 1605 einen für sie günstigen kaiserlichen Be­scheid zu erwirken, mußte man die evangelischen Pfarrer des Schlitzerlandes unbehelligt lassen. Die im Jahre 1603 von