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Die von Gründingen.

Roman von Freiherr von Schlicht«

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ein Diener trat ins Zimmer:Ob der Herr Baron den Herrn Landrat vielleicht bitten dürfte, noch einmal zu ihm zu kommen."

Was gibt es denn?"

Ich weiß es nicht, Herr Landrat."

Der war ungehalten über die neue Störung. Er be­griff allmählich den Baron und dessen Fernbleiben von Tisch nicht mehr.

Wenn die Herrschaften mich denn nochmals einen Augenblick entschuldigen wollen"

Er eilte davon und kam nach wenigen Minuten ganz erregt zurück:Die Welt geht unter das hätten die Herrschaften alle mit ansehen müssen!"

Hannibal springtI" rief Dagmar. Ganz erregt sah sie den Landrat an.

Wie 'ne Puppe, Komtesse! Sechsmal nach der Reihe habe ich den Sprung gesehen! Ich hübe dem Baron offen erklärt, daß ich ihm wegen seines Benehmens ernstlich böse gewesen sei aber nun bin ich wieder mit ihm aus­gesöhnt. Und Sie, meine Herrschaften, sind es hoffentlich auch? Ich fühle es ihm nach: diese Freude durfte er sich nicht entgehen lassen."

Wenig später trat der Baron ins Zimmer. Ein all­gemeiner Glückwunsch begrüßte ihn. Mit einigen Worten bat er für sein Ausbleiben um Entschuldigung er gebe gern zu, es sei wenig taktvoll; aber er hätte selbst auf die Gefahr hin, seinen Wirt ernstlich zu erzürnen nicht anders handeln können.

Dann nahm er neben Dagmar Platz. Aber wenn sie geglaubt hatte, an ihm ein freudiges Leuchten seiner Augen oder irgend einen siegesfrohen Zug in seinen Mienen sehen zu können, dann irrte sie sich. Er sah so gleichgültig und so ruhig wie nur möglich aus, nur seine geröteten Wangen zeigten noch die Spuren der vorangegangenen großen Anspannung. Er bemerkte, wie blaß sie war, und wußte, weshalb sie ihre Unruhe in seiner Nähe nicht zu verbergen vermochte.

Und er merkte auch: wie sie versuchte, mit keinem Wort auf die Szene der Reitbahn zurückzukommen, wie sie sich bemühte, gar nicht daran zu denken, wie sie sich fest vornahm, mit ihm nur über ganz gleichgültige Dinge zu plaudern.

Sie wollte nicht mit ihm davon sprechen. Er sah, wie sie die Lippen zusammenpreßte. Wer schließlich sagte sie dennoch, wenn auch schwer und langsam:Sie sind wohl jetzt sehr stolz, Herr Baron? Es ist ja auch ein Meisterstück, ein wehrloses Tier zu bezwingen,"

Er tat, als höre er die grausame und verletzende Ironie aus ihren Worten gar nicht heraus.Sie haben recht, Komtesse: es war kein Meisterstück, wenigstens nicht für mich, denn ob einem Tier oder einem Menschen gegen­über ich fetze meinen Willen stets durch das ist doch ganz selbstverständlich."

Sie fühlte, wie die Angst sie abermals überkam und wie sie blaß wurde. Sie wagte nicht, ihn anzusehen.

Und wenn Hannibal nun doch nicht gesprungen wäre? Wenn Sie Ihren Willen nun doch nicht durch­gesetzt hätten?"

Warum sich über Dinge unterhalten, Komtesse," sagte er ganz gelassen,die außerhalb des Bereichs jeder Mög­lichkeit liegen? Hannibal sprang. Und mögen Sie trotz- dein tausendmal annehmen, daß es auch anders hätte kom­men können, ich sage Ihnen: er wäre doch gesprungen, und wenn ich Tag und Nacht hätte im Sattel sitzen sollen."

Und sie wußte: das war keine Prahlerei, kein jugend­liches Renommieren, sondern für ihn etwas ganz Selbst- verstündliches und Natürliches.

Als sie jetzt scheu seine ruhigen, festen Züge streifte, legte sich ihr kalte Furcht lähmend auf das Herz: Wann würde er auch sie bezwungen haben?

X.

Hans hatte an den Baron geschrieben, man könne sich Zeit und Mühe einerchemischen Blutuntersuchung" er­sparen die .Familie seiner Braut sei ebenso tadellos bürgerlich, wie die seine adelig. Und was den anderen Vorschlag des Barons beträfe, sich zum Schein mit Claire zu verloben, diese als seine Braut auf Schloß Grün­dingen einzuführen, so müsse er bei näherer Ueberlegung doch wohl selbst zugeben, daß derselbe in der Praxis gänz­lich undurchführbar sei. Wenn er, Hans, sich schließlich auch selbst damit einverstanden erklären würde, so hätte Claire gesagt, sie würde sich nie, niemals zu einem solchen Spiel h ergeb en; ihre Ehre, ihr Stolz lehnten sich da­gegen aus.

Und Sie wissen ja, Herr Baron, mit dem Wortnie, niemals", ist das solche Sache! Die meisten jungen Damen denken sich gar nichts dabei, im Gegenteil: man hat ge­wonnenes Spiel, wenn man sie erst so weit hat. Man ist ja nicht umsonst Kavallerist, da lernt man doch, mit Frauen umzugehen, aber trotzdem Claire ist nun einmal aus ganz anderem Holz geschnitten; wenn dieNiemals!" sagt, dann bleibt es auch dabei."

Oder auch nicht," dachte der Baron, nachdem er den Brief dreimal durchgelesen hatte,ich wenigstens habe noch keine einzige kennen gelernt, die unerbittlich an ihrem niemals" festhielt, und wenn es mir gelingt, Claire zu überzeugen, so wird auch sie schon ihren Entschluß ändern. Und überzeugen muß ich sie, sonst ist wirklich alles ver­loren."