Ausgabe 
8.6.1912
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den 8. Jun!

FiR

NDSM

MWM

fl il uMBO

MagR!s * M'-waWÄ ^-^WZE

W

N

ÄiM' ''il MM hifll

Die von Gründingen.

Roman von Freiherr von Schlichte

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Sein Gesicht blieb ruhig und unbeweglich. Sein Aus­druck veränderte sich nicht im geringsten.

Das fühle ich Ihnen vollständig nach, Komtesse. Aber gerecht, wie Sie sind, werden Sie mir das Zeugnis aus- stellen müssen, daß ich sonst stets eine Viertelstnnde vor der Zeit da war. Ich habe meine Pflicht als Reitlehrer noch nie versäumt und werde es auch in Zukunft nicht tun, ---denn dafür werde ich ja bezahlt."

Das klang so ruhig und gelassen, als handele es sich um etwas ganz Selbstverständliches. War er wirklich in dem Geldpunkte so unempfindlich, daß er selbst in Gegen­wart einer Dame ganz offen darüber sprach, oder sollten seine Worte ihr nur zeigen, daß ihr Versuch, ihn mit dem Reitlehrer" zu kränken, gänzlich mißlungen war?

Sie schwieg und spielte mit der dünnen Reitgerte in ihren Händen: sie hatte sie ganz zusammengebogen und ließ sie jetzt plötzlich mit Mer Gewalt zurückschnellen. Sie standen sich so dicht gegenüber, daß die Peitsche jetzt sein rechtes Bein traf.

Dagmar wurde abwechselnd blaß und rot:Um Gottes willen, Herr Baron verzeihen Sie habe ich Ihnen Weh getan?"

Er hatte die Peitsche wohl gefühlt, auch jetzt empfand er noch einen scharfen, brennenden Schmerz, aber er zuckte mit keiner Wimper, und ganz erstaunt sah er sie an:Was soll ich Ihnen denn -verzeihen, Komtesse?"

Daß meine Gerte Sie bei dem Zurückschnellen traf."

Das habe ich gar nicht empfunden, Komtesse. <So zartbesaitet bin ich nicht. Wer, wie ich, den ganzen Tag auf dem Gaul sitzt, von einem Sattel in den anderen steigt, ein ungerittenes Pferd nach dem anderen zwischen die Schenkel nimmt, der bekommt eiserne Sehnen und Muskeln, der merkt einen kleinen Mückenstich wirklich nicht und viel mehr kann Ihr Schlag doch gar nicht ge­wesen sein."

Auf jede« Fall war er unbeabsichtigt."

Ebenso unbeabsichtigt, wie mein Zuspätkommen. Das ist doch ganz selbstverständlich. Aber jetzt kommen Sie bitte, Komtesse Alexa wird uns erwarten.

Ich will nicht reiten, jetzt erst recht nicht!

Aber die Worte Weben doch ungesprochen, und sie schritt tut seiner Seite dahin. Warum sich auch sträuben? Wenn sie ihn wenigstens dadurch geärgert hätte, dann ja! Aber so? Er hatte ja selbst mit seineneisernen Muskeln und Sehnen" geprahlt, und wie ha, schien er auch in anderer Hinsicht unempfindlich geworden zu sein, das mochte wohl .an dem Umgang mit Pferden, an her Stalluft und an dem

Verkehr mit Reitknechten, Pferdehändlern und ähnlichen Leuten liegen. , n

Ob er den Schlag wirllich nicht gemerkt hatte? Sie wußte, wie weh die Peitsche tat, er hatte sie für sre rn der Stadt besorgt und ihr die alte Gerte fortgeuommeu: Eine Reitpeitsche ist kein Spielzeug, Komtesse. Man ge­braucht sie so selten, wie nur möglich-, abex wenn, dann muß das Pferd sie auch fühlen."

Sie war ganz außer sich gewesen, als sie auf fernen Rat hin ihrenOld Fellow" einmal scharf gezüchtigt hatte, und dann später die starken blutigen Striemen sah, dre das blanke, glitzernde Fell ihresOld Fellow" bedeckten! Sie hatte den Baron mit -eirrem Blick der Empörung ge­streift und die Peitsche mit einem:Me wieder!" in die Ecke geschleudert. ,, ,,

Sie hatte erwartet, daß er sie aufheben und ihr hrn- halten würde, wie damals seine eigene Peitsche in Berlin, und sie hatte sich fest vorgenommen, sie auch dieses Mal mit einer beleidigenden Bewegung zurückzuweisen ihn dafür zu strafen, daß sie auf seine Veranlassung hin ihrem geliebtenOld Feliow" hatte so weh tun müssen.

Aber anstatt des Barons hatte ein Reitknecht die Gerte aufgenommen und sie ihr zurückgereicht. Und sie hatte sie auch wieder in die Hand genommen, aber sich ge­schworen, sie nie wieder zu gebrauchen, sie höchstens für ganz leichte Hilfen zu verwenden, aber nie wieder bannt zu schlagen, weder ihrenOld Fellow", noch sonst irgendwie.

Und nun hatte sie den Baron damit wenn auch ganz gegen ihren Willen geschlagen und ihm weh getan! Mochte er das auch tausendmal in Abrede stellen und leugnen--

Hätte sie sich nicht gerade kurz vorher geweigert, zu reiten, und ihm deutlich die Absicht gezeigt, ihn durch das WortReitlehrer" zu kränken, so würde sie über den rin- glücklichen Zufall nicht so erregt gewesen sein. So aber wurde sie den Gedanken nicht los, daß er vielleicht doch glauben könne, daß ein klein wenig auch die Absicht mit rm Spiel gewesen wäre, und das empörte sie: Konnte er wirllich einer Komtesse Dagmar zutrauen, daß sie nach ihm schlüge, wie vielleicht nach einem frechen, ungezogenen Dorfjungen, über den sie sich ärgerte? Und bildete er sich wirklich ein, er gelte ihr so viel, daß sie zu diesem Mittel griffe, um ihjn zu zeigen: ich hasse dich!

Bitte, Komtesse Dagmar etwas ruhiger die linke Hand! Vielleicht lassen Sie einmal wieder die Zügel ganz los und denken während des Trabens nur an Ihren Sitz. Mir will es so vorkommen, als säßen Sie heute nicht so ruhig, wie sonst, ich fühle es Ihnen ja nach, daß die bevorstehend« Ankunft Ihres Herrn Bruders Sie freudig erregt, etwas nervös und ungeduldig macht, aber trotz­dem ist das Pferd, wenn ich mich so ausdrücken darf: kein Klavier, -auf dem wir unsere seelischen Empfindungen bald in einem sanften Piano, bald jn einem wilden Fortissimo ausklingen lassen dürfen."