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in Ohnmacht gefallen?
Und er stürzte zu seiner Frau. Sie faß in der Ecke, zurück-- gelehnt, den Kopf mit den halbgeschlossenen Augen zur Seite geneigt, die Arme hingen schlaff herunter.
Ihn überkam ein Zittern. War sie in Ohnmacht gefallen? Er überwand sich und ergriff ihre Hand. Starr und kalt. Das war die Hand einer Toten.
Im Wohnzimmer wat ch dunkel. Mr drehte das elektrische Licht an.
„Selma!"
Sie schien ihn nicht zü hören. Er öffnete die Tür des anstoßenden Spciseziinmcrs. Dunkelheit auch hier.
„Selma!"
Er knipste, und eine Glühbirne flammte auf.
„Du im Finstern? Warum denn? Nun —■ weshalb antwortest du mir nicht?"
Selma saß im kleinen Ecksofa und rührte sich nicht.
„Was soll denn das eigentlich bedeuten?"
Der Staatsanwalt blieb mit einemmal wie erstarrt stehen. .Dann schrie er auf:
„Selma! Um Gottes willen!"
Allerdings war ihre Ehe nicht glücklich; es herrschten ost Ze« wurfnisse zwischen ihr uiid ihrem Gatten. Aber andere sind i« auch Nicht Mcklich. Deshalb vergiften sie sich noch nicht *
Nun, Selbstnwrder pflegen ihre Absicht vorher zu äußern.
Gruber dachte nach. Nein, Selma hatte nie ein ähnliches Wort f an eit lasten.
_ „,Doch rinWschiedsbrief? Selbstmörder hinterlassen für gewöhnlich Abschiedsbriefe.
Der Staatsanwalt ging zum Tisch.
Zettel. Er ging ins Wohnzimmer, su
Der Staatsanwalt ging zum Tisch. Kein Brief darauf, kein HMel. Er gmg ins Wohnzimmer, suchte am Schreibtisch, auf ihrem Nähtisch — nichts. Im Schlafzimmer auf dem Nachttischchen — nichts. Auf der Frisiertoilette — nichts. Er ging von einem Zimmer ins andere. Nirgends auch nur ein Blättchen
Er stand wieder vor der Toten. Sie saß mit dem seitwärts! geneigten, zerqualten, blassen Gesicht da. Mit zitternden Fingern unter! uchte er ihre erkalteten Hände. Die eine war leer, die andere umkrampfte — ein Taschentuch.
Weshalb hatte sie nicht geschrieben? Nur ein Wort! Wo doch so viel für ihn davon abhing.
Also kein Selbstmord?
Folglich hatte der Staatsanwalt Gruber Motive für die .Ermordung seiner Frau. Hatte er vielleicht den Wunsch, sich aus dieser unglücklichen Gemeinschaft zu befreien? Er hat ja eine Geliebte! Aber wer weiß das? Jetzt noch niemand. Oh, matt wird es schon erfahren! Das ist nicht so schwer. Man erfährt alles.
Und feilte Frau war reich, er ist nun der Erbe ihres großen Vermögens. Das Interesse liegt auf der Hand. Und der Staatsanwalt Gruber ist bekannt wegen seiner noblen Passionen.
, Das Netz zieht sich schon zusammen. Oh, der Unterfuchungs- rtchtcr Gruber ist findig, er wird die „Affäre Gruber" schon! au fönren.
Und dann: Wie ist der Sonntag verlaufen? Die beiden Dienstmädchen müssen vernommen werden.
Im Laufe des Tages nichts Auffälliges. Aber heute nachmittag dursten beide fortgehen. Das war ein Ausnahmefall, denn sonst ging immer nur eine aus. Allerdings hatten sie um Erlaubnis gebeten; jedoch nicht die gnädige Frau hat diese erteilt, sondern der Herr Staatsanwalt hat zu der armen Gnädigen gesagt: „Laß sie doch beide weggehen; wir brauchen sie ja nicht." Ja, das hat er gesagt. Das konnte er nicht bestreiten.
Sehen Sie, Angeklagter Gruber!
Was war dann?
Also um acht Uhr haben Sie mit Ihrer Frau den Tee eingenommen? Darauf waren Sie in Ihr Zimmer gegangen und hatten gearbeitet? Sonntag abend gearbeitet? Was denn?
Ja, was denn? Er hatte keine Zeile geschrieben. Er hatte! mit sich gekämpft, hatte versucht, mit sich ins Reine zu kommen. Unsinn! Kann man solche Arbeit nachweisen?
So war es:
Er war mit sich nicht im Reinen über die Schuld des Angeklagten Holtheim. Es waren ihm Zweifel aufgestiegen. Die ließen ihm keine Ruhe, und er war zu Hause geblieben. Sonst pflegte er Sonntags in feinen Klub zu gehen, während feine* Frau ihre Eltern besuchte.
Sehr merkwürdig. Sonst also ging Ihre Frau zu ihren Eltern? Warum gerade heute nicht? Sie fühlte sich sehr unwohl, und ich hatte ihr geraten, doch lieber zu Hause zu bleiben.
Und Sie, Angeklagter, wollen zu Hause geblieben fein, weil . .- Ah! Da ist ja ein Widerspruch! Erst geben Sie an, daß Sie arbeiten wollten, und jetzt, daß Sie sich über den „Fall Holtft heim" klar zu werden suchten, der doch schon tags vorher feinens Abschluß gefunden hatte. Außerdem war der „Fall Holtheim" einer der klarsten — er war ebenso klar wie der „Fall Gruber",
Dem Staatsanwalt rann in .hellen Tropfen der Schweiß von der Stirn. Er schlug feine eisigen, feuchten Hände vorD Gesicht. Das war ja Wahnsinn!
Ich bin doch unschuldig — murmelte er — ich habe sie nicht UMgebracht — — nein — — nein — — umgebracht habe ich sie nicht — — aber „schuldig" — — bin ich doch!
Er sank erschöpft in einen Stuhl der Toten gegenüber. Sein Gehirn arbeitete jedoch weiter; gegen feilten Willen: es arbeitete wie ein Uhrwerk.
„Der „Fall Gruber" ist ganz klar.
Die Eheleute Gruber lebten in unglücklicher Ehe. Der Angeklagte behandelte seine Frau nicht sonderlich gut. Er hatte eine Geliebte und huldigte kostspieligen Vergnügungen. Durch den Tod seiner reichen Fran hoffte er sich in den Besitz der dazu notwendigen Mittel zu setzen.
Den Plan mußte der Angeklagte schon vor längerer Zeit gefaßt haben. Vor acht Tagen kaufte er Zyankali, das er zu photographischen Zwecken zu benötigen vorgibt. .Er hat aber keinerlei Gebrauch davon gemacht.
Am Tage der Tat entfernte er die beiden Dienstmädchen, die sonst nur abwechselnd Ausgang hatten, und hielt auch seine Gattin von ihrem gewohnten Sonntagsbesuch Bei ihren Eltern ab. Mr selbst blieb gegen feine Gewohnheit, in den Klub zu gehen,, an diesem Meud zu Hause.
Während der Abwesenheit des Dienstpersonals vollbrachte er dann die verabscheuungswürdige Tat.
Die Versuche, wie der Angeklagte den Mord als einen Selbst-
Er ließ ihre Hand fallen und preßte die Faust auf sein Herz. W hatte einen Moment ausgesetzt. Wer jetzt schlug es mit rasender Geschwindigkeit und peitschte das andrängende Blut zurück in den Körper.
Er fühlte, wie seine Hände eisig wurden, !vie der Schweiß äUf seiner Stirne ausbrach. Schreien — schreien wollte er. Aber seine Kehle schloß sich, 'krampfte sich zusammen und ließ keinen Ton hindurch.
Seine Augen irrten von der starr Dasitzenden auf den kleinen Tisch neben ihr. Dort standen zwei Tassen — er hatte vorhin Mit ihr gemeinsam Tee getrunken —, der Teller mit Cakes, die silberne Zuckerdose; alles ganz so wie vorhin. Nur neben ihrer Tasse fiel ihm jetzt etwas auf — ein kleiner brauner Steintiegel.
Gruber griff mechanisch danach. Der Tiegel gehörte ihm. Das war fein Zyankalitiegel. Er brauchte das Gift zum Photographieren. Er bemerkte sofort, daß mit einem Löffel eine gehörige Dosis vom Inhalt entnommen worden war, eine Dosis, pte genügen mußte, einen Elefanten zu.töten.
Es lief dem Staatsanwalt kalt über den Rücken.
Weshalb hat sie das getan? Er überlegte.
Dann wunderte er sich über sich.selbst. Eigentlich hätte er doch weinen müsfeii. Es war ja feine Frau! Aber et empfand keinen Schmerz. Nein. Nur das Gräßliche der Tat hat ihn so erschüttert.
Jetzt war er wieder ruhig. Einen Moment empfand er joyar etwas wie Zuftiedenheit, Erlösung. Er hatte feine Frau nicht geliebt. Und jetzt war er frei!
Während er anM das dachte, .stand er noch immer starr da, den Steintiegel in der Hand. Vorsichtig stellte er ihn wieder auf seinen Platz neben die Taffen.
Er fiihlte, daß er etwas tun müßte. Aber was? Lärm schlagen? Einen Arzt holen? Der könnte doch nur den Tod feststellen, nicht helfen. Aber die Polizei mußte geholt werden. Ja, die Polizei.
Ein Zweifel kam ihm. Soll er sie wirklich holen? Würde nicht auf ihn der Verdacht fallen, seine Frau umgebracht zu haben? Er sah schon den forschenden.Blick des Polizeikommissars auf sich gerichtet. Wenn auch! Er war doch unschuldig.
War nicht demwch manches auffällig?
Gruber drückte seine kalten Hände gegen die Schläfen. Was Nr dummes Zeug er zusalnmendachte.
Der Tatbestand war doch sonnenklar.
Er war um acht Uhr, nachdem er mit Selma Tee getrunken, in sein Zimmer gegangen, UM zu arbeiten. Als er um — er sah auf die Uhr — um zehn wieder das Eßzimmer betrat, fand er seine Frau tot chüf deut Sofa sitzend. Sie hatte sich mit Ltzankali vergiftet.
Was könnte man ihm also anhaben? . Nichts, gär nichts!
-Nichts? O doch. Hatte sich denn die Sache wiMich so abgespielt ?
Seine Frau hatte sich vergiftet. Womit? Mit Zyankali. Woher hatte sie das? Sie hatte es wohl aus dem Schränkchen genommen, in dem seine photographischen Utensilien eingeschlosseu waren. Er war ein eifriger Photograph und brauchte bei feinen Arbeiten zuweilen Zyankali. Und wann hat er das Gift gekauft? Vor acht Tagen. Aber er scheint es doch gar nicht benutzt zu haben?! Nein. Er hatte seitdem noch nicht gearbeitet, er war nicht dazu gekommen. Wieso kam es denn, daß ein Schrank, in dem ein so schweres Gift sich befand, nicht verschlossen war? Doch, doch, — er war ja verschlossen. . Wie verschaffte sich dann seine Fran den Schlüssel? Ja, wie kam sie zu dem Schlüssel? Den mußte sie ihm wohl weg genommen hüben aus seinem Schlüsselhund . . .
Das war nicht mehr so einfach. Es war kompliziert — unglaubwürdig.
Grubers Aufregung stieg. Ein nervöser Eifer ergriff ihn. Als ob er der Untersuchungsrichter wäre, der in diesen „Fall Gruber" Licht bringen müßte. Ja, Licht Bringen! Die Sache war durchaus nicht Kar.
Weshalb hatte sich die Frau des Staatsanwalts Gruber vergiftet? Sie war nicht kränklich, lebte in guten Verhältnissen!.


