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Der König von Thule.
Roman von Paul Grab ein, (Nachdruck verboten.)'
(Fortsetzung.)
Kaum ein halbes Jahr, nachdem itiir Reykjavik besucht hatten, sah es uns so schon wieder. Wer wie anders! Unser Hoffen und Wünschen hatten wir inzwischen beide begraben.
Es war erst meine Absicht gewesen, meins Frau nur in das Lepraheim zu geleiten, dann aber wieder nach Deutschland in meine Stellung zurückzukehren. Wer es kam nicht mehr dazu.
Ich brachte es nicht übers Herz, sie in ihrem Leide zu Verlassen. Schon während der ganzen Reise arbeitete es innerlich in mir; immer wieder klang mir der Bibelspruch, den uns der alte Geistliche als Geleitwort mit in die Ehe gegeben hatte, ernst mahnend im Ohr: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch! — Und nur der Tod soll uns scheiden!" Die schlichte Größe imb die hohe Kraft der Entsagung in diesem Wort trieben prich zur Nacheiferung an; entsprach es doch auch meinem innersten Wesen, in Treue festzuhalten, was ich einmal Erfaßt habe.
Und als so die Stunde kam, wo ich meine arme, unselige Frau eingeliefert hatte in dis Haft der grauen Mauern, die sie nun für immer von der Welt scheiden sollten, als sie die tränenleeren Augen, die das Weinen längst verlernt hatten, zum Abschied auf mich heftete, da brach es aus in mir — und es war entschieden: Ich blieb bei ihr.
Zuerst außerhalb des Hauses; aber bald bot sich die Gelegenheit für mich, den Arzt, der die Anstalt leitete, zu ersetzen. Er war froh, hinauszukommen aus dem freudlosen Berufe. So hatte ich denn wenigstens dis Möglichkeit, tagtäglich meins Frau zu sehen und mich ihr zu widmen, soweit dies die Rücksicht auf die Anstaltsordnung zuließ.
Wenn ich anfangs mit starker Opfersrendigkeit dies Leben auf mich nahm, so muß ich nun gestehen, nachdem ich es jahrelang ertragen habe, die Last war schwerer, als ich gedacht, — oft fürchtete ich, darunter zusammen zu brechen.'
Wie trostlos war doch dies Verhältnis zwischen mir und meiner Frau. Tag für Tag ihr Leiden ansehen zu müssen, ohne helfen zu können! Wie ost habe rch nicht gewünscht, ein schneller Tod möchte ihr die ersehnte Gr- lösung bringen.
Wie oft hat sie mich nicht selbst angefleht, ihr zum Gude zu verhelfen! Wer unseligerweise nahm gerade chre Krankheit einen ganz langsamen Verlauf. Sv trat denn schließlich bei mir ein, was mußte: Eine immer größer werdende Stumpfheit kam über mich; ich lernte eä, ihren
Zustand als etwas Unabänderliches Mit dumpfer Gleichgültigkeit hinzunehmen. Wer mit dieser Starrheit ging auch überhaupt ein Absterben all der zarten, innerlichen Fäden vor sich, die mich einst mit ihr verbunden hatten.
Was konnte die Unglückliche mir denn auch, noch in Wahrheit sein? Sie, die wie lebendig begraben hindämmerte, von aller Lebenslust abgeschuitten, und so allmählich immer mehr verbitterte und verkümmerte! Sie, vor deren leiser Berührung ich in jeder Minute auf der Hut sein mußte — nicht Um meinetwillen, bei Gott nicht! Oft habe ich in dunkeln Stunden den Tod auch für mich selbst herbeigesehnt, — aber um der andern willen und wegen der Außenwelt, mit der ich ja von Berufswegen in Berührung bleiben mußte. So starb denn nach und nach alles in mir ab, was ich einst für die Unglückliche empfunden hatte —। nur das Mitleid blieb übrig.
Wer auch das ward oft auf eine harte Probe gestellt; nicht durch sie selbst — sie ist eine rührend geduldige Kranke, deren stilles Beiden mich bei weichen Regungen ost schon bis zu Tränen gerührt hat — aber durch das unwillkürliche Aufbäumen der zum Ersticken unterdrückten Lebenskraft in mir. Fast selbst wie ein Lebendig-Begra- bener, ganz von der Welt abgeschuitten, vegetierte ich ja dahin — ohne jede Anregung von außen, voll hoffnungsloser Düsterheit im Innern. Kein Streben, teilt Regen der Kräfte mehr alles, alles erstarrte, starb allmählich in mir ab.
Und nun, Frau Eva, werden Sie vielleicht auch verstehen und werden vergeben können, was ich- an Ihnen gefehlt habe.
Wie ein Verschmachtender war ich, nach Licht und' Luft schreiend — da traten Sie in mein Leben. Sie haben es ja selbst erlebt, wie dieses Begegnen mich aus meiner Starre aufgerüttelt hat, wie Sie, dem gütigen Himmelslicht gleich, allmählich wieder all die Lebenskeime in mir haben aufsprießen lassen, die da tot schienen. War es da Sünde, daß ich meine Seele weit, weit diesem segeu- spendenden Licht öffnete?
Bei meinem heiligen Manneswort! Ich bin mir dessen nicht bewußt gewesen, was dabei in mir vorging. Bis zu der Stunde vorgestern, wo wir im Sturm zusammenstanden, habe ich nichts anderes als die liebe Freundin in Ihnen gesehen. ; -
Dann freilich ist es über mich gekommen in furchtbarem; Erschrecken: Ich sah, wie es in Wahrheit um mich stand- Und in derselben Stunde faßte ich auch; den festen Entschluß, dem ein Ende zu machen, was nicht fein durfte.
Ich wollte nicht einett kurzen Rausch der Seligkeit wenn auch alles in mir danach schrie —- mit Ihrer aber-, maligen furchtbaren Enttäuschung erkaufen.
Da kam nun die selige, unglückselige Stunde vorhin, dis mir verriet, was Sie für mich- empfanden, was Sie um mich erlitten t— verdammen Sie mich, aber ich konnte


