Ausgabe 
7.11.1912
 
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es fein, die die Bibliotheken besuchen und benützen, aber ihre knapp bemessene freie Zeit erlaubt es ihnen gar nicht, auf ihr Amßeres so große Sorgfalt zu verwenden, daß nicht in kurzer; Zeit die von ihnen benutzten Musikalien dauernde Fingerabdrücke in reichster Mannigfaltigkeit aufweiseu, die zwar für den Krimi­nalisten von Interesse sein können, aber der weiteren Verwend­barkeit der damit geschmückten Notenhefte recht hinderlich sein werden.

Aber selbst wenn das alles nur brotneidische Einwürfe eines galligen Musiksortimenters wären, wo sollen denn alle die Vor­räte der Verschenkliteratur Herkommen, um eine Ausbreitung der Musikalischen Volksbibliothek zu ermöglichen? Schon in einer Großstadt wären bei ihrer gewaltigen Ausdehnung und den großen Entfernungen doch mehrere solcher Institute nötig; dann kämen die mittleren und kleinen in Betracht, und weiter dann das Land. Denn daß hier die deutsche Reichspost dem Streben der Philanthropen entgegenkommen könnte, ist doch dem kühnsten Enthusiasten der Musikalischen Volksbibliotheken noch nicht ein­gefallen.

Wie ich schon erwähnte, existieren bereits einige Musikalische Volksbibliotheken, und mit Genugtuung wurde sofort in bie Welt hmausposaunt, daß der Andrang schon in der ersten Zeit ein so starker gewesen wäre, daß die Äedürfnisfrage damit erwiesen sei. Leute, die die Verhältnisse besser kennen, wissen aber genau, daß die ersten Besucher aus der Schar jener Nassauer bestehen, die überall, wo etwas umsonst geboten wird, zu den eifrigsten Konsumenten gehören. Der größte Teil dieser Leute ist gar nicht bedürftig, es sind dieselben wohlbekannten Schmarotzer, die bei den 10 Pfg.-Ausgaben noch einen Rabatt vom Musikalienhändler erbetteln wollen oder nach beschmutzten Exemplaren forschen. Sollte aber wirklich eine dauernde starke.Benutzung der zu verleihenden Hefte eintreten, wie lange würde der Bestand einem solchen erhosften Ansturm widerstehen können, und wo, wäre der Ersatz herzunehmen, wenn auch die Vorräte der nachschießenden Freunde erschöpft sind? Einnahmen haben die Bibliotheken nicht, sonst würde ja der ganze Zweck verfehlt sein, und die Gaben der Spender in bar sind, wie ich schon ausführte, für andere Zwecke dringend nötig.

Selbst Wenn die Veranstalter über Hnnderttausende verfügten, wenn sie Musikalien ankaufen und nach Bedarf ergänzen, ihre Beamten, Handlanger und Handwerker besolden und Mieten be­zahlen konnten, so würden sie etwas längst Ueberlebtes geschaffen haben. Warum haben die Musikalienhändler in der Mehrzahl ihre Leihinstitute aufgegeben? Weil kein Bedürfnis mehr vor­liegt. Seitdem wir die Volks-Ausgabe Breitkopf & Härtel, Edition Peters, Kollektion Litolff, Steingräber, Universal-Edition, die 20 Pfg.-Ausgaben P. I. Tanger, Carl Rühle, C. F. Teich, die 10 Psg.-Ausgaben Karl Kunz, Edition Europa und viele andere mehr besitzen, die uns zum größten Teil in vortrefflicher Revision und Ausstattung nicht nur die Klassiker und Romantiker, sondern auch vieles gute Neue zu durchaus billigen Preisen bieten, ist das Verleihen der Noten fast ganz aus der Mode gekommen. Wie oft habe ich schon darauf hingewiesen, daß ein Vergleich zwischen Lesen Und Musizieren etwas ganz Deplaziertes ist! Lesen kann jeder Deutsche über 8 Jahre, aber der weitaus größte Teil aller Menschen besteht aus musikalischen Analphabeten, die der Musik nur mit den Ohren beizukommen imstande sind. Es mögen sich darunter einige befinden, die in der Jugend mit Musikunterricht gequält wurden und sich sogar bis zumGebet der Jungfrau" hinausgeklimpert haben; glücklicherweise haben sie alles längst vergessen und die Allgemeinheit weiß ihnen Dank dafür. Seien wir doch offen, wie weit geht denn die musikalische Kunstfertigkeit in den Kreisen der Gebildeten, die den vornehmen Konzertsaal besuchen? Gäbe es Siebe, in denen man die Spreu von dem Weizen trennen konnte, so würden von 1000 Anwesenden schon beim ersten Gang mindestens 500 Hörer abgesondert werden, die niemals ein Instrument gespielt haben. Weitere 300 würden die zweite Lese sein, die einmal als Kinder mit Liebe oder Gewalt über die ersten Anfänge gestolpert sind. Von beiden Gruppen sind noch wiederum Teile abzusondern, die nicht der Musik wegen anwesend sind; der eine kommt der Mode halber, der andere ans gesellschastlicheu Pflichten, ein Dritter wegen des _ Flirts, der schonen Augen der oder des Solisten .und schließlich eine Menge ans keinem anderen Grunde als dem, dabei gewesen zu sein. Ein schärferes Sieb scheidet dann noch 100 aus, die zwar die Musik praktisch zu pflegen vorgeben, aber nur die Gotter versuchen was der Mensch nicht tun soll. Unter den letzten 100 sind bann wohl manche, denen man vielleicht gern auch antzer- halb des Konzertsaals zuhört. Und nun die Unterhaltungskonzerte ä la Hasenheide, Prater nsw. ? Gute Menschen, bte bet Kaffee und gefülltem Freßkober der Musik lauschen: nicht viele werden darunter sein, die Lnst und Mittel dazu haben, ihrem Nachwuchs ein Instrument und Musikunterricht zu spenden. Da müßten dann wieder Kapitalien herbeigeschafst werden, um die verschie- denen Violinen, Flöten, Klarinetten, Klaviere usw. anzuschassm, und vor allen Dingen die Honorare für die Musiklehrenden. Leute, die ein Klavier besitzen, auch in der Lage wären, ihren Kindern Unterricht erteilen zu lassen, und nun wünschen, daß diese, nachdem sie dem Lehrer entwachsen sind, die Musik weiter pflegen, haben in den meisten Fällen einige Groschen übrig, um, wenn auch vielleicht langsam, die schonen billigen Ausgaben

versehen wäre, nicht viele reich gewordene Musikalienhändler, namentlich Sortimenter, entdecken und noch weniger ein nach guter Musik dürstendes Volk finden. Das letztere wirb auch von der Mehrzahl der Himmlischen hier und da zugestanden, man Will ja jetzt erst das Volk durch das Volk erziehen.

Unter Volk verstehen doch Wohl die Philanthropen in erster Linie die unbemittelte Mehrzahl des Volkes, denn die Wohl­habenderen konnten ja auch ohne dieseGratis-Leihbibliotheken" auf Grund ihres Einkommens sich längst ihren Geschmack geläutert haben. Weshalb das bisher nicht geschah, erledige ich später, dagegen muß ich hier der Volkskonzerte Erwähnung tun, die lediglich den Unbemittelten dienen sollen, wofür drastische Beweise vorliegen. So befindet sich in Dresden ein Verein, der Volks­konzerte veranstaltet, dessen Programme die stehende recht deut­liche Notiz tragen:Besucher dieser Konzerte, die nicht unbe­mittelten Standes sind, werben aus dem Saal gewiesen.". Also von unten herauf will man das Volk in seiner Gesamtheit er­ziehen, ein Gedanke, der wohl nicht übermäßig neu ist: die meisten welterschütternden Ereignisse sind ja stets auf demselben Wege zn uns gekommen. Ganz neu ist aber die Liebe sür das musikalische Volk, eine Schwester des Hasses gegen die musi­kalische Schundliteratur, sie beide hinken ihren älteren Geschwistern auf dem Gebiete der Belletristik hinterher. Wie tief das Bedürfnis auf diesem Gebiete gefühlt worden war, und inwieweit es be­reits durch die bestehenden Volksbibliotheken befriedigt ist, kann ich nicht untersuchen. Als Nichtbuchhätidler habe ich keine fach­männischen Gründe dafür oder dagegen zur Hand. Ich meine freilich, aber das nur ganz so nebenbei, daß, wenn die Leute, die die Volksbibliotheken besuchen, ihren Bedarf in Bier, Tabak usw. etwas eiuschränkten, mancher Nickel übrig bleiben würde, der für Meyers Volksbücher, Recläm, Kürschner usw., die Wohl alle einwandfrei sind, verwendet werden könnte. Aber, wie bereits bemerkt, diese Angelegenheit schlägt nicht in mein Ressort, da­gegen erkläre ich als Eingeweihter ganz freimütig, daß dieMusi­kalischen Volksbibliotheken" Luftschlösser sind, keinerlei Zweck haben Und noch nicht mal ein Ersah für die vom Musiksortiment als unrentabel aufgegebenen Musikleihinstitute sind.

Herr Dr. Marsop, der Vater oder doch wenigstens der eif­rigste Förderer der Musik-Volksbibliotheken, ist einer der größten Philanthropen auf dem Gebiete der Musik, und ich zweifle keinen Augenblick, daß er aus ehrlichster lleberzeugung bestrebt ist, Gutes tzu förbern. Das hat er schon vor Jahren bewiesen, als er für die Misere der Orchestermusiker mit scharfen Massen und offenem Visier kämpfte. Mag der Erfolg kein voller gewesen sein, so sind seine Anregungen doch sichtbar auf fruchtbaren Boden ge­fallen. Wie kommt dieser eminent praktische Mann dazu, zu Felde zu ziehen für musikalische Volksbibliotheken, eine voll­ständig .wirkungslose Institution, zu deren Erreichung ihm nur stumpfe Waffen zu Diensten stehen? Einige Erfolge in erster Zeit wirb freilich biefer Mann mit seiner gewandten Dialektik, seiner Gedankenfülle, der .einem Unbefangenen jede taube Nuß in eine köstliche, begehrenswerte Frucht zu verwandeln versteht, sicherlich erzielen. Diese Erfolge sind jetzt schon nachweisbar vorhanden: Neidisch schauen die Genossen des Wortgewaltigen in der Reichshanptstadt auf die glücklicheren Charlottenburger Nachbarn, die bereits eine von der Stadtverwaltung subven­tionierte Musikalische Bolksbibliothek besitzen. Die Begründung einer solchen Bibliothek ist nach den Ausführungen Dr. Marsops pieleud auszuführen: Jeder Musiker besitzt, seiner Meinung nach, rüher gebrauchte Schätze von Musikalien, die er jetzt ohne Schaden ür sich dem guten Zwecke opfern wird. Aber das nicht allein: er soll seine Freunde, Gesinnungsgenossen, Bekannten, Fremde, selbst Gegner ausspüren und aufsuchen, alles, alles ist willkommen «Schund?). Mit Liebe und Güte, mit allen Ueberredungs-

en soll dem Zwecke zugestrebt werden, zur Not sogar nach dem Rezept:Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt". Auch die Verleger, was freilich Dr. Marsop nicht anführt, werden in Betracht zu ziehen sein, die ja aus Geschäftsrücksichten, leider, in dieser Beziehung oft recht schwach sind. Wenn sie sich doch klar machen wollten, daß man nieinals etwas verschenken sollte, Was ans dem Geschäft stammt! Solche Gaben sind nicht geachtet, sie kosten ja, nach 'Ansicht unserer .künstlerischen Freunde, dem Geber nichts. Darum kaufe der zu Geschenken Verpflichtete lieber für wenige Nickel einige Blumen, sie werden hoher bewertet als ein Album, das oft den zehnfachen Wert hat.

Das auf diese Art Zusammengebettelte und Ertrotzte, alter Küchen, in dem sich, um das Gleichnis festzuhalten, einige süße Rosinen befinden, diese von guten und schlechten Freunden ge­sammeltenbeaux Testes", sollen dm Urbestand einer Musi­kalischen Bolksbibliothek bilden, da die etwa vorhandenen Bar­mittel, deren Herbeischasfung wohl auch nur auf gewundenen Pfaden ermöglicht wird, für Miete und Gehälter verwendet wer­den müssen. So wird der größte Teil des Musikalienvorrats bei der Eröffnung der Bibliothek Spuren des Gebrauchs tragen, und wie lange wird es dauern, bis. diese fragwürdigen Schätze den Dienst versagen werden? Wer nur einigermaßen als Musik- fortimenter im Verleihen von Musikalien Erfahrungen hat, weiß, wie selbst sein regreßpflichtiges, zahlendes Publikum mit den Leihnoten umgeht. Leute aber, die nichts bezahlen, sind gewöhn­lich noch anspruchsvoller und rücksichtsloser.. Brave Seute sollen