Ausgabe 
7.11.1912
 
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anzuschäffen. Es ist eine grobe Unwahrheit, zu behaupten, gute Musik sei teuer, da der Beweis des Gegenteils durch Anführung der vielen vortrefflichen billigen Ausgaben -erbracht ist. Teuer sind die kolossal gekauften, von den Tugendwächieru als Schund bezeichneten Schlager, Tänze, Operetten, Humoristika, außerdem noch die Neuigkeiten unserer Modernen (des großen Honorars halber), auf die vorläufig der Durchschnitts-Dilettant gern ver­zichtet.

Für den ernstlich Musiktreibenden, namentlich für den Musik­studierenden, dürste selbst von den verbleNdetsten Schwärmern die Musikalische Volksbibliothek nicht für brauchbar befunden werden; der junge werdende Künstler findet in Privat-Bibliotheken (Peters, Leipzig) und Staatsbibliotheken für seine Zwecke fast kostenlose Befriedigung. Alles kann er .auch nicht umsonst haben, glicht einnial die körperliche Nahrung, die doch auch nicht so ganz un­wichtig ist. Nun bleiben noch einige hundert ganz mittellose Musikfreunde übrig; die armen Teufel müssen aber doch mindestens ein Instrument haben, die Noten allein tun es doch nicht. Für diese kaum in Betracht kommende, unter Umständen zu bedauernde winzige Schar versucht ein ebenso kleines Häuflein gutgläubiger Ideologen mit großem Pathos sich selbst und der ganzen musi­kalischen Welt ein Bedürfnis, das gar nicht vorhanden ist, vor­zutäuschen. Wäre das Bedürfnis wirklich -eine Tatsache, dann hätte ja das Musiksortiment in den 100 Jahren seines Be­stehens geschlafen ober mindestens seinen Beruf verfehlt! Arbeiten wir Sortimenter ruhig weiter, lassen wir den Schwärmern wie jenen in dem Fuldaschen Talisman ihre sich selbst suggeriertq -Begeisterung; es hat schon so mancher Berg gewaltig gekreist und schließlich doch nur ein M-äuslein geboren.

vermischter.

* Das Gefängnis der Sieben Türme. Tie Ge­sandten der Balkanstaaten mögen von Glück sagen, daß in Kon­stantinopel nicht mehr die alten Sitten walten, sonst wären sie bei Ausbruch des Krieges unfehlbar nach Jedikulah gewandert, nach Heptaphrgion, wie die Griechen sagen, nach dem Gefängnis der sieben Türme. Am -äußersten Südwestende der Stadt liegen noch seine Ruinen mit nur fünf Türmen, aber Jahrhunderte laug spiegelte sich der Riesenbau mit seinen runden, spitzigen Kupfer­dächern, und hohen Zinnen, mit den schmalen Fenstern und eisernen Toren in der See. Hier hinein kamen die Gesandten feindlicher Staaten und anderepolitische Verbrecher", und sie konnten froh sein, wenn sie in die kleinen oberirdischen Gemächer gebracht wurden und nicht in die unterirdischen, die manGruben der Ber- gessenheit" nannte. Dann waren alle Räume voll, aber sie wurden leer, wenn die Nachricht von unglücklichen Schlachten kam und, das Türkenvolk seinen Bußtag hielt. Tann setzte sich der Großwesir auf ein lahmes Pferd, umwand das Haupt mit einem blutigen Tuche, und mit einem zerbrochenen Säbel in der Hand führte er die Bußprozession durch die Straßen, während die Janitschareu das Geschrei ertönen ließen:Allah mitrei Chre- stinnoi". Und an dem Tage zog man die Gesandten hervor, führte sie in denHof der Kopfe" und türmte ans ihren Schädeln eilte Pyramide auf.

* Der fliegende Amerikaner. Erne lustige Geschiebie die sich kürzlich in dein Aerodrom von Juviay zugetragen hat, wird in derAnnales" erzählt. Dort ericheint ein Amerikaner und will von Detagrange eine Flugmaschine kauien. llnb es enlspinnl sich zwischen dem Flieger und dem Amateur aus der neuen Welt folgendes Zwiegespräch:Ihre Flngmaschine ist zu verkaufen?" Tiber gewiß."Schön, lassen Sie sie hmausschaffen." Ter Zwei­decker wird aus dem Schuppen gerollt, der Kunde umkreist den Apparat, nickt nachdenklich, läßt sich die Handhabung erklären und fragt dann lakonisch:Wie viel?"12 000 Francs," erwidert Delagrange.Ich kanie sie," sagt der Amerikaner, zückt seine Briestasche und überreicht Delagrange 12 000 Francs. Tann fragt er:Jst's in Ordnung?"Jawohl."Die Flngmaschine gehört mir?"Selbstverständlich."Schön," erklärt der Käufer und nimmt den Platz im Apparat ein,drehen Sie den Motor an, ich fahre los." Ringsum große Auiregung. Delagrange erklärte dem Käufer, er müsse erst die Führung einer Flngmaschine erlernen, er dürfe so nicht sahren. Ter Yankee hört auimerksan, zu und fragt dann seelenruhig:Ich habe bezahlt?"Aber gewiß."Tie Flngmaschine gehört mir?"Selbstverständlich."Also dann schalten Sie den Motor ein." Alle Anwesenden suchen den toll­kühnen Dilettanten von seinem Borbaben avzubringen. Verlorene Liebesmühe. Auf alle Einwendungen kommt dieielbe starrsinnige Antwort:Ich habe bezahlt? Gebört mir die Flngmaschine oder nicht? Also bitte, den Motor l" Die Zeit verstreicht, der Ameri­kaner besteht aui seinem Verlangen, und schließlich verliert De­lagrange die Geduld und erfüllt den Wunsch Der Motor knattert beginnt zu surren, die Maschine bewegt sich, laust über die Wiese babiit, steigt empor und fällt sofort ivieder herab. Man zieht den übel zerschmidenen Amerikaner von seinem Sitze, aber er beklagt sich nicht. Im Gegenteil, er scheint anss höchste befriedigt, und wahrend er die recht schlimm äiigertcbtete Flugmaschine betrachtet, meint er mit philosophischer Nachdenklichkeit:Alan wird sie reva- rterett müssen. Tann fliege ich wieder. . ." (?)

kf. Ein Baurekorh. In 104 Arbeitstagen sollen Sie ein Versammlungsgebäude für die Stadt Philadelphia errichten. Können Sie den Bau rechtzeitig vollenden, sind Ihnen 500 000 Mark sicher. . Wenn nicht, zahlen Sie eine Konventionalstrafe. Sind -sie mit den Bedingungen -einverstanden, so machen Sie sich ans Werk." So lautete der Auftrag, den der Bürgermeister von Pittsbnrg, der bekannte Deutschamerikaner Blankenburg, dem Baumeister Mark P. Wells am 15. Februar erteilte. Tas Werk war kein geringes; hieß es doch in so unglaublich kurzer Zeit ein Bauwerk zu schaffen, das außer einer Bühne für 6000 Sänger Platz für 20 000 Zuschauer haben sollte. Trotz großer Hindernisse löste ver Baumeister seine Aufgabe glänzend. Und zwar gebrauchte er nicht 104 Tage, sondern nur 69 Tage; von diesen 69 Arbeits­tagen verregneten noch .24. Ein derartiges Werk konnte nur geschaffen werden, wenn jeder Arbeiter seine ganze Kraft cinsetzte, und die großen Arbeitervereinigungen haben den Bau eifrig ge­fördert. Am 16. Juni wurde das Bauwerk dem Bürgermeister Blankenburg übergeben.

Büchertisch.

~ Nene Pandora-Bücher sind im Verlag von Georg Müller und Eugen Reut sch in München -erschienen: Deutsche Romantiker in Darstellungen von Zeitgenossen, herausgegeben von G. v. Rüdiger. Tie mit feinen Strichen gezeichneten Miniaturbilder umspannen die ganze Romantik von den Brüdern Schlegel bis zu E. T. A. Hoffmann. Tie Atmosphäre, wie sie diese geistig und kulturell so regsame Zeit gestaltet hat, gibt das Buch- treffend wieder. In der Deutschen Dra­maturgie von Lessing bis Hebbel läßt Rob. Petsch nicht nur die großen Dramatiker, vor allem Schiller, Grillparzer, Hebbel, Wagner und Otto Ludwig ausführlich über ihre Kunst sich äußern, sondern läßt auch den Entwicklungsgang der Lehre vom Drama überhaupt in der zeitgenössischen Philosophie und Kritik überblicken. Tie Texte sind genau nach den besten Quellen wiedergegeben. So wird der Band nicht nur jedem Th-eater- freunde, sondern auch dem- Fachmann sich nützlich erweisen. In der Germanischen Renaissance, Charakteristiken und Kritiken, reiht Jos. Köimter die wichtigsten AenßerMig-cii Goethes, Schillers, Herders, Fr. Schlegels, Heinrich Heines, Friedrich Heb­bels, Richard Wagners und anderer führender Geister über die T-enkmale der germanischen Poesie (von den Gesängen Ossians und der 'Edda bis zu Walter von der Vogelweide und Hans Sachs) zu einem übersichtlichen und -eindringlichen Ganzen zu­sammen.. Wenn die 'Wissenschaft auch wesentlich weiter gekommen ist, so ging doch inzwischen das machtvolle innere Verhältnis zur germanischen Welt, das damals herrschte, fast verloren. Körners Sammlung will dieses Gefühl an der Wärme cinftiger Begeiste­rung wieder zum Leben rufen. Das poetische Berlin, Neu- Berlin, schildert Heinrich S Piero. Jüngste Vergangenheit und Gegenwart des literarischen Lebens erfahren in diesem- neuen Pandoraabende eine interessante Darstellung. Der Autor gibt in diesem- Bande ein Kulturbild, dem nicht nur literar schc Be­deutung, sondern auch der Reiz- aktuellen Wertes zukommt. Jedes Pandorabuch kostet in Pappband 2,50 Mk., in Seinen 3,50 Mk.

Von Vel -agen & Kla-tngs Volksbüchern tu wieder eine neue Reihe erschienen. Zu den mannigfachen Ehnmaen die Werb rt Hauptmann zu feinem 50. meburtsiaq erfährt, geteilt sich bas Blicb- leiu, bas Tr. Heinrich Svie-o für Velhageu & «lafing« Volksbücher verlaßt hat. Lier haben wir zum erstenmal ein Buch, bas tue Kenntnis vom Leben und Schaffen des Dichters derWebei" m die wett-sien Kreise des Volkes tragen wird. Wie alle Bände er Sammlung ist auch dieses reich, zum Teil farbig illustiie-t und kouet nur 60 Pfennige. 9!eben ihm stehen unter den Neuersch n- ungen der Reihe eine Würdigung der Neuen beuti-i en Lyrik »on Frida Schanz, sowie die eingehende Lebensbeschreibung A-.omns von Gustav Thormälius. Dem geschichtlichen Fiiteresse dien, te Schilderung des Tanrogqener Helden Pora t on Walier von Bremen, während Overleutnant Paul Neumann dem Leser e-ne» leicht ver­ständlichen Ueberbltcf über unsere Flugzeuge gewährt.

--Rätsel.

_______________ I» die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben abceeeeehhmnnooprss

------------ - s n u u derart emzutragtm, daß sich Wörter von folgender Bedetttttug ergeben :

.. 1. Griechische Göttin,

2. Litera turbezeichitung,

-- 3. edle Ttcr,

_______ 4. Grte he Göttin,

! 5. Bindewort,

6 eine Zahl,

Tie beiden äußeren Längsseiten die erste von oben nach unten, die zweite von unten nach oben gelesen ergeben einen Schriftsteller der w-eaenwart.

.Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung be i Nummer-

U e b e r l a n d f l» g.

Kebnfti01t' Norath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersttäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießet