Ausgabe 
7.11.1912
 
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dM Flur.

(Fortsetzung folgt.)

und wieder ins Gefängnis zurückgeführt wurde, daß ich! noch eine Unterredung mit Herrn Barton hatte, auch Mor­timer noch mal bei mir war und mir versprach, während meiner Abwesenheit für Marcella sorgen zu wollen, und Laß ich dann in den grünen Wagen befördert und wie der gemeinste Verbrecher nach dem Wandsworther Unter­suchungsgefängnis transportiert wurde.

20. Kapitel.

So hätte es die Ironie des Schicksals dahin gebracht, daß ich meine Brautnacht in einer Gefängniszelle verleben mußte. Das Brautgemach war ein enger Raum mit kahlen, grauen Wänden, hoch oben befand sich ein kleines, vergitter­tes Fenster, als Brautbett diente mir eine schmale, hölzerne Pritsche, die Einsamkeit war meine Genossin.

Unendlich langsam strichen die Stunden dahin, ange­zeigt von der heiseren Stimme der Gefängnisuhr. Kein Schlaf kam in meine weitgeöffneten Augen, alt die mannig­faltigen Ereignisse der letzten paar Wochen zogen an ihnen Vorüber.

Vor einem Monat war ich noch ein glücklicher, zu­friedener Mann gewesen, geachtet von Freunden und Be­kannten, und kein Mensch, am wenigsten. ich selbst, hätte einen solchen Wechsel meines Geschickes im entfern'Uten geahnt. Und war der Grund all dieses Unheils? Es ließ sich nicht leugnen das Auftauchen Marcellas auf meiner Lebensbahn.

Und doch, trotz allen Ungemachs, hätte ich um alles in der Welt es nicht anders gewünscht. Dazu war meine Liebe zu groß; und in dem Bewußtsein, daß auch sie mich wiederliebte, und daß ich unschuldig litt, kam allmählich eine wohltuende Ruhe über mich, ich schlummerte sanft ein. Der Gott des Traumes zauberte mir die Braut in meine Arme und verbannte alles Unglück in das Reich der Ver­gessenheit.

Freilich war mein Glück nur von kurzer Dauer. Plötz­lich drangen gellende Laute an mein Ohr. Ich sprang rasch auf. Es war noch dunkel, aber im Gefängnis bereits reges Leben. Durch die Korridore hallten Tritte und das Klirren von Schlüsseln. Meine Tür wurde weit aufgerissen, und ein Wärter rief mir zu:

Machen Sie Ihr Bett! Dann, wird der Fußboden anf- gewischt und das Geschirr gereinigt. Putzzeug und Schrub­ber sind dort in der Ecke. Wasser gibt's hier auf

Gerücht habe entnehmen können, gibt sie an, Ihre Tante habe Sie dabei ertappt, wie Sie sich an dem Arzneifläschq chen zu schaffen gemacht hätten, und sie selbst habe gesehen, wie Sie in eins davon verstohlen etwas eingegossen hätten. Die Annahme geht nun, glaub ich, dahin, daß Ihre Tante kurz nachl Ihrem Weggehen aus dem Bett aufgestandeu ser und eine Dosis aus diesem Fläschchen genommen habe. Kurz und gut, als Pennyfcather hinzukam, lag sie im Sterben allem Anschein nach an Aconit-Vergiftung. Er seckst oder die Hephzibah haben da^in eine Taschenapotheke gefunden, die ein Gläschen mit der EtiketteAconit" enthielt, das aber leer war. Dieses Glas trug Ihren Namen und Adresse. Wissen Sie davon irgend was?

Ich bekam einen ungeheuren Schrecken, kälte Schauer rieselten mir durch die Glieder. Ich erfaßte sofort die furchtbare Situation, in der ich mich befand. Es fiel mir gleich wieder ein, daß ich bei meiner Rückkehr meinen Kasten vermißt hatte. Ich erinnerte mich der Tatsache, daß ich Gregory das Aconitfläschchen hatte füllen lassen. Herr Bartvn merkte meine Verwirrung und wiederholte seine Frage.

Jawohl, sagte ich, ich hatte meine Hausapotheke bei mir. Jch> nehme sie stets mit, wenn ich glaube, sie irgend­wie gebrauchen zu können. Aus der Botschaft schloß ich, daß es l)Ter wohl der Fall fein könnte. Das Gläschen enthielt eine Unze Aconit. Das ist richtig, aber ich weiß durchaus nicht, wie das Fläschchen geleert worden ist. Ich habe das Kästchen gar nicht aufgemacht. Zu Hause merkte ich erst, daß es fehlte. Ueberhaupt habe ich's auf keinen Fall mit ins Krankenzimmer genommen. Es steckte in meiner Ueber- ziehertasche, und ich habe den Mantel gar nicht mit oben gehabt; es kann mir also nur 'rausgenommen worden sein oder eben fällt mir was ein als ich unten im Emp­fangszimmer wartete, hörte ich ein Geräusch, als ob etwas auf den Fußboden fiel, es ist aus dem Ueberzieher 'raus­gefallen, als ich ihn über eine Stuhllehne gelegt hatte, anders kann ich mir's nicht erklären.

Bei alledemne fatale Geschichte, sagte Herr Barton nachdenklich; sie wird uns sicher große Schwierigkeiten machen. Indessen, ich bin von Ihrer Unschuld überzeugt und werde alles aufbieten, Sie frei zu bekommen. Nebenbei bemerkt, Sie wollten sich gerade trauen lassen, heute mittag, nicht wahr?

Von der Kirchentreppe weg bin ich verhaftet worden, versetzte ich in einem Ton, der wohl etwas wehmütig ge- Nungen haben mag, denn er fügte sofort tröstend hinzu:

Bester Mann! Das ist ja fürchterlich! Ich versichere Sie meines tiefsten Mitgefühls, mein Lieber. Wie hoch müßte diese Hephzibah baumeln, wenn sie Na, lassen Sie's gut sein, ich hab meine Ideen. Beiläufig will ich Ihnen auch noch sagen, daß das zweite Testament nicht unterzeichnet ist, aber Hephzibah glaubte es. Verzweifeln Sie nicht, ich nehme ein großes Interesse an dem Falle, ein sehr großes, und werde mein Möglichstes tun. Ah! Sie werden gerufen. Ich werde vor Ihnen in den Sitzungs­saal gehen. Es handelt fid) heute nur um die Erfüllung einer Formalität. Leider glaube ich nicht, daß Sie aus freien Fuß gesetzt werden; aber ich werde Sie vor Ihrer Ueberführung nach Wandsworth noch mal aufsuchen. Kom­men Sie, Herr Mortimer!

Ehe ich diese letzte traurige Eröffnung noch ganz be­griffen hatte, wurde ich bereits wieder abgeführt. Es ging durch alle möglichen dunklen Gänge über einen ge­pflasterten Hof in ein kleines, dumpfes Wartezimmer, wo ich auf einer Holzbank Platz nehinen durfte und über Herrn Bartons Schlußworte weiter nachdenken konnte. Nach einiger Zeit wurde die Tür aufgemacht, ein Polizist nickte mir zu, und im nächsten Moment stand ich au meinem Hochzeitstage als Gefangener vor dem Richtertisch, des abscheulichsten Verbrechens angeklagt, das xs überhaupt gibt.

Das Gefühl der Entwürdigung des niedergetre­tenen Männer stolzes das schmerzende Bewußtsein, daß meine Feinde über mich triumphierten, die deprimierende Reaktion aus meine übergroße Freude am Morgen, der Gedanke an die bekümmerte Geliebte, die jetzt meine Gattin sein konnte, verwirrten meine Sinne dermaßen, daß ich von der ganzen Verhandlung nur eine ganz undeutliche Er­innerung noch habe. Sie war mir wie ein schrecklicher Traum, den ich gern vergessen habe. Ich weiß nur noch, daß ich nach Erledigung einiger Formalitäten entlassen

Musikalische volksbibliocheken.

Ein Kapitel über Luftschlösserbau von Ern st Challier sen. - Gießen.

Es gibt gewisse Themata, an die man nicht gerne rührh um die jeder vorsichtig herumgeht, der den Griff in ein Wespen­nest scheut. Zu diesen Themata gehören zweifellos die musi­kalischen Volksbibliotheken. Berufen, dieser Angelegenheit näher- zutreten, wären lvohl eigentlich die offiziellen Organe des deutschen Musikalienhandels, sie haben ja über deren Existenz herichteh auch wohl zwischen den Zeilen ihr Unbehagen darüber geäußert, aber so recht zugegriffen hat keines von ihnen. Es mag sein, daß der Standpünkr des Totschweigens der einzig richtige, und daran zu rütteln undiplomatisch ist. Da ich aber nicht einmal weiß, ob meine Voraussetzung eines absichtlicher Totschweigens zu­treffend ist, so will ,ich vom Standpunkt eines alten Musik- sortimenters der Sache nähertreten. Selbstverständlich kann das Für und Wider nur rein subjektiv ausfallen, trotzdem ich kein persönliches oder geschäftliches Interesse an der Frage habe und die ganze Angelegenheit, wie ich am Kopfe meines Artikels bereits aussührte, für einLuftschloß" halte. ,

Die Männer und Frauen, die nach dem Vorbilde der Volks- bibliotheken diesen Gedanken auf die Musik übertrugen, sind hochachtbare Leute, die fest und ehrlich überzeugt sind, etwas Gutes schaffen zu wollen; kein einziger von ihnen sucht oder! hat dabei persönliche Vorteile. Die Beweggründe sind Men­schenliebe, der Wunsch, durch gutes Beispiel erzieherisch auf Die großen musikalisch verwilderten Massen einzuwirken. Aber tue Herrschaften haben sich bei dem Streben nach ^dealen m den Himmel verloren, den ja Zeus, nach Schiller,^ unfern Künst­lern stets offenhält, und dadurch ihren Blrck für die praktrschä Welt, die rauhe Wirklichkeit getrübt. Auf der einen Sete sehen sie den geldgierigen Musikalienhändler, der nut musckalckcher Schundliteratur den Geschmack verderbend das Volk ausbeutet^ auf der anderen Seite dasselbe Volk nach guter Musik lechzend^ die ihm derselbe Bösewicht vorenthält. Werner Erfahrung nach würde Diogenes, selbst wenn seine Laterne mrt enter Glühbirne