Ausgabe 
7.10.1912
 
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Abenteuer des Brigadier Gerard.

Kon C. D o Yle.

(Fortsetzung.)

Die Leute warfen einander fragende Blicke zu und slüstcrten. Meine Rede hatte, meiner Meinung nach, ihre Wirkung getan, denn kein einziger wagte es, meinem Herrn entgegen zu fern. Die Augen der Königin blitzten erwartungsvoll; endlich brach ihre klare Stimme das Schweigen.Muß denn em Weib diesem Franzosen seine Antwort geben? Ist denn unter Lutzows Yagern keiner, der seine Zunge so gut wie sein Schwert zu gebrauchen ver- fte6t2aut polternd fiel ein Tisch über den Kaufen, und ein Jüngling sprang auf einen Stuhl ein blasser, kühner vung- ling mit feurigen Augen und wirrem Haar. Der Sabel hing ihm lang an der Seite herab, und seine Reitstiefel waren mit Kot bespritzt, aber eine Glut der Begeisterung (lammte aus seinen Zügen, ein Feuer, wie ich es noch nie geschaut

's ist der Körner, der Körner! lief s von Munde zu Munde,der junge Körner, der Dichter! Ah, seht, er will singen, er will singen!" , ,

Ja, er sang. Mit süßer, träumerpchcr Stimme hob er an. Er erzählte vom alten Vaterlands der Mutter aller Volker, mit seinen blühenden, sonnigen Triften, reichen L-tadten, dem Ruhme alter Helden. Bald jedoch veränderten sich diese schmei­chelnden Töne, wie lauter Trompetenstoß schallte es durch, den weiten Raum. Denn nun sang er von dem Deittschlanch wie es beute war vom Feinde überfallen, in Schmach und Schande! Aber es sollte nicht so bleiben, der Riese wachte auf, er sprengte die Fesseln. War das Leben so kostbar, daß man s dem Vater­lande nicht weihen sollte? Warum den Tod auf dem Felde der Ehre scheuen? Die Mutter, die große Mutter rief zu 'hrenKindern um Hilfe! Vernehmt ihr ihr Seufzen nicht tm Nachtwinde? Werdet ihr kommen? Werdet ihr kommen?

Ah, das schreckliche Lied, das durchgeistigte Gesicht und die klare, metallische Stimme! Wo blieben da ich, Frankreich und der Kaiser? Die Männer stiegen auf Stuhle,und ,Tische, sie brüllten Beifall und gebärdeten sich wie toll, ia, sie schluchzten, und Tränen rannen über ihre Wangen. Körner war wieder voin Stuhle herabgesprungen und von seinen Kameraden mit gezogenem Säbel jubelnd begrüßt worden. Der Fürst hatte sich erhoben, und eine leichte Röte bedeckte seine Wangen, als er tagte:

Oberst Gerard, Sie haben soeben die Antwort vernommen; überbringen Sie sie Ihrem Kaiser. Meine Kinder, der Würfel ist gefallen, euer Fürst wird zu euch stehen! ,

Er verbeugte sich, zum Zeichen, daß die Veyammlung ge­schlossen sei, und die Leute entfernten sich, um die Nachricht trt der Stadt zu verkünden. Ich hatte getan, was ttt meiner Macht gestanden, und ließ mich nun nicht ungern von dem Strom mit hinwegführen. Was hatte ich tm Schloße zu suchen! ^ch hatte meine Antwort erhalten und mußte sie nun^meinem Herrn überbringen. Nur schnell hinweg don dieser Statte! Vor der Türe trennte ich mich von der Menge und gmg, mein -Ptero

war ganz dunkel bei den Ställen drüben, und ich spähte eben nach einem Stallburschen aus, alsr meine beiden ürme von hinten her gepackt wurden. Zu gleicher Zeit legten sich mir Hande um Handgelenke ünd Hals, und ich fühlte die kalte Mundung Pistole an meinem Ohr. . . . «ni-,

Den Mund gehalten!" raunte eine grimmige Stimme. »38« haben ihn, Herr Hauptmann!"

Auch den Zügel?"

Jawohl!" , . ....

Werfen Sie ihn über seinen Kopf!"

Während der peinlichen Pause, die nach; der Ankunft; der Pakete folgte, hatte sie uns der Reihe nach ängstlich angesehen. , .... n

Nun, sagte sie endlich, wollen Sie nur verzeihen?

Diesmal schon, antwortete ich, mit erzwungenem Lächeln, denn meine Erregung hatte sich immer noch nicht gelegt; aber Sie müssen mir das Versprechen geben, es nie wieder zu tun, solange Sie unter meinem Schutze stehen.

O, von Herzen gern will ich Ihnen das versprechen. Es tut mir so so unsagbar leid, daß ich Sie beide be­trübt habe! Wollen Sie mir nicht einen Bersöhnungskuß geben, Fräulein Helen?

Darum ließ sich meine impulsive Schwester nicht zwei­mal bitten, und damit wurde der sonderbare Zwischenfall als abgetan betrachtet. Mortimer und ich überlegten uns Väter die Sache iioch hin und her, kamen ihrer Erklärung ledoch keinen Schritt näher; sie blieb uns nach wie vor ein Rätsel. Und ich muß sogar bemerken, daß sie mich in jener Nacht sogar in meinen Träumen noch in un­angenehmer Weise belästigte.

(Fortsetzung folgt.)

Gregory würde rot bis über die Ohren.

Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, antwortete er zögernd, es kam mir mal so vor, aboö ich dre Haustür gehen hörte, und ich! ging auch! gleich rn den Hausflur um nachzusehen, ob jemand relngekommen wäre, jm aber fein Mensch zu sehen und zu hören war, dachte ich natürlich, es sei nur 'ne Täuschung gewiesen.

Eine entsetzliche Täuschung für mich allerdings, ver­setzte ich, fast außer mir vor Wut, wenn ich bedenke, daß ihr sie euch trotz meiner ausdrücklichen Weisungen vor der Nase habt wcgschleppen lassen! Es ist einfach unverant­wortlich. Dafür gibt es gar ferne Entschuldigung!

Men warf in ihrer Bedrängnis Mortimer einen Bitten- hen Blick zu, und er übernahm auch sofort die Verteidigung.

Meiner Meinung nach, sagte er, ist Helen nicht der geringste Vorwurf zu machen. Sie mußte doch; ihre yaus- fichen Obliegenheiten besorgen, und daß Marcella ver­schwunden sein sollte, ohne irgend welchen Lärm zu schlagen, ist einfach undenkbar. Dann muß sie freiwillig und ohne allen Zwang mitgegangen sein. Ich begreif s gar nicht, will's auch nicht zu erklären versuchen, aber es gibt eben keine andere Möglichkeit.

Ich wollte ihm gerade energisch , entgegnen, als es klingelte. Wir sahen einander an, bis Helen auf Iinen Blick Mortimers hin nach der Haustüre ging.

Im nächsten Moment kam Marcella auf uns zu­gestürzt. Sie war hochgradig erregt, blutrot tnt Gesicht und 'machte große Augen, als sie unsere ernsten Ge- sichler W(n @ott! Wie bös Sie alle ansschauen! xief sie erschreckt. Hab ich denn so was Schlimmes getan? Ich fürchte es fast. Ei, Helen, wie sonderbar Sie mich be­handeln - und Sie auch, Herr Doktor.! Was ist beim? Sprechen Sie doch! -

Wir waren jedoch allesamt sprachlos vor Staunen; dann, als ich wieder Worte fand, sagte ich zu ihr:

Wir haben uns nur wegen Ihrer Abwesenheit be­unruhigt. Wo sind Sie denn gewesen?

Ei, ich hab nurn paar Sachen eiugekauft, weiter nichts. Meine Garderobe ist etwas knapp, wie Sie wissen, und da ich nicht immer die Gutmütigkeit Ihrer Schwester in 'Anspruch nehmen wollte, so dachte ich, ich wollte, wah­rend sie in der Küche beschäftigt war, das halbe Stündchen benutzen und ein paar Einkäufe besorgen, ^ch glaubte nicht, daß mir am hellen Tage was Schlimmes passieren könnte. Es ist jetzt ja ganz belebt draußen, Zind ich fand, daß die Läden gar nicht weit waren. Wie Sie sehen, bin ich wieder hier, gesund und wohl. Es ist mir nichts zu- gestoßen, sicher nicht. Wenn Sie mir aber deswegen böse find, will ich Ihnen versprechen, es nie, nie wieder zu tun.

Die Sache schien mir immer merkwürdiger.

Sind Sie denn zu Fuß gegangen? fragte ich.

Gewiß! Ich erkundigte mich und fand den Weg ganz laicht.

Und auch wieder zu Fuß zurück?

Ei, natürlich es ist ja gar Nicht weit.

Sie haben also gar keinen Wagen benutzt?

Einen Wagen? Gott bewahre! Warum sollte ich? Ich sah Mortimer verwundert an und er mich wieder. Nun, fragte ich sie weiter, wo haben Sie denn Ihre Pakete?

' " O, antwortete sie, die werden gleich kommen; und wie zur sofortigen Bekräftigung ihrer Worte klingelte es auch schon, sieh da, es waren die Pakete, ganz wie sie gesagt hatte.

Nun, wie konnte sie in einem Wagen nach Kew Brwge zu gefahren und- gleichzeitig in einem Modewarengeschäft in der Georgstraße gewesen sein? Dieses physikalische Pro­tein galt es zu lösen. Mortimer stand diesem Rätsel ebenso hilflos gegenüber wie ich selbst; und doch erschien es unglaublich, daß wir uns beide geirrt haben, beide das Opfer einer optischen Täuschung geworden sein sollten.

Für einen Moment kamen mir die Worte meiner Tante Maria in den Sinn. Wir wußten nichts von Marcellas Vergangenheit, das war wohl wahr. Und ebenso wahr war es, daß es auch; unter dem weiblichen Geschlecht große Betrügerinnen gibt und das Aussehen bekanntlich täuscht. Doch ein Blick in ihr ehrliches Gesicht genügte, um jeden Verdacht zu verscheuchen. Mein Freund Mortimer und ich mußten uns doch geirrt haben.