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Der kalte Riemen legte sich um meinen Hals'. In diesen Momente trat ein Stallbursche mit einer großen Laterne heraus. Hm sich das Ding mitanzusehen, und nun gewahrte ich rings Itm mich die ernsten Gesichter der wilden Jäger in ihren schwarzen Mützen und Mänteln.
„Was haben Sie mit ihm vor, Herr .Hauptmann?" fragte eine Stimme.
„Am Tor aufhängen !"
„Einen Gesandten?"
„Einen Gesandten ohne Beglaubigung!"
„Aber der König?"
„Aber, mein Freund, sehen Sie denn nicht, daß der König daduckch gezwungen wird, auf unsere Seite zu treten? Wie die Dinge jetzt stehen, kann er morgen schon seinen Sinn wieder ändern — aber eine Gewalttat an einem Husarenoffizier verzeiht ihm der Kaiser nie!"
„Nein, nein, von Strelitz, es geht nicht!" bemerkte eine andere Stimme.
„Geht nicht? So will ich's Ihnen zeigen!"
Ein heftiger Ruck am Zügel warf mich fast zu Boden. Zu gleicher Zeit sauste ein Säbel durch die Lust, und der Riemen wurde, keine zwei Zoll von meinem Halse entfernt, durchschnitten.
„Zum Teufel, Körner, was tun Sie da! Das nenne ich einen offenen Aufruhr! Wollen Sie vielleicht selbst gehängt werden?"
„Mein Schwert steht im Dienste eines Soldaten und nicht eines Briganten! Blut darf seine Schneide sehen, niemals aber Unehre! Soldaten, könnt ihr dabeistehen, wenn dieser Mann mißhandelt wird?"
Ein Dutzend Säbel flogen aus der Scheide und lehrten mich, daß meine Freunde und meine Gegner an Zahl einander ungefähr gleichstanden. Die zornigen Stimmen und das Blitzen der Waffen hatte eine Schar Zuschauer angelockt.
„Die Königin! Die Königin!" rief es da plötzlich von Munde zu Munde.
Da stand hie auch schon vor uns, und es war, als oh ihr liebliches Antlitz das nächtliche Dunkel erhellte. Und wenn ich auch alle Ursache hatte, sie, die mich betört und betrogen, zu hassen, so durchrieselte mich doch damals — ja, und auch heute noch — ein Gefühl von Wonne bei dem Gedanken, daß ich sie in meinen Armen gehalten, daß ich den Duft ihres Haares geatmet hatte! Ich weiß nicht, ob die deutsche Erde sie schon deckt, oder ob sie, eine greife Frau, in ihrem Schlosse zu Hof noch lebt, aber in dem Herzen und in der Erinnerung von Etienne Gerard wird sie für immer fortleben — ewig jung und liebreizend.
„Welche Schmach!" rief sie, indem sie auf mich zueilte, um mit ihren eigenen Händen die Schlinge von meinem Halse zu lösen. „Ihr wollt für unsere gerechte Sache streiten und macht den Anfang dazu mit solchem Teufelswerke? Dieser Mann ein meinem Schutze, und wer ein Haar seines Hauptes tmt, der soll mich kennen lernen!"
Meiner Treu, wie sie da eilten aus dem Bereich dieser zornigen Augen in die Dunkelheit zu entrinnen! Sie aber wendete sich mir zu. „Sie mögen mir folgen, Oberst Gerard, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden!"
Ich schritt hinter ihr her nach den: Zimmer, in das ich zuerst gewiesen worden war. Sie schloß die Türe und heftet« die Augen mit einem kleinen Anflug von Mutwillen auf mich.
„Meinen Sie nicht, daß es ein Zeichen meines Vertraneits in Sie ist, wenn ich freiwillig mit Ihnen hier allein bleibe? Bedenken Sie, ich bin die Königin von Sachsen, und nicht die arme Gräfin Palotta von Polen!"
„Der Name tut nichts zur Sache. Ich habe einer Dame beigestanden, die ich in Not wähnte, und bin zum Dank dafür meiner Papiere und beinahe auch meiner Ehre beraubt worden."
„Oberst Gerard, wir beide haben ein Spielchen gemacht. Sie haben eine Botschaft überbracht, wozu Sie keine Befugnis hatten und haben dadurch bewiesen, daß Sie an nichts Anstoß nehmen, wenn es die Wohlfahrt Ihres Landes gilt. Ihr Herz schlägt für Frankreich, das meinige für Deutschland. Glauben Sie mir, ich würde alles daran setzen, ja, ich wage Diebstahl und Betrug, wenn ich dadurch meinem armen Vaterlande nützen kann. Sie sehen, ich bin offen."
„Das alles ist mir nichts Neues."
„Gewiß! Aber nun ist doch das Spiel zu Ende; waruftl sollten wir im Unfrieden scheiden? Seien Sie versichert, wenn ich mich je wirklich in solcher Bedrängnis finden sollte, wie ich sie heute in jenem Wirtshause erheuchelt, so möchte ich mir keinen ritterlicheren Beschützer, keinen treueren Helfer wünschen, als den Oberst Etienne Gerard! Glauben Sie mir, es ist mir nicht leicht geworden, Ihnen jene Papiere zu entwenden!"
„Und doch taten Sie es!"
„Ich mußte. Kannte ich doch ihren Inhalt und war mir bewußt, welche Wirkung er auf den König ausüben würde. Wären sie in seine Hände gelangt, dann wäre alles verloren gewesen!"
„Warum greifen Euere königliche Höheit zu solchen Hilfsmitteln, wo ein Dutzend Briganten, von der Sorte, die mich vorhin an Ihrem Tor aufhängen wollten, die Sache ebensogut verrichtet hätten?"
-„Das sind keine Briganten, es sind die wackersten Männer Deutschlands!" erwiderte sie leidenschaftlich. „Wenn Sie etwas rauh angefaßt worden sind, so vergessen Sie auch nicht, was jeder Deutsche, von der Königin von Preußen herunter, durch Euch leiden mußte! Weshalb ich 'Ihnen nicht auf der Landstraße auflauern ließ? O, meine Jäger standen allerorten, und ich selbst harrte in Lobenstein des Berichtes über ihren Erfolg, Als statt des letzteren Sie selbst erschienen, da war ich in Verzweiflung, denn nun stand nur noch ein schwaches Weib zwischen Ihnen und meinem Gatten. . Begreifen Sie, in welcher Verlegenheit ich mich befand, bevor ich mich entschloß, zu den Waffen meines Geschlechtes zu greifen?"
„Ich muß mich für besiegt erklären, Hoheit; was bleibt mir anderes übrig, als Ihnen das Feld zu räumen?"
„Nehmen Sie Ihre Papiere mit sich!" — sie überreichte sie mir. — „Der König hat nun den Rubikon überschritten. Legen Sie sie in des Kaisers Hände zurück und sagen Sie ihm/ daß wir es abgelehnt haben, sie entgegenzunehmen. Auf diese Weise kann Ihnen niemand nachsagen. Sie hätten die Briefschaften verloren. Leben Sie wohl, Oberst Gerard; mein innigster Wunsch ist, ihr werdet Frankreichs Boden nicht wieder verlassen/ nachdem ihr ihn einmal betreten habt, denn nach Jahresfrist 'wird für einen Franzosen fein Raum mehr auf dieser Seite des Rheines sein."
Das war das Spiel zwischen mir und der Königin von Sachsen !»m ganz Deutschland. Ich hatte es verloren. Das Abenteuer gab mir viel zu denken, als ich midjl mit meiner armen Violetta nach dem Westen wendete. Aber immer stand vor meinem Auge die stolze, schöne Gestalt jener deutschen Frau, immer klang mir die Stimme jenes Dichters und Soldaten im Ohr. Und da wurde mir klar, daß es etwas schreckliches fei, um dieses starke, duldende Deutschland, der Mutter vieler Nationen, und ich fühlte, daß ein so altes, heißgeliebtes Land nie besiegt werden konnte. Und als ich so dahinritt, da brach der Morgen an, und der helle Stern, auf den ich durch das Fenster des Schlosses gedeutet--er stand bleich und trübe am westlichen
Himmel!
(Fortsetzung folgt.)
In den Nüssen.
Skizze von Alwin Römer (Dresden).
Durch den bunten Herbstwald jubelte eine glockenhelle Mädchenstimme. Jedes kunstverständige Ohr hätte sofort die Schule eines tüchtigen Gesangsmeisters herausgehört, der einem besonders edlen ©timmaterial durch besonnene Pflege und Arbeit zu höchstem Glanze verholsen hatte.
Wie ein Zauber legte es sich über die Abenddämmerung, den zu stören auch nur eine so barbarische Amtsseele imstande war/ wie der Herr Forstadjunkt Wenzel Nostitz sie int Busen trug, Ein Blitz der Befriedigung zuckte über sein Waldschratt- Gesicht, als er Umschau gehalten und dabei festgestellt hatte, daß die verräterische Stimme mitten aus den mächtigen Haselnußbüschen aufklang, in denen die Früchte dieses Jahr so reichlich gediehen waren, wie sonst nie. Vorsichtig pirschte er sich heran und lugte durch das Gezweig im Unterholz zu der Sängerin hinüber. Und richtig, es war, wie er es sich gedacht hatte: sie saß in den Haselnüssen und hamsterte.
Einen mächtigen Strohhut hatte sie sich über die geschleiften Bindebänder fort als Sammelkorn an den Arm gehenkelt, der schon ziemlich gefüllt sein mußte, so schwer und die Fasson ändernd, hing er herunter.
„Was gleicht wohl auf Erden
Dem Iä— ä— ger-Ver— gnü—ü—ü—ti— gen . . ." klang es von ihren jungen, roten .Lippen in die Waldstille hinaus« Da sagte plötzlich eine tiefe, krächzende Stimme hinter ihr:
„Zeigen Sie doch mal Ihren Erlaubnisschein zum Ntisse- pflückeu, Sie dreiste Amsel!"
Sie wandte sich um und brach ihren Gesang ab.
„Hab' ich nicht, alter grämlicher Waldkauz!" gab sie dann humoristisch zurück.
„Ich bin der Forstadjunkt Nostitz!" knurrte beleidigt der Alte, der keinen Sinn für Humor sein eigen nannte.
„Und ich bin keine dreiste Amsel!" replizierte sie schlagfertig«
„Das Nüssepflücken im gräflichen Revier ist aber nur gegen einen Erlaubnisschein gestattet. Und wenn Sie den nicht haben —"
„So werden Sie mir einen besorgen. Punktum. Kostet so'n Wisch was?"
Nostitz fühlte, wie ihm die Galle ins Blut stieg.
„Der Schein kostet zwei Mark!" betonte er grollend. „Und besorgen müssen Sie sich ihn selbst. Auf der Oberförsterei nämlich!"
„Aha! Na ein andermal, Herr Forstadjunkt. Für heute ist mir's schon ein bißchen zu spät!" bemerkte sie harmlos.
Aber Nostitz lächelte überlegen.
„Zur Oberförstcrei müssen Sie so wie so jetzt!" kündigte ex ihr au.
„Ja, weshalb denn?"
„Strafe zahlen!"
„Wofür.?"


