Die Dame im Pelz.
.Roman von G. W. App le ton.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Anfangs plünderten wir eine Zeitlang, er von Helen und ich von Marcella; aber es dauerte nicht lange, so bildete doch wieder die.Angelegenheit das Gesprächsthema, die uns nun einmal am meisten am Herzen lag.
Nun, Mortimer, begann ich, vergegenwärtigen wir uns mal die ganze Situation. Wie steht die Sache jetzt eigent- lich? Wir Habben zwar heute ganz gut abgeschnitten, iber —
Ganz recht, meinte er hier, es bleibt immer noch jein „Aber". Laß mich mal einen Augenblick überlegen. Er tat einige kräftige Züge aus der Zigarre, dann nahm er die Unterhaltung wieder auf. Das ist's gerade, fuhr er fort. Ich will nicht etwa -deinen kleinen Triumph Dort heute nachmittag irgendwie herabsetzen. An und für sich war er ja wunderbar, aber du darfst dir nicht -etwa ein-! bilden, daß wir damit den Feind vernichtet haben — das haben wir keineswegs. Das heutige Abenteuer war bloß ein Vorpostengeplänkel. Die Methoden dieses von Gißen hatten o viel Ungeschicktes und Ungewandtes an sich, daß ich ihn ür ein neues Mitglied der Bande halte, das man wegen eines imponierenden Aeußer-en Und seines angeborenen icheren Auftretens vorgeschickt hat, um -die grobe Arbeit zu verrichten. Irgendwie mußte -ein Anfang gemacht werden, und wenn du nicht so energisch und Marcella nicht so hübsch gew-esen wäre und du ihren Namen vielleicht noch nicht gewußt hättest, so wäre der Trick womöglich auch gelungen. Momentan befindest du dich im Vorteil. Welche Wendung der Kampf noch nehmen wird, läßt sich nicht Voraussehen, nur sv viel steht jetzt schon fest, daß du Marcella keine Sekunde aus den Augen verlieren darfst. Ganz Richmond wird boller Spione sein und dein Haus Tag und Nacht bewacht werden. Unter keinen Umständen darf Marcella auch nur einen Schritt vor die Türe tun. Ich weiß nicht, vb du dich nicht am besten gleich mit der Polizei ins Einvernehmen setztest und den ganzen Tatbestand einfach angäbest.
Sollte es nicht ratsamer sein, zu warten, bis sie zu Mir kommt? erwiderte ich auf diese letzte Anregung; möglicherweise passiert inzwischen noch etwas.
Wie du willst, sagte er. Es macht eben nur einen besseren Eindruck, wenn man ihr zuvorkommt, als wenn man sie erst auf sich zukommen läßt — weiter nichts.
Im Laufender Unterhaltung waren wir bis ungefähr halbwegs nach Kew Green gewandert. Als wir noch eine kleine Strecke schweigend weitergingen, raste in wildem Tempo plötzlich -eine Droschke an uns vorbei. Ganz unwillkürlich blickten wir b-eide auf und gewahrten am Fenster in ihrem Pelzmantel — Marcella.
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Mr blieben steh,en wie festgebannt, starrten einander an, bestürzt und entsetzt.
Zuerst fand Mortimer die Sprache wieder.
Hast du gesehen, wer drin saß?
Ja — Marcella.
Was soll das bedeuten?
Das mag der Himmel wissen. War sie allein? fragte ich.
Nein; auf dem Rücksitz sah ich einen Mann.
Mir -drohten alle Sinne zu schwinden.
Wir müssen uns sicher irren, rief ich verzweifelt.
Ich hoffe es von ganzem H-erzen, antwortete mein Freund. Wer du hast sie doch, selbst mit eigenen Augen gesehen.
Ein Straßenbahnwagen kam in der Richtung nach Richmond.
Du fährst doch mit mir zurück? fragte ich.
Das bedarf gar keiner Frage. So rasch, wie uns der Wagen zurückbringt.
Wir sprangen auf und fünfzehn Minuten später stürzten wir atemlos in meine Wohnung. Empfangs- und Eßziminer waren leer. Ich schrie wie ettt Wahnsinniger nach Helen. Sie antwortete aus der Küche und war im nächsten Moment gleich selbst zur Stelle.
Gerechter Himmel! rief sie; was ist mit euch beiden denn los? Was in aller Welt ist denn passiert?
Wo ist Marcella? fragte ich hastig. v
Marcella? Ich weiß nicht. Vor ’ner halben Stunde war sie noch hier im Zimmer. Dann mußte ich, in die Küche, das ungeschickte Dienstmädchen -anzulernen; ich glaube allmählich, sie ist überhaupt noch nicht in Stellung gewesen. Marcella wird wohl nach oben in ihr Zimmer gegangen sein.
Wird! rief ich. Rasch! Lauf' hinauf und sieh nach!
Durch meine Erregung selbst beunruhigt, flog sie die Treppe hinauf, um ebenso schnell wieder herunterzukommen.
Nein, sagte sie, sie ist nicht oben, und Barett und Mantel sind auch weg. Um Gottes willen, was ist denn geschehen?
Ich erklärte ihr kurz und- bündig, was wir gesehen hätten, worauf das arme Mädchen, das mit einem Male nur noch ein Bild des Jammers war, mich flehend bat:
O, Ted, sei nicht böse mit mir!. So was konnte ich! nicht mal im Traum ahnen. Wie ist's nur möglich ge- weseu? Ich hab' nicht den leisesten Ton gehört. Hast du Gregory schon gefragt?
Daran hatte ich in meiner Aufregung noch nicht gedacht. Ms ich ihn rufen wollte, öffnete er bereits selbst die Tür.
Ich habe unwillkürlich einzelne Worte aus Ihrer erregten Unterhaltung gehört, sagte -er. Ist denn irgend was Schlimmes passiert?
Schlimmes? rief ich. Das schlimmste, was überhaupt passieren konnte! Ich ließ Marcella hier in Ihrer Obhut und glaubte sie woh-lgeborgeu, und nun ist sie fort. Haben Sie denn nicbts -aese-hen, nichts aebört?


