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an und Kahm eine bescheidene Wohnung in einem Gasthof dritten Ranges „Zum weißen Schwan". Er lebte hier sehr,eingezogen, wie Caroline von Wolzogen schrieb: „die Bekanntschaft mit einigen bedeutenden österreichischen Kriegern interessierte ihn Und gab ihm neue Ansichten dieses Standes, in den er seines „Wallenstein" wegen gern hineinschaute." Mit Eifer gebrauchte er die Brunnenkur. „Wenn wir es als gewiß annehmen, daß ein Schwindsüchtiger oder Brustkranker nicht drei Tage den Sprudel trinken kann," berichtet sein .Freund und Verleger Göschen, der damals auch in Karlsbad weilte und den Dichter in seinen dürftigen Verhältnissen mit Geld versorgte, an Wieland, „so ist die Erfahrung, daß Schiller 18 Becher täglich ohne den mindesten üblen Erfolg seit 18 Tagen täglich trinkt, allein hinlänglich, alle seine Freunde mit der schönsten Hoffnung zu beglücken. Das ist aber nicht alles. Er kam so schwach hierher, daß er eine kleine Anhöhe nicht ersteigen konnte. Gestern hab ich ihn schon über einen sehr beschwerlichen Berg geführt, und heute hat er ziemlich schnell gelaufen, ohne daß er darauf achtgab." Dm berühmte Dichter der Räuber und des Don Charlos erregte Aufsehen, wenn er über den Kurplatz ging: „eilt langer, hagerer Mann mit rötlichem Haare, Sommersprossen im Gesicht, angetan mit einem blauen Frack und gelben Beinkleidern, dem sogenannten Wertherkostüm, wie es damals eben Mode war." Gern ritt er auf einen: Esel spazieren, und so hat ihir der Maler Joh. Ehr. Reinhardt in einem amüsanten Bilde dargestellt, seitlich auf dem Grautier sitzend und behaglich sein Pfeifchen schmauchend, mit breitem Krempenhut und dem Beinkleisd in den hohen Stiefeln.
Sobald er sich mehr erholt hatte, unternahm er grüß er e Ausflüge in die Umgegend und schöpfte reiche Anregungen aus dent historischen Boden Böhmens für die Geschichte des dreißigjährigen Krieges und den Wallenstein-Plan, die ihn damals beschäftigten. In Eger hat er das Haus besucht, in dem Wallenstein ermordet wustde, die Hellebarde betrachtet, die ihn tötete, im alten Familienschoß der Waldsteine zu Dux das Bild des Feldherrn sich lebendig heraufbeschworen und manche Unterhaltung mit dem berühmten Abenteurer Casanova geführt, der hier nach buntbewegtem Leben ausruhte; 14 Tage lang hat er die Herrlichkeiten des hunderttürmigen Prag bewundert. Während er Nur auf der „alten Wiese" in Karlsbad mit erneutem Kraftgefühl spazieren ging und die Gestalten unsterblicher Werke Leben und Blut in seinem Geiste gewannen/ verbreitete sich durch ganz Deutschland die Hiobspost, der „Liebling der deutschen Musen", der Hofrat von Schiller, sei gestorben. Bis nach Kopenhagen drang die Kunde, wo der Dichter Baggesen die berühmte Totenfeier veranstaltete, die dann jene hochherzige Unterstützung Schillers durch den Herzog von Augustenburg und den Gmfen Schimmelmann zur Folge hatte. So waren es denn günstige Genien, die das Geschick des, Dichters, auf dieser einzigen Badereise lenkten.
8ternschnuppenglaube.
Es ist eine uralte Vorstellung der Menschheit, daß irdische Wesen nach ihrem Tode als Sterne am Himmel fortleben. Auch der Eskimo z. B. glaubt, daß die Sterne einst Menschen oder auch Tiere gewesen seien, und der Patagonier sieht in den Gestirnen alte Indianer — sowie in der Milchstraße den Pfad, auf dem sie sich mit der Slraußenjagd vergnügen. Sehr häufig findet man in Sagen und Mythen die Sternwerdung auch aufgeMßt als göttliche Belohnung für alle Taten oder Tugenden. Der Glaube, durch vorbildlichen Erdenmandel nach dem Tode die „Lichtnatur" erlangen und ein Stermvesen werden zu können, beseelte namentlich die Inder. Sie meinten, durch das Vedastuüium dieser Gnade würdig zu werden und als Sterne den nächtlichen Himmel schmücken zu dürfen „rote Perlen ein dunkles Roß". Aber auch das Sternendasein nimmt einmal ein Ende — und zwar in dem Augenblick, in dem der Lohn für die guten Taten abgelaufen ist. Zu diesem Zeitpunkt fallen die betreffenden Stermvesen vom Himmel herab und ein neues Erdendasein muß angetreten werden. Auf diese Weise erklärt sich der Inder die Erscheinung fallender Lichter am Firmament.
Neben der Auffassung, daß der Mensch nach dem Tode zum Sterne wird, daß in seiner Sterbestunde ein neues Gestirn am Himmel aufflammt, geht bei vielen Völkern eine andere einher, die uns ebenfalls geläufig ist: sie lehrt, daß für jeden Menschen, sobald er geboren wird, ein Stern am Himmel erscheint, und daß dieser sein Stern erst in der Todesstunde des Betreffenden wieder fallend erlischt. Eine hübsche Variante hierzu bildet die litauische Sage von der Schicksalsgöttin der Vergeja. Diese beginnt bei der Geburt eines jeden Menschenkindes am Himmelszelt einen Faden zu spinnen, den sie zuletzt mit einem flimmernden Sternlein abschließt. So lange der Mensch am Leben ist, strahlt der Stern. Doch wenn er stirbt, so reißt fein Lebensfaden, und mm stürzt auch sein Stern hinab in die Tiefe.
Aber auch andere, poetische Deutungen hat man für die Erscheinung des Sternenfalles vorgebracht. Als himmlische Tränen, als „die Tränen des heiligen Laurentius" bezeichnet man z. B. im Volke die Sternschnuppen, die man um den Laurentiustag, in den Nächten vom 8.—12. August sinken sieht. Daß man aber vor allem
auch einer weit derberen und gewissermaßen humoristischen Auffassung des bewußten himmlischen Vorganges huldigte, beweist das Wort „Sternschnuppe" selbst: Unser Volk sah in dem fallenden Himmelslicht den leuchtenden Abfall eines Sternes, der sich gleichsam putzt, schneuzt oder schnupft. Daher auch die Bezeichnungen „Steruputze" und „Sternschneuze". Uebrigens war das Landvolk häufig der Meinung, die Ueberreste erloschener „Sternschneuzen" aufgeiunden zu haben. Es handelt sich da nicht etwa um Meteorgebilde, sondern um eine Alge (Nostoc commune), die nach starken Regengüssen plötzlich zu einer gallertartigen, unregelmäßig ge° formten Masse aufguillt. Da man sich das jähe Erscheinen dieser Gallerte nicht zu erklären vermochte, sagte man sich, sie müsse vom Himmel gefallen sein und von Sternschnuppen herrühren. Wer solche Gebilde auf seinem Grund und Boden sand, wird wahrscheinlich ganz zufrieden damit gewesen sein, denn Sternschnuppen bedeuten ja Glück. Im Märchen fallen mit ihnen zugleich auf das brave Mädchen Goldstücke herab. Auch fall das in Erfüllung gehen, was man sich beim Anblick eines fallenden Sternes heimlich wünscht. Alt dieser poetischen Tradition hält unsere Frauenwelt aus alter, lieber Gewohnheit noch immer fest. Und darum wird in den sternschnuppenreichen Augustnächten, denen wir entgegengehen, nicht mir wieder manches Lichtlein vom Himmel herabfallen, sondern auch wieder manches Wünschlein zu ihm emporsteigen. 0. K.
Vermischtes.
Ick. Der Fluch der Schönheit „Schönheit ist Reichtum, Schönheit ist Macht!" So kündigt eine Wiener Schönheitskünstlerin ihre wunderbaren Präparate an. Daß aber Schönheit und zwar vollendete Schönheit auch ein Hindernis sein kann, wenn es heißt, das tägliche Brot zu verdienen, das beweist das Schicksal einer schönen Genferin. Tie Dame ist gebildet, spricht mehrere Sprachen, ist int Besitze des Erzieherinnenzeugnisses, kurz, sie kann sich eines großen Maße? guter Eigenschasten rühmen, die ihr eigentlich alle Pforten öffnen sollten. Aber der Fluch, der auf ihr lastet, ist ihre Schönheit! Es gelang ihr, in einer englischen Familie Stellung zu finden; aber schon nach kurzer Zeit erwachte in ihrer Herrin die Eifersucht. Die schöne Erzieherin mußte Knall und Fall heraus, trotzdem sie nie die Grenzen des Erlaubten überschritten, noch durch ihr Benehmen irgendwie Anlaß zur Klage gegeben hatte. Und so ging es fort! Nirgends war ihr Aufenthalt von längerer Dauer. Nicht selten war eine Frau so offenherzig, ihr ins Gesicht zu sagen, daß sie sie zu hübsch fände, um sie in ihren Haushalt aufnehmen zu können. Sieben Monate hat die arme schöne Erzieherin mit ihrem Schicksal gerungen; nun ist sie verzweifelt in ihre Heimat zurückgekehrt. — Vielleicht wird sie jetzt mit Heiratsanträgen bestürmt werden!
kf. Der elektrisch erleuchtete Hut. In den Straßen Chicagos erregte vor einigen Tagen eine Dame großes Aufsehen, deren Hut int hellsten Glanze erstrahlte. Zwischen einem sehr geschmackvollen Arrangement von künstlichen Blumen und Früchten waren kleine elektrische Birnen versteckt, deren Licht durch Gaze- umhüllungen diskret durchschunmerle. Sie wurden von einer in der Kopfform befindlichen kleinen Batterie gespeist. Eine mit einem elektrischen Hut versehene Dame wird wohl niemals des abends den Weg verfehlen können.
Mcherlisch.
’ — Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde (Begründet von Dr. Josef Ettlinger. Herausgegeben! von Dr. Ernst Heilborn. Verlag Egon Flcischel u. Co./ Berlin W. 9). Das 1. Augustheft ist soeben mit folgendem Inhalt erschienen: Paul Wiegler: Audrä Gide. — Walter von Molo: Ecce poeta. — W. A. Hammer: Franz Atelzhamer. — Andrs Gide: Bethsabe. — Karl Hans Strobl: Quer durch den Eiit-> lauf II. — Sascha Schwabacher: Reisebücher. — Echo der Zeitungen und Zeitschriften. — Echo des Auslands. — Echo der Bühnen. — Kurze Anzeigen. = Notizen. Nachrichten. — Büchermarkt.
— Musik für Alle. „Das Nachtlager von Grä- naba", Konradin Kreutzers herrliche Oper, ist soeben in dem neuesten Heft der Zeitschrift „Musik für Alle" erschienen. (Verlag von Ullstein u. Co., Berlin.)
Anagramm.
Rastlos ström' ich dahin durch Schwabens liebliche Gaue; Setzest zwei Zeichen du um, bin ich ein jagdbares Tier. „Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Geographischen VerschiebrätselA in voriger Nummer) itöhmeu
Harz Pari» Sudeten , Bern Nizza; Bastei.
Redaktion : I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießens


