Ausgabe 
7.3.1912
 
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dreie!" sagte er.Wenn Sie mal wieder nach Körlin kom- meit, beehren Sie mich, Herr Major."

Ganz gewiß, Herr Emke. Ganz gewiß."

Die Ladenklingel tönte wie einst. Ganz derselbe Miet- schende Klang war's wie ehedem vor acht Jahren.

Gudarcza trat auf die Straße. Die frische Lust tat ihm Wohl. Meeresluft, vom Ostseestrande herübergetragen.

Am Strande spielten jetzt die Enkel. Sie hatten eine große Burg im Sande gebaut, und Großvater sollte die heut noch mit einweihen. Er war feierlichst geladen worden. Menu er zurecht kommen wollte, war's höchste Zeit.

Er schritt schneller aus als auf dem Hinweg. Das Herz war ihm leichter geworden. Und er dachte:Ja, die Dodo! Die hat's von uns allen am besten ver­standen. Die hat sich auch eine Burg gebaut, eine feste Burg des Glücks. Wenn ich nur erst wieder ihr fröhliches Lachen hörte!" ,

Die Bewegung in der Wirklichkeit und in der ttunst.

Dr. A. S a a g e r, München veröffentlicht imKosmos", dem Handweiser für Naturfreunde, interessante Studien über die Be­wegung in der Wirklichkeit und Kunst, die wir im folgenden Wiedergeben:

Ms die Momentphvtvgraphie erfunden War, erkannte Wan, daß ihre Bilder sich ost sehr wesentlich von den künstlerischen Darstellungen der gleichen Gegenstände unterschieden. Ganz be­sonders war dies natürlich bei bewegten Dingen der Fall. Und noch heute erscheinen uns die Momentaufnahmen z. B. von rennenden Pferden so ungewohnt, daß toir bei ihrem Anblick bisweilen ein Lächeln nicht unterdrücken können. Das Erstaunen steigerte sich noch, als man die Bewegungen durch! eine Reihe von rasch hintereinander angefertigten Momentaufnahmen in ihre einzelnen Teile zerlegte. Wenn wir eine solche Reihe von Auf­nahmen betrachten, so finden wir, daß kaum eine einzige sich mit den entsprechenden Kunstwerken deckt. Da nun die photo­graphische Kamera die Wirklichkeit unverändert wiedergibt, diese Bilder von Künstlerhand aber sich zwar von dieser Wirklich­keit sehr weit entfernen, uns aber als richtiger erscheinen als die photographischen Aufnahmen, so muß irgendetwas dabei nicht in Ordnung sein. Ganz besonders kain urir das zum Bewußt­sein, als ich einmal in der Camargue, dem Rhonedelta, Gelegen­heit hatte, wilde Pferde zu beobachte», die in ziemlicher Nähe von mir über jene endlose, streckenweise von einer dünnen Wasser­schicht überschwemmte Sandebene wie Gespenster in gestrecktem Galoppe hinwegeilten. Es gelang, eine Aufnahme däv'on zu machen, und ich war aufs höchste enttäuscht, als die Platte entwickelt wurde: die Photographie des flüchtigen Trüppchens war von meinem Eindruck und Erinnerungsbild durchaus verschieden; und die edlen Tiere, die in Wirklichkeit kaum den Boden zu be­rühren schienen und wie Pfeile dahinschossen, waren hier in steife, fast komisch sich gebärdende Geschöpfe verwandelt. Woher rührt nun dieser Zwiespalt?

Dr. Felix Regnaült hat kürzlich diese Frage in einem Auf­sätze behandelt, von dem wir hier das Wichtigste anführen wollen. Er weist nach, daß die Künstler die Wirklichkeit des Augenblicks abändern, aber dabei nicht willkürlich, sondern nach Gesetzen verfahren, die zu allen Zeiten dieselben waren. Lehrreich ist der Vergleich der Momentaufnahmen eines in vollem Lauf be­findlichen Menschen mit den künstlerischen Darstellungen dieser Bewegung. Die Buschmänner, die Indianer wie auch die Griechen in ihrer Darstellung der Erinnhen oder ein Rubens in seinem BildeRaub der Hippodameia durch die Kentauren" übertreiben die Bewegung in unmöglicher Weise; ihre Modelle spreizen die Beine, tote es im besten Fall troch ein Akrobat fertig bringt, und sie befinden sich in so starker Bewegung nach vorn, daß sie in. Wirklichkeit zu Boden stürzen müßten. Mit dieser Ueber- treibung erreichen die Künstler bett Eindruck großer Bewegung. Utn ein naheliegendes Beispiel zu nennen, erinnern wir an unserett W. Busch, der bekanntlich jiticht bloß als Humorist, sondern auch als famoser Zeichner zu schätzen ist: in seinenWenteuern eines Junggesellen" zeigt er uns bett Knopp, wie er sich jedes­mal am Ende eines Abenteuers vom Schauplatz entfernt. An­fänglich hat er keine besondere Eile, aber zum Schlüsse läuft er, was das Zeug hält. Diese Steigerung ist lediglich durch die Bewegung der Beine erreicht, und wie er sich schließlicheilig" sortbegibt, hat er die Möglichkeiten der Wirklichkeit längst über­schritten.

Dieser bewußten Steigerung der Wirklichkeit schließt sich der -Dyschronismus" an, durch den der Künstler zwei Stellungen, die in WirUichkeit zu verschiedenen Zeiten sich abspielen, für einen einzigen Augenblick zusammenzieht. Beispiele hierzu fin­den sich in den Tierdarstellungen der vorgeschichtlichen Höhlen, bei den Australiern, Asshrern, Griechen, Chinesen, uitb das viel­bewunderteRennen von Epson" von Göricanlt zeigt uns die Rennpferde ebenfalls langgestreckt wie Pfeile über das Feld dahin­schießen, während die Photographie uns beweist, daß gestreckte Vorder- und Hinterextremitäten niemals zu gleicher Zeit Vor­

kommen und daß stets, wenn die einen ober änderen in dieser! Lage sich befinden, ein Teil der Beine den Boden berührt. Dieser Dyschronismus kommt übrigens nicht bloß bei schnell bewegten Tierbildern Vor. Es ist bekannt, daß wir beim Gehen nie zu gleicher Zeit mit beiden Sohlen Völlig den Boden be­rühren können. Ganz richtigerweise hat dies auch die Kunst meist, berücksichtigt, aber in bem berühmten Parthenonfries sehen wir Frauen, bte in feierlicher Prozession ihres Weges ziehen, und deren beide Füße zu gleicher Zeit ganz auf dem Boden ruhen; so ziehen sich Hodlers Landsknechte bei Marignano zurück und ebenso schreitet Rodins Johannes der Täufer einher. Rodin hat, wie er erklärt, damit den Eindruck eiues langsamen, feier­lichen, unaufhaltsamen Gehens geben wollen, und der gleiche Zweck hat auch die griechischen Küustler dazu bewogeit, von der ihnen wohl bekannten Wirklichkeit abzuweichen. Ein an­deres Beispiel liefern die Darstellungen von griechischen Wett­läufen, bei denen die Wettläufer den Arm mit dem jeweils Vorgesetzten Bein in gleichem statt in entgegengesetztem Sinne Vorwärtsbewegen. In ähnlicher Weise stützt sich auch der be­kannte Diskuswerfer Myrons auf das rechte Bein, indem er seinen Diskus mit dem rechten Arm wirft, während, tote die Photographie lehrt, er sein Gewicht auf den linken. Fuß stützen sollte.

Ueberlegen wir uns nun diese Gesetze, die Regnaült als grundlegend für die Darstellung der bewegten Natur findet, so sehen wir, daß beide dem Künstler dazu dienen, uns seine Werke ausdrucksvoller erscheinen zu lassen als das Momentbild der Wirklichkeit. Vergleichen wir aber z. B. Natur-Aufnahme und Gemälde, so werden wir keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß der Künstler die Bewegung viel überzeugender zeigt, als die Kamera, daß der Künstler uns also eine richtigere Vorstellung gibt. Und das kommt daher, daß unsere! Augen eben nicht genaue Momentbildchen aufnehmen, sondern von der ganzen Be­wegung mit Hilfe der Phantasie ein ihnen charakteristisch er­scheinendes Bild sich zusammenstellen. Zweifellos lassen wir Laien uns dabei von früher gesehenen Bildern beeinflussen. Der Künstler ist es also, der die Bewegung für uns entdeckt und unsere Augen lehrt, die von ihm dargestellte Bewegung auch in der Natur zu sehen. So kommt es, daß der Mensch verschiedener Zeitalter verschieden sieht. Daher ist es sehr natürlich, daß die Momentphotographie durch den Künstler auch auf ttnfer Sehen von Einfluß sein wird und es schon ist. Neuerdings geben die Künstler rennende Pferde nicht mehr in jener langgestreckten Art Gsricanlts, wie sie in der Natur gar nie vorkommt, son­dern nähern sich hierin weit .Mehr der Wirklichkeit, indem sie die auch durch die Momentphotographie sichtbare Stellung bevor­zugen, wo das Pferd sozusagen zusammengeballt, gleich einer Kugel über den Erdboden dahinsaust. Als diese neue Art der Darstellung laufender Pferde aufkam, war der Laie nicht ge­neigt, ihr zu folgen, Und er behauptete da er sich nicht bewußt war, daß seine Auffassung durch die bisherige Kunst beeinflußt war, diese Stellung sei unnatürlich. In über­raschend kurzer Zeit aber hat man sich daran gewöhnt und findet heute schon die Art Görieaults, die noch vor wenigen Jahrzehnten als völlig überzeugend galt, nicht mehr rechtrichtig".

Folgt aber nun aus dem Gesagten, daß die Kunst allmählich sich immer mehr den photographischen Bildern annähern wird? Nein. Das Charakteristische an der raschen Vorwärtsbewegung ist, daß der Bewegte den Boden kaum zu berühren scheint. Je mehr er an dem Boden haftet, desto mehr scheint ihn dieser fest- znhaltetr. Wie tvir sahen, benützten die Künstler dieses Festklebert ant Boden geradezu, um dem Gange ihrer Gestalten das Laug- sante zu geben. Soll hingegen der Eindruck von rascher Be­wegung erzielt werden, so löst man und 'fei es auch gegen die Wirklichkeit alle Füße vom Boden ab, um die Bewegung als dahiusliegend ober dähinschießend zu kennzeichnen, tote es für den schnellen Laus charakteristisch ist Und die Schwere vergessen läßt ob nun der bewegte Gegenstand gleich einem Pfeile wie Gsricaults Pferde oder zu einer Kugel zusammengeballt, wie z. B. Angelo Jank, Max Feldbauer und überhaupt die modernen Küitstler die Pferde zeichnen, dahineilt. Die Kunst will eben eine Illusion geben. Und je überzeugender diese Illusion wirkt, destorichtiger" ist die Kunst, desto wahrer, ob die Wirklichkeit^ in der dicht neben dem Wichtigen das Nebensächliche sich breit macht, diese Kunst astch Lügen zu strafen scheint,

Ein Ezenftochau vor <000 Zähren.

Schier tausend Jahre vor dem Fall Czenstochau haben sich in dem größten und reichsten Kloster der damaligen Welt Vor­gänge abgespielt, die an das Leben und Treiben in dem polnischen Kloster erinnern; das Hauptverbrechen der Mönche von Czen- stochau, die Beraubung kirchlicher Heiligtuwer, ist damals eben­falls begangen worden, sogar in weit größerem Maßstab'. Farsaj hieß die berühmte Abtei, eins der ältesten Benediktinerklöster in der Nähe der am Adriatischen Meer gelegenen italienischen Stadt Fermo. Das Kloster genoß schon zur Zeit der Longobarben- könige große Privilegien, bte Karl der Große bestätigte. Kein Bischof durfte Tribut ober Steuer von den Mönchen erheben, nicht einmal der Papst hatte ein anderes Recht als den Mt