Ausgabe 
7.3.1912
 
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Und die Ladenklingel hatte auch noch den alten quiek Menden Ton.

Hinter dem Ladentisch stand Herr Emke senior, mit dem schwarzen Käppchen auf dem viereckigen, roten Kops, und starrte den eleganten alten Herrn verwundert an.

Ich möchte eine halbe Milon haben."

Mit einem Male flog das Käppchen vonr Kops:Der Herr Major! Wahrhaftig, der Herr Major! Nee- aber so was!" Und Herr Emke senior kam hinter dem Laden­tisch hervor, helle Freude im Gesicht, und streckte die Hand hin:Das ist nun aber mal 'ne Ucberraschuug! Der Herr Major!"

Dann saß Gudarcza im dämmrigen Hinterzimmer auf dem Ledersofa mit den tausend Rißchen. Neu bezogen war es nicht worden, auch der Großvaterstuhl nicht, in dem der Landrat immer sein Nickerchen gemacht hatte. Alles war beim alten geblieben.

Merkwürdig! Merkwürdig! So gut hatte Gudarcza seit undenklichen Zeiten kein Bordeaux geschmeckt. Und da hatte Exzellenz Fürdinger immer behauptet, der Emke wäre ein Giftmischer. Ja. . . Fürdinger, der ruhte nun auch schon unter der Erde.

Ganz tief setzte der alte Herr sich in seine Ecke zurück, in die Sofakuhle, die eine Generation Gäste nach der andern zu überliefern schien.

Das wurden nun acht Jahre, seit er zum letzten Male hier gesessen hatte. Damals! Wie das alles deutlich wieder auftauchte: da Exzellenz. Fürdinger, da der Land­rat und da Onkel Reinhard. So lustig war der noch ge­wesen. So erstaunlich rüstig und mobil. Aus seiner Lebeus- geschichte hatte er erzählt und von seinen Grundstücken und Häusern. Drei Stunden darauf war er ein toter Mann . .

Herr Emke senior kam ab und zu in das Zimmerc Er machte sich ein Geschäftchen, kramte hier und kramte da und wollte im Grunde doch nur seine Neugier be­friedigen.Darf ich wohl fragen, wo kommen der Herr Major denn heut her?"

Bon Kokberg, Herr Emke. Ich bin mit meinen Kin­dern da. Mit meiner jüngsten Tochter, heißt das."

So so. Die Frau Majorin ist doch auch gut zu­wege? Auch mit in Kolberg?"

Nein, Herr Emke. Meine Frau ist in Heringsdorf. Mrt der Familie meines Sohnes. Aber es geht ihr ganz gut. Danke schön. . . Schicken Sie mir noch ein Schöpp­chen." ---

Acht Jahre. . ,

Wie glücklich und wie zufrieden wir doch damals toure», wenn wir auch stöhnten unter all dem kleinlichen Druck. Mutter, daß sie sich keine neuen Gardinen anschaffen konnte, ich, daß mein schwarzer Rock schon ganz abgeschabt war an den Aermeln. Wenn wir auch rechnen und rechnen mußten, in tausend Aengsten manchmal. Lieber Gott, es waren doch schöne Zeiten.

Eigentlich hat uns der Reichtum erst kennen gelehrt, was Not ist. Herzensnot. . .

Da drüben hat der Hardi ein paar Male gesessen. Als Kadett . . . solch bildhübsches Bengelchen und so stolz, daß rch ihn mitnahm. Dann als frischgebackener Leutnant in der lieben alten Uniform.

Armer Hardt . . . dir war nicht zu helfen . . ,

War Signe glücklich? War Signe unglücklich?

Wie sagten wir doch früher: Wer kann aus Signe klug werden?

Ich habe noch nie ein Wort der Klage von ihr gehört, glücklich?^ sie auch klagen? Wer glücklich? Wirklich

Was ist das doch für ein ödes Leben, das sie führt? I Kn Hoburg wird sie nicht heimisch. Immer auf Reisen, And wenn sie mal wo längeren Aufenthalt nehmen, immer Gesellschaften, Gesellschaften, Gesellschaften. Und Bill im Grunde solch eine taube Nuß.

- - wenn Signe noch Kinder hätte. Wo sie so kinder- lteb rst! Aber auch das ist ihr versagt.

, . . und vielleicht wär auch für sie alles anders ge­kommen, ohne Onkels Millionen. Ihre ganze Art hätte mne andere Richtung angenommen. Und Bill würde sich besonnen haben, trotz aller Verschossenheit, ein ganz armes Mädchen zu herraten. I

Arme Signe! Auch du kragst an des Glückes Lasten. | Solange du jung brst und schön, mag's noch hingehen. |

Stf) toerbs ja nicht mehr erleben, aber dann dann werdest lte drch kalt nennen und hochmütig. Arme Signe!(

Der gute Milon schmeckte nicht mehr recht. Gudarcza hatte Eas hin, kaum daß er die Lippen naß gemacht

Er lehnte den Kopf weit zurück und sann sich wieder rn die alten Zeiten.

Es war doch schön gewesen damals. Mutter immer frisch und munter, immer geduldig und zufrieden. Ein wenig den Pantoffel geschwungen hatte sie ja. Aber das war ganz gut. Mit dem Gclde mit dem verfluchten Gelde erst war sie eine andere geworden. Nicht schlecht bei- letöe nicht. Aber nie recht zufrieden, immer nach oben hinaus . . . und ein wenig fausse neblesse.

Friedel. Nun ja, der würde heut noch so laut als möglich sagen: ich bin glücklich. Der hatte am Geldschaufeln Gefallen gefunden von Anfang an. Der ging durch die Welt mit rücksichtslosen Ellenbogen. Wenn es einmal nicht klappte zwischen ihm und seiner Frau dann und wann klappt es ja wirklich rricht dann zuckte er auch die Achseln. Aber die Furche hat er doch auf der Stirn, die Sorgen­furche. Und manchmal denkt er gewiß: lieber dem Kaiser dienen als meinem Schwiegervater.

. Die Fliegen summten durch das Zimmer. Komisch -H der Emke hatte es immer so viele Fliegen gegeben. Ge^- schmeiß das. Sogar da drüben 'die Kaiserbilder verschonen sie nicht. Und dabei führt der Alte einen ewigen Kampf mit ihnen. Da tappst er wieder mit der Klappe entlangi schwapp schwapp

Wie geht's beim eigentlich mit der werten Gesund-, heit, Herr Major?"

Könnte besser sei», Herr Emke. Im Frühjahr mußte ich wieder nach Karlsbad. Der Magen will nicht recht, und die Nerven wollen auch nicht. Das Leben in der Groß- stadt hat's in sich."

Ja ... so gesund wie unser Pommern ist das tut st?ohl nicht. Da schimpfen sic immer auf uns, dse klugen Berliner.Im Winter ist der Pommer noch dommer wie im Sommer", sagen sie. Ja Proste die Mahlzeit: wir Pommern sind am, Ende doch die klügsten. Weil iuir uns nämlich nicht ausregen lassen, Herr Major. Immer unser» ruhigen Stiefel weg, und 'n gutes Pülleken Roteu: da kann man bis hoch in die Siebzig sein strammes Stück Pomincrsche Spickgans vertrage». Sie sollten wieder nach Körliu ziehe», Herr Major."

Nun mußte Gudarcza doch lache». Es war ei» weh­mütiger Einklang dabei, aber der Wein schmeckte plötzlich wieder. Der alte Emke hatte zu drollige Ideen! "Körting Ja, wenn man nicht auch ein. ganz anderer geworden wäre in den acht Jahren.

Aber draußen an der Oberspree, wo Fritz Neumann! sich seine Gießerei und feine Werkzeugfabrik hingesetzt hatte, da wollte er sich eine Billa bauen. Um den Kindern recht nahe zu sein.

Denn die Dodo, die stand nun seinem Herzen doch am! nächsten. Ein Prachtmädel . . . ein Prachtfrauchen! Wie die damals ihren Fritz sich erobert hat, wie die MrrttersI Widerspruch und meine Bedenken niedergernngen hat: das war einfach großartig. Auf die Dodo hat das verfluchte Geld nie Einfluß gehabt. Die ist in ihrer gesunden Natür­lichkeit durch den plötzlichen Reichtum durchgegangen . . . ja wie denn? . . . mit sauberen Schuhen, sozusagen. Und wenn man's recht überlegt: von allen Kindern hat sie alleist ein volles Glück gewonnen- . ( ,

Und nun wurde es wohl Zeit. 1 ,

Gudarcza stand auf und langte sich Hut und Stock, Er sah sich noch einmal in dem Stübchen um. Mt und ver­räuchert war's. Eigentlich eine schauderhafte Bude. Wer ern Hauch von Gemütlichkeit lag darüber. Mit dem konnten Weber Adlon noch Bristol noch der Kaiserhof aufwarten.

Also nu wollen der Herr Major wieder nach Kolberg! zurück? Sind denn auch Enkelkinder da, mit Erlaubnis zu fragen?"

Aber natürlich, Herr Emke. Ein Junge und ein Mädel. Die reinen Wonneklöße für solch altes Großvaterherz."

Herr Emke senior wischte seine rechte Hand am Hosen­boden ab und streckte sie dann über den Ladentisch. Er drückte pommersch derb zu. So etwas kannte man in Berlin gar nicht.Enkels machen immer Freude! Ich hab auch