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In diesem Moment bog der Wagen mit Marcella gerade um eine Ecke. Ich blickte Mortimer entsetzt an. Er begriff die Situation sofort und sagte :
Allerdings, der Mann hat ganz recht. Mitgehen mußt du auf alle Fälle, so tue es gleich und vermeide jeden Skandal. Wo wollen Sie ihn hinbringen, Schutzmann?
Nach dem Pvlizeirevier in Putney. Der Gerichtshof hat heute -Sitzung und den Haftbefehl vor etwa einer Stunde erlassen.
Geh- mit, lieber Ted, und ergib dich drein.« Es ist schrecklich, ach weiß «es. Daraus waren, wir heute nicht" gefaßt. Aber behalte den Kopf loben. Lange können sie dich nicht festhalten. Es wird sich bald ausweisen. Iw ungefähr einer Stunde werde ick) dich aufsuchen. Nun los, rasch!
Aber, sagte ich, immer noch zögernd, wie willst du's Marcella beibringen?
Irgendwie — ich weiß es auch noch nicht. Aber nun schnell, geh' — geh', damit sie ums Himmels willen nicht sieht, wie du abgeführt wirst. Der Wagen muß jeden Augenblick ankommen.
Ich nahm alle Kraft zusammen, obwohl mir das Herz zu zerspringen drohte, und wandte mich an den Polizisten.
Ich bin bereit, sagte ich; aber lassen Sie mich auf der Straße allein gehen. Ersparen Sie mir um Gottes willen die Schmach, mich festzuuehmen. Ich werde Ihnen bestimmt keine Unannehmlichkeiten machen, das versichere ich Ihnen.
Wir gingen. Aber als ich mich an der Ecke nochmals umdrehte und einen Moment das reizende Gesicht meiner Geliebten am Wagenfenster erblickte, war es mir, als ob ich zusainmensinten müßte. Es war mehr, als ein Mensch ertragen konnte. Eine solche Grausamkeit war unerhört — abscheulich — -entsetzlich. Und doch konnte ich nichts dagegen tun, keinen Widerstand leisten. Hilflos wie ein Kind befand ich mich in der Gewalt des strengen, erbaw mungslosen Gesetzes, wurde wie ein Verbrecher durch die Straßen geführt, um mich wegen einer mir unbekannten, furchtbaren Tat zu verantworten. Der Gedanke war mir so ungeheuerlich, daß ich ihn kaum zu fassen vermochte.
Schweigend schritt ich neben dem Manne her. Es dauerte längere Zeit, bis ich meiner Erregung soweit Herr war, um sprechen zu können. Dann suchte ich ihn näher auszuforschen, aber vergeblich. Er hatte seinen Haftbefehl, weitere Auskunft konnte er mir nicht geben. Er glaubte, es handele sich um eine Vergiftung, war sich aber auch darüber nicht ganz sicher. Ich würde schon früh genug Genaueres erfahren, wenn ich dem Untersuchungsrichter vorgeführt würde. Er würde mir gern Näheres mitteilen, wüßte aber selbst nicht mehr.
Die Leute sahen mich nut merkwürdigen Blicken an, als ich neben dem Beamten herging und am Bahnhof mit ihm zusammen in ein Kupee stieg Aber er entledigte sich seines Auftrages mit solcher Nachsicht und Diskretion, daß ich wenigstens keiner öffentlichen Schmach ausgesetzt war. Allmählich langten wir in Putney au. Mein Mut hatte sich wieder gehoben, und ich freute mich auf den Moment, wo ich energisch Rechenschaft darüber fordern dürfte, wie mau miet) eines solchen Verbrechens beschuldigen könnte. Wer sobald ich auf dem Revier eing-etroffen war, wurde ich gefesselt, durchsucht, aller Wertgegenstände beraubt, und nun merkte- icfy erst, ein wie armseliges unb ohnmächtiges Wesen selbst der stolzeste und stärkste Mann von dem Augenblick an ist, wo er sich, wenn auch nur scheinbar, gegen die Majestät des -Gesetzes vergangen hat. Noch ehe ich mir über diese schreckliche Wahrheit recht klar war, wurde ich einige Stufen hinunter durch einen finsteren Gang in eine Zelle geführt und eingeschlossen.
Ob wohl schon je einem unschuldigen Menschen seine Hochzeit auf solch grausame Weise vereitelt worden ist? Daß es meinen Feinden endliche gelungen war, einen vernichtenden Schlag gegen mich zu führen, ließ sich- wahrhaftig nicht leugnen. Sie mußten schwerwiegende Verdachtsgründe gegen mich vorgebracht haben, denn sonst würde das Gebricht sicherlich keinen derartigen Haftbefehl gegen mich erlassen haben. Wie und wann sollte diese ganze schreckliche Sache endigen? Bis dahin hatte es den Anschein gehabt, als ob ich bloß Marcella aufzug-eben brauchte, um jeder weiteren Verfolgung enthoben zu sein; aber nun hatte die Geschichte eine andere Wendung genommen. Nachdem meine Widersacher die Nutzlosigkeit ihrer darauf hinzielenden Bemühungen eingese-hen hatten, waren fie zu einem verzweifelten Mittel übergegangen. Daß meine Tante von
einem ihrer Abgesandten heimtückisch ermordet worden war> unterlag für mich nicht dem geringsten Zweifel. Marcella war mir sozusagen vor den Altarstufen geraubt worden, und ich sollte meine Hartnäckigkeit nun mit dem Leben büßen.
Für meine eigene Person war mir durchaus nicht bange, ich fühlte mich meines endlichen Sieges so sicher, daß meine Kampflust sich sogar vergrößerte. Dagegen beunruhigte mich das Schicksal Marcellas um so mehr. Mychte ihr Mortimer die Nachricht von meiner Verhaftung noch so zartfühlend hinterbringen, sie mußte doch ganz niederschmetternd auf sie wirken. Ich malte mir ihren Schmerz in Gedanken aus und -gedachte auch wieder mit Wehmut, wie glücklich wir in dieser Stunde zusammen sein würden, wenn diese Katastrophe nicht üb-er uns hereingebrochen wäre. Ich hörte im Geiste, wie Mortimer -eine launige Rede auf die liebliche Braut hielt, wie wir alle miteinander anstießen und icfy auf die Ansprache meines Freundes begeistert erwiderte. Während icfy so in Gedanken versunken -dasaß, den Kopf in die Hände gestützt, vernahm ich vom Korridor her Schritte. Sie hielten vor meiner Zelle an. Die Türe wurde ausgeschlossen, und herein trat Mortimer.
Auf fünfzehn Minuten, sagte er zu dem begleitenden Aufseher; wenn Sie wollen, können Sie- uirsere Unter« Haltung mit anhören. Diesen Herrn und mich selbst wird Ihr Beisein nicht im geringsten stören. Daun wandte er sich mir zu.
Mir den Kopf nicht hängen lassen, mein Lieber, sagte er und drückte mir herzlich die Hand. Hier, fuhr er leiser fort, nimm 'n Schluck davon.
Ich leerte die mir ein-gehän-digte Flasche mit einem Zuge bis zur Hälfte.
Danke, älter Freund-, versetzte ich dann. Seitdem du gekommen bist, fühle ich mich wieder Wohler. Ich dacht-e gerade an. Marcella, und du weißt ja —
Ja, ja, natürlich« weiß ich. -Wer du mußt jetzt auch etwas an dich selbst denken. Um Marcella brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Die Sache habe ich schon ins Lot gebracht.
Aber, fragte ich eifrig, wie faßte sie's denn auf? Wie in -aller Welt hast du's fertiggebracht, sie darüber aufzuklären? Was hast du ihr denn gesagt? Was hat sie, denn geantwortet?
(Fortsetzung folgt.)
Hatz.
Erzählung aus dem Lande der schwarzen Berge« Von Max Karl Böttcher, .Chemnitz.
Die Sonne ging heim.
Schräg lagen ihre Strahlen über dem Maisfeld und tauchten dann die schwachen Wellen des Skutarisees in schimmerndes Braun.
Mutter Wranja schritt gebückt am Rande des Haines hin und schleppte mühsam den flachen Korb mit frischen Feigen.
Da trat Wukotitsch, des reichen Nachbarn Sohn, aus beml Gestrüpp und lachte laut auf, als er Mutter Wranja erblickte.
„Was lachst du, Milosch?! — Hilf mir die Feigen tragen, — gar schwer ist der Korb!"
Milosch Wukotitsch, ein breitschultriger zwanzigjähriger Bursche mit hartem, eckigem Gesicht, rührte sich nicht Boni Fleck. Sein breiter Mund grinste häßlich und seine Augen blickten hämisch, als er verächtlich sagte: „Einer, der morgen freit, trägt nicht alten Weibern Korb und Feigen."
„Du freist, Milosch?! Beim Barte Nikitas, des strengen Gospodars, int -ganzen Orte ist keine Dirne, die noch ledig wäre."
„Ei seht die alte Kuppelmutter, wie sie all ihre Täubchen kennt im Neste! — Und welches ist wohl das schönste der Täubchen in ganz Czernerowja?"
„Tu eitler Bursche! — Auf die wirfst du dein blödes Auge nicht, trotz deiner Weinberge und Feigeugärten und deiner hundert Schafe. — Wjaneronja, die Liebliche, die Zarte, die Duftende, — -die süße Petersilie unter den Gemüsen Montenegros, sie spottet deiner, wenn du um sie im Tanze dich drehst, denn mein Junge, der stolze, der edle Georgeivitsch-, die Zierde meines- Hauses, hat sie sich anverlobt und dem Vater längst die vierzehn,Hammel zur Morgengabe gebracht, und wenn die sieben, Jahre sein^ Dienstes in Cetinje vorüber sind, dann zieht sie mit in feine Hütte.
Wieder lachte des Nachbars Sohn roh und schallend auf.
„O, du alte, schlaue Kuppelmutter! Glaubst du wirklich, die schöne Wjaneronja wartet hier am Meere, bis sich dein edler, stolzer Georgewitsch beim Schweinebauern ut Cetmie em Sch'ocllges^eckter Türkensäue verdient hat, w-enn ich um sie freie?!"


