Ausgabe 
6.11.1912
 
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Mittwoch, den 6. November

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Die Dame im Pelz.

.Roman von G. W. Appleton.

(Nachdnick verboten.) (Fortsetzung.)

Diese Gedanken flößten mir neue Hoffnung ein und verjagten die Furcht. Damit hatte ich wenigstens eine feste Unterlage gewonnen, auf der ich weiter bauen konnte. Ich hatte nicht mehr gegen einen bösen, unbekannten Dämon zu kämpfen. Die Baronin hatte neue Anschläge gegen mich vorbereitet, und ich wußte nun, gegen wen 'ich zu fechten hatte. Wer Liese neue Partie gewinnen würde, würde sich schon bald Herausstellen.

In dieser Zuversicht kam ich bei alledem noch gut ge­launt zu Hause an. Ich sagte kein Wort von meinem Besuch iu Putney, denn ich wollte die Freude an meinem Hoch- zcitsvorabend nicht stören und die .schönen Hoffnungen nicht dämpfen.

*

Ich lag lange munter in meinem Bett au jenem Abend und hörte das Heulen des Sturmes, Aber als ich am Morgen erwachte, -erhellte goldener Sonnenschein mein Schlafgemach. Der Himmel war wunderschön blau, ver­einzelt erblickte man zarte weiße Schäfchen. Der Wind hatte sich gelegt. Die Natur lag friedlich und still. Die Morgenluft schien mir ihren Segen spenden zu wollen. Hat es je einen verheißungsvolleren Hochgeitsmorgen gegeben als diesen? rief ich frohlockend aus. Nun fort mit den schweren Sorgen vom Abend. Welche Macht der Erde könnte mir jetzt den Becher der Freude entreißen, wo ich ihn voll bis zum Rande an den Lippen habe? Keine keine und ich lachte über nrich selbst wegen des bloßen Gedankens.

Wir waren alle vollkommen glücklich an jenem goldenen Morgen. Marcella sang w-ie -ein lustiges Vöglein im Hause herum, und Lucy vermochte sich kaum zu fassen vor Glück­seligkeit. Mortimer erschien ziemlich frühzeitig, und wir waren wahrhaftig eine vergnügte Gesellschaft.

Das bescheidene Frühstück wurde so nebenbei eingenom- men. Marcella kam im hellgrauen Reisekleid- nnd einem kecken, mit -einer roten Fever besetzten Hütchchi jubilierend herunter, mich nach meiner Meinung zu fragen. Ich sagt« sie ihr in Gestalt von Küssen. Die anderen Mädchen er­schienen auch bald, und Mortimer, der den Brautführer spielen sollte, nahm die Uhr heraus und sagte:

Viertel vor zwölf. Es ist Zeit, zum Altar zu -eilen, glücklicher Bräutigam!

Wir waren übereingekommeu, daß wir beide zu Fuß nach d-er Kirche wandern sollten, weil sie ja nur -ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt -war. Die Damen sollten in passendem Abstand in -einem Wagen folgen, der bereits vor der Türe wartete. Di-e ganze Feier sollte

möglichst -einfach und -ohne Förmlichkeiten sein, den Umstän- den entsprechend.

Als Mortimer und ich auf die Kirche zugingen, sähen wir schon eine ganze Anzahl Neugieriger davor auf- und abwandeln und viele auch hineingehen. Ich achtete jedoch nur wenig darauf, weil ich meinem Freunde eine kurze Schilderung meiner gestrigen Erlebnisse gab und ihm meine Befürchtungen nahenden Unglücks aussprach. Ich bat ihn, während meiner Abwesenheit wogen möglicher Ueberraschun- gen auf der Hut zu sein. Während 'dieser Unterhaltung hatten wir die Stufen zur Kirche erreicht. Wir blieben einen Moment stehen, um vor dem Eintritt noch -ein paar Worte zu wechseln. Da klopfte mich plötzlich. jemand auf die Schulter, ich drehte mich schnell um und sah mich einem Polizisten gegenüber.

Sie sind wohl Doktor Williams, mein Herr, sagte er.

Ich kannte den Mann ganz gut, ich lächelte also und antwortete:

Natürlich bin ich Doktor Williams. Was wünschen .Sie denn von mir, mein Lieber?

Weiter nichts, mein Herr, versetzte er; so leid es mir tut, ich muß Sie verhaften.

Verhaften? rief ich. Heiliger Himmel! Weshalb denn?

Wegen -Ermordung Ihrer Tante Maria Donaldson in Putney.

19. Kapitel.

Ich schüttele die Hand des Mannes von meiner Schul­ter ab.

Sind- Sie verrückt? rief ich erregt, -oder halten Sie das etwa für einen Scherz?

Beides nicht, Herr. Ich habe den Verhaftungsbefehl gegen Sie in der Tasche. Ein solches Schriftstück werden Sie kaum als scherzhaft bezeichnen, und es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben als mitzukommen.

Da muß sicher -ein Versehen vorliegen, sagte Mortimer, der vor Aufregung ganz blaß geworden war. Eine solche Anklage gegen meinen Freund ist ja -einfach wahnsinnig, lächerlich.

Das mag sein, w-ie's will, versetzte der Konstabler, ich habe meine Pflicht zu erfüllen, und -es w-ürde für den Herrn am besten sein, wenn -er ruhig mitging-e.

Aber, entgegnete ich- ihm hastig, ich will mich -eben trauen lassen und -erwarte jeden Augenblick meine Braut. Ich habe keine blasse Ahnung, was diese Verhaftung be­deuten soll; und Sie müssen doch selbst einsehen, bester Mann, -daß ich jetzt unmöglich Weggehen kann.

Es tut mir ja sehr leid, mein Herr; aber -es hilft alles nichts, Sie müssen sofort mitkommen. Ihr Freund- kann ja hier bleiben und es der Dame aus-einandersetzen. Es ist ja 'ne fatale Sache das geb' ich zu aber immerhin besser, als wenn Sie hier auf offener Straße eine Szene auf führ en. Wir können hier durch den Durchgang ver­schwinden, so daß kein Mensch was merkt.