Ausgabe 
6.7.1912
 
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Neues vom Papstpalast zu Avignon.

Unter den großartigen Arbeiten, die die französische Regierung überall im Lande zur Erhaltung der nationalen Denkmäler durch- führt. ist wohl keine großartiger als die Wiederherstellung des alten Palastes der Päpste zu Avignon. Seit den Tagei, der Revolution war bis vor sechs Jahren dieses wundervolle Werk der go ,scheu Baukunst jammervoll als Kaserne inißbrarlcht worden. Die Wände waren alle einen halben Zoll dick weiß übertüncht worden, nut Ausnahme der Stellen, aus denen em bttdersturmerffcher Oberst unter Ludwig XVIII. einiae Fresken von der Mauer losgeschlagen hatte. Noch heute zeugen die Löcher von diesem barbarischen Tun. Auch von den herrlichen Glasmalereien ist manches verschwunden.

Als man vor sechs Jahren endlich den, schinachvollen Ztistaud ein Ende machte und die Regierung sich entschloß, die Soldaten aus den, Palast zu entsernen, da war nichts mehr in diesen iveiten prachtvollen Hallen und Gemächern, als einige bunte Glassenster, zuineist zerbrochen, kahle, weißgetünchte Mauern rmd eilte trübe Stimmung von Verwahrlosung und Versall. Das Werk der Wieder­herstellung des Papstpalastes routbe vor vier Jahren begonnen; über die bisherigen Erfolge iind den Fortschritt der Arbeiten be­richtet eilt englischer Korrespondent: Die Ausbesserung, deren Kosten aus gesamt 6 Millionen Mark veranschlagt werden, ist zu- nächst an dem schadhaften Mauerwerk vorgenommen worden; heule ist der Bau wieder aus einen Zustand gebracht, der sür die Dauer des ehrwürdigen Architektlirwerkes volle Garantie leistet, während man vorher allerlei Befürchtungen wegen des Zusammensturzes einzelner Steinpartien hegte. Große Glasfenster sind in genauester Nachahmung der ursprünglichen Originale erneuert. Die Ver­kleidung der weißen Tünche weicht mehr und mehr von den Riesen- wäuden und enthüllt dem entzückten Auge farbige Schönheiten, die ein überraschendes und hochinteressantes neues Bild von der -rre- eento-Malerei gewähren. Tie Päpste, die fast Dreiviertel des 14. Jahrhunderts hier residierten, haben nicht mit Schmuck gespart und die besten Künstler ihrer Zeit herangezogen, um ihre Zimmer auszuschmücken. Unter den bereits wieder sichtbaren und erneuerten Fresken ist eine besonders anziehend, die eine Gruppe von fischenden Leuten auf einem kleinen See mit einem goldglänzenden rechteckigen Ufer darstellt. Eine Gestalt in Rot, wahrscheinlich ein Gaukler, hält ein Fischernetz; der Kops ist mit einem Ausdruck des Spottes nach den Fischern zurückgewaudt, und so kommt in das ernste Bild eine komische Note, ein merkwürdig moderner ironischer Ton.

Der Palast selbst mit seinen gewaltigen viereckigen Türmen, seinen hohen dicken Mauern und den eleganten gotischen Spitzbogen ist ein ganz einzigartiges Bauwerk: Festung, Schloß, Gefängnis und Kathedrale zugleich. Wir stehen aus der Loggia, von der aus Seine Heiligkeit die im Hose versammelten Gläubigen zu segnen pflegte; der kleine Glockenturm steigt aus, einst geschmückt mit einer silbernen Glocke, die nur beim Tode oder bei der Erwählung eines Papstes geläutet wurde; man blickt wieder durch das viereckige kleine Fenster, an dem einst ein Offizier der Schweizergarde seinen Posten hatte, um auszupassen, daß keine unerwünschte Persönlichkeit bis zu der Spitze der großen Treppe vordränge; man wandelt durch die lichten Kapellen und die schlankgewölbten Hallen, in denen das heilige Kollegium sich vereinigte, um ein neues Haupt der kath. Christenheit zu wählen, durchschreitet das lauge Refektorium und die Küche mit ihrem ungeheuren Ofen, in dem ein ganzer Ochse gebraten werden konnte. So sind die Herrlichkeiten der allen Papst­residenz dem modernen Besucher von neuem erschlaffen; jedoch werden noch Jahre vergehen, bevor alles wieder im ursprünglichen Glanze prangt.

Vermischtes.

* Das Maschinenwesen vor hundert Jahren. Man wird sich nur schwer eine Ahnung davon machen können, mit welchen Schwierigkeiten eS vor einem Jahrhundert verknüpft war, eitt brauchbares Werkzeug aus Metall oder gar eine taugliche Maschine herzustellen. Das Thema ist gerade jetzt interessant, da man sich in Essen anschickt, das hundertjährige Jubiläum der Kruppschen Fabriken zu feiern. Die nachfolgend mitgeteilten Zu­stände aber existierten nicht einmal in Essen, sondern in England, wo das Maschinenwesen damals schon viel weiter entwickelt mar. Der int Jahre 1874 im Alter von 85 Jahren gestorbene englische Ingenieur Fairbairn, der Verbefferer der Spinnmaschinen, Erfinder der eisernen Schisse, einer Nietmaschine usw, bezeugt, daß noch im Jahre 1814 in allen englischen Maschinenfabriken sämtliche Ver­richtungen in Handarbeit bestanden. Dian kannte damals weder Hobel-, noch Frais-, noch Bohrmaschinen; die Drechselbank und der Drillbohrer waren in der Hauptsache alles, was dem damaligen Mechaniker zu Gebote stand. Dabei mußten diese Apparate mit der Hand geführt werden, sie standen also in der Genauigkeit der Arbeit selbst bei den geschicktesten Meistern den heutigen durch Dampf bewegten Arbeitsmaschinen weit nach. Nähmaschinen hätte man damals, selbst wenn Plan und Zeichnungen davon vollständig, vorgelegen, gar nicht Herstellen können, weil eine solche exakte Arbeit unmöglich war. Alle Erfinder jener Zeit ivaren genötigt die Maschinen, die sie erdacht, eigenhändig, ohne maschineÜe Beihilfe anzufertigen, wobei sie vorher meist erst dazu die erforder­

lichen Werkzeuge zu ersinnen und herzustellen hatten. Als der be­rühmte englische Mechaniker Clement im Jahre 1814 als Meister in eine Londoner Werkstätte eintrat, sand er das Handwerkszeug in so ungenügendem Zustande vor, daß er oft tagelang an der Schmiedesse zubringen, hämmern, seilen, bohren mußte, um das Gezählt zweckmäßig einzurichten. James Watt, der eigentlich« Erfinder der Dampfmaschine, konnte seine erste Dampfmaschine nicht recht in Gang bringen, da, es an genauen Borrichtungen fehlte. Auch er war genötigt, sich brauchbares und zweckent­sprechendes Werkzeug erst selbst herzustellen. Der erste Dampf­zylinder, den Watt gießen ließ, erwies sich als undicht und war überdies an dem einen Ende fünf Millimeter weiter als an dem andern. Ein guter Dampfzylinder darf aber in dieser Hinsicht keine Unterschiede über einen halben Millimeter zeigen. Und mit welchen Unkosten waren dazumal alle Arbeiten ver­bunden! Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa kostete das Polieren von Gußeisenflächen, das mit der Hand ausgeführt werden mußte, noch etwa 12 Mark pro Quadratfuß. Die Metall­hobelmaschine leistet in unserer Zeit eine weit bessere Arbeit für nicht so viele Pfennige. Die ersten durch die Hand hergestellten Stahlschreibfedern kosteten ein Pfund Sterling das Stück, freilich zahlte der Fabrikant Ferry den vierten Teil dieses Betrages Ar­beitslohn. Dafür waren sie aber lange nicht so gut wie unsere jetzigen Federn. Aber selbst, nachdem die Fabrikation schon sehr weit vorgeschritten war, kosteten sie immer noch etwa eine Mark pro Stück. _____________

Sprachest &es Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.

Polizeilicher Schutz des Straßenbildes. Unser heutiges Geschlecht ist infolge der vielfachen Bestrebungen, das künstlerische Empfinden des Volkes zu heben, sehr empfindlich geworden gegen die Verunzierung des Straßenbildes tmrch schreiende Reklame" und stillose Bauten, und wir loben es, wenn die Be­hörden da im Notfälle einschreiten. Aber davon hat man noch nirgends etwas gehört, daß auch gegen stilwidrige Sprachmengerei auf Geschästsschildern oder in Schaufensterauslagen eingeschritten würde, und doch ist auch dergleichen für ein künstlerisch geschärftes Auge überaus peinlich, ja oft unerträglich. Nur alHuhäufig wird die sprachliche Einheitlichkeit und Schönheit unseres Straßen­bildes von deutschen Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden gestört durch Aufschriften tote Merchant tailor, The Continental Bodega Company, Prince of Wales, The Gentleman, Carlton Hotel, Hotel Westminster, Auto-Garage, oder en gros et en detail, Nouveautö, Depot, Export, Hotel de Prusse usw. usw. Wer hier sind weite Kreise merkivürdig unempfindlich: es handelt sich ja nur um die Sprache! Um so mehr ist es die ernste Pflicht aller Freunde der Muttersprache, gegen derartige Verhunzungen des Straßenbildes Verwahrung einzulegen und die, welche un­wissentlich hierin sündigen, über ihre sprachlichen Pflichten auszu­klären, die groben Sünder dagegen, bei denen mildere Mittel ver­sagen, mit den stärksten Waffen, vor allem durch Benutzung der Presse, zu bekämpfen, um der Muttersprache unter allen Um- ständen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Zeigen wir, daß wir, bis auch hier die Polizei eingreift hoffentlich wird das unnötig sein, selber gewillt und fähig sind, die Sprachpolizet aus­zuüben; bringen wir auch auf diesem Gebiete den schönen Ge­danken von dem Schutze des Straßenbildes gegen Bernnitaltung zur Geltung, daß sich Einheimische und Fremde in gleicher Werse daran erfreuen können!

* Selbständig. Buchhalter:Herr Meier, ich bitte unt meine Entlassung. Ich möchte mich selbständig machen und hei­raten." Chef:Wissen Sie was, heiraten Sie meinetwegen, aber bleiben Sie bei mir." Buchhalter:Aber ich möchte gern selbständig"> Chef:Ach, dummes Zeug! Wenn Sie heiraten, sind Sie ja erst recht nicht selbständig!"

* Richtig.So ein Inserat ist doch ein innerer Wider­spruch."Wieso?"Wenn es in der Zeitung stehen soll, muß es hinein gesetzt werden!"

Silbenrätsel. -

tt, ct, ei, ei, il, ntßc, na, ne, pel, ra, ra, reth, sa, se, st, ta, tis, tt, tus, za.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anscmgs- öuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach eben gelesen, den Rainen eines Bildhauers ergeben. Es be­deuten aber die einzelnen Wörter folgendes:

1. Nebenfluß der Donau.

2. Französischen Dichter.

3. Biblischen Namen.

4. Insel int Persischen Meerbusen.

5. Römischen Schriftsteller.

6. Stadt in Baden.

7. Kleine Raubtiere.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummerr St Oppeln Stoppeln.

Reaktion; K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»