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®te alte Frau nahm jetzt ihren Korb von der Achtel und setzte ihn zu Boden.
Sie erzitterte. — Nun sprach sie kein Wort mehr, raffte dm Neigenkorb mühsam wieder auf und stelzte mühsam davon. Wer einen Blick, einen Blick des glühenden Hasses, stieß sie nach dem Burschen, daß diesem das Lachen auf den Lippm erstarb. — Und sie schritt den Setchfad entlang, der bis dicht an Czernerowja führte und dann in einen breiten, von Feldgeräten, Ackerwagen und Schafherden vollständig zerwühlten Weg einmündete.
Da stand eine Holzbude, schief und wacklig, ein Garten davor, beschattet von einer Marone. Tie Bude gehörte dem Gemeindehirten Tvgrigotza. — Jin Garten hockte nach Serbensitte ein Mädchen und flocht sich ihr langes, kastanienbraunes Haar und sang dazu in wilder Melodie ein altserbisches Kriegslied:
„Komm „Knab", und spann den Bogen, Erklimm des Berges Grat, Und wo des Meeres Wogen, Der Felsen wilder Pfad Die Türkengrenze schneiden -e Dort steh und halte Wacht!
Dort kämpf!
Und töte über Nacht
Den Türken Oder stirb!" Sie sang es schnell, rasend schnell, und zuletzt' war sie aufgesprungen und schien sich selbst au ihrem' Liede berauscht zu haben.
Da rief sie die alte Mutter Wranja: „Wjaranja!"
Sie schrak zusammen, und als sie die Alte erblickte, machte sie eine unwillige Gebärde und wollte gehm.
Sie war schön, beim Barte Nikitas, des Gospodars, sie war schön, — und Feuer mußte sie haben! Alles an ihr war Leben, heißes, pulsendes Leben!
„Wianeronja, mein Täubchen, wie bist du wieder schön heute! Wie die Welle des Meeres, so frisch, und 'wie eine Rose aus des Königs Garten, so blühend. — Und Georgewitsch, — dein George- witsch läßt dich grüßen. Bald kehrt er heim." .
„Mein Georgewitsch?" — Sie spielte mit dem Ende ihres Zopfes und sah zu Boden. — „Ich habe keinen Georgewitsch. — Und er kann bleibm, wo er ist."
Ta erzitterte die Alte wiederum und setzte den Korb Feigen nieder und starrte nach dem schönen Mädchen. — Das wandte sich ab und ging in das Haus.
. „Es ist schade um dich! Georgewitsch wird dich töten, du . .!" rief sie ihr nun noch nach und ging dann gesenkten Hauptes Nach ihrer Hütte. — Den Feigenkorb ließ sie stehen.
Wenige Minuten später kam Rojao, der Bruder Georgewitschs, ein zwölfjähriger Bursche, aber geschmeidia, stark und berggewöhnt, der die Flinte handhabte wie ein alrer Krieger, und einer der besten Grenzschmuggler im Orte war. — Der rief über hm Zaun: „Wjaneronja?! 'Du, höre mich!"
Sie schaute zur Tür heraus.
„Freist du Milosch oder Georgewitsch?"
„Was gehts dich an?"
„Antworte!"
„Nun denn, Milosch wird mein Herr !"
„Er stirbt! — Heute noch stirbt er!"
'Da trat sie an den Zaun, jetzt bleich imb' zitternd, und fragte weich und ihre großen, wunderbar schönen Augen erglänzten in Tränen: „Willst du ihn töten?"
„Ha — ich?! Wie könnt ich meinem Bruder, dem Edlen, dem Starken, das antun! Er wird ihn töten und dich dazu!"
Und er nahm den von der Mutter zurückgelassenen Feigenkorb auf und trug ihn heim. ■— Und als es dämmerte, da eilte er nach Cetinje. Rastlos, in wilder Hast stürzte er vorwärts, den langen, steinigen, ost steilen Pfad. — Wer, was war das? Je näher er der Landschaft kam, desto lebendiger wurde es auf den Wegen. — Bauern und Holzner und Männer aus den Bergen Mit wilden Gesichtern und haßglühenden Augen, Rache und Zorn auf der Stirn geschrieben, strömten der Stadt zu. — Und als der Morgen graute und Rojano die Dächer von Cetinje sah, da wimmelte es von Menschen. — Es waren aber nicht die faulen, wortkargen, finsteren Montenegriner, es waren Menschen, in denen jahrzehntelang aufgespeicherter, unterdrückter Haß gegen die Muselmanen aufgeglüht war und nun in wilder Flamme lohte, und dieser wildflammende Haß wurde nun zu einem einzigen Schrei: Krieg!
Und Rojano stand mitten unter den Tausenden vor dem Konak und war der schlimmsten Schreier einer, und als Nikolaus, der König, <t ui dem Altan des Konaks erschien, da wurde der Bursche fast wild vor Begeisterung. — Und eine Stunde später stand er vor seinem Bruder, der gerade sein Bündel schnürte, um heim zu eilen, der Mutter ünd dem Bruder und der schönen Wjaneronja, seiner Braut, Lebewohl zu sagen unb dann in den heiligen Krieg zu ziehen. —
„Rojano, du in Cetinje?! Du müßt mit in den Krieg. Jedes Muß mit, jeder, der Kraft hat, eine Flinte zu tragen."
Des Bruders Augen leuchteten. — „Verdammt will ich sein, wenn ich nicht ein Dutzend Türken töte!" — Und du, du hast erst einen anderen zu erwürgen, ehe du in die Berge gehst."
Georgewitsch stutzte. — „Was heißt das? — Tu willst doch
nicht etwa sagen, daß einer in Czernerowja es wagte, meine Wjaneronja. . .?"
„Tas will ich sagen! — Milosch ist der Hund."
„Er stirbt!"
Und schweigend, ohne auch nur ein einziges' Wort zu wechseln/ kehrten sie heim, zehn lange Stunden schwersten Pfades. — Rojano war halbtot vor Erschöpfung, als sie in ihre Hütte traten. Zwanzig Stunden Marsch war selbst für diesen Sohu der schwarzen Berge zu viel.
Wieder ging die Sonne heim.
Tie Mutter saß am Herd und preßte Oel und nickte dem Aeltesten zu, als er eintrat. Das war ihre Begrüßung nach Mei Jähre langer Wwefenheit in der Fremde.
'Der Sohn aber küßte der Mutter die Schulter und sagte! dann: „Nun bin ich da!"
„Ja, Georgewitsch. Nun gehe hin und töte ihn, dann nimm deine Waffe und kehre zurück nach Cetinje, der Gospodar braucht dich!"
„Ja, Mütter."
Er stieg die kleine, brüchige Holztreppe empor, die zum Giebel führte. Tort lag, blank geputzt, ein krummer Türkensäbel und in der Ecke lehnten zwei Flinten alten Systems und ein Schock Patronen lagen in einer Pappschachtel.
Georgewitsch nahm» den Säbel, stach mit der Spitze ein Loch in seinen Lederwams und schob nun die blanke, krumme Waffe hindurch. 'Er prüfte die beiden Flinten, nahm die schwerere von beiden und stopfte sich die Tasche voll Patronen.
Als er wieder in die Stube trat, reichte ihm die Mutter eine Schale Schafsmilch, die er mit einem Zuge austrank. Die Alte sah ihm dabei zu und sagte, während er trank, trocken und hart: „Töte auch Wjaneronja!"
„Mutter!"
„Du mußt! — Wie willst du gegen die Muselmanen kämpfen, wenn du nicht kannst eine Treulose töten. Kaltes' Blut und hartes Herz muß der Krieger haben, sonst ringt er den verhaßten Halbmond nicht nieder."
Und er ging. — Nacht lag über bem' See, feuchte, finstere Nacht. In der Schenke schrie und johlte und lachte man, Weiber tanzten und Burschen schossen vor Kampsgier ihre Flinten in die Luft ab und alte, schmierige Zigeunerweiber schlichen durch die Zechbänke und haschten nach den Händen der Kriegsmutigen und weissagten aus den Handlinien, und alle weissagten Ruhm und Sieg und Freiheit.
Und der Nachtwind schlug sich in die Täler und packte die Wellen des Skutarisees und schüttelte sie und wühlte sie auf, und es war ein Heulen und Wogen am Montenegrinischen Meer, als wollten die Wasser die schwarzen Uferberge verschlingen. — Georgewitsch ging ruhigen Schrittes an der Schenke vorüber, bog in den Ackerpfad ein und stand nun vor der Bude des Gemeindehirten.^
Der steinalte Tvgrigotza hockte am Tisch und putzte an einer alten Jagdflinte. — Wjaneronja, die Schöne, saß neben ihm und fang, jetzt kein Kriegslied, sondern eine wehmütige Weise, die den einsamen Lauscher draußen am Zaune weich stimmte. Ihm wurde ganz eigen zu Mute. War es bloß, das Sieb bes Mädchens, oder war es die Liebe, die die Oberhand gewann, als er die Schönste des Dorfes, die doch eigentlich sein war, wiedersah'? Oder rührte ihn, daß der Kriegsruf, der heute auch bis in dies Nest der Berge gedrungen war, auch den alten Togrigotza, der kaum noch laufen konnte, zum heiligen Kampf gegen den Erbfeind anspornte.
Wie der Alte seine Flinte liebevoll anblickte, wie er jedes Teilchen säuberte und musterte. — Und jetzt stand Wjaneronja! auf, reckte und dehnte sich und warf das prachtvolle Haar, das sie jetzt offen trug und das bis zu den Knöcheln reichte, mit einen anmutigen Bewegung in den Nacken. Sie war von wahrhaft! königlicher Gestalt, hehr und schlank und doch üppig in bett Formen. Dem Burschen am Fenster klopften bie Pulse, er bückte sich, und etwas Tierisches, etwas Wildes war jetzt in seinem Wesen.
Und er dachte: „Ties Weib, dies herrliche Weib ba brüt soll nicht mehr mir gehören? Ein anderer hat sie mir abgejagt!" Er schnellte sich jetzt mit einem Ruck empor und lief von bannen,: dem Hofe Miloschs zu.
Auch da war noch Licht'. Ein bissiger Köter fuhr auf Georgewitsch ein, aber mit einem Fußtritt machte er ihn stumm. Er trat an das Fenster. Es war offen. Drin saßen vor xineM! Becher blutroten Weines Milosch und sein Vater, der reiche Wuko- titsch. Auch sie sprachen vom Krieg.
„Wann gehst du nach Cetinje, Milosch?" fragte der Alte, der an Krücken ging.
„Morgen in der Früh, ehe Georgewitsch erst heimkommt, von der Mutter Abschied zu nehmen."
„Und schwörst du mir, Milosch, keinen der Muselmanen zu schonen?! Keinen — hörst du?!"
„Ich schwöre es dir, Vater."
„So segne ich diesen Kampf und dich, Mein Sohn! Und wer toerben siegen!" — Georgewitsch hob fein Gewehr und schob es durch das Gitterfenster. Tann rief er kurz: „Milosch!" — Die beiden sprangen vom Weine auf und starrten nach dem Fenster.: Das haßverzcrrte Antlitz Georgewitschs blickte wie der gierige Tod, bleich und starr, ins Simmer. — „Was willst du, Georgewitsch?"
„Dich töten!"


