Ausgabe 
6.6.1912
 
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willig im Nebel untergetmtM um daun gleich dem Adonis im Mythos, voll neuenr empor zu steigen, herrlicher und lugend- lrcher denn Mützen Sie," schloß Favier seine Erzählung,das entzückende Wesen, welches wir eben bejubelten, es ist oas näm­liche junge Mädchen, das ich damals irrt Hause unter den Lor> beeren gesehen... an jenem regnerischen Septemberabend. . .

Napokeon-plMtasien.

Tie Geschichtswissenschaft, deren Hauptaufgabe die streme, nüchtern-objektive Kritik ist, hat doch auch wie jedes andere Be­reich menschlicher Tätigkeit mannigfache Phantasien gezeitigt, ine es an Kühnheit der Einbildungskraft und unwirklichen Träunmn mit den sonderbarsten Produkten der Dichtung aufnehmen. So hat man uns beweisen wollen, daß Shakespeare keine Zeile seiner Dichtwerke geschrieben habe, daß Rembrandts Bilder aus dem Atelier -eines seiner Schüler stammen, und vieles andere.

Tie tollsten Phantasmen dieser Art aber haben sich wohl um die uns historisch doch so nahe Gestalt Napoleons kristallisiert, und voil einigen der ausschweifendsten Blicken dieserNapoleon­forschung" erzählt uns Paul Ginisty in einem Aufsatz des Jour­nal de Tsbats. Eine Satire auf die gelehrte Geschichtsforschung überhaupt ist das bekannte Werk von J.-B. PorösWenn Na­poleon niemals gelebt hätte. . Hier wird in ironisch-amü­santer Weise dargestellt, daß in einigen tausend Jahren ein Alter- tumsforscher Dokumente aus der napoleonischen Zeit findet und nun nachweist, dieser Herrscher habe niemals existiert, sondern die von ihn! berichteten Legenden seien die symbolische Schilderung eines Sonnenmythos. Napoleon als Abbild des befruchtenden und zerstörenden Himmelsgestirns, die Erzählungen von seinen Taten im Lichte der alten Hymnen und Bolksepen! Ein anderer historischer Phantast ist Carni, der Verfasser eines Werkes, das den NamenMessias Napoleon" führt. In diesem Buch wird mit einem großen Aufwand von Mühe und Scharfsinnnachgewiesen", daß die ganze Geschichte Napoleons von Corsika bis St. Helena bereits von den Propheten des Alten Testaments vorausgesagt worden ist. So soll die schonungslose Unterdriickung des Aufstandes am 13. Vendsmiaire durch Napoleon in den Worten des Pro­pheten Nahum enthalten sein:Und sind ihre Kinder auf allen Gassen zerschmettert worden, und um ihre Edlen warf man das Los, und alle ihre Gewaltigen wurden in Ketten und Fesseln gelegt." (III, 10.) Der Staatsstreich von 18. Brumaire wird durch die Worte des Jesaias prophezeit:Dann ,wird einer seinen Bruder aus seines Vaters Haus ergreifen: sei du unser Fürst, hilf du diesem Einsturz." (III, 6.) Tie Proklamation des Kaiserreichs ist in dem Verse des Saharja ausgedrückt:Und er sprach: setzt einen reinen Hut auf sein Haupt! Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an und der Engel des Herrn stund da." Tie Reiche, die Napoleon an seine Brüder verteilte, find in dem Gesicht ber Daniel (VIII) vorhergesagt, in dem von den vier Königreichen gesprochen wird, dieaus dem Volke entstehen werden, aber nicht so mächtig, als er war." Bei Hosea ist die Trennung von Josephine angekündigt. Tie Höhe der napoleonischen Macht soll von Micha in seinem letzten Kapitel in allen ihren Einzelheiten geschildert sein. Tie Voraussetzung des unheilvollen russischen Feldzuges wird in den Worten des Daniel Munden:Er wird mit einem Heer kommen und wird erobern di« Festung des Königs des Nordens und wird große Taten tun, aber er wird dadurch nicht gestärkt werden, beim der König des Nordens wird wiederkommen, weder die Armee des Südens noch ein ansgewähltes Volk werden ihm wider­stehen können." Diesem merkwürdigen Historiker sind bei der Durchforschung der großen und der kleinen Propheten alle Einzel- Sfeiten der napoleonischen Geschichte klar geworden, von Kleinig- eiten, rote der Verschwörung des Generals Malet, bis zu der Verbannung nach Elba und dem Tode des Herrschers.

Als eine rein dichterische Utopie gibt sich dagegen das zuerst im Jahre 1836 erschienene Buch von Louis GeoffroyNapolson apocryphe", das an die Stelle des wirklichen Geschehens eine Ausmalung der weiteren Laufbahn des Welteroberers setzt, nachdem es ihm gelungen, Rußland zu besiegen. Er erobert in dieser Phan­tasie Schweden, setzt Bernadotte als König ein, vernichtet Eng­land durch die Entscheidungsschlacht von Cambridge; die Regierung Über dieses Land wird seinem zweiten Sohne Vorbehalten; er unterwirft schließlich die ganze Welt, Amerika erkennt ihn frei­willig als Herrscher an; aber am Ziele seiner ungeheuren Pläne Uhlt er eine schreckliche Einsamkeit und Langweile. Unglücklich und unbefriedigt als unumschränkter Fürst der ganzen Welt, stirbt er 1832 am Schlage. . .

Vermischtes.

' Das Haus in der Bildersprache. Bon der Zeit an, da der Mensch fein bewegliches Zell in das dauernde Haus umwandelte, ist er mit diesem seinem schützenden und bergenden Heini auss engste verwachsen. Was Wunder, wenn das Haus auch in seiner Bildersprache von jeher eine bedeutsame Rolle gespielt hat

und noch heute spielt? Sein Körper wird (2. Petr. 1, 13. 14) nist einem Hause verglichen, er selbst kann ein altes Haus {ein, au$ altem Hanfs stammen, aus hohem, regierenden, rote z. B. ein Ab. kömmling des Zollernhauses. Die Gesamtheit seiner uerfaffungs. mäßigen Vertreter nennt er Abgeordnetenhaus, die Mitglieder eines Handelsgeschäftes gehören ihm zum Handlungshause, die Beamten einer Bank zum Bankhause, die Zuhörerschaft eines Theaters ist ihm mit Schillerdas schweigend horchende Haus". Treibt er Stern« beuterei, so teilt er den Himmel in Häuser ein, den Samenbehälter des Kernobstes nennt er das Kernhaus, selbst seine Uhr hat ei« Gehäuse. Er selbst lebt, vielleicht gar noch im Anklang an das altgermanische Holzhaus oder seine Umfriedung, sicher in seine« vier Pfählen. Ordnet er vor seinem Abscheiden seine Hinterlasse«, schast, so bestellt er sein Haus; ist er vertraut mit einer Sache wie mit seinem Heim, so ist er in ihr zu Hause; bringt er unwahre Dinge an die Oeffentlichkeit, so sollte er lieber damit zu Hause ge­blieben fein, um so mehr, wenn er von Haus aus als verlogener Mensch bekannt ist und nichts als haushohe Unwahrheiten vor- bringt. Kluge Leute halten Haus mit dem Ihrigen, es fällt ihnen nicht ein, über ihre Mittel hinaus ein großes Haus zu mache«. Ist der Mensch krank, so hütet er das Haus; läßt er sich bei jedem geringfügigen Anlaß stets jählings aus seiner Ruhe (ber Ruhe seines Hauses) reisen, so ist er immer gleich aus dem (seinem) Häuschen (Goethe: außenn Haus); ist er in Gesinnung und Ausdruck schwimg. los und derb, so nennt man ihn hausbacken, mag er hausen, wo er will. Bon dessen Wesen und Worten ist man zumeist wenig erbaut, desonbers, wenn er auch noch hier und da plump mit der Tür ins Haus fällt. Aber nicht nur das Haus als Ganzes ist in der Bildersprache reich vertreten, auch seine wichtigsten Bestand­teile begegnen uns in ihr auf Schritt und Tritt. Wird der Mensch von schweren Schicksalsschlägen getroffen, so kann er dis in die Grundfesten erschüttert werden; ist er vor Schäden gesichert, so ist er gedeckt. Dein Dach kann gastfrei und wirtlich sein; ist es im- wirtlich, so kann er seine Gründe dafür haben, und man darf ihm deshalb nicht gleich aufs Dach steigen. Schlimm ist es, wenn et einen Sparren zu viel hat, oder wenn es gor in seinem Ober­stübchen nicht richtig ist, wenn einzelne Gegenstände darin verrückt sind, so daß sie sich nicht mehr au der gehörigen Stelle besinde«, In einer Recl n mgs- oder gar Regierungskammer kann man ihn dann jedenfalls nicht verwenden, und die Klinke der Gesetzgebung muß ihm ferngebalten werden, widrigenfalls Unglück und llnheil vor der Tür stehen würden. Er muß ja dann nicht gerade lügen, daß die Balken krachen, aber immerhin sind mißtrauischen Gedanken ihm gegenüber Tor und Tür geöffnet, und niemand wird ihn sonderlich gern an seinem Herde aufnehmen. Was nützen ihm Augen und Ohren? Fenster der Erfahrung sind sie für ihn zmt auch, aber sie sind trübe und angelaufen und lassen ihn die Singt nicht sehen, wie sie wirklich sind. Wird er dann auch noch von böswilligen Menschen betrogen, so kann er das ihm Geschuldete ivohl in den Schornftein schreiben, aber er wird es lange darin lesen müssen, da er nur schwer |o viel verdienen wird, daß fein Schornstein raucht. Söhus (Hannover).

kf. Das Orchester der Einarmige». In bem amerika­nischen Staate Oregon gibt es wohl das merkwürdigste Orchester der Welt, nämlich das Orchester der Einarmigen, das aus acht Musikern besteht, die alle in den Spinnereien Oregons einen Arm verloren Haden und zwar sieben den rechten, der achte den linken. Die Seele dieses Orchesters ist B. R. Amend. Dieser Musiker kam, als ein Maschinenunfall ihn um einen Arm gebracht batte, auf den echt amerikanischen Gedanken, nach Leidensgefährten zu suchen und mit diesen zusammen die (iinarmigfeit auszunutze». Wirklich fand er nach kurzer Zeit noch sieben Einarmige und seit­dem musiziert das Orchester in beit Städten Oregons, wobei natürlich nicht klassische Musik vorgeführt wird, sondern moderne Tanzweisen gespielt werden. Zn den seltsamsten Vorführungen bei Orchesters gehört wohl das Guitarrensolo, das aber nicht einer von ihnen allein ausführt, sondern bei dem zwei aus dem gleichen Instrumente spielen I

Bilderrätsel.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung der Charade in voriger Nummer: G l ü ck st a d!.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. 8ai*gn, Wiesle*