Ausgabe 
6.6.1912
 
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einem regnerischen Sept'emVernachmitiag waren wir gegen vier Uhr von Narbvnne abgefahren und nahmen die Route nach Be-iers. Ein Hundewetter. Es nieselte bei einem leichten Nebel. Die Nacht sank herab. Es' war unmöglich geworden, ein beschlew- nigtes Tempo einzuhalten, da wir nur zwei kleine .Laternen be­saßen »und es unterlassen hatten, uns mit einem Reflektor zu versehen. So liefen wir etwa 15 Kilometer in der Stunde, als plötzlich, an einer Wendung der Straße, die noch dazu gerade da sich verengte, dicht vor uns die geschlossene Rampe der Eisen­hahn austauchte, kaum' drei bis' vier Meter weit entfernt. Delaigle bremste vergebens, vergebens unterbrach er den Kontakt. Der Unprall erfolgte, wiewohl abgeschwächt, die Laternen gingen dabei in Trümmer und die Brustwand wurde beschädigt.

Delaigle fluchte ergrimmt gegen Götter, Menschen und Wetter.

Auf das Geräusch, das unser Anprall verursachte, lief die erschrockene. Bahnwärtersfrau herbei. Sie bot sich an, unser Auto in ihrem Hühnerschuppen unterzubringen und teilte uns auf unser Befragen mit, daß das nächste.Dorf 10 Kilometer weit entfernt! sei. Was tun? Die arme,FraU konnte uns nicht beherbergen/ Und Uns dem offenen Auto.vermochten wir auch nicht zu schlafen. Umsomehr, als der Hunger uns quälte.

Auf Unser Beharren, sie möge doch irgend ein Gehöft oder eine Herberge in der Nähe bezeichnen, sagte endlich die Frau Nach einigem Zögern:

Es ist dasLorbeeren"-Haus nicht ferne, aber man wird Sie nicht empfangen."

lDas werden wir sehen. . . Wo .Mrt der Weg dahin, sagte mein Freund.

Verfolgen Sie diesen Fußpfad, etwa fünf- bis sechshundert Seter weit; das Haus befindet sich hinter diesem Hügel. Mer mache Sie aufmerksam, Sie werden nicht eingelassen." Gut, darauf find wir neugierig," wiederholte Delaigle, und beherzt schlug er den bezeichneten Pfad ein. Ich folgte ihm. Wenige Minuten später tauchte vor uns ein dichtbestandener/ dunkler Lorbeerhain auf. Am jenseitigen Ende einer kleinen Lichtung erhob sich ein geräumiges, vierfrvntiges Haus, iit nächt­liche Waldesstille getaucht und sämtliche Fensterläden dicht ver­schlossen. Davor angelangt, zog Delaigle eine elektrische Taschen­laterne hervor und beleuchtete die .Hauptfassade, indem er den Eingang zu finden suchte. Eine Glocke war nicht zu entdecken. Wir pochten mit einem Stocke ans Tor. Endlich, nach einigem' Harren, öffnete sich im ersten Stockwerk ein Flügel, und eine Stimme tönte herab:

Wer sind Sie? Was wollen Sie?"

Ich heiße Delaigle," entgegnete mein Freund,Und bin gut bekannt hier in der Umgegend. Ich befinde mich in der Gesellschaft von M. Favier, einem ..Pariser Journalisten. In­folge eines Automobilunfalles können wir unsere nächste Station nicht mehr erreichen und wünschen deshalb- Gastfreundschaft für die Nacht Und etwas' zum essen, damit wir nicht Hungers sterben."

Der Fensterflügel schloß sich wieder, ohne daß eine entscheidende Antwort uns geworden wäre. Beunruhigt und außer uns, be­richtigten wir schon das Tor .einz-urennen, als ein Guckloch daran geöffnet wurde. Man betrachtete .uns. Das Examen war zweifelsohne zu unseren Gunsten ausgefallen, denn man öffnete und geleitete uns in eine Art von weitläufigem Salon, den ein großer dreiarmiger Kandelaber nicht bis in seine innersten Tiefen zu beleuchten vermochte.

Da verblieben wir, unsere Lungen von jenem' eigenartig stickigen Gerüche benommen, wie er Wohnräumlichkeiten eigen ist, die durch lange Zeit unbenMt und geschlossen gehalten wurden. Nach zirka einer halben Stunde öffneten jich plötzlich die zwei Tür­flügel eines Speisesaales, der von glänzendem Lichte überflutet ivurde. Ein Bedienter lud uns .ein, an! einer Iafel Platz zu nehmen, die von Silber- und Porzellangeschirr überschwemmt war.

Aber, das ist ja ein Schloß aus einem Feenmärchen?" meinte ich leise und verwundert. , <

vDas letzte romantische Asyl," entgegnete .mein FreUnd.

Obgleich es nur aus kalten Gängen bestand, erschien das Mahl uns ausgehungerten Schiffbrüchigen nicht minder vorzüg­lich als ein Diner bei .Paillard. Behende und schiveigend wie eilt Gespenst aus einer deutschen Ballade, füllte der Bediente die verschiedensten köstlichen Weine in.unsere Pokale.

Nachdem sich unsere Mägen gestärkt .hatten, gewann der Geist die Oberhand und damit der Takt.

Nun möchte ich gern unserem.Wirte danken," meinte mein Freund.

Könnte man Ihren Herrn sprechen, .um ihm Dank zu sagen?" fragte ich den Diener.

Er entgegnete nichts, verneigte sich bloß und verschwand.

Als er zurückkehrte, präsentierte er uns aus einer silbernen Platte eine Karte. Wir lasen: .

Ich kann eine Schranke nicht.übersteigen, die ich mir selbst 'aufgerichtet habe. Ich danke Ihnen, daß Sie auch Ihrer Wirtin gedacht haben und übermittle Ihnen hiermit meine besten Emp­fehlungen. C."

Welch mysteriöse Behausung!" murmelte mein Freund. Und zum Diener sich wendend:

Also übernehmen Sie es, Ihrer Herrin nochntals unsere Dankbarkeit auszudrü'cken."

Einen Leuchter in der Hand, geleitete uns der Diener nach unseren aneinanderstoßenden Schlafgemächern. Ich hörte bald darauf, wie Delaigle schwer wie ein gewichtiger Bleiklumpen, sich aufs Lager fallen ließ und ein regelmäßiges Schnarche» benach­richtigte mich alsbald von seinem festen Schlaf.

Das sonderbare Mysterium, das diese Gastfreundschaft umgab, die zögernden Worte der Bahnwärterssrau und ihre wiederholten Warnungen vor deniLorbeeren"-Haus, beunruhigten mich. Der Schlummer widerstand meiner Müdigkeit. Ein leichtes Fieber ließ mich von einer Seite auf die andere ivälzen. Da ich es auf meinem Lager nicht länger aushielt, erhob ich mich. Es war keineswegs schon spät. Kaum zehn Uhr.

Ich stieg nach dem Speiseraum hinab, in der Wsicht, da­selbst irgend eine Erfrischung zu nehmen.

Aber der Anblick, der sich hier mir darbot, bannte mich vor Verwunderung an der Schwelle fest.

Ein junges Mädchen von etwa fiinfzehn Jahren, in Hellem und durchscheinendem Gewände, die Arme in weiten, duftigen Aermeln, zur Hälfte entblößt, überwachte da zwei Bediente, die das kostbare Geschirr, darauf wir getafelt, in einem Schranke verwahrten.

Zierlich und gebrechlich, von der Art der Statuetten ans Sevrcs oder Tanagra; eine kleine Marquise, aus einem Gemälde von Laueret oder Pater, hatte sie jenes rätselhafte und unbe­fangene Lächeln, wie wir es bei Bühnenkindern sehen, das Jung­fräulichkeit mit der Finesse der Buhlerin paart. Ihre langen Wimpern milderten den feurig-genialen Blick ihrer Augen und hie scharfen Spitzen ihres jungen Busens widerstanden siegreich dem beengenden Mieder. Ihr Teint und die Arme hatten die matte Farbe edler Majoliken und ihre Lippen schienen feucht- glänzend zu bluten, über dem' elfenbeinernen Schmelz ihrer Zähne. Im übrigen ist es mir schier unmöglich, den Eindruck in Worte zu fassen, welchen die Schönheit dieses Kindes auf mich aus- geübt hatte, eine Schönheit, die mir aber so meinte ich wenigstens schon bekannt war. Irgendwo- wahrscheinlich in einem Museum bin ich schon einmal diesem vornetzm-feierlich- stillcn Jungfraucnantlitz begegnet, etwa in einem Gemälde Van Dycks, und diesen Lippen, dieser Haltung, dieser Geste, die an die erhabensten Schöpfungen Van Loos erinnerten.

Ms sie sich zufällig umwendete, und meiner gewahr wurde, Machte sie unwillkürlich teilte erstaunte Bewegung. Tab er ließ sie einen leisen Schrei, wie den eines Vögelchens vernehmen. Daraufhin erschien «ne andere Frau, in der schönsten Reife der Jahre, etwa um vierzig, und die in einer ausgestalteteren Forni dieselben Züge, dieselben Reize aufwies, als das von mir bewunderte junge Mädchen. Ms sie mich merkte, wollte sie sich zurückziehen. Doch rasch begriff 'sie, daß es hierfür zu spät war. Ohne weiteres kam' sie dann auf mich zu:

Seien Site mir willkommen, Monsieur Favier; ich habe Sie sofort wieder erkannt und Sie haben mich vergessen! Es ist sechs Jahre her, Sie standen damals am Beginne Ihrer literarischen Karriere, da brachte .Sie eines Abends ein Alt­meister der Pariser Publizistik, der heute schon tot ist, in einem' der fashionablen Varietes auf Montmartre in meine Loge. Coelia Centini hat nicht vergessen, mit welcher Begeisterung Sie ihr von diesen südlichen Landstrichen hier sprachen; ihrer majestätischen Einsamkeit und Schönheit. Zu jener Zeit, da fühlte ich mich schon im Absteigen begriffen. Meine Schönheit glich bereits her Rose, welche die ersten Herbststürme zu entblättern drohen. Ich trug mich daher mit dem Gedanken, meiner Profession möglichst rasch Valet zu sagen. Ich wollte nicht, in der unerbittlichen Helle der Rampe, nörglerischen Blicken das Dahinwelken eines! Leibes offenbaren, der lange begehrt gewesen; ich wollte ihnen nicht die letzten Reste einer verflackernden Glut zur Schau stellen. Ich habe mich in die Einsamkeit zurückgezogen, in die Abgeschieden- §eit dieses Landsitzes, wo ich niemanden empfange, mit Aus­nahme eines einzigen Freundes, der hin und wieder uns auf­zusuchen komUtt. So bin ich denn verschwunden aus der großen Welt, um in der Erinnerung aller jener, die mtdj gekannt und verehrt haben, ein Bild von jener Schönheit zuruckzulassen, die nicht altert und nicht verwelkt . . . Und so lebe ich fort tm Ge­dächtnisse aller, denen ich wert war, interner noch reizvoll und begehrenswert, bis zu dem nahen Tage, wo ich wiedergeboren sein werde, herrlich und von der Aureole der Jugend umgeben, in dieser da, Meiner Tochter, die mir nachfolgen wird. .

Und indem sie, mit der mir an ihr bekannten Geste, einen Kandelaber er^, beleuchtete sie ein großes Gemälde von Fantin- Latour, das ich vordem nicht bemerkt hatte, und in welchem ich die große Schauspielerin Coelia Centini wieder erkannte, deren Züge, Linie für Linie wiederersianden, fast herrlicher noch und anziehender und reiner, in dem Antlitz des lächelnden jungen Mädchens, das schüchtern mir zur Seite stand und neugierig mich betrachtete.

Ich blieb stuuim, gerührt von dein Stolz, dem Selbstbewußt- sein und dem Zartsinn dies« Frau, mit welchem sie es zu vermeiden getrachtet hatte, ihren physischen Niedergang zur Schau zu stellen. Tie es vorgeiogen hatte, vom Schauplatze zu verschwiichen, weit hinweg zu fluchten von der einst ihr so teueren Gesellschaft, um ihren Verehrern die Illusion ihrer unvergänglichen Reize zu belassen, die Erinnerung an einen glänzenden Stern, der ftei-