Ausgabe 
6.6.1912
 
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es h-ier überhaupt einen Sieger geben würde, dann war er es! Mochte kommen, was da wollte, nie sollte pie schöne, stolze Dagmar, wenn auch nur vor sich selbst, fich oamit rühmen können, einen Reitlehrer, der es gewagt hatte, die Augen zu ihr zu erheben, ganz gehörig haben abfallen" lassen!

Der Baron stand am Fenster, die heiße Stirn gegen die kalten Scheiben gepreßt, als sich die Tür öffnete und der Graf eintrat.

Was machen Sie denn hier, Baron?"

Der wandte sich schnell um:Ich fange Grillen, Herr Graf."

Auch 'ne Beschäftigung. Noch dazu eine, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Namentlich in dieser Zeit, wo man als Gutsherr doch eigentlich sehr wenig zu tun hat. Während der Ernte oder iin Herbst ist es ja etwas anderes, aber im Frühjahr > da besteht unsere ganze Tätigkeit darin, über die Felder zu reiten und nachzusehen, wie der liebe Herrgott das Korn wachsen läßt. Manchmal geht's zu langsam, manchmal zu flink, aber ändern kann man doch nichts daran. Uebrigens hätte ich eine große Bitte an Sie, es ist mir lieb, daß ich Sie hier allein treffe. Sie betrifft meinen Sohn Hans."

Ich wollte, er wäre erst hier." Fast unwillkürlich! kam es über die Lippen des Barons."

Der Graf verstand diese Worte ganz falsch. >,Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Baron aber offen gestanden mir wäre es lieber, er wäre schon wieder fort. Der Gedanke an den teuren Abschied macht mir schon jetzt manchmal Sorgen nicht des Geldes wegen, ob der Junge ein paar tausend Mark mehr ausgibt oder nicht, das wirst mich nicht um, aber trotzdem könnte es nicht schaden, wenn man ihm nral die Augen öffnete. Ich habe die Angst, daß er bei seinem Bummeln in schlechte Gesellschaft gerät, und da kriegt man leicht einen Knacks weg, fei es an der Ehre oder auch nur darin, daß man sich öffentlich mit Menschen zeigt, in deren Kreis man nicht hineingehört, solange man noch selbst etwas auf sich hält. Und da wollte in) Sie Bitten, Baron, ob Sie dem Jungen nicht einmal die Augen darüber öffnen möchten?"

Der Baron blickte ganz überrascht auf:Ich, Herr Graf?"

Der sah sich um, ob sie auch wirklich allein wären, dann sagte er:Ich verstehe, daß meine Worte Sie über­raschen, und ich weiß sehr wohl, daß es in erster Linie meine Pflicht wäre, ihm den Standpunkt klar zu machen. Ich tue es ja auch aber mein Schelten kommt nicht von Herzen, und wenn ich ihn trotzdem tadele, dann sieht mein Junge bei allem Respekt, den er vor mir hat, mich immer mit jo eigentümlich blinzelnden Augen an, die mir da zu sagen scheinen: Papa, d u hast es nötig, dich über mich aufzuregen! Ich weiß ja, was du in deiner Jugend für Geschichten gemacht hast! Dagegen kann selbst tch beim besten Willen nicht an!"

Sie müßten diesesBlinzeln" Ihrem Herrn Sohn verbieten, Herr Graf."

Das sagen Sie so, Baron. Vielleicht täte ich es auch, wenn ich nur genau wüßte, ob der Junge wirklich blinzelt! Vielleicht bilde ich es mir nur deshalb' ein, weil ich in früheren Jahren in solchen Fällen meinem Pater gegenüber stets zu blinzeln pflegte. Das ist an­scheinend erblich in unserer Familie ebenso wie der Leichtsinn, solange wir jung sind, das Bummeln läßt sich in unserer Familie wenigstens bis aus meinen Ur- Ur-Urgroßvater zurückführen."

Der Baron lachte lustig auf:Da wird dann schwer etwas zu machen sein."

Der Graf stöhnte:Sie haben gut lachen! Im all­gemeinen stimme ich Ihnen ja bei, aber trotzdem: ich meine, versuchen könnte man es ja 'mal. Gerade aus Ihrem Munde würde es sicher Eindruck machen, denn wenn ich auch Ihr bisheriges Leben nicht kenne und kein Recht habe, danach zu fragen, so glaube ich doch, daß man auch von Ihnen sagen kann:o Fatinitza, was hast du alles durchgemacht"."

Trotz des scherzenden Tones des Grasen würde der Baron ernst:Ich danke, Herr Gras. Das genügt voll- stänmg. An den Stürmen, die über meinen Schädel dahingegangen sind, hätte mancher Andere mehr als genug gchabt. Jeder Dritte wäre alsgefällte Eiche" am Bodeü

liegen geblieben, aber ich wollte mich nicht unterliegen lassen. Und deshalb stehe ich heute vor Ihnen, mrr als Reitlehrer Ihrer Töchter, aber trotzdem als Baron, der jedem, und wäre es auch seinem Kaiser, die Hand geben und ihm ruhig in die Augen sehen kann> ohne erröten zu müssen."

Bravo," sagte der Graf.Das wußte ich auch schon alles vorher. Man sieht's Ihnen ja an, wer und was Sie sind, und gerade deshalb denke ich werden Ihre Worte auf Hans Eindruck machen. Sie dürfen ihn natürlich nicht in einestille Ecke" nehmen und ihm eine Stunde lang eine Vorlesung halten über Moral, Tugend, Sparsamkeit und ähnliche schöne Dinge, sondern Sie müssen ihm die Medizin sozusagen indirekt einfiltrieren, er darf gar nicht merken, daß er sie schluckt, und doch muß er sie schlucken, und zwar ganz gehörig. Der Bengel hat eine ausgepichte Kehle der kann vier Flaschen Cham­pagner trinken und ist dann doch genau so nüchtern, wie wir beide in diesem Augenblick. Ich war immer schon bei der dritten in jener halbseligen Stimmung, die die Mutter aller leichtsinnigen Streiche ist."

Es klang etwas wie ein leises Bedauern aus diesen Worten heraus, daß sein Sohn in dieser Hinsicht mehr leisten konnte, als er selbst in seiner Jugend.

Wieder mußte der Baron unwillkürlich lächeln, dann sagte er:Wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tue, können Sie natürlich auf mich rechnen. Aber ob es etwas nützt, muß die Zukunft lehren."

Schon während er sprach, hatte er einen Blick aus seine Uhr geworfen und steckte sie jetzt schnell in die Tasche zurück: ,,Um Gottes willen die Komtessen wer­den nicht schlecht schelten, es ist schon ein Viertel nach zehn, da muß ich machen, daß ich fortkomme bitte, ent­schuldigen Sie mich, Herr Graf."

Als er sich laufend der Reitbahn näherte, kam ihm Dagmar entgegen: sie war bereits wieder abgesessen und schickte sich an, ins Schloß zu gehen. In einiger Ent­fernung folgte der Stallknecht mit dem Pferde. Mer er winkte dem Burschen zu, wieder umzukehren.

Was soll das?" fragte sie scharf.Sie sehen doch, daß ich nicht mehr reite."

Sie dürfen für meine Unpünktlichkeit nicht mich, son­dern nur Ihren Herrn Vater verantwortlich machen, Kom­tesse. Er bat mich in einer für ihn wichtigen Angelegen­heit um meinen Rat, und die Höflichkeit, die ich als Gast des Hauses jedem der Bewohner schuldig bin, verlangte es, daß ich ihn bis zu Ende anhörte."

War es Absicht oder Zufall, daß er die Worteals Gast des Hauses" besonders betonte? Auf jeden Fall hatte sie sich rasend darüber geärgert, daß er nicht pünktlich ge­wesen war, und aus dieser Stimmung heraus sagte sie: Ich bin es nicht gewohnt, daß meine Lehrer mich warten lassen."

Sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie auch jetzt den AusdruckLehrer" gebrauchte, sie zeigte ihm dadurch ja doch wieder, daß sie ihn demütigen und kränken wollte daß er also doch für sie aus der Welt war.

(Fortsetzung folgt.)

Lin erloschener Ziern.

Von Ernest G a u b e r t. Deutsch von M. Bruso t.

Ein neuer Star war am Barietshimmel ausgetaucht. Unter den Beifallskundgebungen, die fein Erscheinen begrüßten, war der von Christian Favier, dem bekannten Pariser Journalisten, am lautesten gewesen. Er hatte.glückstrahlend gelächelt. Ms wir ihn Nach dem Grunde seiner so lebhaften Begeisterung gefragt/ erzählte 'er uns nach der Vorstellung folgendes Abenteuer :

Mein Freund Delaigle hat sich, wie Ihr wißt, Heuer ein prächtiges Automobil mit 25 Pferdekrästen angeschafft. Damit sausten wir den ganzen Sommer kreuz und quer durch die Pro­vence. Ser, Schnelligkeitswahnsinn, diese eigenartige, moderne Trunkenheitssucht,, mit dem Winde um die Wette zu brausen, Raum Und Zeit in einen! .zu verschlingen, er hatte uns erfaßt und Machte Uns alle anderen Vergnügungen vergessen. Ich ver­gaß Meine Bücher, Freund Delaigle,feine Maitressen."

Delaigle ist ein ausgezeichneter Chauffeur, Khn und kalt­blütig zugleich. Er macht mit Leichtigkeit seine 75 Kilometer auf Straßen, die nicht zu den besten gehören. Seine Hand am Volant ist von außerordentlicher Sicherheit, sein Blick von un­gewöhnlicher Schärfe und Vorsicht. Während der zwei MonaK hatten wir nicht einmal einen eleiiden Köter überfahren.