Ausgabe 
6.5.1912
 
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fiteren, um nötigenfalls einschreiten zu können. Der letzte Abschied war bann herzzerreißend; halb mit Gewalt mußte ich meine Frau sortKhren.

Aber bte Zeit tat nun ihr Werk, namentüch auch all das Neue, das alsbald meine Frau in ihrer neuen Heu­mar und im eigenen Hause empfing. So wurde sie Denn wohltätig von rhrem Schmerz abgelenkt und blühte bald in doppelter Frische und Anmut auf. Ihre Hausfrauen- Mchten machten ihr eine hohe Freude; sie vermißte das aufgegebene Studium gar nicht, sondern war glücklich m ihrem neuen Berufe nur als Weib.

So verlebten wir denn in ungetrübtem, tief innerlichem Glück die ersten Monate unserer jungen Ehe. Es ging zum Winter, pnd wir mußten auch unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen genügen.

Da kam der erste Ball, den ich mit meiner Frau be­suchte; der erste und letzte! Meine Frau sah dem Abend mit großer Spannung entgegen, sollte sie doch! zum ersten Male mit mir tanzen. Während! der kurzen ernsten Braut­zeit war nie Gelegenheit dazu gewesen, und unsere Hoch- zeit war ja auch nur ganz still im Meise ihrer Kopen­hagener Verwandten begangen worden.

Noch heute sehe ich meine Frau auf dem Feste vor mir in ihrem Ballkleide, so hübsch und frisch, und so glücklich!

Sie freute sich ja, unter geheimem Herzklopfen, wie ein ganz junges Mädchen aus das große Ereignis. Wie glücklich strahlten mich ihre Augen an, als ich! daun den Arm um sie legte und mir den Eröffnungs-Walzer tanzten.

Froh blickte ich auf sie nieder, da streifte mein Blick von ungefähr ihren Hals, und ein Fleckchen fiel mir auf ihrer weißen Haut auf. Erst wollte ich flüchtig darüber gleich wieder hinlvegseheu, aber da hatte ich plötzlich eine so sonderbare Jdeenassoziation. Das winzige Pünktchen sah wie dem geschulten Auge des Arztes in mir nicht -entgangen war so sonderbar aus, und plötzlich mußte ich/ ich wüßte nicht wie, ganz unvermittelt an meinen Besuch fn Reykjavik im Lepraheim denken.

Erst wollte ich über diesen törichten Gedankensprung! im stillen lächeln, aber plötzlich schoß eine ganz klare Vor­stellung in meiner Seele auf: Ein Moment von dem Rnnd- gang durch das Heim mit dem Kollegen dort stand mir mit einem Male vor der Seele. Er zeigte mir einen kran­ken Knaben, und ich entsann mich noch wörtlich seiner Bemerkung dabei:Hier haben Sie einen Fall von Lepra im allerersten Stadium. Infektion nachweislich erst vor mehreren Monaten erfolgt."

Ein dunkles Grauen beschlich mich plötzlich, aber noch ganz ohne Bewußtsein. Es war das instinktive Ahnen von etwas Furchtbarem, das meine Vernunft im ersten Augenblick noch gar nicht erkannte.

* Erst wollte ich rasch diese dumme, hier in das frohe Fest so gar nicht passende Erinnerung abschütteln, aber mit einer dämonischen Gewalt zog es meinen Blick wie­der auf jenes Hautfleckchen. Unwillkürlich betrachtete ich es noch einmal, es im Geiste mit jenem Anblick vergleichend, der mir noch ganz deutlich vor der Seele stand der Fall hatte mich ja fachmännisch! interessiert r und ein lähmen­des Entsetzen schlich plötzlich an mir hoch: Das sah ja hier gerade so aus wie bei dem armen Jungen bama®

, ganz, ganz derselbe charakteristische Anblick!

'Was hast du denn?" Erstaunt klang mir plötzlich- die Frage meiner Frau im Ohr; mir war mitten im Tanz der Arm schlaff niedergesunken, der sie umschlungen ge­halten hatte.

Sofort faßte ich! mich aber wieder.

O nichts, nichts ! Ein kleiner Krampf nut", redete ich mich schnell aus.

Sie durfte ja nichts ahnen! Noch war ja alles nur ein Vermuten, vielleicht, hoffentlich nein sicherlich! nur ein Schreckgespenst meiner geängstigten Phantasie!

Aber der Abend war für mich verdorben, und auch für meine arme Frau, die sich so sehr auf ihn gefreut) hatte. Ich war still und tiefernst feit jener Minute. Eine fürchterliche, geheime Augst hatte sich mir ja ins Herz ge­krallt: Wenn ich nun doch recht gesehen wenn meine] Fran wirklich der tödlichen Krankheit verfallen wäre! Ein kalter Schauer schüttelte mich jeoesmal bei dem Gedan­ken. Der Abschied von ihrer Mütter! zuckte es in mir auf. Wenn dabei doch eine Berührung, eine Uebertragnng, stattgesunden Bütte?

Wer bann redete ich mir selbst wieder den entsetzlichen' Gedanken aus. Es war ja ganz unmöglich. Die beiden waren ja überwacht worden ich selbst hatte ja doch dem eigentlichen letzten Abschied beigewohnt. Es konnte ja also nicht sein!

Aber gleichviel, ich mußte mir beruhigende Gewiß? heit verschaffen.

Gleich am anderen Tage ging ich zu einem Kollegen, einem zuständigen Spezialisten. Ich erzählte ihm meinen Verdacht und bat ihn um eine Untersuchung.

Es geschah. Arglos ließ sich) meine Frau unter einem unauffälligen Vorwande untersuchen sie scherzte sogar noch hinterher, als der Spezialist wieder fort war, über meine Besorgtheit und meinen fürchterlichen Ernst bei der Konsultation. Wer eine Stunde später, als ich mit namen­loser Spannung heimlich zu ihm' eilte, da hatte ich die be­gehrte Gewißheit ich hatte recht gesehen: Es war Lepra, Die Stunde, wo mich diese Gewißheit zu Boden schmet­terte, schien mir die schlimmste meines Lebens. Noch fürcht terlicher aber war jene zweite, wo meine Frau aus meinem eigenen Munde ihr Schicksal erfuhr daß sie eine Ver­lorene war, zur Einkerkerung, zu langsamem Wsterbeni verdammt.

Erlassen Sie mir die Schilderung, wie meine unglück­liche Frau ihr Todesurteil entgegennahm. Nur das glau­ben Sie mir, ich werdd nie mehr in meinem Leben etwas Erschüttenderes erfahren können als jene Stunden, in denen die Unglückselige, mitten in blühender Jugend, in hoff- Üungsvollem Glück, sich losrang von der Welt vom Leben von mir!

Endlich war sie still geiöorben, und sie hatte nun nur noch feinen Wunsch, in ihre ferne Heimat zurückzukehrersi nach Island, uttb in demselben Haus interniert zu seist wie ihre Mutter/ um wenigstens, so lange dieser noch das armselige Leben beschieden war, einen Menschen um sich zu haben, der ihrem Herzen nahe standj.

Meine Frau gestand mir nun auch, daß, sie damals in der Abschiedsstunde von ihren Gefühlen hingerissen, meine Warnungen vergessend die Mütter umarmt und diese sie geküßt hätte. Ja nur auf den Hals! So würde es ja gewiß nichts geschadet haben, hatte sie sich nachher selbst getröstet. Und so hatte sie mir denn auch gar.nichts davon' erzählt, um mich nicht erst zu beunruhigen.

(Fortsetzung folgt.)

Die Reformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräslichen und ritterfchaftiichen Orten der östlichen und südöstlichen Vogelsbergs.

Bon Pfarrer Zinn in Herbstein.

(Fortsetzung.)

In Hirzenhain und Alsfeld, auf dem Wirberg« und in G r Ü n b e r g hatten A u g u st i n e r u n d Augustine r- imten ihr Wesen oder Unwefen6) und in Fulda und Hers- seld die Benediktiner. Im nahen Blankenau bestand schon seit 1265 ein Cisterziens-er Nonnenkloster, das der lmchonische Adel mit Vorliebe benutzte, um seine ledig bleibenden Töchter gut und billig unterzubringen. !Die Karmeliter hatten in K i r ch h -a i n und die Auto n iter oder T ö n ngesbrüde« in Grünberg ein Kloster, das zu großem Reichtum gelangtes

6) Noch heute erzählt das Volk von einem unterirdischen Gange zwischen den beiden Klöstern zu Griilnberg und auf dem Wirberge.

Auch Herbstein soll ein Kloster gehabt haben. Nach einer Notiz in einem alten HoMnannsfelder Kirchenbuch von ,1826 soll einer Hopfmannsfelder Sage nach der dortige große Kirchen­wald, derheilige Wald" genannt, von einem früheren Herbsteiner Kloster Herkommen. Der frühere Bürgermeister Nar'z von Herb­stein wollte unter alten, leider nicht mehr vorhandenen Gemeinde­akten auch einen Brief gesehen haben, den eine Nonne aus einem! Master zwischen Herbstein und Ilbeshausen geschrieben haben sollte. Geschichtliche Spuren sind nicht mehr vorhanden. 'Die allgemein in der Gegend für ein ehemaliges Kloster gehaltene Wüstung Müuchenhain, zwischen Herbstein, Eichelheim und Lanzenhain wird 1484 in einer alten Alsfelder Urkunde alsHof zu München- heue" bezeichnet und führt wahrscheinlich seinen Namen uicU v!on Mönchen, sondern von Vorfahren des ehemals da begüterten Kraft von Buseck genannt Münch (1586). Geschichtlich bezeugt ist bloß, daß dem heiligen Antonius alljährlich in Herbstein ein Ferkel gestiftet wurde, das von Türe zu Türe seine Nahrung suchen mußte. Aber es würde gewagt sein, daraus zu folgern, daß dis A-ntoniter !oder Tönngesbrüder auch in Herbstein eine Niederlassung gehabt hatten. Auch die 1459 erfolgte Gründung eines Hospitals geschah -ohne Beteiligung von Antonitermönchen.