MM

Montag den 6. Mai

Roman von Paul Grab ein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Vielleicht darf ich Ihnen nun auch noch sagen, wie das alles gekommen ist.

Ich erwähnte ja schon damals, meine Mutter wäre Line geborene Dänin. Wie sie schon mit meinem Namen sie nannte mich Hjalmar ihre Anhänglichkeit an die alte, nur schwer aufgegebene Heimat bewies, so auch durch die treue Pflege der Verwandtschastsbeziehungen dort.

So bin ich denn ost mit ihr und später allein bei ihren Angehörigen in Kopenhagen gewesen. Ich ging dorthin, auch nach Abschluß meiner Studien, als junger Arzt, um bei dem berühmten Finsen die damals gerade von ihm entdeckte, bahnbrechende Behandlung verheerender Krank­heiten durch Lichtbestrahlung zu erlernen.

In seiner Klinik lernte ich eine junge Studentin der Medizin kennen, ein stilles, ernstes Mädchen, das mich aber durch seine sympathische Art bald anzog. Es umgab sie auch etwas Geheimnisvolles. Es wurde üt der Klinik erzählt, sie stamme fernher von Island, und ein dunkles, tragisches Geschick, über das ,niemand aber näheres wußte, habe sie vor der Zeit so ernst und still gemacht.

Das zog mich nur umsomehr zu ihr hin, und schließ- '.ich kamen wir in einen kameradschaftlichen Verkehr, der ich allmählich immer freundschaftlicher gestaltete. In einer schönen, tiefernsten Stunde, wo ich nach dem Grund ihrer Melancholie geforscht hatte, schloß sie sich nun ganz auf: Ihre innig geliebte Mutter War durch eine Magd mit jener furchtbaren, unheilbaren Krankheit angesteckt worden, die in Island noch aus alten, trüben Zeiten sich erhalten hat > der Lepra! Seit Jahren schon lebte sie nun, von ihrer Familie und der Welt abgeschlossen, im Aussätzigenheim, vhne jede Hoffnung auf Heilung, langsam ihrem unentrinn­baren Ende entgegensehend. Gerade die geheime Hoffnung, durch die neue Finsensche Methode vielleicht auch ihre ge­liebte Mutter retten zu können, hatte sie zu dem berühmten Arzt gebracht eine Hoffnung, die er ihr aber hatte zer­stören müssen.

Ich war tief erschüttert von diesem fürchtbaren Ge­schick, und seit jener Stunde zog es mich in innigstem Mit- St zu dem armen Mädchen. Lassen Sie es mich kurz

: Wir kamen einander immer näher, und dies" Mädchen meine Frau. Es war vielleicht keine eigentliche, Liebe f wenigstens, wie ich jetzt weiß, nicht di« wirkliche, unser tzanzes Wesen erschütternde Liebe! die mich zu ihr hin- Äog. vielmehr ein mild-wärmendes, stilles Empfinden, das in dem anderen den guten, treuen Gefährten fürs Leben, den verständnisvoll mitwirkenden Kameraden bei hier Be­rufsarbeit suchte,

Aber trotzdem waren wir glücklich, so glücklich mit­einander, wie ich es damals mir nicht anders hatte er­sehnen können. Alle unsere Wünsche waren ja erfüllt, em schönes, erfolgversprechendes Leben voll ungetrübter Har­monie lag vor uns. Meine Frau wollte mir in mein« Heimat, nach Deutschland, folgen, wo mir an einem! Sana­torium der Posten des leitenden Arztes zugesichert wor­den war, eine gute, vielverheitzende Stelle.

Nur einmal, auf wenige Tage, wollte meine Frau zuvor, noch in ihre alte Heimat nach Island zurückkehren, um von ihrer Mutter Abschied zu nehmen, Abschied fürs Leben! Denn nachher würde sie ja schwerlich, noch einmal in jene entlegenen Regionen kommen, und wenn wirllich, so fand sie gewiß die Unglückliche nicht mehr am Leben vor.

Ich konnte mich natürlich diesem nur zu begreiflichen Wunsch nicht widersetzen, und so begleitete ich denn meine junge, mir eben angetraute Frau nach Islands es war unsere Hochzeitsreise.

Mit geheimem Bangen sah ich allerdings diesem Ab- schied von Mutter und Tochter entgegen. Ich wußte ja freilich, daß die Lepra hei Beobachtung der nötigen Vor­sicht nicht ansteckend ist; Aerzte und Wärter sind ja täglich mit diesen Kranken ohne Nachteil zusammen. Aber tote leicht konnte in dem Gefühlsausbruch beim Abschied eine Berührung stattfinden, und mir schauderte schon bei dem slüchtigen Gedanken! vielleicht mit verhängnisvollem Ausgang!

Ich wirkte daher auf der Seereise mit aller Energie auf meine Frau ein, daß sie um Gotteswillen nicht in jener Stunde sich vergessen möchte. Sie solle doch an mich, an sich, an unsere ganze Zukunft denken! Meine Frau versprach denn auch fest, jede Vorsicht beobachten zu wollen.

So kamen wir nach Reykjavik. Ich selbst begleitete meine Frau in das Lepraheim und war mit dem Arzte Zeuge des erschütternden Wiedersehens zwischen Mutter und Tochter.

Die arme Leidende fühlte wohl selbst, daß sie nicht mehr lange sich quälen toüröe und daß diese Begegnung mit der heißgeliebten Tochter die letzte sein würde. Um so mehr bewunderte ich die Fassung der unglücklichen Frau, die kein Wort von sich selbst und dem ihr bevorstehendes Geschick verlor, sondern nur an dem Glück ihres Kindes sich freute, dessen Zukunft sie nun ja durch die Heirat ge­sichert sah.

Da die Patientin sich so ruhig und besonnen benahm und infolgedessen auch meine Frau ganz beherrscht schien, so glaubte der Arzt den beiden ruhig noch ein kurzes wei­teres Beisammensein ohne unsere Ueberwachung nur in Anwesenheit einer alten, schwerhörigen Wärterin gestatten zu können, und er führte mich währenddessen durch die übrigen Raume seiner Anstalt. Als >vir wiederkamen, fan­den wir die beiden Frauen allerdings tief bewegt, in Tränen aufgelöst, und es war mir sehr lieb, haß wir wieder da