219

°Das kann man sich doch unmöglich gefallen lassen, da müßte Man sich ja schließlich .selber verachten."

In diesem Augenblick wieherte dicht unter dem Fenster ein 'Gaul- Paul Fielitz, nach dem dieser leider feilt Wort sprechende Vogel feierlich benannt war, entdeckte plötzlich hinter den Scheiben den Kops eines wohlbekannten Schimmels. Und er schrak zu­sammen :

Herr des Himmels, das ist ja ihr Vater!"

Ja das war er wirklich!

Ter alte Rittergutsbesitzer Bennsen pfiff leise durch die Zähne, äI8 er ein wenig später seinem jungen Nachbar die Hand entz- gegenstreckte.

Ta müssen ja nette Sachen passiert 'sein, Fielitz."

Ter tat unschuldig wie sein Papagei.

Ich verstehe Sie nicht, Herr Bennsen."

Tas ist aber sonderbar! Na, da muß ich dben deutliche« Werden. Daheim sitzt mein Madel und heult und heult, daß man reichlich ein paar Morgen damit bewässern könnte, aber Bescheid sagt sie einem nicht. Da ich 'sie nun aber in aller Herrgottsfrühe nach Ihrem Forst herüberlausen sah, muß ich doch Schlüsse ziehen."

Ich möchte nicht gern den Angeber spielen, Herr Bennsen."

Machen Sie nur keine Geschichten. Sagen Sie lieber, was wieder geschehen ist. Denn sie Ung doch jetzt mit dicker Freund­schaft an Ihnen." :

Diese Ueberzeugung hatte ich leider nicht."

Denken Sie! immer noch an die dumme Geschichte, die Ostern vor einem Jahr durch sie passierte? Daß sie Ihnen da die jungen Füchse aus dem Eisen ließ, gehörte sich allerdings nicht, aber so ein junges Ding hat darüber eben andere Ansichten wie Unsereins."

Das hätte ich ihr längst vergeben. Aber es wär doch nicht Mehr wie früher zwischen uns."

Sie ist eben kein Kind mehr, Paul Fielitz, daß Sie ihr nicht Mehr als oberste Obrigkeit galten," neckte der alte Herr.

Das habe ich niemals verlangt, Herr Bennsen."

Na, hören Sie mal. Darum sind Sie! doch jetzt bloß so schlechter Laune."

Würden Sie, Verehrtester Herr Nachbar, vielleicht dankbar Und vergnügt sein, wenn Ihnen jemand zwei Prachthasen, die Sie, halberfroren und dem Hungertode nahe, eines Tages in Ihrem Keller vorgefunden und nun so recht feist und schön zu sastigen Osterbraten aufgefüttert haben, vorsätzlich aus dem kleinen Stall, in dem sie sich sehr wohl fühlten, in den großen Wald hinausließe?" I

Tas hat meine Hann« getan?"

Jawohl. Nachdem sie allerdings seit zwei Monaten vergeblich versuchte, für sie auf andere Weise dije Freiheit znrüctzugewinnen. Ich lehnte damals alles' ab Sie hatten Zeit und Futter gekostet, und ich war stolz, sie Ihnen und Jhver Familie, wenn Sie mir wie sonst die Freude machen würden, am zweiten Ostertage bei mir und meiner alten Hausdame zu speisen, vorsetzjm zu können."

Daß das Mädel die zahmgewordenen Dingerchen, die ihr aus der Hand fraßen, nicht so mir nichts, dir nichts vertilgen mochte, könnte man ihr ja wohl vergeben. Aber das durste sie natürlich nicht! Sie haben ihr selbstverständlich nicht schlecht Bescheid gesagt."

Freilich war ich sehr empört. Aber ich hielt mich zurück. Ich habe sie einfach vor die Wahl gestellt: Entweder bittet sie mich in aller Form um Verzeihung"

Na, oder. . .?"

Oder sie sieht mich niemals wieder bei Ihnen in Hohen- sichte."

Ter alte Binsen lachte ungläubig.

Solche Kindereien vergehen wie der alte Winterschnee in den tiefsten Fängen. Er wehrt sich zwar verzweifelt lange gegen die liebe Sonne, aber endlich muß er doch ran. Bis Ostern werden Sie auch butterweich werden, mein Freund."

Tas ist ausgeschlossen. Ich gab mein Wort."

Und sie. . .?"

Gab einen Atemzug später das ihre, daß sie niemals eine Entschuldigung aussprechen würde."

Ta sitzt Ihr nun in einer hübschen Tinte drin. Was soll denn jetzt werden? Unser Skat, unser Schwatz, alles diesen elenden Hasen geopfert!"

Der Jüngere zuckte die Achseln.

Vielleicht besinnt sie sich doch! Ich warte gern. Nach­geben kann und darf ich diesmal wirklich nicht."

Er wartete und wartete. Umsonst!

Jeden Tag lief er bis zum Ziehbrunnen dem alten Post­boten entgegen, von der Hoffnung erfüllt:

Heute schreibt sie ganz bestimmt. Tenn sie weiß' ja doch, daß ich es ewig ohne sie gar nicht aushalten könnte."

Aber sie schrieb nicht.

, Sie sagte jeden Morgen mit triumphierendem Nicken zu ihrem Spiegelbild:Ich ferne ihn doch, heute kommt er!"

Aber er kam nicht. i

Tie Tage zogen mit Schnee und Wärme durch das Land. In vier Wochen war les Ostern.

Paul Fielitz hätte Made einen vollen Tag in der kleinen Nachbarstadt zu tun gehabt und ging, zurückgekehrt, sogleich zu seinem gefiederten Namensvetter, um ihm das Schreckliche mit- zuteilen. Er neigte das Haupt gegen die blanken Stäbe des Vogelhauses und seufzte tief in das Dunkel hinein, das bereits herabgesnnfer war.

Wenn es wirklich wahr sein sollte, wenn sie sich wahr­haftig Ostern mit diesem Doktor Graubitz verloben wird dann weiß ich nicht, was aus mir werden soll!"

Und er legte die Hände auf das Bäuerchen und rechnete damitt daß Paul ihn jetzt tüchtig beißen würde. Dadurch würde doch seine Erstarrung weichen. >

Aber Paul biß ihn nicht, war verschwunden.

Tie Tür des Häusleins schloß fest wie immer. Eine Katze konnte also nicht den Weg zu ihm gefunden haben. Dagegen stand das große Fenster weit offen! Da war also der Dieb un­gehindert und mühelos eingestiegen und hatte den kleinen Freund gestohlen.

Es kam ins Kreisblatt. Dem Nachtwächter wurde äußern­dem ein Paar abgelegter langer Stiefel verheißen, der Post­bote, der doch in der ganzen Nachbarschaft herumkam, sollte eine Fuhre Weizenstroh Haben, und wenn es einer der Tienstgäuger an den Tag brachte, so sollte das junge Volk am Sonntag daraus tanzen. Es blieb aber im Dunkeln.

Paul Fielitz war ernst und still geworden. Hatte der Papagei auch kein Wörtlein sprechen können, weil sich kein richtiger, ge­duldiger Lehrherr für ihn fand, im Laufe der Jähre war er ihm dennoch lieb und wert geworden. Nun hatte er keinen mehr, zu dem er sich ausklagen konnte.

Vor dem Osterfest empfand er diesmal eine Art Grauen. Sonst hatte er um diese Zeit bereits die herrlichsten Eier aus Mar-, zipan und Schokolade für das Hannele Bennsen besorgt gehabt/ denn sie kehrte am ersten Ostertag, den er stets bei ihren Eltern verbrachte, noch genau wie vor zehn Jahren neugierig und ep- wartungsfroh seine Manteltaschen um.

Diesmal konnten sie leer sein, denn er blieb einsam.

So wurde es endlich Ostern. .... '

Einsam begann der Morgen. Den Kopf in die Hand ge­stützt, spann Fielitz vor dem dichtverhangenen Vogelhaus Ge­danken, in denen die Ostersonne fehlte. Sonst hatte ihm das Hannele regelmäßig an diesem Tage in aller Frühe ihren Gruß geschickt. Wie der zu ihm gekommen war, wußte er freilich nicht. Genug, er wär da, hing als grünes Rutensträußlein am Fensterknauf oder lag als kleine Handarbeit auf dem Bett, denn es war Sitte, daß die Fenster des alten Herrenhauses in diesen linden Lenznächten unverschlossen blieben. Heute, wo er fehlte, fühlte er sich alt und müde.

Plötzlich hob er den Kopf und lauschte.

Was war das? Ein Ton schlug an sein Ohr, ein leises gurgelndes Krächzen, wie es einst sein kleiner Freund ausgs- stoßen, wenn er hungrig war. > i

Paul Fielitz fuhr mit der Hand Übet die heißen Augen. Osterträume.

Aber da war es wieder, und zwar diesmal so deutlich, daß kein Irrtum möglich war.

Und jetzt gar klang eine! schmetternde Stimme unter der Decke des Vogelhäuschens hervor: >

Komm, Onkel Paulchen!"

Mit einem Satz riß er die Decke herunter.

Ta saß wirklich der gefiederte Paul und blinzelte und schielte ihm wie einst entgegen.

Komm Onkel .Paulchen." So hatte ihn früher das Hannele gerufen.

Und er wußte plötzlich alles.

Mit einem Satz war er draußen in der klaren, goldersülltenl Osterlnst. Seine Augen waren voll Sonne. Sein Herz volle« Jauchzen.

Ich komme, Hannele!"

vom Osterei Md seiner ttulturgefchichte.

Ostern ohne Osterei ist gerade so undenkbar, wie Weihnachten ohne Tannenbaum und Apfel, und so widersprechend es klingt, das Öfterer ist älter als unser Ostersest. Heute ist es der Osterhase/ der die Ostereier bringt, und bei dieser Tätigkeit ist er so anstellig, daß er sie aus Zucker, Schokolade, Marzipan und anderen wohl­schmeckenden Dingen Bereitet, abgesehen von den Ostereiern aus Holz und anderen Stoffen, die Süßigkeiten oder Geschenke anq derer Art »enthalten.

Tas eigentliche, ursprüngliche Osterei aber ist das Hühnerei/ neben den Eiern mancher anderen Vögel namentlich Möwen. Solche Ostereier gab und gibt es bei fast allen Völkern. Es sind wirklich Ostereier, insofern sie zur Osterzeit verschenkt' und verzehrt werden. Schon ans dem Jahre 772 vor unserer Zeitrechnung weisen chinesische Geschichtsquellen bemalte Eier zu Geschenken nach, die bei dein Tsing-Mingfeste eine Rolle spielten/ das zur Feier des Frühlings gefeiert wird, wenn das Gras grün (tfiug) und die Luft klar (nthtg) ist. Diesem chinesischen Osterfeste mit den Ostereiern entspricht der Zeit nach im