Ausgabe 
6.1.1912
 
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Samstag den 6. Januar

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Stonian von Hanns von ZobeltiK

(NaMruck verboten,^

(Fortsetzung.)

Mitten im Zimmer lag Onkel Reinhard auf dem Teppich, mit dem Gesicht itcdj unten, den rechten Arm weit vorgestreckt; in der linken Hand noch die Tischdecke, die er im Fall heruntergerissen hatte, als er sich stützen wollte.

,L>itkel . . . Ida. . . Ida . . ." Und dann kniete Gn- darcza neben dem Greise, suchte die schwere, mächtige Ge­stalt aufzurichten, 'sah mit Entsetzen in das dunkelrote Gesicht, sah in die verglasten An gen mit den erweiterten verschobenen Pupillen und sah den halboffenen, verzerrten Mund.Ida! Um Gottes willen! Dodo, lauf zum Sani­tätsrat . . . nein, d<as Mädchen! Wasser, Dodo!"

Sie hoben tlnd schoben den Körper mit Mühe herum, legten ein Kissen unter den Kopf, rissen Weste und Hemd auf, horchten auf der Brust nach dem schnarchenden Atem. Noch schlug das Herz. Arbeitete sogar wild un'd ganz un­regelmäßig. Aber es schlug doch. Nasse Umschläge auf Brust und Kopf

Gudarcza war völlig fassungslos, Dodo weinte. Am ruhigsten war Frau Ida. Sie hantierte gleich einer ge­lernten Samariterin.Noch ein Kissen, Dodo. Hebt den Kopf an. So so"

Einmal schien eine Spur von Bewußtsein zurückzu­kehren. Die Augenlider hoben sich, es war wie ein suchen­der Blick. Oder schien es nur so, lag nur irgend ein mechanischer Reiz vor?

Dann kam endlich der Arzt. Er zuckte die Achseln. Schlaganfall" flüsterte er.In dem Mer! Aber wir müssen unser Bestes tun."

Der Kranke wurde in das Bett des Hausherrn ge­bracht. Ein Pfleger aus dem städtischen Hospital wurde geholt, trotz des Protestes von Frau Ida.

Bis gegen Abend blieb der Medizinalrat. Dann ging er:Ich muß fort. Die unmittelbarste Gefahr ist vor­über, hoff' ich, und dem Lohberg können Sie vertrauen. Ich komme noch einmal heran."

Ganz ruhig lag Onkel Reinhard jetzt, nur bet redem Heben und Senken der mächtigen Stuft drang ein knarren­des Geräusch heraus. Wenn Gudarcza auf leisen Sohlen bis an die Tür kam und horchte, klang es ihm immer wie unheilkündend entgegen. Es schnitt ihm ins Herz., Der arme Reinhard. . . und daß ihm das gerade bei uns zustoßen muß!" Leise, vorsichtig tappend, ging er jedesmal durch den halbdunklen Korridor zuruck zu ferner Frau. Er hätte so gern mit ihr gesprochen, aber sie hatte alle Hände voll zu tun. Hausfrauen,orgen Schließ­lich, man mußte ja alles neu ordnen für die Nacht, das

nüchterne Leben forderte sein Recht.Nachher -" sagte sie immer.

Dann ging er ins Wohnzimmer. Da saß Dado und meinte still vor sich hin. Er setzte sich zu ihr und streichelte ihr die heißen Wangen. Und bisweilen stieg es in ihm selber empor, als ob er mitweinen möchte.

Gegen neun Uhr kam plötzlich Lohberg nach vorn ge­hastet:Schnell, Herr Major. Ich glaube, unser Patient kommt zum Bewußtsein."

Im .Schlafzimmer brannte nur eine Lampe auf dem Waschtisch, mit geblendeter Glocke. Gudarcza konnte das Gesicht von Onkel Reinhard zuerst nur undeutlich er­kennen. Aber dann sah er auch die Veränderung. Die Lider hatten sich gehoben, die Pupillen gingen unruhig hin und her. Es tvar fast, als wollte der Greis sprechen.

Er faßte dis schwere, schlaffe Hand. Er bat:Onkel Reinhard, kann ich dir helfen?" Kaum herausbringen konnte er es, so, nahe waren ihm wieder die Tränen.

Die Lippen 'bewegten sich, aber sie gehorchten nicht. Nur ein unverständliches Lallen nicht mehr

Ganz tief beugte sich Gudarcza zu dem Kranken, als ob er so besser verstehen würde. Vergeblich. Und doch lag in dem Lallen etwas wie ein Wunsch. Gar wie ein Befehl vielleicht. Etwas Hartes, Drohendes.

Alle Sinne strengte der Major an. Ihm war's, als müßte er von den verzerrten Lippen ablesen können, was sie nicht auszusprechen vermochten. Und er sah nun auch die Anspannung, die in den Zügen des Kranken sich aus- vrägte, die sie noch einmal straffte, als wollte Reinhard den elenden Körper zwingen.

Einmal ivar's, als reihten sich die gelallten Silben fester aneinander. Es konnte klingen tote Neustadt. Neu­stadt, Onkels .Heimatstadt! Heut früh hatte er sich noch über sie lustig gemacht.

Neustadt? "fragte er taut, und über das Greisengesicht ziickte es wie bestätigend.

Und ivieder horchte er.

Neben ihm am Bett stand der Pfleger, breitbeinig, die Hände auf der weißen Schürze. Mitleidslos, abge­stumpft, und hier nun doch interessiert. Auch er lauschte.

Plötzlich sprachen sie beide:Testament" Beide hatten so verstanden.

Gudarcza richtete sich auf.

Zum ersten Male durchzuckte ihn der Gedanke:Wer wird^Onkels Erbe fein? Hat er kein Testament gemacht? Wenn er kein Testament gemacht hat . . ."

Es überrieselte ihn gleich einem Schauer. Wie im Fluge dachte er weietr:Bedacht hätte er uns ja gewiß. Mer der eigentliche Erbe sollte doch irgend eine Stiftung fein . . . Neustadt , . . warum nannte Onkel eben das Nest?"

Mer gleich schüttelte er die Gedanken ab. Er schämte sich. Und er beugte sich wieder zu dem Kranken und sagte laut:Zch soll einen Notar holen, Onkel nicht wahr?"